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Der stete Optimierer

Michael de Clara sucht gerne nach Dingen, die sich noch verbessern lassen. Der Student der Wirtschaftsinformatik an der FOM Hochschule bildet sich seit Jahren parallel zum Beruf fort.

Freitagnachmittag, 15 Uhr. An der Stuttgarter Schwabstraße kehrt Leben ein. Die Türen der Bürogebäude öffnen sind, Menschen quellen heraus, ein Feierabend-Grinsen im Gesicht. Hier und da stehen Grüppchen in der Sonne, plaudern noch kurz, winken. „Tschüß, schönes Wochenende.“ Auch Michael de Clara, ein junger Mann mit randloser Brille in Jeans und Hemd, trägt dieses Grinsen im Gesicht. Allerdings geht er andersherum durch eine der Türen. Schwupp, die schwingende Pforte schließt sich – und schneidet das Geräuschband der wuseligen Draußenwelt ab. De Clara geht schnell die Treppe hinauf, als könne er es kaum erwarten, nimmt zwei Stufen auf einmal, öffnet im fünften Stock schließlich eine Tür und setzt sich in einen Seminarraum. Durch das gläserne Dach sieht man den blauen Himmel, ein paar frühlingswarme Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster, de Clara lehnt sich zurück.

Dabei geht bei ihm die Arbeit jetzt erst richtig los. Nach den 40 Stunden, die der 29-jährige Wirtschaftsinformatiker unter der Woche bei Bosch in Stuttgart arbeitet, studiert er am Wochenende IT Management an der FOM Hochschule. Nach Feierabend hat de Clara eine lässige Sportjacke über sein Hemd gezogen, und nicht zuletzt hilft der Ohrstecker, das Bild eines Strebers zu vertreiben, das sich angesichts seines Arbeits- und Lernpensums einschleichen möchte. De Clara kennt es nicht anders: Seit seiner Ausbildung zum Industriekaufmann, die er vor neun Jahren abgeschlossen hat, bildet er sich parallel zum Fulltime-Job fort. Erst absolvierte er den Fachwirt, dann den Betriebswirt, schließlich machte er den Bachelor in Wirtschaftsinformatik, jetzt folgt der Master. Ist das nicht alles ein bisschen viel? „Für mich wäre ein Abend auf dem Sofa bei schlechtem Fernsehprogramm ein verlorener Abend“, sagt er.

Der Antrieb für diese Einstellung wurde de Clara wortwörtlich in die Wiege gelegt – in Form eines Zwillingsbruders. Schon der kleine Michael merkte schnell, dass die Aufmerksamkeit der Eltern ein kostbares Gut ist, um das es sich zu kämpfen lohnt. Vor allem, wenn dieses Gut stets durch zwei geteilt werden muss. In der Ausbildung zog Klein-Michael erstmal den Kürzeren: Während der Bruder als Industriemechaniker bei Porsche lernte, verschlug es ihn als angehenden Industriekaufmann in eine kleine Zuliefererfirma. 60 Bewerbungen hatte er erfolglos abgeschickt. Dass der Vater, Unternehmer und Feinmechaniker, sich fortan mehr für die Erzählungen des Bruders interessierte, demütigte Michael nur kurz. Dann sah er es als sportliche Herausforderung. „Wir haben uns gegenseitig angestachelt.“

Dadurch erzielte Michael de Clara bald den Ausgleich im Brüder-Wettstreit: Vom faulen Realschüler, wie er im Rückblick selbst sagt, mauserte er sich schließlich zum bundesweit besten Auszubildenden seines Faches, eine Auszeichnung der IHK. „Das, was du da gemacht hast, das schaffe ich nie“, sagt sein Bruder wenige Tage später im gemeinsamen Kinderzimmer. Sein Abschluss steht bevor. Andere hätten sich vielleicht in ihrer Überlegenheit gesonnt. Michael de Clara ist kein Typ, der die Schwäche anderer braucht, um sich stark zu fühlen. Im Gegenteil. „Wetten, Du schaffst das“, sagt er, „und wenn ich Recht behalte, bekomme ich deinen Preis!“ Die Uhr, die sein Bruder als einer der fünf besten Azubis bei Porsche schließlich gewann, hat de Clara noch heute.„Ich rate allen Zwillingen: macht einen Wettbewerb draus!“

Wer rastet, der rostet. Michael de Clara lebt nicht nur danach, er redet auch danach. Im Sommer 2014 steht er mit seiner frisch angetrauten Ehefrau am Strand einer kleinen Insel vor Florida. Am Vortag haben sich die beiden dort das Ja-Wort gegeben. Es ist die Phase zwischen Bachelor- und Master-Studium, der erste Urlaub seit de Clara denken kann, in dem er nicht lernen musste. Da sieht de Clara ein Hochzeitspaar, das den schönsten Tag des Lebens mit einem Selfie verewigt. Er bietet sich als Fotograf an. „Ich konnte nicht anders.“ Später stellt sich heraus, dass die beiden Paare viele Gemeinsamkeiten haben, vom Beruf bis zur schwäbischen Heimat. De Clara überzeugt die Beiden schließlich sogar vom berufsbegleitenden Studieren.

