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Heimchen und Rabenmütter

Er im Büro, sie am Herd – das war gestern. Oder? Christiane Schmieder, Professorin an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, beleuchtet die Familienkultur der Gegenwart.

Ein ganz normaler Vormittag in der Mitte der Gesellschaft. Frau Schulze verbringt ihn im Büro, wo sie ganztags arbeitet, während ihre Söhne in der Krippe betreut werden. Frau Maier weilt zur gleichen Zeit in den eigenen vier Wänden, wo sich die Mutter um ihre kleinen Töchter kümmert. Beide Familien planen ihre Zukunft unterschiedlich, was eigentlich keiner besonderen Erwähnung bedürfte, läge nicht ein seltsamer Sound über den Lebensentwürfen der Maiers und der Schulzes. Eine Frau, die auf Kind und Karriere setzt, steht gerne im Verdacht, sich mehr ums eigene Wohl zu kümmern als um das ihrer Lieben. Die andere Seite hat es nicht viel besser. Mütter, die in ihrer Rolle als Hausfrau aufgehen, gelten als Heimchen am Herd. Beide Seiten stehen sich im Spiegel der Familienpolitik unversöhnlich gegenüber.

Was ist los in dieser Gesellschaft, in der Eltern wie Kinder angeblich so gute Startchancen haben wie keine andere Generation davor? Warum fühlen sich Familien in ihrem Lebensstil angegriffen, wenn andere dafür werben, anders zu leben? An welchem Eheleitbild richten wir uns aus? Auf solche und andere Fragen sucht eine junge Wissenschaftlerin aus dem Osten tief im Süden seit einem Jahr fundierte Antworten. Gestatten: Christiane Schmieder, 34, Professorin für Recht in der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, Forschungsschwerpunkt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“.

Mittagszeit am Ortsrand von Ludwigsburg. Neben dem Salonwald, in dem Jogger gemächlich ihre Runden drehen, steht ein Bau, der sich einfügt in die Landschaft. Ein Ort, der Behaglichkeit ausstrahlt und wie gemacht scheint, um in der nötigen Ruhe über zentrale Fragen in unruhigen Zeiten zu sinnieren. Christiane Schmieder lehrt und forscht in diesem Biotop. Drei Tage in der Woche ist sie an der Evangelischen Hochschule. Die übrigen Tage verbringt sie unweit von Hannover, wo ihre Familie wohnt.

Es ist ein knackiges Programm, das sich die Juristin mit dem Bubikopf auflädt, bei der sich die Dinge gefügt haben, ohne dass sie daran dachte, sie genau so zu fügen. Geboren in Halle an der Saale zu einer Zeit, als das DDR-Regime die Muttererwerbstätigkeit hoch hält, kommt sie mit einem Jahr wie fast alle Kinder in die Ganztagskrippe. Im Westen wird der Muttertag begangen, im Osten feiert man den internationalen Frauentag und schwenkt die Fahne der Gleichberechtigung. So richtig bewusst werden ihr die Kulturunterschiede erst nach dem Mauerfall. In Halle schreibt sie sich für Jura ein, der Liebe wegen studiert sie in Hannover zu Ende.

Der Mann fürs Leben heißt Fabian, das erste Kind kündigt sich an. Christiane Schmieder erhält ihre Zulassung als Rechtsanwältin und arbeitet am Institut für Sozialpädagogik an der Uni Hildesheim. In der Endphase ihrer Dissertation zum Thema „Kinderdelinquenz vor den Familiengerichten“ fühlt sie sich beruflich an einer Kreuzung angekommen. Hochschulkarriere oder Praxis?

Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße, heißt es. Sie will ihren Marktwert testen und schickt Bewerbungen an einige Hochschulen. Sommer 2010. Plötzlich liegt ein Schreiben der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg im Briefkasten, die nicht nur im Ruf steht, den studentischen Nachwuchs gründlich auszubilden, sondern auch beim Lehrpersonal ungewöhnliche Wege zu gehen.

Ihr ist ein bisschen mulmig zumute, als sie hinfährt. Das hat drei Gründe: die Doktorarbeit ist noch nicht fertig, in ihrem Bauch reift das zweite Kind in der zehnten Woche heran und vor ihr liegt ein Bewerbungsverfahren, bei dem sie als Juristin, die sich gemeinhin allein von Fakten leiten lässt, auf gefühlsbetonte Pädagogen treffen wird, die neben dem Argument vor allem den Härchen in ihrer Nase vertrauen. Sie überzeugt die Schwaben, die ihr den Job anbieten. Die Hochschule bringt dafür ein Opfer und wartete ein Semester länger. Die junge Mutter übergibt den Sohn nach drei Monaten an ihren Mann, der sich als Jurist im Innenministerium von Niedersachsen für ein Jahr in die Elternzeit verabschiedet, was ausweislich der Angaben seiner Frau nicht zu seinem Schaden ist.

