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Eine Klasse für sich

Elfriede Krüger hat in den siebziger Jahren an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg studiert. Ihr ganzes Berufsleben arbeitet sie als Lehrerin. Jetzt wählt ihre Tochter den gleichen Beruf.

Im Schloss zu Ludwigsburg gibt es einen Platz, an dem Halbwüchsige Theater machen dürfen, ohne dass sich jemand darüber ärgert. Kavaliersbau, Treppe hoch, erste Türe rechts. An diesem Ort passieren wundersame Dinge. Pubertierende verwandeln sich in Prinzen und freche Gören werden zu zahmen Hofdamen. Es braucht nicht mehr als ein paar Kleider, Schuhe, Perücken, Hüte und Kronen. Gepaart mit kindlicher Fantasie entsteht daraus ein unnachahmliches Schauspiel auf einer Bühne, welche der jungen Hofgesellschaft vorbehalten ist. „Levez-vouz!“ – Erheben Sie sich!

Elfriede Krüger lebt seit mehr als dreißig Jahren in diesem ehrwürdigen Gemäuer. Für ein solches Privileg muss man sich ewig binden: Die Lehrerin ist mit dem Schlossverwalter Ulrich Krüger verheiratet, dessen weitläufige Liegenschaft nicht weniger als 452 Zimmer zählt. Vier davon bewohnen die Krügers, die hier schon fast zum Inventar gehören wie die Spiegel im schlosseigenen Kinderreich, wo Erwachsene kostenlos baden können in einer tosenden See vergnügter Gesichter.

Frau Krüger, gerade im sechsundfünfzigsten Frühling, ist öfter hier. „Mit Kindern bleibt man jung“, sagt sie. Das kann man wohl sagen. Mit der Taille einer jungen Birke, wallendem Haar und hellwachem Blick bewegt sich die Schlossherrin federnden Schrittes in der herzoglichen Immobilie und wirkt dabei wie eine, die beim Einkaufsbummel in der nahen Stadt mit der eigenen Tochter glatt als deren Freundin durchgehen könnte.

Freundinnen sind sie auch, Tochter und Mutter, die nicht zuletzt der Beruf verbindet, für den sich beide entschieden haben. Die eine vor mehr als dreißig Jahren, in der Vergangenheit also, die andere in der jüngeren Gegenwart. Beide versuchen sie auf ihre Art die Rücksitzgeneration nach vorne zu bringen. Beide stehen im deutschen Bildungsbetrieb ihre Frau, jeden Tag aufs Neue.

Bei Elfriede Krüger, die alle Elfi nennen, war schon vor dem Abitur klar, dass sie Lehrerin werden wollte. Das hatte mit einem in Ehren ergrauten Pädagogen zu tun, der sie früher auf der Realschule unterrichtet hat. „Bei ihm war ein menschliches Denken hinter allem“, sagt sie. So etwas prägt. Nach dem Gymnasium schrieb sie sich an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg ein. Das erschien ihr praktisch, weil sie weiter zu Hause in Ditzingen wohnen konnte. „Da gefällt’s mir“, dachte sie sich. Auch wegen der Lage am Favoritepark, nur einen Steinwurf vom Schloss entfernt.

Die PH Ludwigsburg, hervorgegangen aus dem 1946 eröffneten Pädagogischen Institut Stuttgart, bildet Lehrer für Grund-, Haupt, Real- und Sonderschulen aus und gilt mit über 4.800 Studierenden und 380 Mitarbeitern als größte pädagogische Hochschule in Baden-Württemberg. Elfi Krüger brauchte nicht lange, um sich auf dem Campus wohlzufühlen. „Ich spürte im Studium keinen Leistungsdruck“, sagt sie, „obwohl ich viel gelernt habe.“

Bereits im zweiten Semester begegnete ihr der Mann fürs Leben, welcher sie wie der Prinz im Märchen alsbald ins Schloss bat. Ulrich Krüger war seinerzeit mit ein paar Narren auf dem Fasching, wo sich auch die Studentin herumtrieb. Sie war Gardemajorin, er wiederum erwies sich nicht als glitschiger Frosch, den man erst noch küssen muss, sondern tatsächlich als veritabler Schlossherr, zwar ohne Adelstitel, aber immerhin.

Ihre erste Stunde als Lehrerin gab Elfi Krüger 1976 in Ditzingen, ausgerechnet in der Heimatstadt. Dort saß nicht nur ihr fünfzehn Jahre jüngerer Bruder in der Schulklasse vor ihr, sondern auch der Nachbarsjunge. Eines Tages stand dessen Vater aufgebracht im Lehrerzimmer und bruddelte: „Du Elfriede, des goht so aber net mit meim Bua.“ – „Und ob das geht“, konterte die Frau Lehrerin und meisterte am Ende auch diese Prüfung.

