Wissenschaft
und
Hochschulen
Übersicht
Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart
 
Studenten-
ansichten
Über uns
Kontakt
 
Naturwissen-
schaften
Wirtschaft
Finanzen
Management
Kunst
Medien
Musik
Technik
IT-Wesen
Architektur
Bauwesen
Pädagogik
Sozialwesen
 
 
die welt verändern. No11 Magazin ansehen »

Pädagogik, Sozialwesen

Portraits mehr »

exemplarische Studienangebote mehr »

Hochschulen mehr »

Vorbildliche Ausbilderin

Andrea Schwanzer wollte selbst nie Lehrerin werden. Die Psychologin bildet an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg mit Freude die Lehrer von Morgen aus.

Sie haben morgens Recht und mittags frei. Sie sind der Schrecken aller Reiseleiter, weil sie immer alles besser wissen. Und ihren Beruf haben sie sowieso nur gewählt, weil sie ewig Ferien haben wollen. Stereotypen über Lehrer gibt es genug. Andrea Schwanzer ist keine Lehrerin, sondern promovierte Psychologin. Sie sorgt an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg dafür, dass die Lehrkräfte von morgen sich selbst besser verstehen, gegen Stereotypen gefeit sind, die nicht nur von außen auf sie prasseln, sondern die sie auch selbst produzieren. Und Schüler deshalb möglicherweise ungerecht behandeln.
„Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“. Das war der Titel einer Studie, die vor fünf Jahren für Aufsehen gesorgt hat. Darin gaben erschreckend viele Grundschullehrer zu, von einer Chantale oder einem Kevin schlechtere Leistungen als von einer Marie-Sophie oder Leon zu erwarten. Ein Skandal. Andrea Schwanzer geht in ihrer Einführungsvorlesung „Psychologie“ auf diese Studie ein. Natürlich nicht ohne vorher zu fragen, ob einer der Anwesenden Kevin heißt. Nach dem Schock folgt die Erkenntnis: Jeder Mensch kennt Stereotype. „Aber insbesondere Lehrer müssen das Risiko von Vorurteilen kennen und aktiv dagegen angehen“, sagt die Juniorprofessorin Schwanzer. Und das ein Berufsleben lang. Lehrer sein ist ein herausfordernder Beruf. Man lernt nie aus dabei: Das Fachwissen als auch die pädagogischen Konzepte haben kurze Halbwertszeiten.
Bei den Studenten an der PH gilt Psychologie als schwieriges Fach. Man muss viel lernen und viel wissen. Andrea Schwanzer, die gebürtige Norddeutsche, die in Berlin studiert und in Nürnberg promoviert hat, will die Zuhörer in ihrer Vorlesung für ihr Fach begeistern. Die Pflichtveranstaltung vor rund 150 Studierenden ist für die Dozentin keine lästige Pflicht, sondern Kür. „Es ist so hilfreich, wenn man Verhalten verstehen, erklären und auch vorhersagen kann. Nicht nur bei Schülern, auch bei dem Partner, bei Kollegen oder den eigenen Kindern hilft einem die Psychologie weiter“, zählt die Juniorprofessorin die Vorzüge auf. Deshalb sei es eben wichtig, eine Kausalattribution definieren zu können und zu wissen, dass die Ursachenzuschreibung entscheidend ist, ob ein Schüler eine gute Note als motivierend oder nicht erlebt. „Knallt ein Lehrer die Arbeit mit den Worten ‚Glück gehabt‘ auf den Tisch, hält auch der Schüler seinen Erfolg für Zufall“, führt Andrea Schwanzer ihr Beispiel aus. Lehrer haben Macht. Darüber müssen sie sich bewusst sein. „Ein guter Lehrer braucht viel Reflexionsvermögen“, sagt die Expertin.
Genauso braucht er Fachwissen, Begeisterungsfähigkeit für sein Gebiet, Spontanität, er muss improvisieren können, seine Vorbildrolle ausfüllen, ein realistisches Selbstbild haben, sich in seinem Engagement nicht überfordern. Andrea Schwanzer könnte noch weitere Eigenschaften aufzählen. Doch den „Idealtypus“ gibt es sowieso nicht, findet die Psychologin. So unterschiedlich wie die Schüler sind, so unterschiedlich sollten auch ihre Lehrer sein. Da gibt es die Extrovertierten, die Rampensäue, genauso wie die Stilleren, die die Schüler lieber beim Lernen begleiten als den großen Zampano zu spielen. Dass nicht alle perfekte Vorbilder sind, sei auch gut so, sagt die Expertin für pädagogische Psychologie. Typen mit Ecken und Kanten bieten manchen Schülern größeres Identifikationspotential.
