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Don Camilo und die Favelas

Brasilien ist das Land der wuchernden Megacities. Camilo Michalka will das ändern. Der Bauingenieur hat sich deshalb als Gastwissenschaftler an der Uni Stuttgart weitergebildet.

Die Koffer sind gepackt, die letzte Kiste ist zur Post gebracht. Jetzt gilt es, sich von den Mitarbeitern am Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung zu verabschieden. Ein Jahr lang war Camilo Michalka am Campus in Vaihingen als Wissenschaftler zu Gast. Nun fliegt er zurück nach Rio de Janeiro. Den Schlüssel für sein Büro hat der Professor aus Brasilien schon abgegeben. Mit einem Glas Honig bedankt er sich bei den Kollegen, verbunden mit einer Einladung, die von Herzen kommt: „Melden Sie sich, wenn Sie nach Brasilien kommen, sagen Sie Bescheid, wenn Sie für die Weltmeisterschaft eine Unterkunft suchen.“

Dabei ist der Mann mit der kleinen Statur und dem großen Herzen alles andere als ein Freund der Fußball-WM. „Ich wäre gerne noch solange in Deutschland geblieben, bis der ganze Rummel sich gelegt hat“, sagt er und meint das ganz ernst. Viel zu viel Geld würde für das Turnier verschwendet, das anderswo besser eingesetzt wäre, findet Michalka. Mega-Events sieht der Wissenschaftler genauso kritisch wie die Megacities, die in seinem Heimatland groß und größer werden.

Brasilien ist der größte Staat in Südamerika mit 8,5 Millionen Quadratkilometern Fläche und knapp 200 Millionen Einwohnern. Tendenz steigend. Mehr als 80 Prozent der Brasilianer leben in den Küstenregionen. Der Urwald, der weite Teile des Landes bedeckt, ist dagegen vergleichsweise dünn besiedelt. Und während es in Deutschland nur vier Städte gibt, welche die Millionengrenze sprengen, sind es in Brasilien 15. In der Stadt São Paulo leben zwölf Millionen Menschen. Rio de Janeiro hat mindestens sechs Millionen Einwohner, in der gesamten Metropolregion sind es über zwölf Millionen. Brasilien ist das Land der Megacities.

Camilo Michalka hat diese Zahlen genau im Kopf. Damit beschäftigt er sich in seiner Forschung. Der Professor, der in seiner Heimat die „Urban Engineers“, die Bauingenieure für die Städte von morgen ausbildet, sieht das zügellose Wachstum kritisch. „In Brasilien verschlechtert sich die Lebensqualität, wenn die Städte wachsen. Das möchte ich ändern“, sagt Camilo Michalka.

Warum die Rechnung „Wachstum = Fortschritt“ in Brasilien nicht aufgeht, hat für den Globetrotter verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass die historischen Viertel rücksichtslos platt gemacht werden, um Platz für neue Gebäude zu schaffen. „Damit verliert die Stadt ihre Identität und die Bewohner fühlen sich nicht mehr für Sicherheit und Ordnung verantwortlich“, sagt Michalka. In der Folge steige die Kriminalität. Ein anderes Problem des schnellen Wachsens liegt für ihn in der nötigen Infrastruktur. Lange Zeit seien nur Häuser und Straßen geplant worden. Dass zugleich Wasserleitungen, Verkehrsträger, Kliniken oder auch Schulen nötig sind, wurde von den Planern ignoriert.

Michalka illustriert seine Ausführungen mit einer Buntstiftzeichnung. Ein Plan aus den siebziger Jahren, nur Straßen und Häuser sind angedeutet. Auf dieser Grundlage wurde Barra da Tijuca in einer ökologisch sensiblen Lagunenlandschaft geplant. Heute leben in Barra da Tijuca, einem Stadtteil von Rio de Janeiro, mehr als 220.000 Menschen. Camilo Michalka ist einer davon. Die damals nicht mitgeplante Infrastruktur ist ein Problem, das mit den Jahren nicht kleiner geworden ist. Der Verkehr steht kurz vor dem Kollaps, die Wege sind viel zu lang, Fußgänger können sich nicht orientieren.

Die langfristige Planung von Städten und Kommunen in Deutschland ist bestimmt nicht vor Fehlern gefeit. Aber sie hat System. Damit hat sich Camilo Michalka jetzt ein Jahr lang beschäftigt. „Ich kann zwar nicht die deutsche Raumordnung und Stadtentwicklungsplanung kopieren. Aber ich kann mich davon inspirieren lassen“, sagt der Brasilianer über seine Motivation. Er hat sich in Flächennutzungs- und Bebauungspläne vertieft, Verfahren zur Bürgerbeteiligung genauso gründlich angeschaut wie die Planungsunterlagen für den Scharnhauser Park, einem Vorzeigeprojekt in Ostfildern.

