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Schwäbischer Dickschädel

Cem Özdemir ist Vollblutpolitiker. Zu den Stationen seiner Karriere gehört die Evangelische Hochschule Reutlingen-Ludwigsburg, wo der Parteichef der Grünen einst Sozialpädagogik studiert hat.

In seinem Büro im dritten Stock der Berliner Grünen-Zentrale hat Cem Özdemir seine eigene Sicht auf die Welt. Ganz vorne liegt der Marktplatz von Bad Urach mit seinen alten Fachwerkhäusern, dahinter fließt die Erms. Jenseits des Flusses verschwimmen Städte wie Stuttgart, Frankfurt und Düsseldorf zu kleinen Tupfen, irgendwo hinter dem Horizont ist der Rest der Welt zu vermuten. Ganz oben auf der Landkarte der etwas anderen Art steht in schnörkeliger Schrift: „Der Uracher“.
Das Plakat in Özdemirs Büro, eine Adaption des berühmten Titelbildes der Wochenzeitschrift „The New Yorker“, ist ein Geschenk seiner schwäbischen Heimatgemeinde und sagt viel über den smarten Grünen-Politiker, der vor 20 Jahren als erster Deutscher türkischer Abstammung in den Bundestag gewählt wurde, was ihn über Nacht bekannt gemacht hat. „Früher konnte ich gar nicht schnell genug raus aus dem Tal und hinein in die weite Welt“, sagt Cem Özdemir, 1965 in Bad Urach geboren. „Heute kann ich nicht oft genug Zuhause auf der Schwäbischen Alb sein.“
Es wird Herbst in Berlin. Die Sonne strahlt an diesem wolkenlosen Tag noch einmal mit voller Kraft über der Stadt an der Spree, was gut ist für die Bilanz der Grünen, deren Bundesgeschäftsstelle in einem aparten Altbau mit hohen Stuckdecken und einem begrünten Innenhof untergebracht ist. Unten am Eingang hängt eine Anzeige, deren rote Leuchtziffern dokumentieren, wie viel CO2 in dem Gebäude heute dank Sonnenenergie bereits eingespart wurde: 16,2 Tonnen. Oben im dritten Stock sitzt der Parteivorsitzende gewohnt gelöst bei einer Tasse Yogi- Tee auf dem Sofa und plaudert in aller Ruhe über die Nachhaltigkeit auf allen Ebenen: „Wir brauchen ein Modell des grünen Deutschlands auf allen Sektoren, ob Maschinenbau, Verkehr oder auch Landwirtschaft“, sagt er. „Nur mit moralischen Appellen werden wir den Klimawandel nicht bekämpfen können. Wir brauchen verlässliche Anreize und ambitionierte Vorgaben für die Wirtschaft. Der Mittelstand soll mit Klimaschutz Geld verdienen können und Arbeitsplätze schaffen. Nur so kann es klappen.“
So leise und unaufgeregt Özdemir seine politischen und privaten Überzeugungen vorträgt, so leidenschaftlich und unerbittlich tritt er für sie ein. Das war schon immer so. Gegen allen Widerstand durchzusetzen, was er sich in den Kopf gesetzt hat, ist ein Wesenszug, der ihn seit jeher antreibt. „Ich bin eher der Typ schwäbischer Dickschädel“, sagt er. Als solcher ist er zum Schrecken seiner Eltern nach langem Streit schon als Jugendlicher zum Vegetarier geworden und bis heute geblieben. Und er hat gegen jeden Rat und Widerstand eine Berufsausbildung zum Erzieher gemacht. Vor 30 Jahren. Als Mann. Und als Muslim. „Das hat zu meiner damaligen Politisierung gepasst und war wohl auch Teil meiner inneren Opposition und des Protestes. Ich wollte mich abgrenzen“, sagt Özdemir, der nach seinen Lehrjahren an der heutigen Evangelischen Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg Sozialpädagogik studierte und sich nebenbei immer stärker im grünen Politbetrieb engagierte.
Begonnen hat Cem Özdemir seine Karriere derweil als „fauler und schlechter Schüler“, wie er sagt, dessen Ehrgeiz im Laufe seines jungen Lebens erst durch nachhaltige Erkenntnisgewinnung geweckt wurde. Einen Teil dazu beigetragen haben die knochenharten Ferienjobs, die er als Schüler in der Fabrik antreten musste. „Das hat mich kuriert“, sagt Özdemir, dem bei der eigenen Plackerei die Bedeutung des ölverschmierten Gesichts des Vaters und der zerschnittenen und blutigen Hände der Mutter, die in einer Papierfabrik arbeitete, schnell klar wurde. Das Feuer entfacht hatte zuvor bereits seine Lehrerin, die eines Tages die Klasse nach Leistungsgruppen einteilte, weshalb der junge Cem als einziger Anatole zusammen mit dem einzigen Portugiesen und ein paar deutschen Arbeiterkindern an einem Tisch landete.
