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Der den Raum flutet

Als Architekt und Ingenieur ist er vielfach preisgekrönt, als Professor bei den Studenten beliebt: Werner Sobek hört man gerne zu, weil er eine Distanz zu den Dingen hat, die Nähe schafft.

Er gehört zu einem seltenen Menschenschlag, welchem die Gabe geschenkt ist, andere mit dem Feuer der eigenen Begeisterung zu wärmen. Man muss Werner Sobek nur ein Stichwort geben, das mit Bauen zu tun hat. Und es brennt lichterloh. Vermutlich liegt das in seinen Genen. Vielleicht hatte er auch das Glück, den richtigen Menschen zur richtigen Zeit begegnet zu sein. 1974 hat Sobek sein Studium an der Uni in Stuttgart begonnen. Vier Lehrmeister haben ihn besonders geprägt: Klaus Linkwitz, Jörg Schlaich, Frei Otto und Jürgen Joedicke. „Ich habe bei ihnen die Tafel geputzt“, sagt Sobek und grinst. „Auf diese Weise habe ich ihre Vorlesungen noch ein zweites Mal gehört.“
40 Jahre später sitzt der Tafelputzer in einem Degerlocher Büro, vor dem immerzu Menschen warten, dass sich die Türe einen Spalt öffnet und ein charismatischer Mann zum Vorschein kommt, der ein sprudelnder Quell ist. Die Leute warten gerne, weil er sie bewässert. Wache Augen blicken durch eine unaufdringliche Brille. Es gibt Typen, die brauchen keinen Schnickschnack und kein pseudokosmopolitisches Imponiergehabe, um den Raum mit ihrer Präsenz zu fluten. Sobek ist so einer.
Als Architekt, Designer und Ingenieur ist der vielfach preisgekrönte Schwabe weltweit tätig. Seine 1992 gegründete Gruppe zählt mehr als 200 Mitarbeiter und hat Niederlassungen in Stuttgart, Dubai, Frankfurt, Istanbul, Moskau, London, New York und São Paulo. Ein Mann, der in zwei Universen lebt. Einer, der in Dubai die Glasfassade im welthöchsten Wolkenkratzer plant und zugleich in Stuttgart in einem Glashaus sitzt, gepriesen in zahlreichen Architekturpostillen als Keimzelle für eine Revolution im Bauwesen. Sobek bringt das alles spielend zusammen. Für ihn ist es kein Widerspruch, in Bangkok den Flughafen zu bauen und sich zugleich vom Klimawandel derart herausgefordert zu fühlen, dass er in Berlin und Stuttgart mit Leidenschaft und eigenem Geld recycelbare Effizienzhäuser verwirklicht, die vorweg nehmen, wie der Mensch schon heute wohnen kann, um die Erde von morgen nicht zu belasten.
Mit dem Virus des Bauens hat er sich früh angesteckt. 1953 in Aalen geboren, genießt Sobek in jungen Jahren am Rande der Ostalb die Weite des unverstellten Blicks ebenso wie die Stille der Provinz. Seine Eltern lehren ihn die Wertschätzung des anderen. Das prägt ihn. Der Vater, Ingenieur bei den Schwäbischen Hüttenwerken, werkelt am Wochenende gerne am eigenen Häusle. Manchmal deponiert er dafür ein paar Säcke Zement in der Garage. Meistens sind sie innerhalb von wenigen Stunden verarbeitet, allerdings nicht vom Vater, sondern vom Sohn. „Ich bin einer, der immer Neues schaffen muss“, sagt Werner Sobek über sich. „Das ist so, seit ich denken kann.“
An der Universität in Stuttgart schreibt er sich zunächst bei den Bauingenieuren ein. Dort muss er Berechnungen von Bauten anstellen. Ob diese Bauten sinnvoll sind, wagt keiner zu fragen. Ihm ist das zu wenig, weshalb Sobek parallel auch noch Architektur studiert. Getrieben von konstruktiver Neugier lauscht er den Vorlesungen renommierter Professoren, ohne zu ahnen, dass er sie einmal beerben würde. 1994 wird aus dem einstigen Studenten ein geschätzter Lehrer. Als Nachfolger von Frei Otto und Jörg Schlaich leitet Professor Werner Sobek bis heute das Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren an der Universität Stuttgart.
„Mein Impetus war immer die Schaffung von Schönheit“, sagt Sobek über seinen Lebensweg. Als er in den achtziger Jahren liest, dass die Politik der Autoindustrie vorgibt, Fahrzeuge zu großen Teilen recycelbar zu produzieren, kommt der Architekt ins Grübeln. Gebäude sind die größten Klimasünder der Welt. Ihr Bau und Abriss, ihr Betrieb und ihre Instandhaltung verbrauchen mehr Ressourcen und sorgen für mehr Emissionen als der gesamte Transport und Verkehr. Sobek beginnt schon in den neunziger Jahren Vorlesungen über recycelbare Bauten zu halten. Seine Kollegen schütteln den Kopf. Sie wollen nicht über den Verfall nachdenken, sie wollen für die Ewigkeit bauen. Der Stuttgarter Kollege folgt seinem eigenen Pfad.
