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Das Bereichernde der Fremdheit

Katja Baur, Professorin an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, geht neue Wege. Seit Jahren pflegt sie in gemeinsamer Lehre einen Trialog mit einer Jüdin und einer Muslima.

Es gibt Tee und Kekse - und ein paar heikle Fragen gibt es auch. Wie ist es um die deutsche Willkommenskultur bestellt? Wie stehen wir zum Kopftuch auf dem Haupt der Lehrerin? Sollen Weihnachtsmärkte aus Respekt vor religiösen Gefühlen von Muslimen in Wintermärkte umgetauft werden? Wer sich solchen Themen stellt, läuft in dieser Gesellschaft schnell Gefahr, je nach Standpunkt wahlweise als Fremdenhasser oder Verräter an der eigenen Kultur geziehen zu werden. Das ist im Zweifel hartes Brot. Katja Baur, Professorin für Religionspädagogik, kaut es gerne.
Serviert wird an diesem Morgen die Geschichte einer Theologin, die sich auf besondere Weise dem interreligiösen Dialog verschrieben hat. „Mir geht es darum, den anderen wertschätzend zu verstehen“, sagt die Professorin, die an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg lehrt und dort gemeinsam mit einer Jüdin und einer Muslima einen Trialog pflegt, der in dieser Weise bundesweit einmalig ist. „Ein Beitrag zum sinn- und werteorientierten Umgang mit Pluralität und Diversität in multikulturellen Gesellschaften“, nennt sie das.
In Zeiten perfider Anschläge verblendeter Glaubenskrieger, die am hellichten Tag mitten in Paris wüten, sind solche Botschaften der Gemeinsamkeiten nicht jedem ohne Weiteres zu vermitteln. Sie tut es trotzdem, was wohl auch damit zu tun hat, dass ihr Ausgrenzung präsent ist aus der eigenen Biografie. Das prägt, ob man es will oder nicht.
Geboren im Jahre 1957 als Tochter eines Lehrers in Rostock, lebt sie nur kurze Zeit im Osten Deutschlands. Die Eltern müssen fliehen, weil der Vater als Pädagoge kritische Reden zur Bedeutung des Christentums in der Politik hält. Das passt nichts ins System. Die Familie verlässt die DDR und landet in Hamburg im Rauhen Haus, einer sozialen Einrichtung, die 1833 von Johann Hinrich Wichern, dem großen evangelischen Sozialreformer und Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, gegründet worden ist.
Der Vater arbeitet als Lehrer, die Tochter geht auf die Wichern-Schule und drängt nach dem Abitur in die Theologie, die sie mit dem Lehramtsstudium der Fächer Musik und Deutsch kombiniert. Die theologische Fakultät in Hamburg wird ihr zu einem inspirierenden Ort. Die Studentin atmet den Geist der Wohnzimmerdialoge mit der feministischen Theologin und Pazifistin Dorothee Sölle und genießt die studentischen Gespräche bei Wolfgang Grünberg, Professor für Praktische Theologie. „Ihm habe ich viel zu verdanken in der Bodenhaftung und der Fleischwerdung der Theologie“, sagt Katja Baur im Rückblick.
Nach dem Lehramtsexamen zieht es die junge Norddeutsche zum Auslandsstudium der Theologie für ein Jahr auf den Zionsberg nach Israel, wo sie an der ökumenischen Fakultät ihren Horizont zu weiten sucht. Das geschieht auf vielfältige Weise. In Jerusalem lernt sie zum einen den Mann fürs Leben kennen, der ein katholischer Theologe ist. Zum anderen wird der Tochter einer DDR-Familie, die in den Westen vertrieben wurde, weil sie ihren Glauben nicht leben durfte wie gewollt, mehr und mehr bewusst, wie wichtig der Dialog unter den Religionen ist. Das hinterlässt Spuren für den weiteren Berufsweg, der sie als Vikarin zunächst nach Ludwigsburg-Ossweil führt und von dort weiter nach Stuttgart. Mitte der Achtziger tritt sie ihre erste Stelle an – als Anstaltspfarrerin an der Nikolauspflege, die sich um blinde und sehbehinderte Menschen kümmert. „Das innere Auge sieht immer mit“, sagt Katja Baur. „Ich habe dort erst verstanden, in einer zweiten beziehungsweise dritte Ebene zu begreifen.“ Sie arbeitet mit haptischen Materialien, erschließt den Glauben mit allen Sinnen. „In der Nikolauspflege habe ich die Bodenständigkeit des Glaubens neu erfahren“, sagt sie.