Heute sitzt er mit der Kanzlerin und Wirtschaftsbossen an einem Tisch, mit führenden Wissenschaftlern und illustren Kulturgrößen. Er hat eine Karriere hingelegt, auf die nicht nur seine Eltern mächtig stolz sind, die einst auf klassischem Weg über das deutschtürkische Anwerbeverfahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren. Der einzige Sohn hat einen eher unorthodoxen Weg genommen, der ihn über den zweiten Bildungsweg an die Evangelische Hochschule brachte, die ihn prägte. „Ich habe viel von den herausragenden Dozenten gelernt und so manche Freundschaft ist bis heute geblieben“, sagt er. „Es war eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte.“
Beendet hat Özdemir seine Studienjahre mit einer Diplomarbeit, die den eher sperrigen Titel „Selbstfindungsprozesse der Nichtdeutschen der zweiten Generation in Deutschland“ trägt. Ein abstraktes Thema, dem er ein konkretes Gesicht gegeben hat: Sein eigenes. Wer oder was ist er denn nun, dieser stets höfliche und gut gekleidete Politiker, der für einen guten Zweck auch schon einmal für eine Herrenmodefirma Modell stand? Ein Symbol gelungener Integration? Ein anatolischer Schwabe, wie die FAZ einst schrieb? Der Multi-Kulti-Mann des Jahres, zu dem er 1997 vom Sender Freies Berlin gewählt wurde? Oder ein Inländer, wie er sich selber in seiner Biografie bezeichnet? „Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selber eher weniger“, sagt Özdemir dazu.
Inzwischen lebt er mitten in Kreuzberg unter dem Dach eines ehemals besetzten Altbaus. Ganz oben fühlt er sich wohl, wie es ganz unten ist, weiß er aber auch. Nach zwei Legislaturperioden als Abgeordneter im Deutschen Bundestag und innenpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion nahm Özdemir nach der Wahl 2002 sein Bundestagsmandat nicht an, nachdem öffentlich geworden war, dass er beruflich erworbene Bonusmeilen privat verwendet hatte.
„Du musst genauso oft aufstehen, wie du zu Boden gehst!“ In dieser Kunst habe ihn seine Mutter unterrichtet, sagt Özdemir, der im Juni 2004 als gewählter Abgeordneter des Europäischen Parlaments wieder zurückkehrte auf die politische Bühne. Seit 2008 steht er als Vorsitzender an der Parteispitze. „Wir sind die Partei des Jahrhundertthemas Nachhaltigkeit und brauchen eine Rückbesinnung auf grüne Kernthemen. Die Herausforderung ist doch, Ökologie und Ökonomie miteinander zu verbinden“, betont Özdemir, der schon als 15-Jähriger Mitglied bei den Grünen wurde und später einen Ortsverband in Bad Urach gründete. Seinen Wahlkreis hat er in Stuttgart, in einem der Innenstadtbezirke, in dem er bei den letzten beiden Bundestagswahlen angetreten war, um ein Direktmandat zu erringen.
Zwar fehlten in beiden Fällen einige Stimmen zum Wahlerfolg, was aber nichts daran ändert, dass er gerne und regelmäßig in seinem Wahlkreis und im umliegenden Schwabenland ist. Erst jüngst war er in der Region, um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Neben einem dreitätigen Praktikum bei einem Hersteller von Elektromotoren, um direkten Einblick in den Alltag eines mittelständischen Unternehmens zu gewinnen, stand ein Interview bei der Ludwigsburger Kreiszeitung über die politische Zukunft seiner Partei auf der Tagesordnung. Außerdem hat die Zeit noch für einen Ausflug in den Erlebnispark Tripsdrill mit seinen beiden Kindern gereicht. „Schade, dass sie in Berlin nicht in solch einer gewaltigen Natur aufwachsen können wie ich“, sagt er.
Zum Ausgleich verordnet Cem Özdemir, der mit einer argentinischen Journalistin verheiratet ist, sich und seiner Familie so oft wie möglich einen Kurzaufenthalt bei den Eltern in Bad Urach. Dort atmet er die Luft seiner Kindheit, begegnet er seinen Erinnerungen. Vieles ist beim Alten geblieben, so manches aber ist anders. Mit Sorge verfolgt er etwa den Strukturwandel, dass immer mehr der inhabergeführten Läden und Handwerksgeschäfte verschwinden, es immer schwieriger wird, junge Menschen zu halten.
Umso mehr freut es ihn, dass die Ermstalbahn, mit der auch seine Mutter früher zur Arbeit fuhr, wieder zwischen dem Nordrand der Schwäbischen Alb und Metzingen verkehrt. Vor Jahrzehnten schon sollte die Strecke stillgelegt werden, wogegen der junge Cem Özdemir seinerzeit mit einer Handvoll Aktivisten gekämpft hat. Nun gibt es sogar Pläne, sie zur modernen Regional-Stadtbahn auszubauen, was helfen soll, das ganze Umfeld wieder attraktiver zu machen. Das spitzbübische Schmunzeln in Cem Özdemirs Gesicht spricht Bände. „Wenn man sich eine eigene Meinung leistet und sich dafür einsetzt“, sagt er, „kann man die Welt verändern.“