Seine Exkursionen führen nicht selten über unbekanntes Terrain. Im Jahr 2000 stellt er eine neue Vision in den Raum. Wieder wird er belächelt. Sobek postuliert „Triple Zero“. Dahinter steckt die Idee, dass die Gebäude unserer Zeit aufs Jahr verteilt nicht mehr Energie verbrauchen, als sie selbst aus nachhaltigen Quellen erzeugen. Zudem sollen sie kein Kohlendioxid emittieren und eines Tages demontierbar und recyclingfähig sein, sodass kein Müll übrig bleibt. Die viel zitierte Vokabel „Nachhaltigkeit“ setzt sich mehr und mehr in ihm fest. 2007 gründet er mit anderen die „Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen“, die sich auf ihre Fahnen schreibt, Verantwortung für Probleme wie Klimawandel und Ressourcenverschwendung zu übernehmen statt sie kommenden Generationen zu überlassen. Fragt sich nur, ob sich das am Ende auch rechnet? In New York hat Sobek ein Schlüsselerlebnis. Er sitzt im Taxi, das im Stau steht. Im Radio unterhalten sich Fachleute über nachhaltiges Bauen und sprechen von einem blödsinnigen Trend aus dem alten Europa. Sobek spürt seinen Blutdruck steigen, als plötzlich einer der Experten in die Debatte wirft, dass auf diesem Markt reichlich Geld zu verdienen sei. Unversehens schwenkt die Runde um. „If there is that much money in the pot, then we go green!”
Solchermaßen beflügelt, begeistert der Stuttgarter Architekt auch die Politik für sein baukulturelles Selbstverständnis. Im Dezember 2011 weiht Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Berliner Fasanenstraße einen futuristischen Würfelbau ein, der als einzigartiges Modellprojekt die Alltagstauglichkeit eines Hauses erprobt, das nicht nur mehr Energie erzeugt als es verbraucht, sondern auch noch über eine Elektrotankstelle verfügt und somit als „E-Mobilie“ das Wohnen der Zukunft mit der Mobilität der Zukunft verbindet. Sobek ist der Kopf hinter dem „Effizienzhaus Plus“, das Hundertausende von Besuchern in Berlin anlockt. „Ich wollte das weiße Buch des nachhaltigen Bauens mit Text füllen“, sagt er.
Inzwischen sind einige Kapitel geschrieben und auch in Stuttgart gibt es neuerdings ein Forschungsprojekt am Bruckmannweg 10, kurz „B10“ getauft, das im Herzen der Weißenhofsiedlung liegt. Sobek untersucht dort mit seinem Team, wie innovative Materialien, Konstruktionen und Technologien die „gebaute Umwelt“ verbessern können. „Das Nachhaltige ist etwas zutiefst Schwäbisches“, sagt der Baumeister, der gerne auch mal polarisiert. Seine Ansichten sorgen nicht selten für Diskussionsstoff, auch, was die Lehre betrifft. „Die Studenten von heute sind in einen Zeitstress hineingepresst, der kaum Raum lässt, die Persönlichkeit in Ruhe herauszubilden“, grantelt der Professor. „Statt sie zu versklaven, sollten wir ihnen mehr Zeit jenseits des Lehrplans geben.“ In den Hörsälen begegnet Sobek nicht selten Studenten, die Psychopharmaka nehmen, um bestehen zu können. „Darüber sollten wir endlich offen reden“, fordert Sobek, der auch mit grauem Haar nicht müde wird, den Finger in die Wunde zu legen. Das hat mit seiner inneren Distanz zu tun. „Ich nehme extreme Abstände zu den Dingen ein“, sagt er. „Manchmal sehe ich alles aus der Mars-Perspektive. So sieht man Dinge, die andere nicht sehen.“
Auch auf die Stadt, in der er lebt und an der er sich manchmal reibt, hat der Architekt seinen eigenen Blick. „Wir haben es bis heute nicht geschafft, eine Erzählung darüber zu schreiben, wie wir unsere Stadt in Zukunft haben wollen.“ Sobek spricht von unglaublichen Möglichkeiten durch die frei werdenden Bahnflächen inmitten der City, um die Stuttgart in der ganzen Welt beneidet werde. Wenn es nach ihm geht, steht das hundert Hektar umfassende Planungsgebiet „prototypisch für gesundes Wohnen“. Fassaden, die Lärm absorbieren, biokompatible Materialien und Plätze mit dem Charakter der Einzigartigkeit. „Ich möchte die Poesie der Natur wieder in diese Stadt bringen.“
Es ist spät geworden. Draußen sitzen die nächsten Gesprächspartner. Sie warten schon eine Weile. Werner Sobek ist gespannt, was auf ihn zukommt. „Ich wandere gerne im Land des unbekannten Wissens“, sagt er und öffnet die Türe.