Die komplexen Gesetzestexte zu lesen, war für Michalka kein Problem. Deutsch spricht er fließend. „Sogar schwäbisch“, sagt der Wissenschaftler mit einem Augenzwinkern. Sein Vater kommt aus Österreich, an der Uni in Rio de Janeiro hat Michalka parallel zum Bauingenieurstudium auch deutsch gelernt. Seine Doktorarbeit über die „Rotationsfähigkeiten von plastischen Gelenken in Stahlbetonträgern“ hat er Anfang der 80er Jahre in Stuttgart bei Kurt Schäfer und Jörg Schlaich absolviert. Es hat eine Weile gedauert, bis die Professoren den Nachwuchswissenschaftler aufgenommen haben. Aber Michalka ist ein Meister im Bohren dicker Bretter. Er hat damals hartnäckig viele Briefe geschrieben. Bis irgendwann die Antwort von Kurt Schäfer kam: „Sie haben sich entschieden, hierher zu kommen. Also kommen Sie!“

Viele Freundschaften aus dieser Zeit sind geblieben. Einer von Michalkas Kollegen in seinen Stuttgarter Tagen war Werner Sobek. Zurück in Brasilien hat sich Michalka mit einem Ingenieurbüro selbstständig gemacht. Dem Brückenbau, dem Thema seiner Doktorarbeit, ist er treu geblieben. Wenn auch in übertragener Hinsicht. Er wurde Hochschulprofessor und legte dabei Wert auf Kontakte ins Ausland, auf Verbindungen zwischen Ländern und Kontinenten. Bis heute ist Michalka ein großer Verfechter des Auslandsstudiums, er leitet Austauschprogramme, holt für Projekte Studenten aus Holland, Italien und Berlin. Beklagen seine Studenten, dass sie länger fürs Diplom brauchen, wenn sie für ein Jahr ins Ausland gehen, hält er ihnen kurz und knapp entgegen: „Stimmt. Aber Du wirst dafür weit mehr bekommen.“

Ganz wichtig ist für Michalka die Sprache: „Tretet in Kontakt mit den Menschen, sprecht nicht nur englisch. Nur dann lernt ihr Deutschland kennen“, gibt er seinen Studenten mit auf den Weg. Er selbst hat vom Blick über den Tellerrand immer profitiert. Stuttgart hat es ihm besonders angetan: 1999 war er noch einmal zwei Monate zu Gast am Städtebauinstitut in Stuttgart. „Immer wenn ich wieder nach Stuttgart gekommen bin, habe ich die Stadt wiedererkannt. In Brasilien ist das anders. Dort ändert eine Stadt innerhalb von zehn Jahren ihr Gesicht.“

Camilo Michalka ist Jahrgang 1950 und eigentlich so langsam in einem Alter, in dem man kürzertritt. Für ihn kommt das nicht in Frage. Michalka will unter anderem ein Handbuch schreiben für die „Urban Engineers“ in Südamerika. Einen Leitfaden, der beim Bauen für die ständig wachsende Bevölkerung die Infrastruktur mitbedenkt und die entsprechenden Ingenieure schon früh in die Planung einbindet. Die Ideen für das Buch entstammen nicht nur der Theorie. Seit 2002 berät Michalka die Stadtverwaltung von São José do Vale do Rio Preto. Eine ländlich geprägte Gemeinde mit 20.000 Einwohnern, 140 Kilometer von Rio entfernt.

Wie kann der Landjugend eine Perspektive geboten werden, was kann die Kommune tun, um Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze zu schaffen? Michalkas Wissen als Experte für Stadtentwicklung und Infrastruktur ist gefragt. „Ich selbst treffe allerdings keine Entscheidungen, ich vermittle nur die Fachkenntnisse“, sagt der Professor, der nie von oben herab kommuniziert. Auch Studenten aus Europa haben an dem Projekt mitgearbeitet. Völkerverbindung ganz konkret: Eine junge Frau aus São José do Vale do Rio Preto und ein Student aus Holland sind heute ein Ehepaar. Apropos Liebe: Unter Trennungsschmerz musste Camilo Michalka bei dem jetzt zu Ende gehenden Forschungsaufenthalt nicht leiden. Seine Frau ist mitgekommen – und hat die Zeit in Schwaben für ihre Dissertation im Fach Raumplanung genutzt.

5.565 Gemeinden gibt es in Brasilien und knapp 80 Prozent davon haben, wie São José do Vale do Rio Preto, weniger als 25.000 Einwohner. Für Camilo Michalka liegt in ihnen die Zukunft des Landes. „Die kleinen Gemeinden müssen sich entwickeln, dann entwickelt sich das ganze Land.“ Das ist es, was ihn treibt. Michalka will die Mikrocities nach vorne bringen und zugleich verhindern, dass dort dieselben Fehler passieren wie in den Großstädten. „Die Favelas – das ist fehlgeleitetes Wachstum“, sagt der Professor, der lieber Querpässe für die Entwicklung des eigenen Landes spielt als den Steilpässen internationaler Stars in neuen Prachtarenen beizuwohnen. „Wenn nur die Fußball-WM schon vorbei wäre.“