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Zurück in das Leben

Kristian Kuntz ist Absolvent der Dualen Hochschule. In seinem Beruf als Sozialpädagoge hat er sich der Aufgabe verschrieben, junge Suchtkranke wieder in einen geregelten Alltag zu bringen.

Samy Deluxe und Jan Delay sind gern gesehene Gäste auf Schloss Börstingen, das einst erbaut wurde als Sommerresidenz der nahe gelegenen Weitenburg, die hoch über dem Neckartal thront. Droben auf dem Berg haben sich die Nachkommen des Freiherren eingerichtet. Drunten im Tal versuchen Menschen wie Kristian Kuntz zu richten, was gründlich schiefgelaufen ist. Schloss Börstingen, mitten im Ortskern der Gemeinde Starzach im Landkreis Tübingen gelegen, wird seit knapp 30 Jahren als Rehabilitationseinrichtung für junge alkoholund drogenabhängige Menschen betrieben. Das Durchschnittsalter liegt bei 20 Jahren. „Wer zu uns kommt“, sagt der Sozialpädagoge, „der hat schon viel mitgemacht in seinem jungen Leben.“

Der Ort lädt zum Verweilen ein an diesem sonnigen Frühjahrsvormittag. Im Schlossgarten mit seinen alten Bäumen leuchten gelbe und blaue Farbtupfer, über dem Wassergraben schwirren die Libellen und das historische Gemäuer trotzt wie ein Schutzwall unerschütterlich der Alltagshektik, die hier keinene Platz hat. Kristian Kuntz könnte sich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen, was aber nicht allein mit der malerischen Kulisse zu tun hat. Er hat sich mit Leib und Seele der Sozialarbeit verschrieben, die ihn erfüllt, ihn berührt, sein Leben bereichert, trotz aller Einzelschicksale und Extremsituationen, denen er sich im Alltag ausgesetzt sieht. „Es ist ein gutes Gefühl, Menschen helfen und etwas bewegen zu können“, sagt Kuntz, der einst an der Berufsakademie Sozialpädagogik studiert hat und seit 2008 in Schloss Börstingen als Bezugstherapeut arbeitet.

29 Betten stehen in der Rehabilitationseinrichtung, in der das Leben klaren Regeln und Strukturen folgt. Im ersten und zweiten Stock sind die Kiffer untergebracht, unter dem Dach die Alkoholiker und in der Scheune die Opiatabhängigen. Die Dinge werden hier beim Namen genannt. „Die Art der Drogen ändert sich. Was bleibt ist, dass leider zu viele junge Menschen abhängig sind“, sagt Kuntz. Die Zuordnung der Patienten zu einer der drei Gruppen soll das Verständnis untereinander für die jeweilige Abhängigkeit fördern, wobei die jungen Frauen und Männer mindestens einen Entzug hinter sich haben, bevor sie hierher überwiesen werden.

Besser im Schloss als hinter dicken Schlössern: Nicht wenige seiner Schützlinge kommen direkt aus einer Strafanstalt und werden persönlich gebracht. Für den Geschmack der Freiheit sind sie noch nicht reif genug. „Die meisten würden sofort rückfällig werden, wenn man sie eine Stunde sich selbst überlässt“, sagt Kuntz, der sich vor allem um jene kümmert, die alle möglichen Partydrogen genommen haben. Cannabis, Amphetamine, Koks. Die meist jungen Menschen sollen in den bis zu sechs Monaten im Schloss lernen, die alten Muster zu durchbrechen und sich an ein Leben ohne Drogen zu gewöhnen, was vor allem auch für die Therapeuten eine Herausforderung ist, wie Kuntz sagt. Fast alle Neuzugänge verbarrikadieren sich am Anfang hinter einer Mauer, fast alle haben durchweg schlechte Erfahrungen mit ihrem Umfeld gemacht. „Die Kunst liegt darin, Zugang zu ihnen zu finden, es zu schaffen, dass sie Vertrauen fassen und auftauen“, sagt Kristian Kuntz.

„Nimm deine Patienten ernst.“ Diesen Satz hat er vom Studium hinübergerettet in seine tägliche Arbeit. „Nimm deine Patienten ernst.“ Wer das nicht beherzigt, sei nicht glaubwürdig, sagt Kuntz, der diesem Leitsatz bei seinen Therapiegesprächen genauso folgt wie bei den Plaudereien in der Raucherecke. Im Gegensatz zu so manchem Kollegen hat Kuntz kein Problem, auch Privates von sich preiszugeben, wobei Patient und Psychoanalytiker bei allen Unterschieden mitunter auch auf Gemeinsames stoßen. Auf Hip-Hop und Rapmusik beispielsweise, die auffallend viele auf Schloss Börstingen in der Freizeit hören, welche um 17 Uhr beginnt und um 23 Uhr mit der Nachtruhe endet. Auch Kuntz ist ein Fan dieser Musik und mag Künstler wie Jan Delay, Samy Deluxe, Freundeskreis oder Fanta 4, die er alle persönlich kennt. Mitte der 90er Jahre hatte er beim freien Radiosender „Wüste Welle“ damit begonnen eine Hip-Hop-Sendung zu moderieren. Die Protagonisten lud er sich ins Studio ein oder reiste ihnen auf Konzerten hinterher. „Eine wahnsinnig spannende Zeit“, sagt Kuntz, der auf diesem Weg fünf, sechs Jahre lang geholfen hat, die Musik der seinerzeit noch unbekannten Hip-Hopper populär zu machen. Kaum eine Größe von heute, die er als fachkundiger Radiomann damals nicht interviewt hat.

