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Immer auf dem Sprung

„Jeder Mensch hat das Potenzial etwas zu verändern“, sagt Martin Hoffmann. In Botswana leistet er praktische Entwicklungshilfe, an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg studiert er die Theorie.

Irgendwo in einer Schublade liegt sie und schweigt zu den Gedanken eines jungen Mannes, die konserviert sind in kurzen Sätzen. Martin Hoffmann hat sie vor langer Zeit aufgeschrieben. Einfach so. Eines Tages wird er sie hervorkramen und mit der Wirklichkeit vergleichen.

In der Schublade liegt eine To-do-Liste fürs Leben. „Spontane Geschenke machen“, steht dort. Vielleicht wird er irgendwann in einem Restaurant die Rechnung für die Gäste übernehmen, einfach zahlen und gehen. Das ist ein Traum von ihm. Einer von vielen. „Ich möchte mit meinem Leben auch andere glücklich machen.“

So denkt einer, der in einem gediegenen Pfarrhaus groß geworden ist, in Afrika gelebt hat und Internationale Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg studiert. Martin Hoffmann, Jahrgang 1984, stammt aus Hornbach im Pfälzerwald. Mit drei Schwestern ist er dort aufgewachsen in einer ländlichen Gegend, gedüngt mit protestantischem Liberalismus.

Der Vater ist Seelsorger, einer von denen, die christlich nicht einengen. Manchmal tauscht er mit einem katholischen Kollegen im nahen Frankreich die Kanzel. Der Sohn wächst auf in diesem Geist. Im Sehen bis zu Gott liegt auch für ihn ein Schlüssel zum Handeln. Er tut es auf seine Weise in der kirchlichen Jugendarbeit.

Ans Abitur hängt Martin Hoffmann ein freiwilliges soziales Jahr an. Er organisiert Gottesdienste im Freibad für das junge Kirchenvolk und engagiert sich in der Friedensbewegung. Manches im weiten Reich des Herrn erscheint ihm verkehrt. „Mir fehlte die Gerechtigkeit in der Welt.“

Armut kennt Hoffmann nicht nur aus der Tagesschau. Daran ist auch seine Großmutter schuld, die eine Reise nach Namibia, Botswana und Simbabwe bucht und plötzlich merkt, dass sie dafür ein bisschen zu alt ist. Also schickt sie ihren Enkel. „Dabei habe ich zum ersten Mal Menschen getroffen, die so wenig hatten, dass sie sich über eine leere Wasserflasche gefreut haben“, erzählt Hoffmann. „Das hat mir die Augen geöffnet.“ Als er zurück ist, jobbt er in der Fabrik. Er möchte noch mehr sehen von der Lebenswirklichkeit anderer und plant eine Weltreise. Auch wegen seiner To-do-Liste, auf der es heißt: „100 Länder besuchen.“

Mit 11.000 Euro, die er sich am Fließband erschuftet hat, zieht er los nach Vietnam, Laos, Singapur, Malaysia, Kambodscha, Indonesien, Thailand und von dort weiter nach Australien. Er mag das Reisen, weil man dabei andere Leben ausprobieren kann. In Neuseeland arbeitet er ein paar Wochen für Greenpeace. Von dort geht es weiter nach Südamerika, wo er in bequemen Betten von Luxushotels ebenso nächtigt wie auf dem nackten Boden in billigen Hütten. Irgendwann in dieser Zeit fängt er damit an, vor Freude zu springen. Er macht daraus eine Fotoserie. Mal springt er über ein Lagerfeuer, mal am Gummiseil in einen Wasserfall.

Nach seiner Rückkehr fühlt sich die Heimat anders an. Dem Globetrotter fällt auf, wie sehr in Deutschland kleine Probleme groß geredet werden. Der Bankmanager Hilmar Kopper hat das einmal provozierend so beschrieben: „Die deutsche Armutsgrenze liegt irgendwo zwischen Mallorca und den Seychellen.“ Hoffmann formuliert es anders: „Meine Lebenszeit ist mir einfach zu kostbar, um mich ständig darüber aufzuregen, dass der Bus zwei Minuten zu spät kommt. Diese Welt hat bedeutend krassere Probleme.“

Er will nun studieren. Doch plötzlich wird ihm die Stelle eines Jugendarbeiters angeboten. Er soll Konfirmanden unterrichten, Freizeiten nach Skandinavien organisieren, Bands betreuen, Freizeitangebote machen. Zwei Jahre kümmert sich der Abiturient um diesen verantwortungsvollen Job. Die Hochschule muss noch warten.

