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Der die Dinge neu denkt

Tobias Wallisser verändert die Welt. Als Architekt baut er in Abu Dhabi an der Stadt der Zukunft mit. Als Professor lehrt er in Stuttgart, was visionäre Architektur ausmacht.

Die Zukunft der Architektur trägt leuchtend gelbe Turnschuhe. Tobias Wallisser sitzt an einem schlichten Tisch mit Blick auf den Stuttgarter Hauptbahnhof. Eingehüllt in ein schwarzes Jacket, den Hals von einem graublauen Schal gewärmt, macht der Herr Professor, was er am liebsten macht: Er gestaltet neue Welten. Draußen vor seinem Fenster ist wieder Montagsdemo. Eine bunte Traube von Menschen protestiert gegen Stuttgart 21. Einen Steinwurf entfernt träumt sich Tobias Wallisser in die Stadt von morgen. Sie liegt nicht am Nesenbach, sondern bei Abu Dhabi und heißt Masdar City. Seit 2008 entsteht dort die erste CO2-neutrale Solarstadt. Masdar soll 22 Milliarden Dollar kosten und 47.000 Menschen beherbergen, für die kein Punkt im Stadtgebiet weiter als 200 Meter von einer Haltestelle des öffentlichen Nahverkehrs entfernt liegt. Tobias Wallisser baut mit an der grünen Polis in der Wüste. Auch wenn die Realisierung durch die Finanzkrise gebremst wurde, bleibt es ein Ort in Futur II, der ihn magisch anzieht. Mit seinen Kollegen Chris Bosse und Alexander Rieck, mit denen er in Stuttgart und Sydney ein „Labor für visionäre Architektur“ betreibt, hat der 40-jährige Baumeister den Wettbewerb für den zentralen Masdar Plaza gewonnen. Bisher besteht die neue Welt vor allem aus Modellen und 3D-Animationen.

Die schwäbischen Exportplaner wollen in Utopia zwei Hotels, ein Konferenzzentrum und einen revolutionären Platz verwirklichen. Elektronisch gesteuerte Sonnenschirme im XXL-Format kühlen ihn tagsüber und nutzen die Kraft der Sonne durch integrierte Fotovoltaikzellen. Nachts können die Schattenspender eingeklappt werden, um die Auskühlung des öffentlichen Raums zu beschleunigen. Was nach einem Märchen aus tausendundeiner Nacht klingt, ist die reale Kunst einer neuen Generation digital ausgebildeter Architekten, für die Entwerfen nahe bei Erfinden liegt. Manches von dem, was sie planen, erscheint anfangs wie eine Luftspiegelung, der man sich nähern möchte, ohne sie berühren zu können. Im Laufe eines dynamischen Prozesses wird Schein zu Sein, die Utopie zum gegenwärtigen Ort. „Der Einsatz von Computern ermöglicht nicht nur eine naturgetreue Darstellung ungebauter Entwürfe, sondern auch die Entwicklung neuer Entwurfsprozesse, die Möglichkeiten jenseits traditioneller Vorstellungen schaffen“, sagt Tobias Wallisser, der Zukunftsgestalter. Man muss den Mann nicht drängen, über sein Metier zu reden. Er tut es auch so. Dabei sprechen mitunter zwei aus ihm, der Planer und der Professor. Der eine schafft Räume und der andere doziert über die Kunst, Raum zu schaffen. Der eine arbeitet in einem Labor für visionäre Architektur. Der andere lehrt an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, was visionäre Architektur heißt. Das geht beides zusammen bei ihm. Tobias Wallisser ist ein Mann, der seine Konturen ausfüllt.

Gelernt hat er sein Hand- und Kopfwerk an der Universität Stuttgart. Aus dieser Zeit kennt er Chris Bosse und Alexander Rieck, wie er Studenten und geprägt von der Stuttgarter Schule. Mit dem Diplom in der Tasche ging Wallisser an die Columbia University in New York und heuerte 1997 im renommierten Architekturbüro von Ben van Berkel und Caroline Bos in Amsterdam an. Wallisser wurde Projektleiter für das Mercedes-Benz-Museum und pendelte zwischen Stuttgart und Amsterdam, wo seine Frau und die beiden Töchter leben. Das tut er heute noch, nur mit dem Unterschied, dass er jetzt in Stuttgart sein eigenes Architekturbüro hat. Die Freunde von damals fanden im Jahr 2007 wieder zusammen. Chris Bosse hatte zwischenzeitlich als Architekt die Schwimmhalle für die Olympiade in Peking entworfen, die neue Maßstäbe im Bereich des computergestützten Entwerfens setzt. Alexander Rieck forschte jahrelang beim Fraunhofer-Institut in Stuttgart.

