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Der unverbogene Staatssekretär

Manche sehen über alles hinweg, vor allem über die Realität. Ingo Rust gehört nicht dazu. Nach dem Studium an der Hochschule Esslingen hat der Ingenieur Karriere in der Politik gemacht.

Die Luft riecht nach Sommer. Draußen in den Schlossgärten räkeln sich die Stuttgarter in der Sonne. Drinnen scheint kühles Neonlicht auf einen ovalen Tisch, an dem für gewöhnlich eckige Probleme gelöst werden. Rust – das klingt nach Freizeitpark. Sein Büro spiegelt wenig davon. Ein spartanisch möblierter Ort, an dem schnörkellos Politik gemacht wird für Baden-Württemberg.

An der Wand hängt ein Foto, das breiten Raum einnimmt im Amtszimmer und viel sagt über den zweiten Mann im Superministerium für Wirtschaft und Finanzen. Ein Porträt von Abstatt, seiner Heimat, gelegen zwischen Wunnenstein und Burg Wildeck. Irgendwo hier, irgendwo zwischen schwäbischem Bürgerwohnglück und pittoresken Weinbergen, irgendwo zwischen dem Pulsschlag der Schaffigkeit und dem heiligen Bimbam der evangelischen Stephanuskirche hat sich eine Quelle aufgetan, die Ingo Rust bis heute bewässert.

Vielleicht erklärt ihn dieses Bild am besten. Vielleicht erklärt es sogar seinen steilen Aufstieg. Vom jüngsten Gemeinderat zum jüngsten Landtagsabgeordneten, vom Vorsitzenden im Finanzausschuss zum Staatssekretär im Finanz- und Wirtschaftsministerium. Manchen würde ein solcher Werdegang zu Kopf steigen. Ihm nicht. „Politische Karrieren kann man nicht planen“, sagt Ingo Rust und fügt leise hinzu, das er diesen Satz durchaus als Christ formuliert habe.

Für einen Moment erinnert der Genosse Rust an den jungen Christdemokraten Erwin Teufel, der einst mit 32 Staatssekretär im Ländle wurde und zeitlebens nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass es für ihn entscheidend ist, woher die Politik ihre Maßstäbe nimmt. Teufel wurde später Ministerpräsident. „Ich nehme mein Schicksal an aus Gottes Hand, auch wenn es nicht läuft“, hat er als Regierungschef einmal gesagt. „Erfolg ist keiner der Namen Gottes.“ Bei Ingo Rust hört sich das ganz ähnlich an: „Da ist einer, der mich hält, wenn ich falle und der mich auch durch schwierige Situationen trägt. Das ist mir eine wertvolle Gewissheit.“

Erwin Teufel war der Glaube an der Wiege gesungen, Ingo Rust eher nicht. Er ist ihm zufällig begegnet. Rust wird 1978 in Heilbronn-Neckargartach geboren und wächst in Abstatt auf. Seine Eltern haben sich den Traum vom Häusle verwirklicht und leben sparsam, was ihm im Rückblick weniger als Nachteil erscheint denn als Vorteil. „Ich habe gelernt, mit Geld umzugehen. Darüber bin ich froh.“

In seiner Freizeit verschreibt er sich dem Fußball. Rust ist ein ambitionierter Vorstopper, einer der sich darum kümmert, dass im Strafraum der Seinen nichts anbrennt. Eigentlich will er das auch bleiben, aber er verletzt sich schwer am Knöchel. Es passiert, als er im Training einen Elfmeter schießen will. „Da waren einige Maulwürfe unterwegs“, scherzt er. Just zu dieser Zeit flankt Gott in sein Leben. Rust bleibt der Kirche auch nach dem Konfirmandenunterricht verbunden, was seinem Pfarrer auffällt. Der Seelsorger nimmt den jungen Protestanten in seinen Hauskreis auf, wo man sich über die Bibel austauscht. „So fand ich zum persönlichen Glauben“, sagt Ingo Rust, der sich bis heute im Abstatter Kirchengemeinderat engagiert und die Jahreslosung der christlichen Kirchen auch sonst verinnerlicht hat: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“

Fast jeden Tag liest er in der Bibel. „Das gehört für mich zum Gespräch mit meinem Gott“, sagt er. Dass man mit Worten einiges bewegen kann, wird ihm schon als Schülersprecher in der Realschule Ilsfeld bewusst. Die Zuschüsse für die Busfahrkarten sollen gekürzt werden, was ihn an den Rezeptoren des Gerechtigkeitssinns kitzelt. „Ich wollte nicht, dass der Geldbeutel der Eltern darüber bestimmt, wie weit man kommt“, sagt er im Rückblick. Es ist das Jahr 1996. Die Sozialdemokraten kassieren bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg eine herbe Niederlage. Noch am Wahlabend fasst er sich ein Herz. Andere treten die geschlagene Partei in jenem Moment, er tritt ihr bei. Drei Jahre später wird Rust in den Gemeinderat seines Heimatorts gewählt. Seitdem gestaltet er Politik.

