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Auf dem Weg zur Sonne

Ursula Eicker wirkt mit an der Stadt der Zukunft. Als Professorin für Bauphysik an der Hochschule für Technik in Stuttgart gestaltet sie die ökologischen Vorzeigekommunen Europas.

Man kann eine Story prickelnder beginnen als mit Zahlen von der Tankstelle. Zahlen sind kalt, aber sie lügen nicht. 1970 kostete der Liter Benzin 55 Pfennig. 1990 waren es 1,14 DM, zehn Jahre später 1,40. Inzwischen sind Preise von 1,60 fast normal. Allerdings in Euro. Die 1998 im Wahlkampf geäußerte und heftig umstrittene Forderung der Grünen von „fünf Mark pro Liter“ scheint plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt.

Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe, davon künden diese Zahlen, geht unweigerlich zu Ende. Es hat seine Spuren hinterlassen. Das Eis an den Polkappen schmilzt, die Luft ist mit Treibhausgasen geschwängert, das Klima verändert sich. Man kann das hinnehmen oder es mit Karl Popper halten. „Es hat keinen Sinn zu sagen, alles ist schlecht“, schrieb einst der Philosoph. „Die wirkliche Fragestellung ist, was können wir tun, um es vielleicht ein bisschen besser zu machen.“

Mit dieser Frage befasst sich Ursula Eicker schon länger. Die Professorin für Bauphysik lehrt und forscht in Stuttgart für eine sauberere Zukunft. Das Besondere ist bei ihr, dass sie dabei an zwei Stellschrauben gleichzeitig dreht. Einerseits versucht sie möglichst viel Sonnenenergie über Solarzellen zu schöpfen, andererseits kümmert sie sich darum, dass sich Energie in gut gedämmten Häusern möglichst nicht verflüchtigt. Dabei leistet die Wissenschaftlerin mit ihrem Team an der Hochschule für Technik europaweit Pionierarbeit. „Von unseren Erfahrungen“, sagt Ursula Eicker, „werden in den nächsten Jahren viele Bauprojekte profitieren.“

Ein schlichtes Büro mitten in Stuttgart. Vor dem Fenster fegt der Herbstwind die letzten Blätter aus den Baumwipfeln. Drinnen steht eine zierliche Frau vor einem Regal voller Ordner mit Aufschriften wie „Niedrigenergie“, „Biomasse“, Solarthermie“. Auf dem Tisch stapeln sich Bewerbungsmappen von Studenten. So also sehen Orte aus, an denen Visionen zu Hause sind und das Wohnen von Morgen seine Konturen findet.

Wenn man es literarisch ausdrücken will, ist Ursula Eicker das Fräulein Smilla für die Stadt der Zukunft. Sie hat das Gespür für die ökologische Wende. Daran arbeitet sie seit Jahren als Lehrende, als Forschende und als Koordinatorin des EUProjekts „Polycity“, bei dem in drei europäischen Städten gezeigt werden soll, wie fossile Brennstoffe durch Energie aus der Sonne und Biomasse ersetzt werden können. Der Versuch erstreckt sich über den Nordosten Barcelonas, über einen Stadtteil von Turin und schließlich über ein Neubaugebiet in Ostfildern. Im „Scharnhauser Park“, wo früher amerikanische Streitkräfte den Kalten Krieg befeuert haben, wird jetzt ein modernes Biomasse-Blockheizkraftwerk betrieben, das Strom und Wärme erzeugt. Ein ökologisch vorbildliches und familienfreundliches Quartier soll entstehen, das für 10.000 Menschen Platz bieten soll, deren Häuser nach den neues wissenschaftlichen Erkenntnissen wärmeisoliert sind und nicht nur den gesetzlich geforderten Wert um 25 Prozent unterschreiten, sondern dank hocheffizienter Solartechnik eines Tages auch mindestens das Elektroauto der Familie mit Energie speisen soll, die unendlich ist. Und sauber obendrein.