„In unserem Alter hat man noch die Illusion, etwas zu verändern“, sagt Tobias Wallisser, der es bei seiner Arbeit mit Billy Wilder hält: „Ich habe zehn Gebote. Neun davon lauten: Du sollst nicht langweilen.“ Das versucht der Professor für innovative Bau- und Raumkonzepte auch seinen Studenten zu vermitteln, aus denen keine erstarrten Artisten werden sollen. „Wir versuchen Architekten-Persönlichkeiten zu formen.“ Dafür sei die Stuttgarter Akademie ein idealer Platz, findet der Lehrer Wallisser. „Wenn man noch mal Architektur studieren wollte, würde man sich so etwas wünschen.“ 120 Studenten, zehn Professoren. Man kennt sich, man stimuliert sich. Auf diesem Humus gedeiht Selbstbewusstsein. „Die Architektur ist vielleicht nicht die Mutter aller Künste“, sagt Tobias Wallisser, „aber mindestens deren Schwester.“

Die Dinge wieder neu denken will der Schwabe aus Baden, der talentierten Studenten manchmal eine Chance in seinem Büro bietet. Dabei kann man gut mit ihm auskommen, wenn man einen Satz aus dem Wortschatz streicht: „Das haben wir noch nie gemacht.“ So was kann er nicht haben im Zukunftslabor, wo Visionen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht sind. „Wir träumen von einer Überwindung, der Aufhebung von Haut und Knochen, von Gebäuden als parametrische Kathedralen, wie wir das nennen“, sagt er. Das Mercedes-Museum kommt dieser Vorstellung nahe. Die Architektur des Gebäudes, das sich einer Spirale gleich in die Lüfte dreht, ist viel besungen worden. Die Form erinnert an eine DNA-Doppelhelix und bietet eine Plattform für das Erbgut der Marke Mercedes, das in jedem der über 1.500 Exponate zum Ausdruck kommt. In seiner Architekten-DNA steckt das Visionäre. Es treibt ihn weiter. Wallisser ist keiner von denen, die Vollkasko durchs Leben gehen, bei denen alles so bleiben darf wie es ist. In der Wüste von Abu Dhabi ist so eine Philosophie leichter auszuleben. Hier darf er sich verwirklichen, hier darf er den Fortschritt zementieren. Für die Häuser von Masdar City gelten strenge Umweltstandards. Ihr Energieverbrauch liegt bei rund 80 Prozent unter dem derzeitigen Standard in Abu Dhabi, der Wasserverbrauch soll um 60 Prozent niedriger liegen. Regenwasser wird genutzt, für die Dächer von Masdar Plaza schlagen die Architekten Hydrokultur-Gärten vor, in denen Obst und Gemüse für die Hotelrestaurants innerhalb des Gebäudekomplexes gezüchtet werden. Die Verschmutzung durch Emissionen sollte dabei kein Problem sein. Erlaubt sind nur Elektromobile.

Die Wüste ist weit, die Steinwüste vor dem Fenster in Stuttgart nah. Dort haben andere die Chance, sich zu verwirklichen, falls das Projekt nicht noch gestoppt wird. Der neue Tiefbahnhof soll nach den Plänen des Düsseldorfer Stararchitekten Christoph Ingenhoven gebaut werden. Immer häufiger schallen die Trillerpfeifen derer herüber, die mit dem Bahnhof „oben bleiben“ wollen. Vielleicht haben Wallisser und seine Kollegen deshalb ihren eigenen Entwurf von der neuen Stuttgarter Zugstation gezimmert, nur für sich, einfach so. Die jetzigen Gleisanlagen werden nach seinen Plänen von einem riesigen Solardach überspannt. „Ein öffentliches Tor zur Stadt, ein Verkehrsknoten mit eigener Energiezentrale, ein Symbol nachhaltiger Stadtentwicklung und innovativer Technik.“ Wallisser taufte das Kind „Stuttgart 22“ und legte es in eine Schublade seines Zukunftslabors. Viel Zeit hat er dafür nicht. Es ruft die Welt. Der nächste Flieger nach Abu Dhabi geht in fünf Stunden.