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Reisender in Sachen Reis

Der Reis hat es Professor Folkard Asch angetan. Er sieht ihn nicht nur in der Horizontalen wachsen, sondern auch in der Vertikalen. „Skyfarming“ nennt sich seine Vision vom Reisanbau im Hochhaus.

Eigentlich sagt die große Weltkarte am Schreibtisch fast alles über Folkard Asch. Sie hängt in seinem Büro wie ein Gemälde, das viele Umzüge hinter sich hat und deshalb voller Erinnerungen steckt. Wenn Folkard Asch auf die Karte schaut, dann schaut er auf sein Leben.

Er könnte Fähnchen auf die Kontinente stecken, wie das Menschen manchmal tun, wenn sie weit herumgekommen sind. Das liegt ihm nicht. Er hat die Orte seiner Geschichte auch so konserviert. Papua Neuguinea. Senegal. Dänemark. Uganda. Peru. Argentinien. China. Folkard Asch ist ein Reisender der Wissenschaft, den viele Fragen umtreiben und eine im Besonderen, auf die er seine ganz persönliche Antwort sucht: „Wie kann ich in dieser vielfältigen Welt überhaupt einen Unterschied machen?“

Es ist früher Morgen auf dem grünen Campus der Uni in Hohenheim. Studenten hasten in die Vorlesung. Folkard Asch sitzt in seinem Büro vor einem Kaffee und runzelt die Stirn. „Wollen Sie auch einen? Ich kann ihn nicht empfehlen.“ Statt schlechtem Kaffee serviert er lieber gutes Wasser, Grundlage allen Lebens, wie der Professor wortreich zu belegen vermag, dessen Fachgebiet offiziell „Wasserstress- Management bei Kulturpflanzen in den Tropen und Subtropen“ ist. Ein sperriger Titel für einen geradlinigen Wissenschaftler, der sich seit vielen Jahren mit der Anpassung von Pflanzen an sich rasant wandelnde Produktionsbedingungen befasst.

Man kann sich ein solches Themengebiet auf mancherlei Weise aneignen. Folkard Asch tat es, indem er sich auf den Weg zu entlegenen Orten machte und dabei für sich lernte, nicht nur über die Welt der Pflanzen, sondern auch über den Homo sapiens. Da er ein kommunikativer Typ ist, kam er leicht mit den Leuten ins Gespräch und stellte fest, dass akademischer Dünkel nicht seine Sache ist: „Es gibt viele Menschen, die nicht studiert haben und trotzdem klasse Typen sind.“

Asch begegnete auf seinen Reisen der Forschung, der Lehre und der Wissenschaft. Manchmal wunderte er sich über die Kleinräumigkeit, mit der Menschen große Fragen behandeln. Er suchte nach Zusammenhängen und kam dabei zu einem Befund, der ihn bis heute umtreibt. „Umweltverschmutzung, Klimawandel und Welternährung sind Facetten eines Problems, das sich nur global angehen lässt.“

Erkenntnisse über das Große reifen meistens im Kleinen. Bei Asch fing es im Biologieunterricht an. 1964 in Bremen geboren, wuchs er in Hamburg auf und traf als mäßiger Schüler auf einen Biolehrer, der Landwirt war und in Asch das Feuer für die Gesetzmäßigkeiten des Lebendigen weckte und die Begeisterung für evolutionäre Vielfalt. Solchermaßen infiziert studierte der Jungbiologe nach Abitur und Zivildienst sein Lieblingsfach. Im fünften Semester schiffte sich Asch mit einem Freund nach Papua Neuguinea ein, um in einer Forschungsstation zu arbeiten. Die Reise wurde zum Schlüsselerlebnis. Es war, als würde er durch ein Mikroskop auf sich selbst schauen und die Details groß sehen. Asch traf Asch. Ein neuer Blick auf sich selbst. „Mir wurde bewusst, wie groß diese Welt ist und wie klein ich darin bin. Und mir wurde klar, dass überall Menschen leben, die unterschiedlich aussehen und alle dieselben Zusammenhänge haben.“

Zurück in Hamburg spezialisierte sich der Biologe auf Pflanzenphysiologie und begegnete einem Professor, der für ihn ein Forschungsprojekt aus der Schublade zog. Es ging um Reis und um die Frage, wie er unter Stress gedeiht. Ein Thema mit Praxisbezug. Fast 60 Prozent aller Menschen leben von der Nutzpflanze. Der Klimawandel macht sich an den Feldern zu schaffen. Was früher wuchs, blüht heute oft zu früh, wird von zu viel Niederschlag heimgesucht oder ausgetrocknet.

