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Guter Hoffnung am Kap

Sechs Monate ist Sarah Salvini, Studentin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, in den Townships von Kapstadt gewesen. Der Einsatz im Armenviertel hat sie bereichert.

Die Sonne über dem Constantiaberg pinselt zitternde Schattenspiele auf die Wellblechhütten im Township. In der Luft hängt eine Brise faules Ei. An der Nelson Mandela Road klettern Kinder auf die Betondächer der öffentlichen Klos, vor denen ein paar dürre Hühner im Käfig auf den Suppentopf warten. Ein Morgen wie viele andere im Armenviertel von Imizamo Yethu, das sein Elend wie ein Kleid trägt.

Zwei junge Frauen schlendern in Riemchensandalen durch ein Spalier der Ungerechtigkeit. Sie wirken wie hineinkopiert in eine staubige Kulisse von unwirklicher Schönheit, deren Anmut sich in Gesichtern von Halbwüchsigen spiegelt, die weit weg sind von deutschem Bürgerwohnglück und umso näher an der fröhlichen Leichtigkeit des Seins.

Sarah Salvini, 23, hat mit ihrer Kommilitonin Tatjana Dietz schwäbische Bausparkassenidylle gegen südafrikanischen Hüttenzauber eingetauscht. Eine halbe Autostunde von Kapstadt entfernt sind sie an diesem Morgen im Township von Hout Bay unterwegs. Ein pittoresker Ort am Chapman’s Peak, der weltberühmten Klippenstraße.

Die beiden Studentinnen der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg befassen sich mit Klippen anderer Art. Für ein halbes Jahr arbeiten die angehenden Sozialarbeiterinnen in den Townships am Kap der guten Hoffnung, die noch immer eine Hoffnung wider besseren Wissens ist. Für die kleine Hilfsorganisation „Mercy Aids“ klären sie auf über eine Krankheit, die weitgehend aus den Schlagzeilen der westlichen Welt verschwunden, in Wirklichkeit aber sehr präsent ist. In keinem Land gibt es mehr HIV-Positive als in Südafrika, wo nach Schätzungen 5,5 Millionen Menschen infiziert sind. Jedes Jahr sterben mehr als 300.000 an den Folgen.

In vielen Familien wissen die Kinder nicht, dass sie den Virus in sich tragen, weil ihre Eltern nicht darüber reden. Ärzte kämpfen gegen Unwissenheit und Vorurteile. Aids-Aufklärung berührt sensible Bereiche wie Sexualität, Prostitution und häuslichen Missbrauch. Die Studentinnen aus Schwaben setzen beim Klinikpersonal im Township an. Ärzte, Schwestern und Pfleger sollen Eltern davon überzeugen, den Kindern die Wahrheit zu sagen statt sie ins Verderben rennen zu lassen. Es ist noch viel zu tun. „Es gibt Männer hier, die Mädchen im Säuglingsalter vergewaltigen, weil sie glauben, auf diese Weise könnten sie Aids von sich abstreifen“, sagt Sarah Salvini, die an der Tafelbucht in zwei Welten lebt, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Sie wohnt in einer streng bewachten Siedlung voller Villen mit feinen Pools. Von dort fährt sie in die heruntergekommenen Apartheidsstädte, die nicht viel gemein haben mit dem zur Schau gestellten Postkarten-Layout der Regenbogennation, über der noch immer die Aura der Rassentrennung wie Mehltau liegt.

Im Jahr 1913 verbot der Native Land Act den Schwarzen, sich in den gepflegten Siedlungen der Weißen niederzulassen. Die Schwarzen hausten in Ghettos, die Weißen bauten hübsche Häuser und zementierten ihre Macht. Auch ohne Ausbildung kamen sie leicht an Jobs und wurden von den Behörden bevorzugt. Mit dem Sturz des rassistischen Apartheid-Regimes 1994 dominieren Nelson Mandelas politische Erben das Land. Sie säen Hoffnung, die Ernte aber ist eher bescheiden.

Im Township von Imizamo Yethu unterhalten sich die deutschen Studentinnen mit Mombeko, die auf eine bessere Zukunft für ihre Tochter und ein Leben außerhalb des Armenviertels hofft, das 1991 für 2.500 Menschen gebaut wurde. Jetzt leben 35.000 am Fuße des Constantiabergs, der bei Regen eine schlammige Brühe zu den Blechbuden schickt. 200 Familien teilen sich vier Toiletten und in mancher Hütte machen Ratten den Kindern ihren Schlafplatz streitig. „Die Arbeitslosenquote liegt hier bei 40 Prozent“, sagt Mombeko.