Der Zeitgeist sorgt für Rückenwind. Die Ökobewegung aus den siebziger Jahren sieht die rot lachende Sonne ihres Logos neu aufgehen und in Baden-Württemberg regieren die Grünen das Land, was vor wenigen Jahren noch unvorstellbar schien. Mit einem Mal rückt in den Vordergrund, dass der jährliche Energieverbrauch in Europa von 10 Milliarden Gigawattstunden mit 41 Prozent zum größten Teil auf Gebäude entfällt. Und plötzlich fließt auch das Geld. Die Europäische Union sponsert Eickers Forschungsprojekt mit acht Millionen Euro, insgesamt liegt der Etat bei 17 Millionen. Erstmals in der Geschichte Baden-Württembergs ist eine Hochschule für ein Projekt dieser Größenordnung verantwortlich. „Das ist wirklich eine spannende Zeit“, sagt die Wissenschaftlerin. „Alles schaut auf uns in Baden-Württemberg.“

Dass sie sich einmal für die flächendeckende Kombination von Solarenergie mit Wärmedämmung und Blockheizkraftwerken erwärmen würde, war Ursula Eicker nicht an der Wiege gesungen. 1963 in Aachen geboren, wächst sie mit zwei Geschwistern in Bochum auf. Physik wählt sie wegen des Lehrers, den sie nicht sonderlich leiden mag, in der zehnten Klasse ab. Ihr steht mehr der Sinn nach Musik. Klassische Gitarre.

Zwei Jahre vor dem Abitur absolviert sie die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Dortmund. Sie denkt an eine Karriere als Gitarristin. „Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich in meinem weiteren Leben nicht jeden Tag acht Stunden klassische Gitarre spielen will“, sagt sie. Also wird es Physik. „Dieses Fach gibt einem das breiteste Grundverständnis der Welt.“

Eicker studiert in Mainz und Berlin, spezialisiert sich auf Festkörperphysik und promoviert an der Heriot-Watt University im schottischen Edinburgh. Für ihre erste Arbeitsstelle zieht sie nach Paris. Dort befasst sie sich für ein Unternehmen mit Silizium-Beschichtungen von Solarzellen. Zwei Jahre später wechselt die Physikerin als wissenschaftliche Mitarbeiterin ins Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) nach Stuttgart. Auch dort forscht sie an Photovoltaik- Anlagen. Mit 29 folgt der nächste Karriereschritt: Ursula Eicker wird Professorin für Bauphysik an der Hochschule für Technik in Stuttgart.

Das erste Jahr ist hart. Nicht nur, weil sie in einer Männerdomäne gelandet und zu dem noch jünger ist als einige ihrer Studenten, sondern auch weil sie als Theoretikerin vor Bauingenieuren referiert, die gerade von der Baustelle kommen. Sie löst dieses Problem auf ihre Art, indem sie in den Heslacher Weinbergen ein altes Haus kauft und jahrelang selbst umbaut. Die Professorin verlegt Wasserleitungen, mauert, dämmt und tüftelt an der Solaranlage des Eigenheims. Seitdem macht ihr rein praktisch keiner mehr was vor.

Manchmal fügen sich die Dinge im Leben und bei Ursula Eicker hat es sich hübsch gefügt. Das Forschungsgebiet ist neu, Solarenergie gesellschaftlich relevant. Und nebenbei lässt sich mit dem Rüstzeug ihres Wissens einiges verbessern auf dieser Welt. In Nepal, Thailand und auf den Philippinen hat Ursula Eicker mit Studenten unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ so manches Projekt angestoßen. Mit ihrem Team lieferte sie Solartechnik für Gemeinschaftshäuser und installierte Trockner für Früchte, Kräuter und Gewürze, allesamt betrieben mit der Kraft der Sonne. Viel Aufhebens macht die Wissenschaftlerin dabei nicht um sich. „Ich bin keine Mutter Theresa“, sagt sie. „Das macht einfach nur Spaß.“

Einer wie ihr gehen die Visionen nicht aus. Der solaren Kühlung gehört die Zukunft in Ländern wie China und Afrika. Und auch zu Hause greift er mehr und mehr Raum, der Traum von einem Leben, das nicht auf Kosten der Ressourcen geht. „Dabei kann die Lösung nicht sein, dass wir alles mit erneuerbarer Energie machen“, sagt die Bauphysikerin. „Wir müssen uns zugleich fragen, wie sich unsere Gebäude effizienter nutzen lassen.“

Dämmung ist das Stichwort. Nicht nur von außen nach innen, sondern in ihrem Fall auch umgekehrt. Schließlich ist die Professorin nebenbei auch noch in der bühnentauglichen Ursula-Eicker- Band eine feste Größe, und wenn bei der Probe die harten Stücke von AC/DC gespielt werden, kann es nicht schaden, wenn der Sound im Haus bleibt. „Die Musik ist ein wichtiger Ausgleich zum Job“, sagt Ursula Eicker, die rockende Professorin, die ihren Weg zur Sonne mit Freuden geht. Von wegen „Highway to hell.“