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Auf den Bühnen des Lebens

Uwe Brückner gestaltet weltweit erfolgreich Museen. Eine gute Ausstellung, sagt der Professor für Szenografie, der sein Handwerk an der Kunstakademie Stuttgart erlernt hat, sei wie ein begehbares Bühnenbild.

Der Lachs ist ein begabter Wanderer zwischen den Welten. Um rechtzeitig seinen Laichplatz zu erreichen, schwimmt er tausende Kilometer weit, springt Wasserfälle hinauf und pflügt dabei durch salziges wie süßes Gewässer. Nichts kann ihn davon abhalten, an sein Ziel zu kommen – abgesehen vielleicht von einem ausgewachsenen Grizzly, der hinter einer Stromschnelle lauert.

Im Stuttgarter Atelier von Uwe Brückner sind ausgehungerte Braunbären eher selten, weshalb der Lachs dort ein unbeschwertes Leben führen kann – als Firmenlogo, quicklebendig und wendig. „Der schwimmt auch gegen den Strom, wenn es sein muss“, sagt der Atelierchef, dem einst ein Freund ein solches Exemplar auf eine Geburtstagskarte gemalt und darunter dessen Talente gerühmt hatte. Brückner selbst, viel beschäftigt und ständig gefragt, ist in seinem Kreativlabor nicht selten mit dem Fahrrad unterwegs. Die drei Flügel seines Ateliers an der Krefelder Straße erstrecken sich über weitläufige 1.800 Quadratmeter, überall spielt gleichzeitig die Musik. Hier muss noch dem Pavillon für die Expo in Korea der letzte Schliff verpasst werden, dort wird am Darwineum für den Rostocker Zoo gefeilt. Das Kultkaufhaus Schocken in Chemnitz soll zum Haus der Archäologie umgebaut werden, ein alter Lokschuppen in Kulmbach zum Deutschen Dampflokmuseum. Der Nationalpark Berchtesgaden will im kommenden Jahr mit dem Haus der Berge ein neues Besucherzentrum eröffnen. Das Shanghai Auto Museum wünscht parallel eine Erweiterung seiner Dauerausstellung, die seinerzeit auch schon in Stuttgart konzipiert wurde. Ein Dutzend Projekte gleichzeitig muss Brückner im Detail kennen und vorantreiben. „Da sollte man sich die Kräfte wie ein Zehnkämpfer einteilen“, sagt er.

Eigentlich ist der 54-jährige Franke, geboren in Hersbruck, Architekt und Bühnenbildner. Das eine Studium hat er in München abgeschlossen, das andere an der Kunstakademie Stuttgart beim berühmten Professor Jürgen Rose. Mit ihm verbindet Brückner noch heute eine starke Freundschaft, obwohl der Patron dem damals 31-jährigen Kunstschaffenden recht unverblümt vom Studium abgeraten hatte: „Sie sind zu alt.“ Hinterher hatte er in dem Professor nicht nur einen treuen Mentor, sondern auch ein vollkommen anderes Weltbild, wie er sagt: schillernde Inszenierung statt statischer Architektur, der er einst noch als Architekt und Häuslesbauer folgte. Themenräume statt Räume voller Vitrinen, die den Betrachter ermattet auf einen Stuhl sinken lassen. „Eine gute Ausstellung ist wie ein begehbares Bühnenbild“, sagt Brückner, der hochdekoriertes Mitglied im Art Directors Club Deutschland ist und neben vielem anderen als Professor für Szenografie und Ausstellungsgestaltung an der Kunsthochschule in Basel Vorlesungen hält.

Stimmt die Choreografie, so erklärt der Meister, können selbst „schwer verdaubare Inhalte“ ansprechend ausgestellt werden. Tabuthemen wie Gewalt in der Ehe oder Selbstmord, die Brückner im Expo- Pavillon 2002 in der Schweiz mit Hörspielkabinetten inszenierte und heute als eines seiner Meisterstücke bezeichnet. Trockene Materie wie die Arbeit des Europaparlaments, die Brückners Team im erst jüngst eröffneten Parlamentarium in Brüssel mit multimedialen Installationen der allerneusten Generation physisch erlebbar gemacht hat. Oder richtig verzwickte Themen wie die Tiefen der Teilchenphyik. E = mc². Lichtgeschwindigkeit. Nanosekunden. Böhmische Dörfer. Zwar sei es ein langer Weg gewesen, erzählt Brückner, die Wissenschaftler dazu zu bringen, ihm den komplizierten Sachverhalt mit einfacher Sprache zu erklären. Herausgekommen ist am Ende aber eine Ausstellung über den Teilchenbeschleuniger im Genfer Cern-Besucherzentrum, die einem Urknall gleicht. „Wir haben ein Menü angerichtet“, sagt Brückner, „das den Geschmack getroffen hat.“

Wenn das Museum der Zukunft eine Bühne ist, wie der Ausstellungsgestalter sagt, dann werden im Hause Brückner große Opern inszeniert. Selbst das Büro gleicht einer formidablen Aufführung. Im Foyer und auf den Fluren erzählen die Arbeiten des vergangenen Jahrzehnts in ihren Schaukästen von den vielen Auszeichnungen. Und auch an den Wänden hängen statt hübscher Aquarelle preisgekrönte Entwurfsmodelle unter Glas.