Die Xhosa-Frau, deren Sprache voller Klicklaute ist, zeigt stolz die neue Schule und den Kindergarten, beide von Deutschen finanziert. Daneben ragen verkohlte Bäume in den blauen Himmel. „Das Schlimmste ist das Feuer“, sagt Mombeko. „Manchmal kommen die Leute betrunken nach Hause, zünden Kerzen an und schlafen ein. Wenn es dann brennt, springt das Feuer von einer Hütte zur anderen.“ Die alleinerziehende Mutter verdient ein bisschen Geld, indem sie Touristen an ihrem Leben teilhaben lässt und durchs Township führt. Von 300 Euro im Monat leben die meisten Familien in Imizamo Yethu. Viele von ihnen sind bei Weißen angestellt, denen sie im Garten oder Haushalt zur Hand gehen. 

Seit August sind die beiden Studentinnen in Kapstadt. Kennengelernt haben sie sich an der Evangelischen Hochschule, wo sie seit 2010 im Studiengang Internationale Soziale Arbeit eingeschrieben sind. Sarah Salvini stammt aus Ulm. Vor dem Studium hat sie die Mittlere Reife gemacht, danach eine Lehre als Erzieherin und die Fachhochschulreife. „Als Erzieherin kam ich an Grenzen“, sagt sie. „Ich wollte mehr.“ Sie bewarb sich um einen der begehrten Plätze an der Ludwigsburger Hochschule für Soziale Arbeit, Diakonie und Religionspädagogik und wurde angenommen.

„Wir haben dort ein tolles Lernklima. Die Dozenten kennen einen hier mit Namen. Das gibt es sonst nicht oft im deutschen Bildungsbetrieb“, sagt die Studentin. Für ihr Praxissemester wählte sie Südafrika und schloss sich mit ihrer Studienkollegin Tatjana einer christlichen Organisation an. „Wir wollen keine Missionare sein“, sagt Sarah Salvini. „Wenn man anderen hilft, ist das allein schon im Sinne Gottes.“

Ihren Einsatz verstehen die beiden Frauen als fortgesetzten Versuch, die Dinge behutsam von innen zu ändern. Im Township Fisantekraal haben sie einen Kinderclub aus der Taufe gehoben, der von Einheimischen fortgeführt werden soll. Mit 20 Schützlingen fingen sie an. Jetzt sind es 120. Die Kinder von Fisantekraal sollen einen Ort haben, an dem sie sicher sind und gedüngt werden mit Selbstbewusstsein. Mit Hula Hoop-Reifen machen die schwäbischen Sozialarbeiterinnen den Mädchen klar, dass es Bereiche gibt, in die keiner vordringen darf. „Jeder Mensch ist wertvoll, ganz egal, was passiert“, sagt Sarah Salvini. „Das ist unsere Botschaft.“

Vor einigen Wochen gingen die Studentinnen, die lange auf diese Reise gespart haben, mit jungen Südafrikanern aus, die nicht verstehen konnten, dass weiße Frauen im Township arbeiten. „Was macht ihr da? Die Schwarzen nehmen uns die Jobs weg und ruinieren dieses Land.“ Abgrenzung erleben die Deutschen aber auch in den Armenvierteln selbst, wo ihnen Eltern unterschiedlicher Nationen wechselseitig unterstellen, die Kinder der anderen zu bevorzugen. „Alle Probleme werden hier auf den Rassismus geschoben“, erzählt Sarah Salvini.

Angst hätten sie nicht in den Townships im Western Cape, sagen sie, was auch daran liege, dass sie zu zweit seien und offen dafür, die Vorurteile von Touristen in Kapstadt mit der Wirklichkeit abzugleichen. Das Township habe seinen eigenen Sound, nicht nur Moll, sondern auch Dur. „Man muss die Gruselgeschichten aus dem Kopf bekommen, die man von zu Hause mitgenommen hat“, sagt Tatjana Dietz. „Die Menschen sind hier unglaublich freundlich. Sie haben fast nichts und freuen sich trotzdem am Leben. Davon könnten wir uns in Deutschland ein gutes Stück abschneiden.“

In ein paar Wochen geht es zurück in die Heimat. Sie nehmen viele Eindrücke mit. „Es kann kommen was will. Irgendwie geht es immer weiter. Das habe ich hier gelernt“, sagt Sarah Salvini. Ein paar Kinder umringen sie und wollen ihre langen braunen Haare berühren. Neulich hat sie ein schwarzer Junge „weißer Engel“ genannt. Irgendwann werden die Engel davon fliegen. Vielleicht kommen sie zurück. Vielleicht kommen andere. Die Luft flimmert derweil über dem Labyrinth der schwindsüchtigen Wellblechhütten von Imizamo Yethu, was übersetzt so viel heißt wie „Unser Kampf“.