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Gleiche Chancen für alle

Als Wissenschaftler doziert Christian Arndt an der Nürtinger Hochschule über weltwirtschaftliche Zusammenhänge. Als Foscher beleuchtet er die Armut, die auch in Deutschland immer mehr zu einem Thema wird.

Wenn Christian Arndt an die Anden denkt, an den weiten Blick am Morgen auf die 5.000 Meter hohe Gebirgskette, kommt es ihm manchmal vor, als wäre er noch dort. Dann hört er die südamerikanische Musik. Tanzt in Gedanken noch einmal Salsa. Schmeckt den Rum, den er mit seiner Jazzband für jeden Auftritt in einer der Touristenkneipen bekam. Schlendert durch die Armenviertel Venezuelas, vor denen man ihn eindringlich gewarnt hatte. Mit viel Glück, so wurde dem Austauschstudenten aus Tübingen von Wohlmeinenden beschieden, habe man hinterher allenfalls noch die Unterhose am Leib.

Ratschläge sind auch Schläge, heißt es. In seinem Fall waren sie unnötig. Christian Arndt ist nicht nur im Vollbesitz seiner Kleidung von den Begegnungen mit der so genannten „Unterschicht“ zurückgekehrt, er hatte hinterher sogar noch mehr als zuvor: einen Freund, der in einem der Armenviertel der Stadt wohnte und zu dem er noch heute Kontakt hält. Fast 15 Jahre sind zwischenzeitlich vergangenen, seit der Volkswirtschaftler an der hoch gelegenen Universidad de Los Andes in Mérida ein Auslandssemester absolvierte und begleitet von Freunden und seiner Trompete durch die Bars der Stadt zog. „Wir sind aufgefallen wie bunte Hunde“, erzählt er, noch immer gewärmt vom Feuer der eigenen Begeisterung von dieser ausgelassenen Zeit, die ihn fürs Leben prägte, auch fürs berufliche. „Das ist das Tollste, was man machen kann“, sagt er. „Ein Auslandsstudium empfehle ich jedem.“

Mittlerweile ist aus dem Studenten ein gestandener Professor geworden, seine unbeschwerte, fast jungenhafte Art hat sich der 38-jährige Schwabe dabei aber bewahrt. Seit dem Wintersemester 2009 hat Arndt an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen (HfWU) eine Professur inne, lehrt dort über Volkswirtschaftslehre und empirische Wirtschaftsforschung. Er schätzt dabei vor allem die Möglichkeit, sich in einem überschaubaren Kreis mit seinen Studenten auseinander setzen zu können, ihnen den praktischen Nutzen der Erkenntnisse aus der Forschung aufzuzeigen, die möglichen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Menschen auf der ganzen Welt. Der Campus in Nürtingen, mitten im Zentrum des Voralb-Städtchens, und die vergleichsweise kleinen Studentengruppen erinnern ihn an die englischen Colleges, wie er sagt. „Das ist eine ganz besondere Atmosphäre.“ Und auch der Nürtinger Studiengang selbst ist bisher fast einzigartig in Deutschland. An keiner anderen Fachhochschule wird Volkswirtschaftslehre, die sich mit dem globalen Wirtschaftsgeschehen und der Lebensqualität der einzelnen Menschen befasst, derart praxisorientiert gelehrt wie an diesem Ort. Ein Ansatz, den Arndt in Zeiten von Finanzkrisen, Länderpleiten und wirtschaftlicher Kollateralschäden für dringend geboten hält. „Ökonomen haben zwar auch nicht immer die richtige Antwort“, sagt er: „Aber sie werden in diesem Land ganz dringend gebraucht.“

Aufgewachsen in Herrenberg, hatte Arndt zunächst aber eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen. Nach seinem Abitur absolvierte er in einem Architekturbüro eine Bauzeichnerlehre. Dabei hat er zum ersten Mal das jähe Auf und Ab der Wirtschaft am eigenen Leib zu spüren bekommen. „Am Anfang haben die Kunden uns die Bude eingerannt, am Ende mussten wir Kurzarbeit anmelden.“ Derart mit folgenschweren Konjunkturschwankungen konfrontiert, begann er, sich mehr und mehr seine Gedanken zu machen und sich für die ökonomischen Zusammenhänge dahinter zu interessieren. Irgendwann reizte ihn dieses komplexe Thema so sehr, dass er sich an der Universität Tübingen für Internationale Volkswirtschaftslehre einschrieb, Schwerpunkt Ökonometrie und Wirtschaftspolitik.

