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Der Zauber des Leichten

Paul Frei Otto ist der Naturforscher unter den Architekten. 87 Jahre alt ist der Meister, der lange an der Uni Stuttgart das leichte Bauen lehrte und weltweit filigrane Werke schuf, die wie hingehaucht wirken.

Manchmal macht man im Leben das Richtige, ohne zu wissen, warum. Vielleicht aus einem unterbewussten Gefühl heraus, vielleicht mit einem tieferen Hintersinn. Die Mutter von Paul Frei Otto traf jedenfalls die richtige Wahl, als sie ihrem Sohn vor 87 Jahren einen Vornamen schenkte, der später zu seinem Programm werden sollte: Frei. Dieser Maxime, frei im Denken und Handeln zu sein, ist der auf der ganzen Welt bekannte Architekt und Bildhauer stets gefolgt. Ein Freigeist ist er geworden und ein in die Weite Denkender, der sich die Freiheit nahm, Regionen zu erforschen, in die sich zuvor kein anderer gewagt hatte.

Mehr als acht Jahrzehnte nach der mütterlichen Entscheidung, steht der Konstrukteur und Künstler in Warmbronn, wo er heute wohnt, vor einem Schrank voller Bilder, die sein Leben konservieren. Frei Otto sieht fast nichts mehr und auch das Gehen fällt ihm schwer, was ihn nicht daran hindert, weiterhin aktiv zu sein, sich einzumischen in Diskussionen und seine jüngeren Kollegen an seiner reichhaltigen Erfahrung teilhaben zu lassen. Er denkt längst nicht an Ruhestand. „Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass mein Rat immer noch gefragt ist, meine Meinung immer noch Gewicht hat“, sagt er.

Besucher empfängt er gerne in seinem luftigen Atelier, in dem viele seiner Werke als Modell das Licht der Welt erblickt haben. Seit fast vier Jahrzehnten ist er hier schon mit Ehefrau Ingrid zu Hause, in einem Glashaus, das fast in den Wald hineingebaut ist und sich auf seine ganz eigene Art auflehnt gegen die schwäbischen Rauputzbauten der Umgebung.

Frei Otto ist in Siegmar geboren, dem heutigen Chemnitz. Was er vom Leben wollte, wusste der Sohn eines Bildhauers schnell: Bauwerke schaffen. Nach seinem 18. Geburtstag schrieb er sich an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg für ein Architektur-Studium ein, kurz darauf wurde er aber zur Wehrmacht eingezogen und zum Jagdflieger ausgebildet. Statt Häuser zu bauen, hat er so von oben mit angesehen, wie sie in Schutt und Asche gelegt wurden. Unter vielen deutschen Städten hat er auch Stuttgart brennen sehen. „Die Erkenntnis, wie endlich Bauwerke sind“, sagt er, „ist eine harte Einschulung für einen Architekten.“

Dass er später dennoch ein Meister des Filigranen und Leichten wurde, dessen Schöpfungen wie hingehaucht wirken, ist eine dieser seltsamen Geschichten. Sein liebster Baustoff, so sagt er im Rückblick, sei Luft. Und wenn er erzählt, dass er vor allem Luftschlösser gebaut habe, meint er damit keine Phantasiegebilde. Er meint es wirklich so. „Wenn man leicht bauen will, dann kommt man an der Luft als Baumaterial nicht vorbei, so gefährlich das auch ist.“ Am schönsten verwirklicht hat der Erfinder einer neuen Architektur seine Vorstellungen von Leichtigkeit wohl in der Volière im Münchner Tierpark Hellabrunn, die von einem lichten Nichts überspannt ist, das den Besuchern nur auffällt, wenn Blätter oder Schnee darauf liegen. Am bekanntesten dürfte das Dachzelt des Münchner Olympiastadions sein, das ebenfalls auf Entwürfen von Frei Otto über die Arena gespannt wurde, schwebend wie eine Sommerwolke.

Abgeschaut hat sich der Baumeister das Prinzip tatsächlich in der Natur, was ihn schon früh zum Pionier in der Architekturgeschichte gemacht hat. Um die optimale Form seiner Dächer und Konstruktionen zu entwickeln, experimentierte er unter anderem mit Drahtmodellen, die er in Seifenlauge tauchte. Auch Seifenblasen setzte er mit kindlicher Freude ein, um mehr über die Oberflächenspannung zu erfahren. Selbstbildende Konstruktionen nennt er die sich wiederholenden Systeme, die er tausendfach studiert hat: mit Hilfe von Eisbergen, gelb glänzendem Eidotter, Sanddünen, Wassertropfen, Ameisenhaufen oder Wellenbergen. „Es gibt unendlich viele Beispiele dafür. Man muss eben nur genau hinschauen“, sagt er.

