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Der alte Störenfried

In den sechziger Jahren hat Horst Tögel Pädagogik in Esslingen studiert. Danach machte sich der Lehrer wie kaum ein anderer verdient um die Integration von Behinderten.

Der Störenfried ist alt geworden, aber er stört noch immer. Es ist das Lutherische in ihm. „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ So geht das seit vielen Jahren. Es ist für ihn fast selbstverständlich geworden. Manchmal, wenn sie ihr Publikum im Saal rocken, kneift er für einen Moment die Lippen unter dem pfeffergrauen Schnauzer zusammen und lässt sich durch den Kopf gehen, wie das alles angefangen hat mit seinen behinderten Musikern. Heute schauen die Leute zu ihnen auf. Früher war es andersrum. Seitdem stört er.

Es hat sich so gefügt bei Horst Tögel, dem Lehrer. In den sechziger Jahren hat er am Pädagogischen Institut in Esslingen studiert, das heute Pädagogische Hochschule heißt und in Schwäbisch Gmünd angesiedelt ist. Volksschullehrer wollte Tögel werden, wie es damals hieß. Ein sicherer Job. „Wenn man die Prüfung bestand, hatte man einen sicheren Job“, sagt der in Ehren ergraute Pädagoge, in dem die Zeit noch wach ist, in der er als Student mit seinen Kollegen die Welt verändern wollte. Manche kamen in den Schuldienst, andere wurden Maler, wobei es sich in beiden Fällen um eine Kunst für sich handelt.

Die Praxis stand für die angehenden Schulmeister damals im Mittelpunkt. Das hat Tögel geprägt, der seit dem Studium mehr dem Tätigen zuneigt als dem Untätigen, mehr dem Probieren als dem Totdiskutieren. Seine erste Stelle war in Eglosheim an der Volksschule. Dort hat er gemerkt, dass es die schwierigen Kandidaten sind, die seiner bedürfen. Also hängte er ein paar Semester dran und wechselte an die Hilfsschule, die später in Sonderschule umgetauft wurde.

Damals spukte noch der Geist der jüngeren Vergangenheit in manchen Köpfen herum. Die Nationalsozialisten hatten Behinderte weggesperrt und umgebracht und aus dem Bewusstsein der Menschen gelöscht. Horst Tögel, der Junglehrer, spürte diesen Geist, wenn er mit gehandicapten Schülern in Gasthäuser wollte, und die Wirtsleute sagten, dass alle Tische reserviert seien, obwohl noch viele frei waren. Er spürte ihn an den Blicken auf der Straße und er spürte ihn an der Reaktion seiner Schüler.

Der 1940 geborene Tögel arbeitete auf seine Weise dagegen an. Er leitete zunächst eine Schule für Lernbehinderte in Ditzingen und kam dann in den siebziger Jahren nach Ludwigsburg an die Schule für geistig Behinderte in der Brenzstraße. „Da ist die Geschichte los gegangen“, sagt Horst Tögel, „als Salvatore vor mir stand.“

Der Junge hatte nichts als seine kleine Zieharmonika und sein Lehrer spürte, „dass sich über die Musik noch am ehesten was machen lässt“. In seiner Not kaufte sich Tögel eine Quetsche und versuchte, von seinem geistig behinderten Schüler, der kaum ein Wort sprach, zu lernen. Jeden Tag haben sie eine halbe Stunde in der Schule gespielt, und irgendwann kam der Volker mit dem Downsyndrom und wollte auch mitmachen. So ist das Orchester langsam gewachsen.

Die meisten konnten weder Noten, noch beherrschten sie ein Instrument. Horst Tögel versuchte das zu ändern und zahlte dabei Lehrgeld. Er probierte es mit Flöten und kleinen Gitarren, deren Saiten farblich markiert waren. Das Ergebnis ließ ihn erschaudern. „Es war schrecklich“, sagt er. „Aber ich habe gelernt, was geht, und was nicht geht.“ Kazoos gingen. In die schlichten Blechtröten konnten jene Schüler hineinsingen, die kein Instrument hatten. Das war ein Anfang.

Nach einem Jahr trauten sie sich zu ersten Konzerten, und man kann im Rückblick sagen, dass die Band ihr Publikum auf eine harte Probe gestellt hat. Tögel zähmte seine leidenschaftlichen Musiker auf der Bühne so gut es ging. Das Ermahnen war manchmal bitter und manchmal nötig und manchmal bitter nötig. Es war für den Lehrer wie für seine Schüler eine Exkursion zu den Grenzen des Erreichbaren. Sie endete vorläufig mit dem Neubau der Schule am Favoritepark und dem Abschluss der Schulzeit für Salvatore und Volker und die anderen. Die Musiker gingen danach in die Werkstätten für Behinderte und Horst Tögel kümmerte sich verstärkt um die Organisation der neuen Schule. Er störte zwar weiter. Aber er störte leiser.