Heute bittet Kuntz aus anderen Gründen zum Gespräch. Es gilt, die betreuten Patienten für ihren Kraftakt zu motivieren, ihnen Tricksereien auszureden und die Konsequenzen im Fall eines Rückfalls klarzumachen. Das kommt bei allem Bemühen leider immer wieder vor. „Wer die Regeln bricht oder gar rückfällig wird, muss im Zweifelsfall gehen, bevor er andere mitreißt“, sagt er. Was seine Schützlinge brauchen, um zurück in ein geregeltes Leben zu finden, sind vor allem klare Strukturen, einen geregelten Tagesablauf. „Sie müssen beschäftigt werden“, sagt Kuntz. Dazu gibt es eine Holzwerkstatt, in der Regale gebaut werden, einen Garten, in dem es immer was zu tun gibt, Haus und Hof, die in Ordnung gehalten werden müssen. Zudem setzen die Therapeuten auf Sport, wovon ein abgewetzter Boxsack zeugt, der im Garten hängt. Vor dem Haus steht eine Tischtennisplatte, an ein paar Strohballen hängen Zielscheiben für das betreute Bogenschießen und einen Beachvolleyballplatz gibt es auch. Immerhin 50 bis 60 Prozent der bis zu 120 Patienten im Jahr halten bis zum Ende der Therapie durch und haben damit einen wichtigen Schritt in eine bessere Zukunft getan. „Die meisten kennen ein normales Leben gar nicht“, sagt Kuntz. „Wir müssen ihnen die Chance geben, sich neu zu orientieren.“

Dass er eine ausgeprägte soziale Ader hat, ist ihm schon früh klar geworden. Nach seinem Abitur in Rottenburg, wohin die Familie von Pirmasens in Rheinland-Pfalz gezogen war, machte er seinen Zivildienst in einem Kinder- und Schülerhort. Ein Mädchen habe nach der Schule öfter auf ihn eingeprügelt, weil es sich offenbar nicht anders annähern konnte, wie er mit der Zeit merkte, erzählt Kuntz: „Die Kleine wollte nur Kontakt.“ Also habe er sich so lange bemüht, die Emotionen in eine andere Richtung zu lenken, bis er nicht mehr geschlagen wurde. Ein Schlüsselerlebnis, das ihn geprägt hat, wie er sagt.

Nach dem Zivildienst machte Kuntz zunächst eine Ausbildung zum Verlagskaufmann, wozu ihn seine Leidenschaft für die Musik getrieben hatte. Während seiner Zeit beim Radio hatte er Kontakte zu Plattenfirmen geknüpft, um später in einem Musikverlag unterzukommen. Was sich theoretisch vielversprechend angehört hatte, war in der Praxis dann aber noch nicht das Richtige für ihn. „Die Arbeit hat mich nicht erfüllt“, sagt Kuntz, der stattdessen Sozialpädagogik studierte, wobei es seine Sache nicht war, sich nur mit blanker Theorie zu befassen. „Ich wollte möglichst früh ausprobieren, ob ich in diesem Bereich auch funktioniere, ob ich geeignet bin für den Job.“

Um diese Frage sicher für sich beantworten zu können, hatte Kuntz sich für sein duales Studium an der damaligen Berufsakademie das Extremste ausgesucht, was er sich vorstellen konnte: die Arbeit mit Suchtkranken in der Rehaeinrichtung Schloss Börstingen, die vom Verein für Jugendhilfe Böblingen betrieben wird. Ein unbestelltes Feld für den Studenten. „Mit Sucht hatte ich persönlich überhaupt keine Erfahrungen“, sagt er. Heute weiß Kuntz, dass kein Tag wie der andere ist und er sich ständig auf verschiedenste Persönlichkeiten einstellen, oft sein ganzes pädagogisches Geschick abrufen muss. „Das Studium mit seinem hohen Praxisanteil und dem ständigen Austausch mit Praktikern hat mich optimal auf diese Aufgabe vorbereitet“, sagt Kuntz, der 2008 direkt als Bezugstherapeut übernommen wurde und später noch eine berufsbegleitende Weiterbildung zum Sozialtherapeuten mit Schwerpunkt Sucht drangehängt hat.

Die Geschichten seiner Patienten in dem alten Gemäuer zurückzulassen, ist bei allem Engagement wichtig für Kristian Kuntz. „Man kann nicht ständig alles mit sich herumtragen“, sagt er. Sich aufs Rad zu setzen hilft ihm beim Vergessen, genauso die Musik. Das Radiomachen ist zwar längst Geschichte, dafür arbeitet er mitunter in Rottenburg als Filmvorführer und bei Kleinkunstabenden als Licht- und Tonmann. Gelernt hat er diese Kunstfertigkeit bei den Schwabenrockern von Grachmusikoff, mit denen er früher fast jedes Wochenende als Techniker auf Tournee-Reisen ging. Mittlerweile ist er freilich längst angekommen an seinem Platz. „Was ich heute mache“, sagt Kristian Kuntz, „erfüllt mich jeden Tag aufs Neue.“