Dieses Geschäft ist tückisch. Wer sich zu sehr abhängig von der Politik macht, riskiert ein verbogenes Rückgrat. Der Freizeitwanderer Rust geht gerne aufrecht. Ein solider Beruf ist die beste Versicherung. Nach der Realschule wechselt er aufs Technische Gymnasium, später schreibt er sich an der Hochschule Esslingen ein. Dort holt er sich das Rüstzeug für den Beruf des Ingenieurs und ganz nebenbei, ohne es zu ahnen, auch für den Beruf des Politikers. „Mich hat das Studium sehr geprägt“, sagte er, „weil ich dort das logische und ergebnisorientierte Denken intensiv gelernt habe.“

Die Zeit auf der Hochschule empfindet Rust als bereichernd, seine Professoren nennt er „herausragend“. Viele seien aus der Industrie gekommen und hätten ihm praxisnah vermittelt, worauf es ankommt. „Frage nicht, was nicht geht, sondern frage stattdessen lieber, wie es gehen könnte.“ Er nutzt das später auch für die Landespolitik, indem er sich die Strategien des Hochschulstudenten in Erinnerung ruft. „Wenn ich ein großes Problem habe, dann zerlege ich es in kleine Probleme und arbeite sie ab.“

Ein zentrales Problem stellt sich für ihn am Ende des Studiums. Kaum hat er seine Diplomarbeit begonnen, kündigt der Landtagsabgeordnete Wolfgang Bebber den Abschied aus der aktiven Politik an. Ingo Rust, gerade 25 geworden, ist Zweitkandidat und rückt nach. Die Hochschule ermöglicht ihm, beides unter einen Hut zu kriegen. 2004 schließt er seine Diplomarbeit ab und nimmt eine Teilzeitstelle in der Forschung an. Rust befasst sich mit Wissensmanagement in der Produktentwicklung und hält Vorlesungen.

Gläubig zu sein, wissenschaftlich zu denken und politisch zu handeln, das gehört für ihn zusammen. Rust engagiert sich im Landtag als kirchenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und darüber hinaus als Vorsitzender der Bezirkssynode des Evangelischen Kirchenbezirks Marbach. Das ist ihm wichtig, weil er für ein partnerschaftliches Miteinander von Kirche und Staat eintritt. „Dem Nächsten und vor allem den Benachteiligten ein Fürsprecher und Helfer zu sein, ist ein Leitfaden für mich“, sagt er.

2011 wird ihm eine ernste Gewissensprüfung abverlangt. Grün-Rot löst Schwarz-Gelb in Baden-Württemberg ab, was einer Sensation gleichkommt. Rust wird als Finanzstaatssekretär gehandelt. Er bespricht sich mit seiner Frau Friederike. Der Maschinenbauingenieur lässt sich an der Hochschule beurlauben und verwandelt sich in einen Vollzeitpolitiker, wohl wissend, dass er dafür einen Preis bezahlt. „Der Beruf des Politikers ist definitiv familienfeindlich“, sagt der Vater zweier Kinder. 80 Stunden pro Woche sind die Regel.

„Das kann man nicht wegcamouflieren“, pflegte Willy Brandt in solchen Fällen gerne zu sagen. Der Genosse Rust trägt es mit Fassung, die er auch dann behält, wenn er im Lenkungskreis zu Stuttgart 21 für seine Partei spricht. Rust bekennt sich zum Bahnprojekt, weil es den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg stärkt. Seine Partei denkt in dieser Frage wie er und damit anders als der Koalitionspartner, der in Gestalt des umstrittenen Verkehrsministers Winfried Hermann das Land gleichermaßen vertritt. Da sind Spannungen programmiert, möchte man meinen. Rust meistert auch diese Prüfung, wobei ihm zupass kommt, dass ihn die Bindung im Glauben vor der Hybris bewahrt. Er nimmt „den Winne“, wie er ist und vielleicht auch sein muss. „Wir kommen gut miteinander aus.“

So einer könnte Karriere machen im politischen Betrieb. Manche halten ihn für den kommenden Mann bei der SPD, was ihm zwar schmeichelt, aber nicht zu Kopf steigt. „Ich versuche meinen Job mit Leidenschaft zu machen“, sagt er. „Alles andere ist nicht nur in meiner Hand.“

Drunten auf dem Hof des Neuen Schlosses wartet der Fahrer. Der Staatssekretär hat einen Termin. Ingo Rust verlässt seinen Schreibtisch, auf dem eine Bibel steht, und geht eiligen Schrittes hinunter auf den Hof. Politik ist ein unbarmherziges Geschäft. Um die Jubiläumssäule liegen die Sonnenanbeter und frönen dem Müßiggang.