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Sensoren für die Zukunft

Einst hat er in Stuttgart Physik studiert, jetzt ist Volkmar Denner der G1, wie das bei Bosch heißt: Vorsitzender der Geschäftsführung des weltgrößten Autozulieferers.

Eigentlich sagt die kleine Szene fast alles über Volkmar Denner. Er steht vor einem langen Konferenztisch und überlegt für einen Moment, wohin er sich setzen soll. An die Spitze, wie es seinem Amt entspricht? Volkmar Denner wählt den Stuhl in der Mitte. Ein Mann, der groß geworden ist, aber nicht großtuerisch.

Draußen huscht der Wind über die Gerlinger Schillerhöhe, drinnen sitzt der neue Boschchef und erzählt davon, wie das so ist, an der Spitze eines Konzerns, der 50 Milliarden umsetzt und wie man so denkt, wenn man einen Tanker beweglich halten muss, der bisher vor allem auf den Routen des klassischen Autogeschäfts unterwegs war und jetzt Kurs auf Bosch 3.0 nimmt, ein Terrain, das nicht in den bewährten Landkarten eingezeichnet ist.

„Es wird eine vielschichtige Reise werden“, sagt Dr. Volkmar Denner, von dem es heißt, dass er nicht zwangsläufig dem linearen Denkpfad folge. Was in seinem Fall nicht bedeutet, dass ihm die Firmengeschichte gleichgültig wäre. Er kennt sie besser als viele andere. „Wer nicht um seine Wurzeln weiß, der hat keine Zukunft“, hat Golo Mann einmal gesagt. Denner hat das verinnerlicht. Man muss wissen, woher man kommt, um entscheiden zu können, wohin man will. Er kam vor 27 Jahren, wenn man so will, aus dem Nichts und marschierte durch bis an die Spitze eines Weltunternehmens. Man kann sich das nach dem Prinzip einer russischen Schachtelpuppe vorstellen, in der die kleinste Puppe in die jeweils nächst größere gepackt wird. Irgendwann sind die beiden letzten Teile zusammen und die Puppe geht nicht mehr größer. So ähnlich ist das bei ihm gelaufen. Er hat klein angefangen. Jetzt ist er der siebte Chef seit Robert Bosch die Firma 1886 gegründet hat.

Das darf man wohl eine Karriere nennen, und es hat nicht den Eindruck, als sei sie ihm zu Kopfe gestiegen. „Jeder ist wichtig in so einem Großunternehmen“, sagt Denner bescheiden. Und weil Sagen und Tun bei ihm eins sind, war es eine seiner ersten Amtshandlungen als neuer Chef, ein Forum einzurichten, in dem jeder der 300.000 Mitarbeiter hinterlegen konnte, was es zu bewahren gilt bei Bosch und was sich ändern soll. Die Botschaft kam an, es gab eine überwältigende Reaktion und fast 200.000 Klicks von Mitarbeitern. „Ich will, dass wir vernetzt denken“, sagt Denner. Vernetzen, das heißt für ihn Adern austreiben, in denen das pralle Leben pulsiert.

Denner ist überzeugt, dass die Welt von morgen eine stark vernetzte Welt sein wird, was auch in der Stuttgarter Traditionsfirma einen Kulturwandel bedingt, der weg geht von der strengen Hierarchisierung des Wissens hin zu einem neuen Ansatz, welcher darauf setzt, dass möglichst viele Mitarbeiter wie Sensoren auf ihre Umwelt reagieren und ihre Wahrnehmungen möglichst direkt einspeisen ins große Ganze. Was sich systemtheoretisch anhört, fasst in der Praxis durch das Internet längst Fuß. Autos parken selbständig ein, korrespondieren mit der Werkstatt oder dem Verkehrsrechner, ohne dass der Fahrer sie dazu anhält. Der Boschkonzern werde auch künftig Autoteile, elektronische Werkzeuge oder Haushaltsgeräte produzieren, sagt Denner, aber eben nicht nur als Lieferant von Dingen auftreten, sondern die Dinge auch vernetzen und darauf aufbauend neue Dienstleistungen anbieten. Das alles spiegelt sich auch darin, dass in der traditionellen Ingenieurfirma Bosch heute mehr als 10.000 Softwareentwickler beschäftigt sind. Und nicht von ungefähr hat Volkmar Denner, nebenbei noch Entwicklungschef, eine klare Order bei den Ingenieuren im Konzern ausgegeben: „Alle elektronischen Produkte müssen IT-fähig gemacht werden. Auf dieser Basis lassen sich ganz neue Geschäftsfelder eröffnen.“

Der richtige Mann zur richtigen Zeit, so hat es den Anschein, wobei das Bosch-Eigengewächs Denner mit dem unschätzbaren Vorteil gesegnet ist, zu wissen, wie der Laden tickt. Dieses Gefühl für die Dinge versucht er zu konservieren, auch jetzt, umgeben von einer Armada an geschulten Mitstreitern, die seine Tage durchtakten. Er nimmt sich trotzdem die Zeit für das Kleine, in dem oft das Große liegt. Wenn ihm Kunden persönliche Briefe schreiben über den neuesten Boschbohrer, hakt er schon mal akribisch bei seinen Mitarbeitern nach. „Mir ist es wichtig, den Dingen auf den Grund zu gehen“, sagt er. „Das ist eine frühe Prägung.“

