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Der nachhaltige Rathauschef

Werner Spec ist OB in LB. Sein Handwerk hat er an der Verwaltungshochschule gelernt. „Für mich ein Glücksfall“, sagt er. Veränderung zu gestalten ist bis heute seine Passion.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn er damals „Nein“ gesagt hätte. Hat er aber nicht. Stattdessen ist er dem Ruf nach Ludwigsburg gefolgt, einer Stadt im Aufbruch, von der es heißt, sie werde von einem besonderen Flair durchweht, weil sie sich auf dem Fundament ihrer Tradition neu erfunden hat. Ein Befund, der viele Väter hat, zu denen gewiss auch Werner Spec gerechnet werden darf, der seit 2003 in der prosperierenden Barockstadt als Oberbürgermeister das Sagen hat.
An diesem Nachmittag arbeitet er in seinem Amtszimmer, einen Steinwurf vom historischen Marktplatz entfernt, wo das Leben pulsiert. Kinder spielen Fußball, eine verhüllte Muslima sitzt zwischen katholischer und evangelischer Kirche in der Sonne auf einer der grünen Bänke, die für den Geist einer weltoffenen Stadt stehen, in der nicht alles festgeschraubt ist. Jeder kann sich Stühle und Bänke nehmen und sie auf dem Ludwigsburger Marktplatz dorthin tragen, wo es ihm gefällt.
Werner Spec zupft an seiner Krawatte. Er redet nicht so gerne über sich. Lieber spricht er über seine Stadt, entstanden aus einer barocken Laune der Geschichte, in der sich 1.400 Verwaltungsmitarbeiter um Wohl und Wehe von 90.000 Einwohnern kümmern. „Aus vielen Noten ist in Ludwigsburg eine tolle Melodie entstanden“, sagt Spec, der selbst nicht nur Akkordeon spielt, sondern Kraft Amtes auch den Takt angibt. Wobei ihm daran gelegen ist zu betonen, dass er zwar der erste Bürger dieser Stadt sei, aber letztlich nur einer unter vielen Bürgern, die sich bei Zukunftskonferenzen und in Workshops einbringen, welche Tradition haben im modernen Ludwigsburg. „Ich bin dankbar, dass ich in einer Stadt mit einem solchen pluralen Reichtum arbeiten darf“, sagt der Rathauschef.
Er postuliert das nicht, weil er wiedergewählt werden will. Das ist schon geschehen. Spec, der nur ungern über das Attribut „oberflächlich“ verkauft werden mag, ist ein glühender Anhänger von Bürgerbeteiligung, die er ganz pragmatisch als Voraussetzung dafür sieht, die besten Lösungen für die Stadt von Morgen zu finden, die anders sein wird als heute. Bis zum Jahr 2060, so die Prognosen, wird Deutschland fast 17 Millionen Einwohner verlieren. Jeder Dritte wird in diesem Land dann 65 oder älter sein. Vielen betagten Menschen stehen weniger Unbetagte gegenüber. Die Zahl der Schüler wird sich in den nächsten 30 Jahren halbieren. Das geht alle an. Auch in Ludwigsburg.
Für eine Stadt ist es angesichts solcher Prüfungen mehr denn je wichtig, Antworten auf die entscheidenden Fragen der Zukunft zu finden. Wie wollen wir vor dem Hintergrund des demografischen Wandels künftig wohnen und zusammenleben? Wie gestalten wir gemeinsam die Zukunft in einer Zeit, in der jeder Einzelne in der Gesellschaft immer mehr Eigenverantwortung übernehmen muss? Welche Beiträge können wir im lokalen Umfeld für sichere, zukunftsweisende Arbeitsplätze leisten? Wie kann das Gesundheitssystem die steigende Zahl der Pflegebedürftigen verkraften? Wie verbessern wir Bildung und Betreuung, ohne künftige Generationen finanziell über Gebühr zu belasten? Wie organisieren wir eine sichere und bezahlbare Energieversorgung?
In der Praxis gibt es leider keine gut ausgewiesenen Pfade, an deren Anfang steht: „Hier geht es direkt zur einfachen Antwort auf komplexe Zukunftsfragen.“ Tatsächlich gibt es viele Wege. Die meisten sind weder kartiert noch für ein Navigationssystem aufbereitet. Um den zukünftigen Weg für Ludwigsburg zu finden, haben sich Stadtverwaltung und Gemeinderat deshalb im Jahr 2004 auf die Reise zu einer integrierten und nachhaltigen Stadtentwicklung gemacht, die auf einem systematischen Politikansatz fußt. Wesentliche Handlungsfelder einer Stadtgesellschaft wurden aufgelistet und gemeinsam mit Verwaltung, Gemeinderat, externen Fachleuten und ortskundigen Bürgern entwickelt. Ludwigsburg setzte in der Folge auf eine breite Beteiligung der Bürgerschaft: Die Stadt gestaltete in einem zweijährigen Prozess mit über 1.000 Beteiligten das Zukunftsprogramm für Ludwigsburg. Dieser Weg ließ aufhorchen unter den deutschen Städten.