Asch wurde Berater am afrikanischen Reisentwicklungszentrum im Senegal. Er fing an, auf seine Art die Welt ein bisschen zu verändern. In der Gegend wurde damals nur einmal im Jahr Reis angebaut. Das lag an den verwendeten Sorten, an den Gewohnheiten der Leute und manchmal auch daran, dass über die Flüsse salzhaltiges Brackwasser auf Felder gespült wurde. Asch arbeitete mit seinen Kollegen dagegen an. Heute wird dort zweimal im Jahr Reis angebaut. Der Biologe blieb insgesamt vier Jahre im Senegal und verfasste nebenbei seine Doktorarbeit über „physiologische Faktoren der Salzresistenz bei Reis.“

1996 wurde der Forscher zum ersten Mal Vater, was ihn nicht daran hinderte, seine Reise mit der Familie fortzusetzen. Sie zogen an die Elfenbeinküste. Diesmal ging es bei einem internationalen Projekt um die Frage, wie sich bestimmte Unkräuter auf Reisplantagen auswirken. Zwei Jahre später kam ein Anruf aus Dänemark, wo Pflanzenphysiologen einen Fachmann suchten, der sich mit Trockenstress von Mais und Raps befasst. Wieder packte die Familie ihre Koffer, wieder blieben sie zwei Jahre, ehe sie dem Ruf nach Bonn folgten. Ein befreundeter Professor suchte dort einen Dozenten für die Universität. Asch blieb sechs Jahre, lernte das Lehren und habilitierte über „Pflanzliche Reaktionen auf abiotischen Stress unter veränderten Umweltbedingungen“. Seit 2007 ist er Professor an der Universität Hohenheim. Vielleicht ist es ein Ort für länger. „Das ist der beste Arbeitsplatz, den ich in Europa je hatte“, sagt er. Der Campus, die Kollegen, die Studenten – guter Humus für einen Agrarforscher wie Asch. In Hohenheim leitet der Professor das Tropenzentrum, das weltweit in ein Partnernetzwerk von 85 Universitäten und Forschungseinrichtungen eingebettet ist. Nebenbei ist er Prüfungsausschussvorsitzender von drei internationalen Studiengängen und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Tropische und Subtropische Agrarforschung, die jedes Jahr den Tropentag organisiert, zu dem 800 Wissenschaftler und Entwicklungsexperten aus mehr als 80 Ländern zusammenfinden.

Ein Zweckbündnis ganz nach dem Geschmack des Globetrotters Asch, der ein Netzwerker aus Überzeugung ist. „Miteinander reden und miteinander denken“, sagt er. Der Mikrokosmos ist für ihn nicht ohne den Makrokosmos denkbar. „Es geht nicht um Einzelprojekte, sondern darum, dass sich alle zusammensetzen und als Team arbeiten.“

Er selbst tut das in besonderer Weise bei einem seiner Lieblingsprojekte namens Skyfarming. Apodiktisch im Ton, schonungslos in der Klarheit erklärt er mit leichtem Hamburger Akzent seine Vision vom Reisanbau in der Vertikalen. Wehe dem, der ihn fragt, ob das nicht wissenschaftliche Folklore sei mit dem Hochhaus voller Reis. In solchen Fällen verengen sich seine Augen zu kleinen Schlitzen als wollten sie zielen. Umgehend kontert der Professor seinerseits mit einer Frage: „Was glauben Sie hätten die Leute in den fünfziger Jahren gesagt, wenn man ihnen erklärt hätte, die Menschen würden bald zum Mond fliegen?“

Kaum hat er diesem Satz die Freiheit geschenkt, entfacht der Professor einen Sturm an Zahlen und Fakten, der jeden Widerspruch davon weht. Geringere Ernteverluste, kürzere Transportwege, klimaneutraler Anbau und ein Vielfaches an Ertrag pro Fläche: All diese Ziele verfolge das Forschungsprojekt Skyfarming mit der Idee hocheffizienten Reisanbaus unter optimalen Bedingungen in einem durchtechnisierten Hochhaus. „Nehmen Sie die Stadt Tokyo“, doziert sich Asch in Wallung, „dort werden jeden Tag etwa 5.500 Tonnen Reis gegessen, was umgerechnet 130 Lastwagenladungen je 40 Tonnen bedeutet. Dafür benötigt man 450.000 Hektar Fläche für den Anbau, was ungefähr der doppelten Größe Tokyos entspricht. Da es dafür keine Flächen in der Stadt gibt, muss man auf Dauer nach oben.“

Der Professor forscht mit seinem Team an Reissorten mit wenig Gewicht, am richtigen Nähstoffnebel, welcher das Wasser ersetzt, um das Ganze überhaupt statisch in einem Hochhaus ermöglichen zu können. Der Anfang ist gemacht, der Wissenschaftler brennt für das Projekt: „Die Megastädte wachsen, das Ackerland nimmt ab. Im Hochhaus ließe sich Reis an 365 Tagen pro Jahr produzieren. Er wäre geschützt vor Dürre, Frost, Starkregen, Krankheiten und Insekten. Transportwege ließen sich verkürzen, Dünger und Wasserverbrauch verringern.“

Folkard Asch schaut auf seine Uhr. Er könnte noch Stunden über Reis reden, muss aber leider weiter. Bald geht es wieder zu einem seiner Doktoranden, die rund um den Globus verteilt sind. Eine neue Reise. Ein neuer Ort auf der Weltkarte in seinem Büro.