Geboren 1956 in Uhingen, wächst Volkmar Denner als ältestes von drei Kindern in einer bürgerlichen Familie auf, die ihm Raum gibt, vieles auszuprobieren. Fußball, Skifahren, Tennis, Modellbau. Letzteres betreibt er mit Eifer, wovon noch so mancher Pokal in seinem Keller zeugt. Auf dem Gymnasium wird er der Studienstiftung des deutschen Volkes empfohlen, was ihm neue Türen öffnet. „Ich konnte mir plötzlich alle Bücher kaufen und hatte Zugang zu einem großen Netzwerk.“

Als Stipendiat wird er gedüngt mit einer Erkenntnis, die ihn sein weiteres Leben prägt: „Eine Begabung hat man nicht für sich. Sie muss dazu führen, dass man einen relevanten Beitrag für die Gesellschaft leistet.“ Nach dem Abitur studiert Denner Physik in Stuttgart. Er lernt dabei, den Dingen auf den Grund zu gehen. „Dieses Studium war für mich das Nonplusultra“, sagt er im Rückblick.

„Das würde ich heute sofort wieder machen.“ Diplomarbeit und Promotion besteht er mit Auszeichnung. Für einen Moment liebäugelt er mit einer wissenschaftlichen Karriere. Es gibt aber nur Zeitverträge und er will eine Familie gründen. Da kommt ein Angebot von Bosch gerade recht. 1986 fängt er dort als Fachreferent an.

Volkmar Denner streicht sich im Konferenzraum über seine Krawatte. Er könne sich noch gut an seinen ersten Tag bei Bosch erinnern, erzählt er. Der Chef nahm ihn mit in die Kantine und weil Denner ein ziemlich trockenes Menü auf dem Tablett hatte, bot er ihm die eigene Suppe an. Nebenbei nutzte er noch gleich die Gelegenheit, mit einigen zufällig am Tisch sitzenden Kollegen ein aktuelles Problem zu klären. „Ich dachte damals: So muss ein modernes Unternehmen sein.“

Denner blieb der Firma treu. „Innovativ zu sein ist in der DNA jedes Boschlers“, sagt er. Er nahm die Herausforderungen, wie sie kamen. Aus dem Fachreferenten wurde der Abteilungsleiter und aus dem Abteilungsleiter wurde der Entwicklungsleiter. Im Jahr 2006 rückte er in die Geschäftsführung auf, 2010 wurde er Forschungschef. Am 1. Juli 2012 folgte er Franz Fehrenbach als Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung nach.

Um bei seinem gigantischen Pensum nicht aus der Balance zu geraten, fährt er Rad und pflegt die familiären Wurzeln, im besonderen die Bande zu seiner Frau und den drei Kindern, die ihm auf kurzem Wege ziemlich direkt sagen, wie es jenseits des Headquaters aussieht. „Ich beobachte bei meinen Söhnen“, sagt Denner. Sie gehören zu einer schwierigen Zielgruppe, die es in den Städten nicht zwangsläufig zum eigenen Auto drängt. „Wir brauchen Konzepte für die nachfolgende Generation“, sagt Denner und denkt dabei an „Einstiegsautos, die vollständig vernetzt sind“. Zugleich gelte es, die ältere Generation im Blick zu behalten und die Chance zu sehen, „die sich bald mit dem autonomen Fahren auftut“.

Der Konzernchef schaut einen Moment auf die Uhr. Sein Terminkalender ist erbarmungslos. „Mich treibt an, wie man bleibende Spuren hinterlassen kann“, sagt Volkmar Denner zum Abschied und erzählt noch eine Anekdote. Ingenieure des Hauses haben einen mikromechanischen Sensor entwickelt, der dazu beitragen soll, dass weniger schwere Motorradunfälle passieren. Der Sensor erkennt die Schräglage des Zweirads und greift in die Bremssteuerung ein, um Stürze in der Kurve wirkungsvoll zu verhindern. Ein Thema wie gemacht für ihn, der bei aller Bescheidenheit durchaus den Anspruch an sich hat, die Welt zu verändern.

Als leidenschaftlicher Motorradfahrer ließ es sich der Chef trotz aller Termine im feinen Zwirn nicht nehmen, in der Lederkombi auf ein 200 PS starkes Motorrad zu steigen, um das schräglagenabhängige ABS höchstselbst auf der Teststrecke in Boxberg auszuprobieren. Ein bisschen mulmig sei ihm freilich zumute gewesen, sagt er, als er den vorsorglich am Streckenrand platzierten Krankenwagen entdeckt habe. „Aber unser Entwickler war so sehr von seiner Arbeit überzeugt, dass er es riskierte, mich fahren zu lassen“. Ganz der Profi, machte der Vorsitzende der Geschäftsführung seinen Job als Testfahrer ohne Probleme, woraufhin dem zuständigen Entwickler ein Stein vom Herzen fiel. „Genau das ist es, was wir brauchen“, resümiert Denner an der Türe zum Konferenzraum. „Menschen, die für ihr Thema brennen.“