Dieses „ich kann nicht anders“ zieht sich durch sein Leben: Wenn es etwas zu verbessern gibt, verbessert er. So eignet er sich schon in seiner Ausbildung die nötigen IT-Kenntnisse an, um eine Datenbank für Auftragsanfragen zu basteln. „Das musste man dringend optimieren.“ Nach der Ausbildung wechselt er in ein etwas größeres Unternehmen. Im Vertrieb fallen ihm Excel-Listen auf, die Funktionen des Programms falsch verwenden und so Fehler produzieren. „Das war mir alles zu händisch“, sagt er. Er programmiert kurzerhand eine Datenbank mit einer schönen Eingabemaske.

Aber Optimieren kann auch Probleme bringen. Seine Vorgesetzten stören sich an der „Schatten-IT“ im Vertrieb – und versetzen ihn kurzerhand in die IT-Abteilung. De Clara gefällt es dort nicht. Zeit, das eigene Leben zu optimieren. Er schaut sich nach einem neuen Job um und startet parallel dazu sein Studium der Wirtschaftsinformatik an der FOM Stuttgart. „Ich wollte nicht weiter zusehen, wie 25-jährige Uniabsolventen im Betrieb an mir vorbei ziehen.“

Seine Traumstelle bekommt er schließlich, obwohl er das dafür nötige Studium noch nicht beendet hat: Seit April 2014 arbeitet de Clara als Anwendungs- und Systemberater für Kundendatenbanken bei Bosch. Und auch nebenberuflich hat er Erfolg: Das Bundesbildungsministerium fördert sein Studium mit dem Aufstiegsstipendium für Begabte, die FOM Stuttgart zeichnet schließlich seine Bachelorarbeit mit ihrem Mittelstandspreis aus. Natürlich hat er auch hier etwas optimiert: Die Kommunikation zwischen der Personalabteilung und klassischen Fabrikarbeitern ohne Zugriff auf Computer. Dafür entwickelte de Clara eine App, die jeder von seinem Smartphone aus nutzen kann. Heute hat er seine Rolle gefunden. Er ist weder der reine Vertriebler noch der Vollblut-Informatiker. Er sieht sich als Vermittler zwischen dem, der die Prozesse kennt und dem, der die Codes kennt. Zum Glück gibt es die Wirtschaftsinformatik.

Die Gänge der FOM füllen sich langsam. Aus den Aufzügen huschen Männer in Anzug und Krawatte, das Handy am Ohr. Vor dem Fenster läuft eine junge Frau vorbei, De Clara winkt und grinst. „Eine Professorin“, erklärt er, „Wirtschaftspsychologie.“ Das Fach hat ihn sichtlich begeistert. Er macht sich Gedanken um seine Generation und ihr Verhältnis zum Leben und zur Arbeit. „Diese Generation will nicht vor allem Karriere machen, sondern sie will netzwerken und eine ausgeglichene Work-Life-Balance.“ Aber gehört er da wirklich dazu? Seit neun Jahren hat er zwei Fulltime- Jobs. Das ist mehr Work als Life. De Clara denkt nach. Naja. Er würde niemanden sitzen lassen bei der Arbeit, der dringend seine Hilfe braucht. Er würde auch im Urlaub ans Telefon gehen. Immerhin dürfe er seine Überstunden nutzen, um für die Prüfungen zu lernen. Ein Geben und Nehmen.

Wenn er an das schlechte Fernsehprogramm denkt und verlorene Abende auf dem Sofa, ist er mit seiner Work-Life-Balance eigentlich ganz zufrieden. Auch seine Frau, ebenfalls Betriebswirtin und Bachelor- Absolventin an der FOM, hat er vom Studieren überzeugt. So sitzen sie nun gemeinsam über den Büchern und motivieren sich gegenseitig, wenn sie angesichts der Berge an Lernmaterial und der Anforderungen ihrer Vollzeitjobs ein Tief haben.

Irgendwann wird auch der Master geschafft sein. Was kommt dann? „Dann ist erstmal gut!“, sagt de Clara bestimmt. „Auch wenn man niemals nie sagen soll.“ Erstmal will er all das zurückgeben, was er von seiner Familie bekommen hat: Zeit. Der Bruder hat ihm während der Bachelor-Phase den Umzug organisiert, ihm will er beim Hausbau helfen. Dann will er sich weiter beim „Club der Betriebswirte“ engagieren, dem Alumni-Verein seines Fachs bei der IHK, und an deren Interessen arbeiten: „Betriebswirte werden nicht gesehen, dabei können sie so viel!“

Und nicht zuletzt wären da ja noch die Freunde vom Strand vor Florida, die er zum Studieren brachte. Mit ihnen wollen die de Claras gerne mehr Zeit verbringen. Das, glaubt er, soll so sein. Wieso sonst wären sie sich zufällig tausende Kilometer weg auf einer nicht sehr belebten Insel begegnet, beide mit einem so ähnlichen Lebensplan? Manche Dinge muss man nicht optimieren, die sind schon ziemlich gut.