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Petersilie auf dem Campus

Man kann als Studentin der Agrarwissenschaft seine Stunden im Hörsaal absitzen. Dhusenti Manoharan hat es anders gemacht und dabei die Lehre an der Universität Hohenheim verändert.

Eine lange Tafel vor der Mensa der Uni Hohenheim. Gegessen wird, was Studierende selbst geerntet und zubereitet, und was sie vor dem Mülleimer bewahrt haben, weil das Gemüse Macken hatte und vor den Anforderungen der Lebensmittelindustrie keine Gnade fand. Ein fröhliches Happening. Studenten tun sich gütlich an einer Kartoffelsuppe und am Salatbuffet und nehmen sich Zeit für die Pause. Ganz anders als sonst, wenn sie oft in fünf Minuten ihr Mensaessen freudlos herunterschlingen.

Zwei Mal im Semester findet ein solches „Eat-In“ in Hohenheim statt. Dhusenti Manoharan hat die lange Tafel mit anderen aus der Taufe gehoben. Die 27-jährige Studentin ist Gründungsmitglied von Fresh – der Food Revitalisation & Eco-Gastronomic Society of Hohenheim. Vor vier Jahren wurde die kleine Initiative gegründet – mit großer Wirkung.

Die Idee kam den Studierenden der Agrarwissenschaft um Dhusenti Manoharan, wie sollte es anders sein, bei einem guten Essen. Als sie speisten und plauderten, tauchte die Frage auf, wie es sein kann, dass ihnen in der Mensa Kängurufleisch und Blauhaisteak serviert wird, obwohl sich die Universität Nachhaltigkeit und Innovation auf die Fahnen geschrieben hat? Und noch etwas trieb die Runde vor dem Hintergrund des damals viel diskutierten Weltagrarberichts um: „Wieso leiden weltweit immer mehr Menschen Hunger, obwohl die Erträge in der Landwirtschaft immer weiter steigen?“

Schwierige Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Dhusenti Manoharan, die von allen Dusha genannt wird, hat gemeinsam mit zehn Mitstreitern einen internationalen Kongress organisiert, um an diesen Fragen zu arbeiten. Zehn Wochen Vorbereitung in den Semesterferien mussten genügen, um Vortragende verschiedener Fachrichtungen aus dem In- und Ausland anzufragen, Workshops vorzubereiten und Sponsorengelder einzusammeln. Normalerweise kümmern sich Professoren um Kongresse, in Hohenheim haben die Studierenden die Sache selbst in die Hand genommen.

Der Kongress von 2008 war der Anstoß, danach trat Fresh erst Recht auf vielen Feldern in Aktion. Zum Beispiel am Rande des Unigeländes von Hohenheim. Dort haben die Studenten einen Garten angelegt, um selbst einen Bezug zur Praxis zu bekommen. Schließlich kann man Agrarwissenschaft studieren, ohne jemals einen Krümel Erde zwischen den Fingern gespürt zu haben. Wer das verkehrt findet und sich praktisch erden will, der kommt donnerstags in den Studentengarten, einem Feld von rund 300 Quadratmetern, das Fresh von der Univerwaltung zugeteilt bekam. Dort wachsen Möhren und Mangold, Kapuzinerkresse und Astern. Ein Idyll, das harte Arbeit erfordert. Was im Studentengarten geerntet wird, das wird gemeinsam verkocht – zum Beispiel beim großen „Eat-In“. Dass nicht jedes Radieschen auf Anhieb gedeiht, haben die studentischen Feldarbeiter oft genug erlebt. „Aber wir haben bei uns eine Gärtnergöttin, die sehr viel weiß“, erzählt Dusha beim Gang über die von Petersilie gerahmten Parzellen.

Wer mit Dhusenti Manoharan über den Campus läuft, muss oft stehen bleiben. Hier ein Hallo, dort ein kurzes Gespräch, da ein freundliches Nicken. Die zierliche junge Frau mit der leisen Stimme wirkt eher zurückhaltend und scheint doch überall bekannt. Von wegen Untergehen in der anonymen Masse der rund 9.200 Studierenden in Hohenheim. „Hätte es das Engagement mit Fresh nicht gegeben, wäre ich bestimmt nicht so lange hier geblieben“, sagt sie. „Viele Studenten hier kennen die Uni nur aus dem Hörsaal, ich habe auch die andere Seite erlebt. Und davon viel profitiert, auch wenn die Vorlesungen manchmal etwas unter Fresh gelitten haben.“ Im Sommer hat sie ihren Masterabschluss gemacht hat, jetzt arbeitet sie in einem Forschungsprojekt und als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. „Nicht gegen die Universität, sondern mit ihr“, lautet ein wichtiges Grundprinzip von Dusha. Sie will etwas verändern und die Leute überraschen, ohne sie vor den Kopf zu stoßen.