„Nicht der ist arm, der wenig besitzt, sondern wer nach mehr verlangt.“ Diese Weisheit wird dem römischen Philosophen und Dichter Lucius Annaeus Seneca zugeschrieben. Christian Arndt würde es heute vielleicht etwas moderner formulieren. Ein wesentlicher Gradmesser für den Armutsforscher sind die Verwirklichungschancen, also was ein Mensch grundsätzlich aus seinem Leben machen kann. „Es ist nicht entscheidend, was Menschen haben, sondern, was sie theoretisch machen können, welche Optionen sie haben“, erklärt er. Dabei kann es einerseits um durchaus konkrete Angelegenheiten gehen, wie einen Fernseher, dessen Besitz alleine aber noch nichts aussagt, so Arndt. „Man muss nur die Möglichkeit haben, sich einen leisten zu können.“ Gemeint sind mit den Chancen aber auch immatrielle Werte wie die Möglichkeit, am politischen Prozess und anderen gesellschaftlichen Vorgängen teilnehmen zu können.

Das Thema Armut, das Christian Arndt vor vielen Jahren in den Elendsvierteln Venezuelas zum ersten Mal buchstäblich berührt hat, holt ihn in Deutschland wieder ein. Und wie! Seit dem Jahr 2002 gehört er zu einem kleinen aber feinen Thinktank, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich am Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) auf vielfältige Weise unter anderem mit der Verteilung von Einkommen und Vermögen beschäftigen, mit Armut und Reichtum. Dabei beraten Arndt und seine Kollegen auch die Bundesregierung, liefern den Berliner Politikern wichtige Erkenntnisse, messbare Faktoren und theoretische Ansätze für deren Armuts- und Reichtumsbericht, der diesen Herbst bereits zum vierten Mal herausgegeben wird. Beschrieben wird darin die wirtschaftliche und soziale Lage der Bürger im Land. Interessiert ist Arndt aber vor allem auch an den daraus abgeleiteten Möglichkeiten und Maßnahmen der Politik, die Lebenslage und Chancen der Menschen zu verbessern. Armutsgefährdet ist nach der EU-Definition, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung eines Landes verfügt. Diese Summe variiert von 1.222 Euro pro Jahr in Rumänien bis zu 19.400 Euro in Luxemburg. In Deutschland liegt die Grenze bei einem Jahreseinkommen von 11.278 Euro. Etwa jeder sechste Einwohner der Bundesrepublik gilt demnach als arm. Das sind 15,6 Prozent aller Bundesbürger.

Der Fehler liegt für Arndt im System. „Wenn bestimmte Gruppen von Menschen, beispielsweise Migranten, bei gleicher Ausbildung einen unterschiedlichen Zugang zum Arbeitsmarkt haben, ist das ein Skandal“, sagt er. Eine Gesellschaft müsse nachvollziehen können, dass jeder die gleiche Chance habe. „Die Menschen glauben aber nicht mehr daran, dass man vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann“, sagt er. Die Toppositionen in der Wirtschaft würden heute auch in Deutschland mehrheitlich aus Elitenzirkeln rekrutiert. „Wenn hohe Managergehälter mit einer geringen Durchlässigkeit des Systems einhergehen, wird das zurecht als große Ungerechtigkeit empfunden.“

Auch Arndt selbst gehört nicht zu den Millionären, als W2-Professor muss er sich aber zumindest keine allzu großen Sorgen um die persönlichen Finanzen machen. Erst unlängst hat er mit seiner Frau und den vier Kindern eine neue Wohnung in Tübingen bezogen, für die Arndt sich an einer Bauherrengemeinschaft beteiligt hatte. Seither ist das Familienglück perfekt. „Die Familie ist das große Gravitationszentrum“, sagt er.

Verglichen mit anderen Ländern, davon ist der Professor überzeugt, lebt die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland noch immer „auf der Insel der Seligen“. Anderswo seien die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme wesentlich gravierender, so Arndt. Als Beispiel nennt er die Jugendarbeitslosigkeit, die in Ländern wie Spanien und Italien deutlich höher liege. Aufgabe der Forschung sei, die Politik in solchen Fragen zu beraten, Lösungsansätze aufzuzeigen, um das System zu stabilisieren. Dazu sei es für die Zukunft unter anderem wichtig, die Mechanismen einer Finanzkrise besser zu durchschauen und zu verstehen.

Weil ihn die Instrumente der Volkswirtschaft immer mehr in Anspruch nehmen, bleibt für sein eigenes Instrument weniger Zeit. Hin und wieder bläst er auf seiner Trompete, südamerikanischen Rum bekommt er dafür allerdings keinen mehr. Momentan ist er dabei eine neue Kombo zu gründen: Die Arndt Hausband. „Es gibt sehr hoffungsvolle Anzeichen, dass es etwas werden könnte“, sagt der Familienvater, der über Armut forscht, den Reichtum seines Lebens aber längst gefunden hat.