Es folgt die Familienphase. Drei Kinder. Nebenbei macht sie ehrenamtliche Gottesdienstvertretung und spielt Cello im Symphonieorchester der Stadt Ludwigsburg. Im Jahr 1993 startet die Pfarrerin auf der Karlshöhe in Ludwigsburg neu durch als Dozentin für Religionspädagogik sowohl in der Aufbauausbildung der kirchlichen Religionspädagogen als auch an der Fachhochschule. 2001 promoviert sie. Die Evangelische Hochschule wird ihr Arbeits- und Lebensort. „Mein Schwerpunkt ist die Lehre“, sagt die Professorin. „Darin liegt mein Herzblut.“
In Ludwigsburg schätzt sie die „Vertrauenskultur“, wie sie das nennt. Die Hochschule gibt ihr Raum, sich zu entwickeln und Katja Baur entwickelt sich zu einer Spezialistin für interreligiösen Dialog, bei dem sich Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit auf Augenhöhe begegnen. Als einzige konfessionelle Hochschule der Republik hat die evangelische Institution in Barbara Traub eine jüdische und in Emina Corbo- Mesic eine muslimische Lehrbeauftragte, die gemeinsam mit Katja Baur einen Diskurs pflegen, der seinesgleichen sucht. Die drei Frauen verstehen ihren Trialog als Resultat eines Weges, den die drei Dozentinnen seit nunmehr acht Jahren in wöchentlicher gemeinsamer Lehre, aber auch in gemeinsamen Aktionen sowie in freundschaftlicher Verbundenheit miteinander gehen. Dadurch ermöglichen sie es Studierenden, die Bedeutung von jüdischen, christlichen und islamischen Traditionen, Überzeugungen und Werten als Potential in eine zunehmend säkulare Gesellschaft einzubringen. „Die Chance unseres Settings ist, dass wir große Gemeinsamkeiten haben und auf dieser Basis die Differenzen benennen, uns konstruktiv streiten und realistische Lösungen suchen können“, sagt Katja Baur.
„Pluralismus verbietet Überzeugungen nicht, sondern setzt sie voraus“, pflegte der frühere baden- württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel gerne und oft zu sagen, der es im Übrigen mit Karl Popper hielt, dem der Pessimismus ein Gräuel war. „Es hat keinen Sinn zu sagen: alles ist schlecht. Die wirkliche Fragestellung ist: Was können wir tun, um es vielleicht ein kleines bisschen besser zu machen.“ In diesem Sinne sehen die drei Frauen ihren Trialog, bei dem sie von außen gesetzte Grenzen mit Bedacht verschieben, um den Wirren einer aufgeladenen Zeit zu begegnen.
„Interreligiöse Dialoge werden nicht geführt für den Dialog, sondern aus dem Dialog heraus - sie erhalten ihre Relevanz aus dem Zusammenleben und den konkreten Fragen oder Themen, die durch religiöse Vielfalt vor Ort aufgeworfen werden“, definiert Katja Baur ihre Arbeit. „Sie dienen dabei sowohl der Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit Fremdheit und Differenz als auch der wechselseitigen Bereicherung durch Inspirationen.“
Kein Wunder, dass die Ludwigsburger Wissenschaftlerin immer wieder als Expertin gefragt und auch als solche darum gebeten wird, interreligiöse Dialoge zu moderieren. Wenn der Dschihad in verführten Köpfen tobt und so mancher Analyst in diesen Breitengraden den Schluss daraus zieht, dass Abgrenzung das Gebot der Stunde sei, wählt sie schon mal das deutliche Wort. „Jede Religion hat ihre Schattenseiten“ mahnt sie und erinnert an das Christentum, das auch weit mehr sei als die Kreuzzüge. „Die positive Kraft, die in diesen Religionen steckt, tritt durch leichtfertig bediente Klischees völlig in den Hintergrund.“
„Ich wünsche mir mehr Leute, die auch Dinge sagen, die nicht mehrheitskonform sind“, sagt die Theologin. „Da bin ich bei meinem Vater.“ Und wo sie schon dabei ist, verweist sie auch gleich darauf, dass in ihren Augen die eigentliche Herausforderung dieser Zeit darin liegt, „dass wir uns ständig anderen Götzen zuwenden“, zu denen für viele auch das Geld gehört. „Da bin ich froh um alle, die Werte einbringen, die uns gut tun.“
Es ist spät geworden über der Geschichte von Katja Baur. Sie schenkt noch ein bisschen Tee nach und redet über Martin Buber, der gesagt hat, das „Ich“ werde erst zum „Ich“ in der Begegnung mit dem „Du“. Die Ludwigsburger Theologin lebt danach. „Religion ist keine Wellness“, sagt sie lächelnd. „Religion ist eine Herausforderung.“