Wer wie Spec die Höhen des Gemeinwesens erklimmt und sich zugleich auch den Mühen der Ebene stellt, kann es gemeinhin nicht allen Recht machen. Manchen in seiner Stadt ist sein praktizierter Führungsstil zu fordernd und sein Arbeitstempo zu hoch. Im Gemeinderat rumpelt es deshalb gelegentlich. Kommunalpolitik ist kein leichtes Geschäft. Sie besticht häufig durch das Kollektiv, manchmal aber auch durch graue Eminenzen und spinnöse Einzelgänger. Sie ist die Basis für das Wohl der Stadt und manchmal auch Folklore mit dem Bonus des Authentischen. Wohl dem, der sich da behaupten kann. „Mir ist es wichtig, die Chancen der Stadt zu nutzen“, sagt Spec über seinen Job „Das ist mein innerer Antrieb.“ 
Diesen Antrieb hat er schon länger. Geboren 1958 in Sigmaringen und aufgewachsen mit zwei Geschwistern in einer katholischen Arbeiterfamilie, hat der Sohn eines Bergmanns früh gelernt, dass es zum Gelingen das unbedingte Wollen braucht. Der junge Spec mischte in der katholischen Landjugend mit und engagierte sich in einer ganzen Reihe von Vereinen. Eine frühe Prägung, welche in die Erkenntnis mündete, dass sich im öffentlichen Raum einiges bewegen lässt, wenn man sich leidenschaftlich einbringt. „Ist der Wille da, kann man unglaublich viel schaffen“, sagt er. Das blieb an der Klebefolie seines Wertegerüsts hängen.
Der zweite Bildungsweg führte ihn von der Realschule zum Studium an die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, die heute in Ludwigsburg ansässig ist und damals, 1978, noch in Stuttgart beheimatet war. Das hatte sich so gefügt, wobei Spec durchaus zupass kam, dass man auf diesem Weg früh Geld verdiente, und das war eben knapp in der Familie. „Eine tolle Zeit“, sagt Spec im Rückblick über seine Lehrjahre in Theorie und Praxis. „Das war ein generalistisches Studium, das die Möglichkeit bot, sich zu spezialisieren. So habe ich Verwaltung von der Pike auf gelernt.“ Seine erste Station führte ihn ins vertraute Sigmaringen, wo er gleich das Amt für öffentliche Verwaltung leitete. Der damalige Rathauschef Rudolf Kuhn gab dem jungen Stadtinspektor einen Leitsatz mit auf den Berufsweg: „Die Leute, die einen dicken Geldbeutel haben, können ihr Recht leicht durchsetzen. Wir aber müssen uns auch um die anderen kümmern.“
Der Diplom-Verwaltungswirt Werner Spec gründete eine Familie, wurde Stadtkämmerer in Ulm, Rathauschef in Calw und schließlich Oberbürgermeister in Ludwigsburg. 2011 wählten ihn die Bürger in die zweite Amtszeit. Ernsthafte Gegenkandidaten bot keine Fraktion auf, was durchaus für sich spricht. Eine Zeitung schrieb damals: „Ohne Werner Spec hätte die Barockstadt keine Bundesliga-Basketballer mehr, und man würde wohl noch immer über den Bau einer Sportarena diskutieren. Der in den ersten acht Jahren durch enormen Tatendrang aufgefallene Hobbykoch krempelte nach seinem Amtsantritt nicht nur die Rathausstrukturen um und trat als Sparkommissar auf die Kostenbremse. Spec schaffte auch in den lange stockenden Verhandlungen um das Einkaufszentrum Wilhelm-Galerie in der Innenstadt den Durchbruch und holte nach der prestigeträchtigen Filmakademie auch die für Schauspieltalente gedachte Theaterakademie des Landes nach Ludwigsburg. Auch in der Energiepolitik findet sich die Barockstadt in einer Vorreiterrolle.“
So einer wird gerne auch für höhere Aufgaben gehandelt. Bisher hat er stets abgewinkt. „In Ludwigsburg ist etwas entstanden, das ich nie zu träumen gewagt hätte“, sagt Werner Spec. „Diese Stadt pulsiert vor Kreativität.“ Das will er nutzen. Wie die Hefe, die den Teig treibt, so treibt es ihn immer weiter. Die Aura des Aufbruchs ist schön, manchmal schöner als der Aufbruch selbst.
Draußen schallt der heilige Bimbam von den Kirchtürmen am Marktplatz auf entspannte Städter herunter, die sich weltlichen Genüssen hingeben und mit der Eistüte um den Brunnen herumsitzen. Der Oberbürgermeister hat noch Termine. Feierabend ist später und für einen wie ihn eigentlich nie.