Es ist viel passiert seitdem. „Als ich angefangen habe, spielten die Kinder meistens draußen auf der Straße“, sagt Elfriede Krüger. Heute ist das anders. Zu Hause gibt es Computer und TV-Geräte und Gameboys. Das Problem ist das Zuviel. Zu viele Medien. Zu viel Aktion. Zu viele Bilder, die im Kopf tanzen.„Das merkt man montags nach Wochenenden mit schlechtem Wetter im Unterricht.“ Fallen die Schüler in der Klasse aus der Rolle, werden nicht selten allzu schnelle Erklärungen gesucht. Es gibt immer mehr Hochbegabte und ADHS-Kinder. „Wir neigen zum Schubladendenken“, meint die Lehrerin. „Auf diese Weise soll alles, was von der Norm abweicht, eingeordnet werden.“

Manchmal wundert sie sich ein bisschen über den deutschen Bildungsbetrieb und die Panik, die ihm innewohnt. Manche Kinder bekämen schon in der zweiten Grundschulklasse gezielt Nachhilfe, damit sie es aufs Gymnasium schaffen. Eine „3“ in Deutsch gerät zur Katastrophe. „Das halte ich für bedenklich“, sagt sie. Jedes fünfte Kind in Deutschland leidet mittlerweile unter Phobien und Panikattacken. Seit 1990 hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in einer psychiatrischen Klinik behandelt wurden, im Südwesten verdreifacht. Fast 18 Prozent der Jungen und zwölf Prozent der Mädchen gelten laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts als verhaltensauffällig oder emotional belastet.

„Um so wichtiger ist es, dass Eltern zu ihren Kindern stehen, und zwar unabhängig von deren Leistung“, sagt die Lehrerin. „Misst man ein Kind immer nur an den Besseren, verliert es den Mut.“ So sieht sie das durch die Brille ihrer Erfahrung, nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Mutter. 1984 kam Mirko zur Welt, zwei Jahre später Tamara. Nach einer Auszeit unterrichtete Elfi Krüger weiter. 2003 wurde sie Rektorin an der Kasteneckschule in Freiberg. Das ist sie bis heute.

Früher war nicht alles besser, es war nur ein bisschen anders. Als sie frisch von der PH kam, galt die Mengenlehre als der große Wurf. Danach wurde es modern, Lernziele zu formulieren, in denen steht, was die Kinder einer Klasse am Ende des Schuljahres wissen sollten. Jetzt geht es verstärkt um individuelle Förderung. Eines hat sich für Elfi Krüger nicht geändert: Der Bedarf an guten Lehrern, die Zugang zu ihren Schülern finden und ihnen vermitteln, dass jeder seine Fähigkeiten hat. Das Gespür für Schwingungen hält die Rektorin für besonders wichtig. Manchmal gibt es Tage, an denen eine Klasse alles aufnehmen kann. Es gibt aber auch Stunden, in denen Langsamkeit das bessere Rezept ist.

Spätestens seit dem PISA-Schock ist Bildung ganz oben auf der Agenda. Die Politik hat die Brisanz des Themas erkannt. Es kann Wahlen entscheiden. Wütende Eltern gehen auf die Straße, wenn sich Bildungspläne ändern. Andere suchen ihr Glück in Privatschulen, die einen Rekordandrang verzeichnen, oder werden gleich selbst zum Hilfslehrer. Vierzig Prozent der Väter und Mütter helfen ihren Kindern regelmäßig bei den Hausaufgaben. Manche fühlen sich unwohl dabei, bis sie feststellen, dass es ihre Nachbarn genauso machen. Zunehmend verlagern sich schulische Inhalte in die Elternhäuser. Sonntags wird in vielen Wohnstuben gelernt. Zusatzunterricht statt Muße. Wer nicht selbst mit dem Filius paukt, hilft anders nach. Fast zwei Milliarden Euro geben deutsche Eltern jährlich für Nachhilfe und Lernsoftware aus.

Am besten aber soll es die Schule richten, die im Fokus von Politik und Eltern gleichermaßen steht und viele Erwartungen erfüllen muss. Als Rektorin und Beratungslehrerin mit psychologischer Zusatzausbildung hat Elfi Krüger ihre eigene Sicht auf die Dinge. „Wir brauchen nicht mehr PISA. Wir brauchen mehr Lehrerstunden, mehr Hilfsangebote direkt an der Schule und kleinere Klassen.“ Damit lasse sich einiges bewegen. „45 Minuten für 26 Schüler. Da kann sich jeder leicht ausrechen, wie viel heute für den Einzelnen bleibt.“

Ihren Job liebt sie trotzdem. Sie möchte nicht tauschen. Wahrscheinlich hat sich das vor langer Zeit auf die Tochter übertragen, die nun auch das Studium an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg abgeschlossen hat und als Referendarin vor ihren ersten Klassen steht. Zwei Kolleginnen, eine Leidenschaft. „Es ist einfach wunderschön, wenn kleine Gesichter dich anstrahlen“, sagt Elfi Krüger. „Jedes Kind ist einzigartig und wir brauchen sie alle.“