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Einfach nur anders gleich

Heike Tiemann ist eine gefragte Expertin für das Thema Inklusion im Sport. Mit ihrer Arbeit will die Professorin der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zu einem Leben ohne Kategorien beitragen.

Manchmal, wenn es der Kalender hergibt, zieht es Heike Tiemann wie früher hinaus zum Tempelhofer Feld. Dort, wo bis vor wenigen Jahren noch Ferienflieger über das Startfeld des Hauptstadtflughafens rollten, lässt sie dann mit „ihrer Truppe“ den Ball rollen. Die Professorin spielt in der Parkanlage leidenschaftlich gerne zusammen mit Freunden aus alten Tagen Fußball, und das noch immer so unkonventionell wie einst: irgendwo auf der Wiese, mit Sporttaschen als Torpfosten. „Und hinterher gehen wir Kuchen essen.“

Die „waschechte Berlinerin“, als die sich die 49-jährige Professorin selbst bezeichnet, genießt die Stunden in ihrer Heimatstadt, in der sie an den meisten Wochenenden im Jahr lebt, sofern es der Lehrplan, ihre Forschungsaufträge und die vielen Reisen als Referentin in aller Welt zulassen. Ihr zweites Zuhause ist aber längst das Barockstädtchen Ludwigsburg geworden, mit dessen Pädagogischer Hochschule sie seit vielen Jahren verbandelt ist. Damals wie heute liegt der Expertin für Inklusionsfragen, die nach einigen Jahren als Akademische Rätin seit April 2011 Professorin an der Fakultät für Kultur- und Naturwissenschaften in der Abteilung Sport ist, vor allem eines am Herzen, wie sie sagt: Mit ihrer Arbeit „zu einer wertschätzenden Grundhaltung gegenüber dem Anders-Sein von Menschen“ beizutragen.

Das „Anders-Sein“ von Menschen. Es hat sie schon beschäftigt, lange bevor es Inklusions-Beauftragte gab, UN-Behindertenkonventionen und Fördertöpfe für allerlei Programme und Projekte. Der Impuls dazu war von den damals bundesweit ersten integrativen Schulen in Berlin Anfang der 80er Jahre ausgegangen, für die sich die Pädagogin früh interessiert hat. „Die Idee, Schüler mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam zu unterrichten, fand ich toll und überzeugend“, erinnert sich Heike Tiemann, die gerne und oft das Wort Wertschätzung benutzt, wenn sie über ihr Spezialgebiet spricht und erklärt, wie der Umgang mit Menschen mit Behinderung früher war, wo die Gesellschaft heute steht und welchen Wunschgedanken sie für die Zukunft hegt: ein Leben ohne Grenzen und Kategorien, in die sich Menschen einteilen lassen.

In ihrem kleinen Büro im zweiten Stock der Hochschule arbeitet die Professorin unermüdlich daran, dass diese Fiktion einmal Wirklichkeit wird. Auch an diesem Vormittag zieht es sie dazu in die Sporthalle der Hochschule, die sie von ihrem Fenster aus sehen kann. Bei aller Theorie, die sie ihren Studierenden beibringt, ist ihr vor allem der Anschauungsunterricht wichtig. Die angehenden Lehrer und Pädagogen sollen eine konkrete Vorstellung davon bekommen, wie theoretische Konzepte in Bewegung umgesetzt werden können, wie der Sportunterricht gelingen kann, wenn Schüler mit verschiedensten Behinderungen ganz selbstverständlich daran teilnehmen – was nicht nur eine Herausforderung ist, sondern gleichermaßen Bereicherung, wie Heike Tiemann findet. Vielfalt im Sportunterricht sei immer schon Realität gewesen, betont sie, auch ohne integrative Konzepte. Es gebe schlanke Schüler und übergewichtige, unmotivierte und ungebremste, geübte und ungeschickte, manche hielten sich an Regeln, andere nicht. Auch diese unterschiedlichen motorischen, kognitiven, sozialen und emotionalen Möglichkeiten seien ein „Anders- Sein“, sagt die Sportpädagogin, die nicht in Kategorien wie „Geschlecht“, „soziale Benachteiligung“, ethnische Zugehörigkeit“ oder „Behinderung“ denken will, sondern in Begriffen wie Gleichheit und Differenz. Einerseits sollen alle die gleichen Rechte haben, in gleichem Maße teilnehmen können am Sportunterricht. „Gleichzeitig gibt es aber auch ein Recht auf Unterschiedlichkeit.“

Für die feinen Unterschiede hat sie sich mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit eigentlich schon immer interessiert. Im Mai 1963 in Berlin geboren, studierte die später aktive Handballerin zunächst an der Freien Universität Berlin Sport und Biologie, wobei sie schon damals „Sternchenfächer“ wie Sportförderunterricht und Schulsonderturnen belegte. Nach einem Aufbaustudium in Belgien und England absolvierte sie im Jahr 2000 zu ihren regulären Examen eine zusätzliche Staatsprüfung im Fach Sonderpädagogik. Später unterrichtete sie dann an allgemeinen Schulen und an Sonderschulen, was unterschiedlicher kaum hätte sein können und ihr den Blick weiter öffnete. Es gab Sonderschulklassen, mit denen sie arbeitete, in denen keines der Kinder sprechen konnte. „Trister geht es kaum. Die Schüler hatten keine sprechenden Kinder als Vorbild.“ Gleichzeitig habe es viele Schüler an Gymnasien gegeben, die noch nie Kinder gesehen hatten, die anders sind. „Das kann es nicht sein“, befand Heike Tiemann.