„Lehren heißt, ein Feuer entfachen. Und nicht einen leeren Eimer füllen.“ Der griechische Philosoph Heraklit soll das gesagt haben. Es gibt viele Pädagogen, die statt einem Feuer nur noch ein schwaches Glimmen in sich spüren. Oder ganz und gar ausgebrannt sind. Oft sind es die besonders Engagierten, die irgendwann nicht mehr können, weiß Andrea Schwanzer. Sie gehört selbst zur Risikogruppe der Burn-Out-Gefährdeten – als Wissenschaftlerin in der Qualifizierungsphase, die auf einer befristeten Stelle lehrt. Noch zwei Jahre und ihr Vertrag läuft aus. Dass ihr Partner – Lehrer von Beruf – eine siebenstündige Zugfahrt entfernt lebt, macht das Leben von Andrea Schwanzer nicht einfacher. Aber vom Ausbrennen ist die Nachwuchswissenschaftlerin selbst weit entfernt. Wenn ihr Tag turbulent war, entspannt sie sich beim Buddeln oder Laub zusammenrechen im Garten. Oder sie singt. „Meine große Leidenschaft“, erzählt Andrea Schwanzer, die eine klassische Gesangsausbildung, und als Soulsängerin viele Jahre in Berlin und Nürnberg in verschiedenen Bands gesungen hat. Auch an der Hochschule tritt sie manchmal auf und gibt verjazzte Liebeslieder zum Besten.
Seit drei Jahren ist die Juniorprofessorin auch Leiterin des Kompetenzzentrums für Bildungsberatung, kurz Kombi, an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Mit ihren vier Mitarbeiterinnen wirkt sie daran mit, dass Studenten sich rechtzeitig beraten lassen, wenn sie Probleme haben. Sei es, weil sie ihre Prüfungsangst nicht in den Griff bekommen, ihr Zeitmanagement nicht funktioniert oder sie persönliche Sorgen haben. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist die Devise. Eine Beratung, die nicht auf Ratschläge setzt, sondern auf Workshops und Strategien, die gemeinsam entwickelt werden.
Wichtig ist Projektleiterin Schwanzer, dass es keine Schwellenängste vor der Beratung gibt – jeder soll kommen können, ohne den Geschmack des Versagens auf der Zunge zu spüren. Mittlerweile hat es sich unter den über 5.000 Studierenden der Pädagogischen Hochschule herumgesprochen: „Zur Kombi kann man gehen.“ Andrea Schwanzer und ihre Mitarbeiterinnen werden vom eigenen Erfolg fast überrannt. Morgen wird es wieder viel zu tun geben. Die Psychologieklausuren sind korrigiert, einige Kandidaten sind zum zweiten Mal durchgefallen. Das war’s dann. Wie sage ich’s meinen Eltern? Und wie geht es weiter? Ein Übergangs- und Laufbahnberater hilft den Studenten bei der beruflichen Neuorientierung.
Der ist manchmal auch für Studierende notwendig, die nach der ersten Praxiserfahrung merken, dass sie nie und nimmer ihr Berufsleben vor einer Klasse zubringen wollen. Hätten die das nicht wissen können, bevor sie ihr Studium aufnehmen? Zumindest muss jeder Anwärter auf ein Lehramtsstudium in Baden-Württemberg online ein schriftliches Selbsterkundungsverfahren abgeben. Dabei bekommen die Kandidaten auf Grundlage ihrer eigenen Angaben eine Rückmeldung, ob sie günstige Voraussetzungen für den Beruf mitbringen oder ob ein stärkeres Nachdenken über die Berufswahl sinnvoll wäre. Andrea Schwanzer begleitet die Nutzung des Verfahrens in Baden-Württemberg wissenschaftlich und wertet aus, ob das sogenannte „Career Counselling for Teachers“ tatsächlich eine „reflexionsanregende und entwicklungsfördernde Wirkung“ erzielt. Noch ist der Zwischenbericht nicht geschrieben, fest steht aber, dass noch so manches verbesserungswürdig ist.
Es ist Mittag geworden in dem nüchternen Betonbau. Die Bauarbeiter sind unentwegt zugange: Die Pädagogische Hochschule wird gerade renoviert, helle Türen aus Holz setzen jetzt Akzente zwischen den grauen Mauern. Andrea Schwanzer sitzt im lichtdurchfluteten Beratungszimmer und kennt Antworten auf viele Fragen. Wie kann es sein, dass Lehrer so hässlich über ihre Schüler reden, sobald die Tür des Lehrerzimmers ins Schloss gefallen ist? „Das ist erst einmal ein klares Anzeichen von Überforderung“, sagt sie. „Ich bin keine Lehrerschützerin. Aber die meisten machen ihren Job gut, nur fallen die Schlechten mehr auf. Ich frage mich, ob die Kritik an Lehrern bei uns nicht unverhältnismäßig ist. Wenn man sich die Elbphilharmonie oder den Berliner Flughafen anschaut, dann haben wir in Deutschland doch eher ein Problem mit Planern als mit Lehrern, oder?“ sagt sie. Andrea Schwanzer, die Hochschullehrerin, die selbst nie Lehrerin werden wollte, hält nicht nur den Lehrberuf hoch, sondern hat auch selbst Freude am Unterrichten. „Es ist so bereichernd zu erleben, wie sich die jungen Leute hier entwickeln“, sagt die promovierte Psychologin. „Mich rührt es zu erleben, wie die Studierenden hier wissenschaftlich denken lernen.