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Der ewige Biolehrer

Winfried Kretschmann führt die erste Landesregierung Deutschlands, bei der das Grün vor dem Rot steht. Studiert hat er einst Biologie an der Uni Hohenheim. Das prägt ihn bis heute: „Erst die Fakten, dann das Urteil.“

Es gibt eine alte Geschichte von Winfried Kretschmann, die nie erzählt wurde und dabei so viel erzählt über den Mann, der jetzt zwischen Main und Bodensee regiert und das schwarze Terrain auf seine Art grün einfärbt. Die Geschichte beginnt 1992 vor der Landtagswahl. Kretschmann, Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg und Umweltexperte seiner Fraktion, tritt in Nürtingen zur Landtagswahl an. Er will wiedergewählt werden ins Parlament am Oberen Schlossgarten in Stuttgart, doch es droht Ungemach. Der Remstalrebell Helmut Palmer, der lustvoll im gleichen Stimmenteich fischt, möchte ebenfalls in Nürtingen antreten.

Als er davon hört, besucht Kretschmann den wortgewaltigen Bürgerrechtler, um ihn davon zu überzeugen, lieber anderswo seine gefürchteten Reden wider die Obrigkeit zu schwingen. Der widerspenstige Palmer, der nicht wie Schnittlauch auf allen Suppen schwimmt, lehnt nicht nur dankend ab, sondern erzählt fortan auch noch bei jeder Gelegenheit, Kretschmann sei auf Knien durch sein Haus gerobbt, um ihn von einer Kandidatur abzubringen. Am Ende kommt es wie befürchtet: Der schwäbische Revoluzzer nimmt dem Politiker beim Urnengang so viele Stimmen ab, dass er für vier Jahre außerplanmäßig als Lehrer zurück in den Schuldienst muss.

Es gibt nachtragende Menschen und solche wie Winfried Kretschmann, der 1996 sein politisches Comeback feierte und bald zum Fraktionschef der Grünen aufstieg. Eines Tages gesellte sich ein frisch gewählter Abgeordneter zu den Seinen: Boris Erasmus Palmer, der eingeborene Sohn des eigenwilligen Remstälers, dessentwegen Kretschmann sein Mandat verloren hatte. Doch statt den Neuen in Sippenhaft zu nehmen, ließ der Fraktionschef Kretschmann die Vergangenheit ruhen, betrachtete das Talent aus Tübingen wie einen Ziehsohn und förderte ihn nach Kräften. Nach Helmut Palmers Tod kam Kretschmann zur Beerdigung, drückte den trauernden Sohn und stand ihm in schwerer Stunde zur Seite, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Lange her ist das. Boris Palmer sitzt jetzt als Oberbürgermeister in Tübingen und der Ex-Lehrer Winfried Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident der Republik in einem schlichten Ledersessel, der zu seinem kleinen Dienstzimmer im badenwürttembergischen Landtag gehört. Es ist später Nachmittag, der Schwabenpremier hat gerade eine anstrengende Sitzung mit Parteifreunden hinter und noch drei Termine vor sich. Für einen Moment lockert er seine Krawatte und tauscht die eleganten Herrenschuhe gegen bequemere Treter mit Gummisohle. Leise spricht er und weise. Ausnahmsweise geht es nicht um den Stuttgarter Bahnhof, sondern um eine persönliche Station seines Lebens. Es geht um die Zeit, als er Lehrer wurde an der Universität in Hohenheim. Ohne sie wäre er heute wohl nicht Ministerpräsident. „Das Studium hat mich geprägt“, sagt Winfried Kretschmann. „Ich zähle es zu den schönsten Abschnitten meines Lebens.“

Sein Vater hätte ihn lieber als Pfarrer gesehen. Der Volksschullehrer vom alten Schlag hat seinen Buben in den ersten vier Jahren noch selbst unterrichtete in Zwiefalten-Sonderbuch, wo die Natur mit breitem Strich aufgetragen ist und sich der ganze Reichtum des Kirchenjahres offenbart. Damit der Junge entsprechend gedüngt wird, schickte ihn der Vater auf ein katholisches Internat nach Riedlingen. In der Enge dieser klerikalen Welt war Winfried Kretschmann kreuzunglücklich, weshalb er aufs Gymnasium in Sigmaringen wechselte und nach der Bundeswehrzeit auf die Universität in Hohenheim. Für Chemie, Ethik und Biologie schrieb er sich ein. Letzteres hatte mit seiner Liebe zur Natur zu tun, die ihn später auch zu den Grünen führte.

