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Die Schwachen stärken

An der Hochschule Esslingen bereitet Julia Gebrande junge Sozialpädagogen für den Umgang mit Traumatisierten vor. Hürden im eigenen Leben haben die Professorin geprägt.

Es sind nur wenige Meter vom Büro bis zum Aufzug, in dem eine Kollegin steht: „Na, keinen Urlaub?“, „Nein“, antwortet die junge Professorin lächelnd, „viel zu tun.“ Seit einem Jahr lehrt Julia Gebrande an der Hochschule Esslingen, wo sie mit 36 zur Professorin berufen worden ist. Direkt nach der Dissertation ist sie von Hildesheim umgezogen, eine intensive Lebensphase. Julia Gebrande genießt sie, zumal sie diese Phase zurück zu den Wurzeln geführt hat: in Esslingen hat sie selbst studiert. „Bing“, fünfter Stock, ein paar Schritte noch zur Bibliothek mit dem Blick über sanfte Hügel und Täler voller Leben. „Das gibt mir Kraft“, sagt Julia Gebrande am Fenster im semesterferienruhigen Saal. Die Akropolis, wie das Gebäude der Hochschule von Esslingern liebevoll genannt wird, thront herrschaftlich über der Esslinger Altstadt.

Weite im Blick gibt Weite im Denken. „Was ermöglicht ein gesundes Leben?“, fragt Julia Gebrande, „diese Frage zieht sich durch mein Leben und mein Arbeiten.“ Und das vom ersten Tag an. Ob sie überhaupt überleben würde, war in den ersten Monaten fraglich. Als das Baby mit den verkrümmten Gelenken 1978 auf die Welt kam, war „Arthrogrypose“ kaum bekannt, niemand beantwortete die Fragen der verunsicherten Eltern. Julia Gebrandes Vater entschied sich für die Selbsthilfe, gründete eine Interessensgemeinschaft, Tochter Julia wuchs sprichwörtlich hinein, schon mit 16 war sie im Vorstand. „Ich finde es wichtig, anderen Mut zu machen“, sagt sie, „wir sind mit einer Behinderung auf die Welt gekommen, aber das heißt nicht, dass wir ein trauriges Leben führen müssen.“

Julia Gebrande führt alles andere als ein trauriges Leben, auch wenn sie offensichtlich körperlich beeinträchtigt ist: Sie hat eine Gehbehinderung, ihre Handgelenke sind verkrümmt. Mit ihrer rot-pink gestreiften Strickjacke, ihrem frischen Lachen und dem offenen Blick könnte sie beinahe noch als Studentin durchgehen. Wenn man sie fragt, wie sie zu ihrem Forschungsschwerpunkt sexueller Missbrauch gekommen ist, sprudelt sie munter drauflos. Das lässt sie jünger wirken. Kurz. Wenn sie dann Dinge sagt wie „Leider wird der Umgang mit Krisen und deren Bewältigung in Schule und Ausbildung nicht vermittelt“, klingt Lebenserfahrung durch. Dass in ihrem Leben wenig selbstverständlich war, hat sie einiges gelehrt, was sie heute in ihrem Beruf weiter bringt. Viele Monate ihrer Kindheit verbrachte sie in Krankenhäusern, mehr als zehn Operationen an den Gelenken. „Aber heute führe ich ein selbständiges Leben“, sagt sie. Nicht zuletzt dank der Bewältigungsstrategien, die sie von anderen gelernt hat. „Es ist wie ein Werkzeugkasten, den man sich in einer Gruppe von Gleichgesinnten zusammenstellt“, erklärt die Professorin. „Es gibt immer wieder Hürden, aber meistens findet man einen Weg.“

Diesen Weg über die Hürden, den wollte sie auch zu Beginn ihres Berufslebens an andere weitergeben. Als Studentin der Sozialpädagogik wählte sie für ihr erstes Praxissemester eine Tagesstätte für psychisch kranke Menschen. Aber schon nach wenigen Tagen brach die mehr oder weniger heile Welt der Studentin zusammen. Denn die Probleme der Klienten fußten häufig auf einem gemeinsamen Thema: Sexuelle Gewalt. „Ich war entsetzt, dass so etwas Schlimmes passieren kann.“ Sie sah, wie nachhaltig sexuelle Gewalt ein Leben verändern kann. Das trieb sie an, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wie kann es sein, dass Zeit keine Wunden heilt? Was hilft nach traumatischen Erfahrungen? Julia Gebrande machte sich auf die Suche, erforschte diese Frage wissenschaftlich – und kam auf eine erstaunlich einfache Antwort: „Die Betroffenen brauchen einen Landeplatz“. Diese Bild zeichnete ihr eine Interviewpartnerin, die Opfer sexueller Gewalt schon lange betreut. Ein Landeplatz, jemand, der ruhig bleibt, nicht emotional reagiert, sondern zuhört, da ist. Aber das ist bei diesem Thema gar nicht so einfach.