72 Mitarbeiter aus acht Ländern brüten hier Tag für Tag über neuen Ideen. Innenarchitekten, Mediendesigner und Bühnenbildner, Dramaturgen und Kunsthistoriker. Als Kulisse dienen riesige, verschiebbare Wände, auf denen Fotos, Zeichnungen und Pläne der aktuellen Projekte kleben. Auf den Eiermann-Tischen reihen sich die neuesten Modelle en miniature aneinander. Mittendrin im kreativen Durcheinander hat der Atelierchef eine Bücherei eingerichtet, die von einer hauseigenen Bibliothekarin verwaltet wird. 5.786 Bände, von der Automobilgeschichte bis zu Zen- Philosophie gibt es hier. Sie können von den Mitarbeitern bei ihren unterschiedlichsten Recherchen durchgeblättert werden – gegoogeltes Wissen alleine reicht dem Firmenchef bei weitem nicht.

Wer eine Geschichte über einen Berg erzählen will, sagt Brückner trocken, der muss ihn zuerst besteigen. Er selbst könnte zu diesem Thema einiges erzählen. Über seinen Hausberg etwa, den Wilden Kaiser. Über die Südtiroler Dolomiten, die Sechstausender in Peru und erfrorene Zehen. Kennen und lieben gelernt hatte er die Berge in den 80er Jahren während seines Studiums in München, hinterher packte den Extremsportler auch noch die Segelleidenschaft. Er umschipperte die Welt und heuerte in der Ägäis als Skipper an. Aus den Erfahrungen zu Wasser und in luftiger Höhe, immer wieder alleine auf sich gestellt, hat er mentale Stärke für seine heutige Arbeit gewonnen. „Wenn man fünf schlecht gelaunten Vorständen gegenüber sitzt, muss man damit erst einmal umgehen können“, sagt Brückner. Heute klettert und segelt er nur noch selten, dafür fährt er mit seinem Rennrad häufig durch die Stuttgarter Weinberge, bis zu hundert Kilometer und mehr.

In Stuttgart hat Brückner unter anderem die Landesausstellung „Saurier – Erfolgsmodelle der Evolution“ im Naturkundemuseum gestaltet. Und auch das Haus der Geschichte an der Kulturmeile trägt die Handschrift des rein’gschmeckten Franken, dem der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel bei der Eröffnung im Jahr 2002 bescheinigte, damit „ein Meisterwerk“ geschaffen zu haben: einen Parcours durch 200 Jahre Landesgeschichte.

Seine Szenografien für Museen, Messen und Firmen entwickelt Brückner längst weltweit. In Szene gesetzt hat das Stuttgarter Atelier das Auto Museum in Shanghai, das nationale Schifffahrtsmuseum in Amsterdam und das Münchener BMW Museum, was den Sohn eines Fuhrunternehmers, der mit Autos aufgewachsen ist, besonders gefreut hat. Um die Faszination dieses Themas zu fassen, hatte es keiner langen Nächte mit Wissenschaftlern und vollgekritzelter Servietten bedurft. „Durch dieses Meer“, sagt er, „bin ich selber geschwommen.“

Mitte der 80er Jahre, als er von seinem Münchner Architekturbüro eigentlich nur für ein Jahr an das Stuttgarter Atelier Lohrer ausgeliehen war, lebte Brückner mit seinem Schlafsack in einer Dachkammer über der Bäckerei Frank im Stuttgarter Süden. Mittlerweile schätzt er die exponiertere Halbhöhenlage im Norden der Stadt, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in einem gläsernen Haus am Killesberg wohnt. Entworfen hat die Wohnräume Brückners Frau Shirin, eine gebürtige Irakerin, die Geschäftsführerin in der Firma ist. Im Inneren des Hauses strahlt ein rotes Sofa Wärme aus, das Shirin Brückner als Erbstück vom Großvater mitgebracht und das die Farbwahl für die anderen Möbel vorgegeben hat. Draußen spiegelt sich die Sonne in den drei Glasgeschossen, die ein Leben in engem Kontakt mit der Natur und den Jahreszeiten ermöglichen, wie Uwe Brückner sagt. Zudem verschaffen die Panoramascheiben dem Bühnenbildner und seiner Familie ein weiteres Erlebnis: allerbeste Aussicht auf die Stadt – die wie eine Theaterkulisse vor ihnen liegt.