Die Hörsäle in Hohenheim waren mit dem Geist der denkerischen Weite geheizt, was dem Studenten aus der Provinz entgegen kam, der bald sein erstes Spitzenamt inne hatte. Als Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses kümmerte er sich um die Belange der Nachwuchswissenschaftler und rieb sich gelegentlich mit George Turner, dem ehrbaren Präsidenten der Universität, dessen Sohn Sebastian später nicht nur als Top-Werber aufhorchen lassen sollte, sondern auch als Be-Werber um den Oberbürgermeisterposten in Stuttgart.

Seine persönlichen Lehren hat er jedenfalls daraus gezogen. „Die linksradikale Bewegung ist ausgefranst in Sektierertum und Gewalt. Sie war letztlich ein fundamentaler politischer Irrtum.“

Politik beginnt mit dem Betrachten der Wirklichkeit, hat sein Amtskollege Erwin Teufel früher oft gesagt und damit nicht nur den Sozialdemokraten Kurt Schumacher zitiert, sondern auch ein wahres Wort gesprochen, das sich auch auf den jungen Kretschmann anwenden lässt. Der Biologiestudent zog aus dem Betrachten der Wirklichkeit den Schluss, dass er seine politische Heimat weniger bei den Kommunisten als in der neuen Ökobewegung finden würde. Bevor er 1980 für die Grünen mit fünf anderen in den ersten Landtag eines Flächenstaates einzog, brachte er sein Studium zu Ende, das gleichsam eine Voraussetzung war für alles, was danach folgte. „Die naturwissenschaftliche Prägung möchte ich nicht missen“, sagt Kretschmann über Kretschmann. „Erst die Fakten, dann das Urteil.“

Vom hübschen Campus in Hohenheim, wo sich der Student den Gesetzen der Naturwissenschaft ebenso zuwandte wie jenen der Politik, ging es für einige Berufsjahre ins Klassenzimmer, ehe die Politik ihn krallte und bis heute nicht wieder frei gab. Kretschmann unterrichtete in Stuttgart, Esslingen und Bad Schussenried und irgendwann auch am Hohenzollern-Gymnasium in Sigmaringen, was insofern eine besondere Note für den Junglehrer hatte, als dass viele seiner Kollegen ihn früher selbst unterrichtet hatten. „Das war schon witzig.“

Weniger lustig war hingegen die Niederlage, in deren Folge er 1992 für vier Jahre aus der Politik zurück ins Klassenzimmer musste, weil der Remstalrebell ihm die nötigen Wählerstimmen abspenstig gemacht hatte. Auch da ist der Ministerpräsident im Rückblick milde gestimmt. „Das einzige Problem war, nach der Zeit auf dem politischen Parkett wieder eine kindergemäße Sprache zu finden“, sagt er mit der Aura des einsamen Propheten. „Ansonsten habe ich den Lehrerberuf genauso leidenschaftlich ausgeübt, wie ich Politik mache.“

Besondere Talente werden manchmal vererbt, zumal dann, wenn sich die Gattin der gleichen Passion und also der Pädagogik verschrieben hat. Drei Kinder haben Gerlinde und Winfried Kretschmann. Zwei von ihnen arbeiten als Lehrer, während der Vater in seinem dreiundsechzigsten Frühling das Land regiert und eine neue Art von Politik versucht. „Es ist ein unglaublicher Schlauch“, hat Erwin Teufel einmal über diesen Job gesagt. Kretschmann, den mancherlei mit dem Ex-Premier aus seiner Geburtsstadt Spaichingen verbindet, dürfte ihm in diesem Punkt beipflichten. Fast 2000 Terminanfragen gehen jeden Monat in seinem Büro ein. Das Pensum ist fast unmenschlich.

Es ist spät geworden. Der nächste Auftritt wartet, das nächste Gespräch, die nächste Entscheidung. Biolehrer war gestern, Ministerpräsident ist heute. Der eine ist ohne den anderen nicht denkbar. Der Landesvater Winfried Kretschmann streift sein Jackett über und schlüpft in die Schuhe mit der Ledersohle. Sie passen besser zum Amt. Ob sie auch zu ihm passen, ist eine andere Frage.