Theorie ist das eine, die Umsetzung in die Praxis ist das andere. Dusha ist es ein Anliegen, ergebnisorientiert zu arbeiten: „Ich will nicht nur in der Theorie baden, ich will sie auch anwenden.“ So hat sie auch die Lehren aus dem Kongress gezogen und sie in die Lehre an der Uni Hohenheim umgesetzt. „Ethik in den Agrarwissenschaften“ ist ein Pflichtwahlfach, das von Fresh und von Dusha Manoharan als Lehreinheit entwickelt wurde und seit 2010 in jedem Wintersemester angeboten wird. Dieses Modul verlangt aktive Beteiligung von den Studenten, die hier nicht nur Wissen konsumieren, sondern dazu gebracht werden sollen, „über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken“, wie es die Wissenschaftlerin formuliert. „Im Idealfall bekommt hier jeder das Handwerkszeug, um kritisch denken zu können.“ Dieses Handwerkszeug wird von verschiedenen Seiten bereitgestellt: Beteiligt sind Landwirte ebenso wie Vertreter von nichtstaatlichen Organisationen wie Brot für die Welt. Aber auch Lehrende von der Uni Tübingen, die das Fach Ethik in den Wissenschaften vertreten.

„Sage mir, was du isst, und ich sage dir, was du bist“, schrieb der französische Schriftsteller Jean Anthèlme Brillat-Savarin und meinte damit, dass unsere Essgewohnheiten auch unsere Werte und unsere Weltsicht spiegeln. Dhusenti Manoharan sieht das ähnlich. Das Ethikmodul an ihrer Universität ist mittlerweile fester Bestandteil des Lehrprogramms. Im vergangenen Jahr hat die Initiative sogar den Ritterschlag der Vereinten Nationen bekommen. Die Aktivitäten von Fresh laufen jetzt unter dem Siegel „Bildung für nachhaltige Entwicklung.“ Ein Erfolg, der freilich auch die Universität in Hohenheim adelt, in der ein solches Biotop entstehen konnte. Kein Wunder, dass viele Professoren die erfrischende Initiative unterstützen und stolz auf die Studenten sind. Jeden Donnerstag gibt es in der Mensa ein veganes Essen und oft werden jetzt dort Bio-Produkte verkocht. Ein Anfang ist gemacht, Fresh sei Dank. Rund 25 Studenten sind mittlerweile aktiv dabei. Sie hinterfragen kritisch, was da täglich auf den Teller kommt und wie die Lebensmittel produziert werden.

Soviel Engagement ist manchmal anstrengend. Besonders, wenn es schon ein ganzes Leben dauert. Dhusenti Manoharan ist die Tochter tamilischer Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka, deren Odyssee im Januar 1985 im kühlen Schwarzwald endete. Sieben Monate später wurde Dusha in Bad Wildbad geboren. „Ich war das erste schwarze Baby in unserem Dorf. Aber ich habe mich hier nie fremd gefühlt.“ Die Eltern gingen arbeiten, die Töchter wurden von einer deutschen Tagesoma betreut. Als 2006 der Tsunami die Küste Sri Lankas überschwemmte, ist sie vier Tage später losgefahren, um zu helfen, hat übersetzt und sich darum gekümmert, dass die Hilfsgüter auch in den Norden der Insel gelangten. Sie hat dabei Schreckliches gesehen. Schon zuvor war sie auf Sri Lanka und hat dort zwei Monate in einem Waisenhaus gearbeitet.

Dass sie bei den Agrarwissenschaftlern gelandet ist, hat auch mit der Zeit in Sri Lanka nach dem Tsunami zu tun: „Dort habe ich gesehen, wie groß die Angst der Menschen war, dass sie jetzt nichts mehr anbauen können, weil das Ackerland entweder versalzen oder ganz weggeschwemmt war. Und so erfahren, wie elementar wichtig Landwirtschaft ist.“

Mal sehen, was die Zukunft bringt. Er könnte die junge Wahlschwäbin tiefer in die Wissenschaft führen und für die Tochter einer Putzfrau und eines Feinmechanikers mit dem Doktortitel enden. Genauso könnte sie sich aber auch vorstellen, Beraterin zu werden, in Schulen über den Wert der Nahrung zu sprechen, die Verbindung zwischen dem Essen und der Welt herzustellen. Wenn es die Zeit zulässt, steht sie selbst gerne und oft am Herd. Gestern gab es tamilischen Gemüsereise mit Anis, Zimt und Nelken gewürzt, vorgestern Spaghettikürbis. „Essen ist für mich ein soziales Ereignis und auch ein Ausgleich zum Alltagsstress“, sagt sie. „Beim Kochen entspanne ich. Und manchmal ist Kochen sogar Kunst.“