Pünktlich zum Sommersemester 2011 fängt die Juristin in Ludwigsburg an. Nicht selten steht sie vor Studenten, die ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben, was beide Seiten wenig stört. Spannender ist der Stoff, den sie vermittelt. In ihrer Antrittsvorlesung beleuchtet Christiane Schmieder die Geschichte des Eheleitbilds beginnend mit dem Paragraphen 1356 aus der Zeit um 1900, in welchem der Ehefrau die Haushaltspflicht verbindlich zugeschrieben war. Fast 50 Jahre dauert es, bis mit dem Grundgesetz die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Verfassung verankert wird.

„Ich habe eine Botschaft“, sagt die Wissenschaftlerin. Sätze, die mit „Mutter“ beginnen, hören bei ihr häufig mit „Erwerbstätigkeit“ auf. Dabei sei sie weit davon entfernt, Frauen zu stigmatisieren, die ihren Job aufgeben, um in der Familie aufzugehen und die eigenen Kinder zu fördern. „Ich will nicht alle zum Umschwenken bringen“, sagt sie, „aber ich will, dass auf der Basis von Fakten mehr über dieses Thema nachgedacht wird.“

Zu den Fakten, die sie meint, gehört der Befund, dass im Falle einer Trennung gerade Mütter, die ihren Job aufgegeben haben, oft in Bedrängnis geraten. „Alleinerziehende Frauen sind in dieser Gesellschaft eine der größten Gruppen, die vom Armutsrisiko bedroht sind.“ Und noch eines ist der Expertin wichtig: Wenn Kinder fremd betreut werden, ist das per se weder schlecht für ihre spätere Entwicklung, noch führt dies unweigerlich zur Entfremdung.

Seit ihrer Berufung nach Ludwigsburg ist Christiane Schmieder eine Art Fräulein Smilla für die moderne Gesellschaft geworden. Sie hat ein feines Gespür entwickelt für die Bruchstellen zwischen Schein und Sein im Familienbild einer fortschrittlichen und scheinbar neutralen Gesellschaft. „Hinter den Türen sieht es oft anders aus“, sagt sie und verweist auf das Elterngeld, das 2007 „einer der größten familienpolitischen Fortschritte“ in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen sei. Dem folgte auf dem Fuße die aus ihrer Sicht weniger erbauliche Debatte um das Betreuungsgeld. Zunächst 100, später 150 Euro im Monat sollten Eltern, die ihr unter drei Jahre altes Kind zu Hause betreuen, vom Staat erhalten. So will es die bayerische CSU. Das ist das Gegenteil dessen, was die Schwesterpartei CDU mit Krippenausbau und Elterngeld erreichen wollte: Beides sollte Eltern ermöglichen, schneller in den Beruf zurückzukehren. Die CDU gab sich modern. Nun soll belohnt werden, wer länger zu Hause bleibt. Für Christiane Schmieder ein einziger Widerspruch. „Im Grund soll jetzt Geld für eine gestrige Familienpolitik ausgegeben werden, um sich zu entschuldigen für die progressive Familienpolitik der letzten Jahre. Das ist völlig abstrus.“

Vertrauensvoll blicken müde Augen aus einem wachen Gesicht. Die Professorin muss weiter, ihre Studenten warten. Jeder möge letztlich nach seiner Facon glücklich werden, befindet zum Abschied die Pendlerin zwischen Familie und Beruf, die ihre Karriere nicht als Blaupause für andere versteht. „Unser Lebensentwurf funktioniert mit zwei Kindern und zwei Vollzeitbeschäftigten nur, wenn alles sehr klar geregelt ist“. Das sei manchmal bei aller Dynamik durchaus zehrend. „Mir fällt es oft schwer, runterzufahren“, räumt die Powerfrau ein, die sich einerseits nach mehr Ruhe sehnt und gleichzeitig die Langeweile fürchtet. „In den vergangenen fünf Jahren ist so viel passiert bei uns, dass ich fast schon Angst habe vor der Abkühlungsphase.“