Dass es heute noch vielfach so ist, liegt ihrer Ansicht nach vor allem an der ungenügenden Ausbildung der Pädagogen, die nicht selten überfordert seien mit Schülern, die besondere Aufmerksamkeit und ein anderes Angebot brauchen. Oft seien auch die Rahmenbedingungen an den Schulen nicht gut, es fehle an vielem oder allem, sagt die Professorin, die nicht nur lehrt, sondern auch forscht und erst jüngst Interviews mit Schullehrern geführt hat, um sich ein Bild davon machen zu können, wie der Sportunterricht heute aussieht und welche neuen Aus- und Fortbildungsmaterialien vielleicht entwickelt werden müssen. Ein zentrales Anliegen der Professorin ist es, die Ausbildung der Pädagogen zu verbessern, was sie vorzugsweise auch in der Sporthalle macht. Um vorzuführen, wie man in einem gemeinsamen Spiel dennoch jeden einzelnen nach seinen Möglichkeiten fördern kann, lässt sie ihre Studenten beispielsweise eine Art gemischtes Rollstuhlbasketball spielen oder Zonenfußball, wobei das Feld dabei in drei Abschnitte unterteilt wird. Die Idee ist, in jeder Zone gleich starke Schüler beider Teams gegeneinander spielen zu lassen, in der Mitte etwa geistig Behinderte. Um ein Tor zu erzielen, muss der Ball durch alle drei Zonen laufen. „Jeder bekommt dabei sein Futter. Und jeder trägt gleich zum Erfolg bei“, sagt die Sportpädagogin, die auch Seminare zur Lehrerfortbildung anbietet, die derzeit hoffnungslos überlaufen sind.

Eine gefragte Expertin ist Heike Tiemann auch immer dann, wenn sich im Nachgang Olympischer Spiele behinderte Athleten zu ihren eigenen Wettkämpfen im Zeichen der Ringe treffen. Schon bei den Paralympics 1992 in Barcelona hatte sie mit der Berliner Uni eine Machbarkeitstudie zu „Anspruch und Wirklichkeit“ mitgeleitet. Und auch in Albertville, Lillehammer, Athen und zuletzt London hat die Professorin im Umfeld der Paralympics Untersuchungen angestellt. Interessiert hat sie dabei auch, wie die Spiele behinderter Athleten und die Menschen selber in den Medien dargestellt werden: „Heute ist das anders als früher“, lautet ihr Befund. In den 80er Jahren seien vor allem noch die Schicksalsgeschichten erzählt worden und der Rollstuhl auf dem Foto sei wichtiger als der Mensch darin gewesen. Heute ist die Berichterstattung eher dort angekommen, findet sie, wo sie hingehört: im Sportteil. „Der Mensch und seine Leistung steht immer mehr im Vordergrund“, sagt Heike Tiemann, die 2007 mit dem Frauenförderpreis der Hochschule ausgezeichnet wurde und seit einem Jahr Gleichstellungsbeauftragte der Ludwigsburger Bildungseinrichtung ist.

Dass Menschen mit Handicap noch immer stigmatisiert und ausgegrenzt werden, will sie nicht akzeptieren. Der Sport ist für die Pädagogin, die sich in Ludwigsburg zusammen mit drei Kollegen eine Professoren-WG teilt, daher auch ein gutes Beispiel, um zu zeigen, wie Inklusion ohne Grenzen in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen gelingen kann. „Man muss bereit sein, neue Wege zu gehen.“

Als Beraterin des Innenministeriums, für das sie Positionspapiere entwickelt und derzeit die Weltsportministerkonferenz 2014 mit vorbereitet, versucht die Professorin daher auch, den politischen Willen voranzutreiben, im Schulunterricht und anderswo Vielfalt als bereicherndes Element kennen und schätzen zu lernen. Die Ängste mancher Eltern, dass ihre Kinder später in inklusiven Klassen nicht mehr genug lernen, weil es schon jetzt sehr große Klassen gibt, relativieren sich sehr schnell, sagt Heike Tiemann, die für die Bundesregierung auch in Ländern wie Polen und Frankreich Vorträge zum Thema hält und mit ihrem Wissen helfen soll, die UN-Behindertenkonvention von 2008 umzusetzen. Sie weiß, dass der Weg dahin noch weit ist, wünscht sich aber unermüdlich, dass Menschen einmal gesehen werden, wie sie sind: einzigartig und anders gleich.