Julia Gebrande wurde selbst zum Landeplatz, lange bevor ihr die Mechanismen hinter der Aufarbeitung von Traumata klar wurden. Nach dem Praktikum ließ das Thema sie nicht mehr los, schließlich schloss sie sich einer ehrenamtlichen Initiative an, aus der später die Fachberatungsstelle „Wildwasser“ wurde. „Bis dahin gab es überhaupt keine Einrichtung, an die sich Opfer sexueller Gewalt wenden konnten“, erinnert sie sich. Kurzerhand meldete sie sich für den Telefondienst, damals die einzige Anlaufstelle für Opfer. Als sie schließlich eines Dienstagabends zum ersten Mal vor dem Telefon sitzt, bekommt sie weiche Knie. Was soll ich sagen, wenn jemand anruft? Dann klingelt das Telefon. Sie reagiert intuitiv, hört zu und bleibt ruhig – und spürt die Erleichterung am anderen Ende der Leitung.

Die Professorin arbeitet darauf hin, dass ihre Absolventen anders reagieren als in ihrem Berufsstand bisher häufig üblich: „Wir neigen dazu, so heftige Themen wegzuschieben und sie an andere Berufsgruppen zu delegieren.“ Traumata seien etwas für Psychologen, so eine übliche Haltung in der Sozialpädagogik. Julia Gebrande findet das grundfalsch: „Damit ist den Betroffenen nicht geholfen.“ Einen Therapieplatz bekommen viele häufig erst nach langer Wartezeit, und eine Therapie beträgt zwischen einer und drei Stunden in der Woche. Doch die Betroffenen brauchen auch eine Strategie für den Alltag, die sie stabil hält. Damit befasst sich der noch junge Zweig der Traumapädagogik, mit der sich Julia Gebrande beschäftigt.

Und auch hier fand sie den Weg über die Hürde zufällig – lange bevor das Wort Traumapädagogik in ihrem Fach breiter bekannt wurde. Die Betroffenen zu stabilisieren, das war eine Notwendigkeit zu Beginn ihrer Arbeit bei „Wildwasser“. Denn in den Jahren des Wartens auf einen Therapieplatz geht das Leben weiter, die Frauen müssen funktionieren, häufig als Mütter. Für diese Überlebensstrategie suchte Julia Gebrande das Positive, die Ressourcen. „Man muss den Blick darauf richten, was funktioniert im Leben“, sagt sie. Ähnlich wie in ihrer früheren Selbsthilfegruppe stellte sie mit den Frauen einen Lebenswerkzeugkoffer zusammen. Aus der reinen Not heraus, wie sie damals dachte, nur um zu überbrücken. Umso erstaunter war sie, als das von der Theorie belegt wurde: Heute zeigen bildgebende Verfahren den Effekt, den positives Denken auf das Gehirn hat. „Je häufiger man auf das Positive schaut, desto mehr verfestigt sich das in den Gehirnstrukturen.“

Wie wichtig es ist, die eigene Kraft zu entdecken, für diese Erkenntnis reiste Julia Gebrande bis nach Indien. Ein Praktikum nach dem Studium brachte sie in Kontakt mit indischen Hausangestellten, die häufig bereits als Kinder an reiche Familien verkauft und dort wie Leibeigene gehalten werden. Sexuelle Gewalt war an der Tagesordnung. Beeindruckt beobachtete die junge Absolventin, wie diese eine eigene Bewegung gründeten und Bedeutung in der Gesellschaft gewannen. Dieses „Empowerment“ sei die Grundlage für ein besseres Leben, sagt Julia Gebrande. Auch wenn die Gesellschaft damit ein Problem habe, wenn Menschen an ihrem Rande ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Das weiß Julia Gebrande aus eigener Erfahrung. Immer wieder beobachtet sie, wie ihre Mitmenschen versuchen, ihr Bild von der Welt gerade zu rücken. „Du bist ja nicht wirklich behindert“, sagen sie dann beispielsweise zu ihr. „Das ist nicht böse gemeint“, weiß Gebrande. Aber es ist falsch: „Natürlich bin ich behindert.“ Häufig seien behinderte Menschen wenig präsent im Alltag. Deshalb brauchten auch sie „Empowerment“, sagt sie: „Erst wenn es normal ist, dass behinderte Frauen eine Professur haben, hat sich die Welt geändert.“

Bis dahin zählen die Mühen der Ebene. Julia Gebrande verlässt ihren Aussichtspunkt, geht zum Aufzug zurück und fährt vier Etagen hinunter. Sie tritt durch ihre Bürotür, vorbei an einem Rollwagen mit einem Stapel Hausarbeiten und setzt sich unter eine Zeichnung, die eine Katze und ein lesendes Mädchen inmitten eines Bücherberg zeigt. „Für mich der Inbegriff der Gemütlichkeit“, sagt sie. Aber vorher müssen Hausarbeiten korrigiert und das neue Semester vorbereitet werden. „Alle Sozialpädagogen, die hier rauskommen“, sagt Julia Gebrande und zieht mit der Hand einen Kreis in Richtung des Hausarbeitenstapels, „sollen ein Landeplatz sein können.“ Das wäre der erste Schritt für eine bessere Welt.