Zwanzig Jahre lang war die Brenz Band von der Bildfläche verschwunden, und sie wäre vermutlich auch heute noch ein Fall für „Kamerad-weißt-du-noch-Geschichten“, wenn dem Schulleiter nicht zufällig beim Aufräumen ein Foto von jenem Konzert in der Ludwigsburger Fußgängerzone untergekommen wäre. An der zwanzig Jahre alten Aufnahme klebten Erinnerungen, und sie ließen ihn nicht mehr los. Horst Tögel fasste den Entschluss, sich auf die Suche nach den Musikern von damals zu machen. Er fand sie in den Werkstätten der Umgebung, ungebeugt und ungezähmt und ungebremst in ihrem Tatendrang.

1997 haben sie zum ersten Mal wieder gespielt. Sie brachten ihre Instrumente mit, und er brachte seine mit. Tögel ist Autodidakt. Er spielt Dudelsack, Akkordeon, Mandoline, Drehleier und noch manches mehr. Einmal in der Woche trafen sie sich in einem Nebenraum der Behindertenwerkstatt. Sie studierten, improvisierten und probierten. Schon bald brauchten sie das nicht mehr, weil sie bei ihren Konzerten auf der Bühne übten, ohne dass es ihr Publikum merkte.

Der Störenfried in Horst Tögel wurde mutiger. Mit seiner Kombo, in der Behinderte spielten und solche, die von sich sagten, sie seien es nicht, wagte er sich für eine Konzertreise in den Libanon. Durch die Säle tanzten Moslems und Christen, Behinderte und Nichtbehinderte, Reiche und Ärmere, Prominente und weniger Prominente. Aus der Konzertreise erwuchs neben einem Hilfsprojekt im Libanon auch der Anspruch, möglichst der ganzen Welt zu zeigen, dass Anderssein kein Makel sein muss, sondern zu einem Markenzeichen werden kann.

Die Brenz Band spielte leidenschaftlich, kraftvoll und unnachahmlich – und tut es bis heute. Sie begeisterte das Publikum in Polen, in der Schweiz und sogar in China. Tögel, mittlerweile nach mehr als 40 Jahren im Schuldienst pensioniert, hat seine Buben mit jedem Jahr mehr reifen sehen, musikalisch und menschlich. In anderen gemischten Bands schlagen Behinderte oft nur die Trommel, und wenn die Profis nicht mehr spielen, dann ist es keine Musik mehr. Bei der Brenz Band ist das anders. Wenn die Nichtbehinderten eine Pause einlegen, dann spielen die Behinderten weiter. Sie können das.

Längst haben sie Mozart, Beatles und Beethoven im Repertoire, insgesamt über hundert Musikstücke, alles auswendig. Tögel steht noch immer mittendrin und dirigiert sein etwas anderes Orchester auf hemdsärmelige Art, die nicht immer jedem um ihn herum liegen mag, aber doch vieles in Bewegung bringt. Sie gastieren in kleinen Altenheimen und in großen Stadthallen. Sie spielen für andere und für sich. „Nach den Auftritten gehen sie auf die Leute im Publikum zu und reden über sich“, sagt er über die Behinderten, die als Kinder zu ihm kamen und jetzt auch schon jenseits der 40 sind. „Sie tun das selbstbewusst, denn sie empfinden ihre Behinderung als etwas, das ihnen gegeben ist, wie blonde Haare oder platte Füße.“

Zu den größten Auftritten der Bandgeschichte gehörte bis heute jener in Paris bei der Unesco. Die weltumspannende Organisation hatte Tögel und die Seinen zu „Künstlern für den Frieden“ ernannt. Sie nahmen die Urkunde entgegen und spielten im Pariser Hauptquartier, brachten Leben in die heiligen Hallen und verzückten selbst den kontrollierten Generaldirektor aus Japan. Als das Konzert zu Ende war, zog sich Horst Tögel still in eine Ecke des Saals zurück und offenbarte, dass seine Seele nicht aus Teflon ist, wie man es von Pfannen kennt, an denen alles abperlt. „Seit vielen, vielen Jahren bohre ich dicke Bretter“, sagte er mit zitternder Stimme. „Und jetzt endlich bin ich durch.“