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Revoluzzer im Kulturbetrieb

Als Professor doziert Armin Klein an der PH Ludwigsburg. Als Autor der Streitschrift „Der Kulturinfarkt“ hat er reichlich Staub auf den Bühnen im Land aufgewirbelt.

Alte Liebe rostet nicht, sie verblasst höchstens ein wenig, wenn sie auf Papier gedruckt wird. 35 Jahre alt ist das Plakat, das der Kulturwissenschaftler Armin Klein in seinem Arbeitszimmer hängen hat – außer einem giftgrünen Dürer-Hasen aus Plastik der einzige Hinweis, dass es an diesem Ort zuvorderst um die schönen Künste geht. Das Plakat zeigt eine der meterhohen und spindeldürren Skulpturen des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti. Der schreitende Mann. Die filigranen Plastiken des Bildhauers gehören für den Professor der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in der weiten Welt der Kunst mit ihren vielen Disziplinen schon seit Jahrzehnten zu den liebsten Stücken, obwohl er eigentlich ein Mann des Theaters und als Sohn eines Buchhändlerehepaars vor allem mit Literatur aufgewachsen ist. Erst jüngst hat er wieder eine Kunstausstellung in Basel besucht. „Unglaublich faszinierend und aufsehenerregend“, sagt er: „Drei Skulpturen von Giacometti füllen einen ganzen Raum.“

Und vier Professoren füllen ein ganzes Buch! Die Rede ist von jenem Werk, das in der Szene anhaltend für Aufruhr sorgt. „Der Kulturinfarkt“ lautet der Titel und um diesen zu verhindern, so die provokative Grundthese, spielen die Autoren mit dem Gedanken, die Hälfte aller Kultureinrichtungen in Deutschland zu schließen. Einer der Schreiber dieser Streitschrift ist Armin Klein, den Tag der Veröffentlichung am 12. März hat er als „ausgewachsenes Erdbeben“ in Erinnerung. Morgens um neun hatte sich der zweifache Familienvater an der Tankstelle den „Spiegel“ mit einem Vorabdruck des Buchs geholt. Als er wenig später wieder in seiner Wohnung im badischen Ettlingen war, lief schon der Anrufbeantworter mit Interviewanfragen über. „Unbekannte Provinzheinis“ war noch eine der freundlichen Reaktionen, als „schlechte Patrioten“ wurden sie beschimpft, der ehemalig Intendant der Stuttgarter Oper, Klaus Zehelein, sprach von „Kultur-Berlusconis“ und die FAZ schrieb von „vier alten Männern, die nochmal die Harley rausholen und um den Block knattern“.

Reaktionen dieser Art haben den Mitautor dabei weniger gestört wie der Umstand, dass offenbar die wenigsten derer, die lautstark zu Widerrede anhoben, das Buch tatsächlich gelesen hatten. Dieses Eindrucks jedenfalls konnte sich Klein nur schwer erwehren in Anbetracht von Begegnungen wie jener mit einem Kulturmenschen, dessen Befund recht früh zementiert war. „Ich habe das Buch nicht gelesen, ich werde das Buch nie lesen, ich weiß aber, dass es Mist ist.“

Zwischenzeitlich, nachdem mehr als zehntausend Exemplare verkauft sind, werde das Werk tatsächlich auch gelesen, sagt Klein, der sich in der Pädagogischen Hochschule zu Ludwigsburg an seinem Lehrstuhl vor allem mit Kulturpolitik und strategischem Kulturmarketing beschäftigt. Dass die fast zehn Milliarden Euro Kulturgelder jedes Jahr zum Großteil in feste Institutionen fließen, hält er für eine fatale Fehlentwicklung, die jegliche Kreativität erdrückt. „Wenn fast 90 Prozent der Einnahmen vom Staat kommen, dann ist das einzige was stört, letztlich der Besucher“, sagt er. 7.000 Museen und 144 Theater könnten bei jährlich sechs Prozent Lohnerhöhung nach dem bisherigen Prinzip der Staatsabhängigkeit nicht erhalten werden. Die aktuelle Kulturpolitik fördere nicht die Kunst sondern Lobbies und Institutionen. „Wir müssen das anders organisieren, sonst kommt nichts Neues dazu.“

Die Bombe, die Klein und seine Kollegen mit ihrem Buch auf die Selbstzufriedenheit des Systems werfen wollten, hat jedenfalls für heftige Eruptionen gesorgt. „Wir wollten eine Diskussion entfachen“, sagt der 61-jährige Professor. Gemessen an der Zahl der Einladungen, die dem literarischen Quartett derzeit mit schöner Regelmäßigkeit ins Haus flattern, ist das auch gelungen. So hat etwa die FDP zur Kulturdebatte in den Landtag geladen, die Salzburger Festspiele haben sich gemeldet, die Kollegen aus Ludwigsburg und Bayreuth ebenso und sogar der italienische Kulturminister will die deutschen Kulturrevoluzzer in Venedig auftreten lassen, der Kulturhauptstadt 2019. Dazu wird das Buch sogar ins Italienische übersetzt. „Ich habe das Gefühl“, sagt Klein, „dass wir jetzt langsam verstanden werden.“