Eigens für ihn und seine Ideen wurde 1964 an der Universität Stuttgart das Institut für Leichte Flächentragwerke gegründet, wo er bis 1990 als Ordinarus lehrte und wirkte. Konstruiert hat der Meister das Gebäude natürlich selbst. „Ich bin der einzige Professor in Deutschland, der sein eigenes Institut gebaut hat“, sagt Frei Otto und grinst. Ohne Grund hatte er sich die Mühe derweil auch nicht gemacht: Das Gebäude diente als Versuchsfeld und Vorbild für den deutschen Pavillon bei der Weltausstellung 1967 in Montreal, einem spektakulären Leichtbau mit weitmaschigem Seilnetz und sensationell dünnem Zeltdach, das die Besucher überwältigte und ihn über Nacht berühmt machte. „Mit dem Institutsbau wollten wir testen, ob unsere Idee realisierbar ist.“

Was sein zentrales Anliegen ist, hat Frei Otto schon im Jahr 1952 in seiner Dissertation „Das hängende Dach“ in Worte gefasst. „Durch sparsame Anwendung hochwirksamer Baustoffe und durch Ausnutzung der Trageigenschaften räumlicher Systeme entstehen leichte, bewegliche Bauwerke“, heißt es darin. „Die Konstruktion schrumpft auf das unbedingt Notwendige zusammen.“ In seinem gebauten Werk sind diese Visionen und Utopien Wirklichkeit geworden, anzuschauen in Mekka, wo er ein Konferenzzentrum gebaut hat, in Riad, wo er das Kulturzentrum Tuwaiq Palace kreierte – oder auch direkt vor seiner Haustür. Die Bürger von Warmbronn hatten ihn schon vor Jahren gebeten, zu Ehren des Heimatdichters Christian Wagner einen Brunnen zu entwerfen. Natürlich hat er ihnen keinen klassischen Springbrunnen auf den alten Dorfplatz gestellt, sondern einen zarten Baum aus Metall, aus dessen dünnen Ästen das Wasser sparsam herab tropft. Typisch für Otto, der sich gerne in naturnahen Phantasien verliert.

Schwer wie nasser Beton liegt dem Luftikus dagegen ein Bauwerk im Magen, an dessen Entwurf er ebenfalls beteiligt war und um das im ganzen Land seit vielen Monaten erbittert gestritten wird: Der gleichermaßen berühmte wie umstrittene Stuttgarter Tiefbahnhof, den er sich zusammen mit dem Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven erdacht hat. Dass der im Jahr 2006 mit dem Holcim-Preis prämierte unterirdische Bau nun für so viel Unfrieden sorgt, macht ihn „schwerstens betroffen“, wie er gesteht. Er habe viel gegrübelt, ob die Architektur einen Anteil an dem Streit hat und ob dieser vielleicht mit Hilfe der Baukunst wieder aufzulösen ist. „Ein politisches Problem ist mit Architektur aber nicht ohne weiteres zu lösen.“

Dreizehn Gebäude hat Paul Frei Otto weltweit unter seinem Namen ausgeführt, ein eher bescheidenes Oevre für einen Architekten, der sich in die Baugeschichtsbücher des 20. Jahrhunderts eingetragen hat. Doch es sind nicht die Bauten alleine, die seine Bedeutung ausmachen. Es sind seine Utopien, die er verbreitet hat, die Inspiration, die von ihm ausgeht, sein Wirken als Lehrer, Forscher, Theoretiker. Frei Otto hat an den berühmtesten Universitäten gelehrt, in Harvard, Yale und Berkeley. Er hat seine Bauwolken um die ganze Welt treiben lassen, von England bis Saudi-Arabien. In Japan, erzählt er, sei er bekannt wie ein bunter Hund. Das „Museum of Modern Art“ in New York hat dem deutschen Baukünstler schon vor Jahren eine Einzelausstellung eingerichtet, neben vielen anderen Auszeichnungen hat er ihm das Royal Institute of British Architects eine Goldmedaille für sein Lebenswerk verliehen.

Ein wenig Sorgen bereitet ihm seine Sammlung mit 430 privaten Arbeiten und Modellen, die er dem Land Baden-Württemberg gestiftet hat. Die Entwürfe werden von der Uni Karlsruhe verwaltet und sind momentan in einem 200 Jahre alten Bau des Architekten Friedrich Weinbrenner untergebracht, der Münze. Die Ausstellung soll den Menschen helfen, das Wesen seiner Arbeiten zu erkennen – was dazu aber noch fehlt, wie er bedauert, ist ein komplettes Werkverzeichnis und eine genaue Beschreibung, welche Idee hinter den einzelnen Entwürfen und Modellen steckt. „Diese Arbeit ist noch nicht getan“, sagt Frei Otto.

Es ist spät geworden. Der große alte Architekt ist müde und klappt seinen Schrank mit den Fotos zu. Er kann sie nicht mehr sehen, aber andere können sie betrachten wie seine Werke, die bleiben werden über den Tag hinaus.