Im Herbst 2009 beginnt Hoffmann auf der Karlshöhe in Ludwigsburg das Studium der Internationalen Sozialen Arbeit. Es geht um globales Handeln, um Gerechtigkeit, um Parallelgesellschaften, um die Kluft zwischen arm und reich, um Entwicklungspolitik. Hoffmann, der satt zu essen hat, ist längst nicht gesättigt, wenn es darum geht, andere satt zu kriegen. „Unsere Konsumentscheidungen in Deutschland wirken sich auf andere Teile der Welt aus“, sagt er. „Ich will verstehen, wie das alles zusammenhängt.“

Der Studiengang an der Evangelischen Hochschule ist dafür genau der richtige. Er ist einzigartig in Deutschland. Der Pfälzer fühlt sich wohl im grünen Winkel zwischen Salonwald und Bundesstraße 27. Hier kann er sich in Ruhe mit Fragen befassen, die tiefer gehen. Der Student hängt sich rein. Er wird nicht nur Semestersprecher, sondern auch in den Senat der Hochschule gewählt.

Wer sich einmal „Internationaler Sozialarbeiter“ nennen und mit dem Bachelor in der Tasche ans Werk gehen will, muss zwei Semester im Ausland studieren. Hoffmann entscheidet sich für Botswana. Zwei Millionen Menschen leben dort und drei Millionen Rinder. Fast 25 Prozent der Bevölkerung sind HIV-positiv. Es gibt nur wenige Alte.

Hoffmann zieht in eine Wohngemeinschaft, in welcher die Putzfrau vorsorglich einen Hunderterpack Kondome bereit legt. Botswana ist geprägt von einer dynamischen Volkswirtschaft auf archaischem Wurzelwerk. Hoffmanns Kommilitonen an der Uni haben Laptops und Rinder. Bei Hochzeiten zahlt auch der studierte Bräutigam mit Kühen. Das ist Tradition in der Moderne.

Dem Deutschen begegnet so manches Elend. Er spürt, dass sich in Botswana mit wenig Geld viel bewegen lässt. „Wenn ich mich für andere einsetze, ist das eine Win-win-Situation“, sagt er. „Es gibt ihnen was und es gibt mir was.“ Hoffmann schließt sich fünf Studenten an, die einen Verein aus der Taufe gehoben haben. „Heartbeats“ heißt das Baby. Es geht nicht um Entwicklungshilfe, sondern um Zusammenarbeit. Voneinander lernen, sich austauschen. „Vunghana voko a vokweni“, heißt das in Botswana. Freunde Hand in Hand.

Die Studenten sammeln Spenden und unterstützen damit einen Jugendclub in der Hauptstadt Gaborone. Sie stellen das Startkapital für ältere Frauen, die sich mit Handtaschen und Schmuck aus eigener Fabrikation ein wenig Geld zuverdienen. Sie gewähren einem Studenten aus Botswana ein zinsloses Darlehen, damit er nach Deutschland fliegen und eine Ausbildung machen kann. Ihre Spendenkasse ist eher bescheiden, aber wirkliche Größe offenbart sich im Kleinen. „Jeder Mensch hat das Potenzial etwas zu verändern“, sagt Hoffmann.

In Botswana lernt der Student Land und Leute kennen. An der Universität in Gaborone sind 15.000 Studenten eingeschrieben, an seiner Hochschule in Ludwigsburg sind es 900. Auch sonst ist manches gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn es um die Pünktlichkeit geht. „Ihr Europäer habt die Uhr“, sagt ihm ein Freund. „Wir Afrikaner haben die Zeit.“ Wer sich um 18 Uhr verabredet, muss damit rechnen, drei Stunden zu warten. Niemand regt sich darüber auf.

Botswana macht einen gewaltigen Entwicklungsschub. An vielen Ecken bauen Chinesen, deren Regierung sich Rohstoffe gesichert hat, neue Straßen. Es geht voran im afrikanischen Musterstaat für Demokratie. Manchmal ist es dem jungen Deutschen fast ein bisschen unheimlich. Die meisten seiner Kommilitonen, die abends gerne getrocknete Maden zum TV-Programm knabbern, haben nie einen Brief auf Papier geschrieben. Sie stiegen gleich mit E-Mails ein und haben die Briefzeit übersprungen wie Hoffmann so manchen Bach übersprang für seine Fotoserie.

Die Reise ist zu Ende. Afrika war gestern, heute ist Europa. Hoffmann ist zurück in Deutschland. Als Nächstes steht ein viermonatiges Praxissemester im Europäischen Parlament in Brüssel an. Im Anschluss will er seinen Master machen und vielleicht irgendwo in einer internationalen Organisation daran mitwirken, dass die Entwicklungshilfe für Afrika vorankommt. Und dann ist da auch noch diese To-do- Liste. „Den Träumen Freiräume geben“, steht dort. Hoffmann ist auf einem guten Weg.