Elisabeth Noelle-Neumann, die berühmte Publizistikprofessorin und Pionierin der Meinungsforschung, hätte sicher ihre Freude gehabt an ihrem ehemaligen Studenten. „Sie war eine großartige Dozentin, gelebte Zeitgeschichte“, sagt Klein, der sich gerne an die Vorlesungen erinnert, für die sie direkt von der UNESCO in Paris angeflogen kam und statt von der Lehre lieber fesselnde Geschichten aus ihrem Leben und ihrer humanitären Arbeit erzählte. In Wiesbaden in einem kulturell vielseitig interessierten Elternhaus aufgewachsen, war Klein zwar immer schon klar, wie er sagt „dass er was mit Kultur“ machen will. Studiert hatte er dann Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft an der Uni Mainz. „Damals war man halt politisch“, sagt er. „Was ich später mache, war mir zunächst egal.“

Warum also nicht einfach Dramaturg werden am Frankfurter Theater im Turm, an dem einst auch ein gewisser Rainer Werner Fassbinder seine Skandalstücke inszeniert hat? Zu den regelmäßigen Zuschauern gehörte seinerzeit auch Armin Klein, bis er eines Tages vom neuen Intendanten aufgrund einer Empfehlung über fünf Ecken angesprochen und gefragt wurde: „Willst Du nicht Dramaturg werden?“ Das war ein Angebot, sagt Klein im Rückblick, „das man nicht ablehnen kann.“ Zwei spannende Jahre sei er hauptsächlich durch ganz Europa gereist und habe nach guten Ensembles und Stücken gesucht, erzählt er. Dann habe es einen Riesenknall gegeben. „Dem Theater ist es zu gut gegangen“, sagt er heute. „Wir hatten viel Geld, aber keiner wusste mehr, wer was zu sagen hat.“

„Es gibt keinen Zufall“, hat einst der französische Philosoph Voltaire behauptet – Armin Klein hat aber einen ziemlich absurden erlebt, wie er erzählt. Zu dieser Zeit, Anfang der 90er Jahre, war er schon etliche Jahre Kulturreferent in der Universitätsstadt Marburg, wohin er nach seiner Theaterzeit gegangen war, weil er „Politik machen und etwas gestalten“ wollte. Eines Tages sei er mit einem Bekannten durch Ludwigsburg gefahren und habe, angetan von der Schönheit und kulturellen Vielfalt der Stadt, aus einer Laune heraus verkündet: „Hier werde ich Kulturreferent.“ Nach einem Theaterbesuch bei einem Kulturkongress in Göttingen traf er beim Biertrinken tatsächlich den leibhaftigen Kulturamtsleiter der Stadt, den er ironisch mit den Worten begrüßte: „Sie sitzen ja auf meinem Stuhl.“ Der Beginn einer Freundschaft. Jahre später wurde besagter Kulturamtsleiter Professor an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg - und seit 1994 sitzt Armin Klein auf seinem Stuhl, der zweiten Professur. Die Lehre habe ihn immer schon interessiert, weshalb er auch sein Staatsexamen gemacht und immer wieder Lehraufträge angenommen habe. „Es bereitet mir Spaß, weiterzugeben, was ich praktisch erlebt habe.“ Quo vadis, Kulturbetrieb? Nach der Phase der Weltverbesserungsansätze in der 70er Jahren und der Zeit der Bequemlichkeit und Planstellen in den 80er und 90ern bewegen sich die Kultur und ihre Macher immer mehr in die Selbstständigkeit, prophezeit Klein. 2002 hat der Professor daher am Institut für Kulturmanagement eine neue Lehrform initiiert. Drei Tage lang fahren die Lehrenden mit ihren 25 „neuen“ Studenten auf das Schloss Kapfenburg am Albtrauf, wo diese einen eigenen Kulturbetrieb planen und gründen müssen. Nach vier Semestern Marketing, Finanzplanung, Rechnungswesen und anderen „Betriebsfächern“ wird die Simulation von echten Bankern geprüft und bewertet, dann heißt es Daumen hoch oder runter. Dabei seien auch schon real existierende Firmen gegründet worden, sagt Klein.

Eine Idee ganz nach dem Geschmack des Professors, dessen Absolventen in verschiedenen Bereichen und Institutionen hervorragende Berufsaussichten haben. „Staatsabhängigkeit geht nicht mehr, das wird keine Zukunft haben“, sagt Klein, der in seiner Freizeit nicht nur gerne gemeinsam mit seiner Frau auf einsamen Waldpfaden im Elsass und der Pfalz wandert, sondern vor allem durch Museen und Theater in ganz Europa, wobei sich der Marketingstratege nicht nur für die schönen Künste interessiert. „Unsere Kultur muss sich anders finanzieren“, sagt er. Die Fondation Beyeler in Basel beispielsweise würde 30 Prozent der Einnahmen mit Merchandising bestreiten. „Warum“, fragt der Professor in den Raum, „bekommen unsere Kulturbetriebe das eigentlich nicht auch hin?“