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Revolution im Service

Sätze, die mit Autos beginnen, hören bei Norbert Schreier oft mit „Service“ auf. Der Professor an der Hochschule Esslingen befasst sich mit den kommunizierenden Fahrzeugen von morgen.

Das Auto, so heißt es, sei des Deutschen liebstes Kind. Ein Sprichwort mit hohem Wahrheitsgehalt, wie aktuelle Branchenzahlen belegen. Fast 83 Prozent der 40 Millionen Haushalte in Deutschland verfügen heute über mindestens einen Wagen, 29 Prozent besitzen sogar zwei oder mehr.

Heilix Blechle, so fragen sich die Auguren auch und gerade in der vom Automobil abhängigen Region Stuttgart, wie wird es wohl aussehen, das Fahrzeug der Zukunft mehr als 125 Jahre nach der Erfindung des Automobils durch Carl Benz. Wird es leichter sein, grüner und noch schneller?

In jedem Fall wird es kommunikativer. Sagt Norbert Schreier. Der Mann stochert nicht im Abgasnebel, er sorgt auf der Basis von Fakten und Daten dafür, dass er sich lichtet. Seit mehr als zehn Jahren tut er das als Professor an der Hochschule Esslingen in der Fakultät Fahrzeugtechnik.

Es ist früher Morgen in der Kanalstraße. Der Winter verliert sich gerade an den Frühling. Der hochgewachsene Professor ist in einen gut sitzenden Anzug gewandet. Mit der Autorität des einsamen Propheten steht er in der Autowerkstatt der Hochschule, in der gerade ein Kleinwagen aus Indien zu Forschungszwecken seziert wird. Umgeben von Hebebühnen und moderner Messtechnik forschen junge Wissenschaftler an diesem Ort, der nicht einfach „Werkstatt“ heißt, sondern „Center of Automotive Service Technology“. In die Werkstatt ging man früher, wenn das Auto kaputt war. Im Center of Automotive Service Technology wird darauf hingearbeitet, dass es erst gar nicht so weit kommt.

Der Service ist ein wichtiges Thema in einem wichtigen Wirtschaftssektor. Weltweit sind 2012 fast 69 Millionen Autos verkauft worden. Zwanzig Prozent davon stammen aus der Produktion deutscher Konzernmarken, wobei die Autos Made in Germany im weltweiten Premiumsektor sogar einen Marktanteil von 80 Prozent haben. Damit das auch in Zukunft so bleibt, geben deutsche Automobilbauer mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr für Forschung und Entwicklung aus. An den Neuwagen bleiben den Herstellern und Händlern allerdings oft nur geringe Margen. „Service ist der große Renditebringer“, sagt Schreier in vorausgreifender Gewissheit. „Davon leben in Deutschland 38.000 Servicebetriebe mit 450.000 Beschäftigten.“ Sie verdienen vor allem an den Ersatzteilen, die sie in Autos verbauen, welche im Schnitt neun Jahre alt werden. „Das ist fast wie bei den Druckern“, sagt Schreier. „Sie kosten immer weniger, teuer sind hingegen die Farbpatronen.“

Während die Produktforscher der Autokonzerne an der Neuerfindung des Automobils arbeiten, sich mit leichten Werkstoffen und energiesparenden Antriebstechniken beschäftigen, geht der Esslinger Wissenschaftler die Revolution von einer anderen Seite an. „Wir stehen vor einem gewaltigen Umbruch in der Mobilitätssicherung“, sagt er. Das Auto werde Teil eines Informationsnetzwerks. In absehbarer Zeit melde sich nicht mehr der Kunde beim Autohaus, sondern das Fahrzeug.“ Schreier macht den beschleunigten Gang der Dinge an einer kleinen Zeitreise deutlich. „1997 waren Navigationssysteme in Automobilen noch Prototypen, 2007 gehören sie zur Standardausrüstung. Und 2017 wissen die ersten Autos vielleicht schon selbst, wohin sie fahren und wie sie sich in die Verkehrsströme einfädeln müssen.“

Der Spaß am Auto und das, was aus ihm wird, ist bei Norbert Schreier nicht aufgesetzt, er kommt von innen. Noch immer wärmt er sich am Feuer der Begeisterung für den fahrbaren Untersatz, mit dem einst schon sein Vater das Geld für die Familie verdient hat. Er war Buchhalter in einem Opel-Haus, und kaum kam der neue „Rekord“ auf den Markt, saßen die Schreiers auch schon drin. Sowas prägt.

1969 in München geboren, wuchs Norbert Schreier im Dunstkreis von Autos auf, wobei er sich schon damals weniger für die Schrauben im Motorraum interessiert hat als für die Stellschrauben zwischen Mensch und Technik. Nach dem Abitur schrieb er sich an der Universität in Karlsruhe ein und wurde Wirtschaftsingenieur. Danach zog es ihn zurück nach Bayern, wo er 1995 bei der BMW-Group als Trainer im internationalen Kundendienst anheuerte.

Tüftler wollen Autos bauen, aber was ist, wenn sie kaputt gehen? Diese Frage hat ihn schon damals für sich eingenommen. Als neue Motoren und Modelle auf den Markt kamen, schulte er altgediente Meister in der Kunst der Wartung und Reparatur künftiger Modelle. Schreier baute Motoren auseinander und wieder zusammen, drehte Lehrvideos, ersann innovative Dienstleistungen. Bei alledem zog eine Erkenntnis in die Festung seiner Gedanken ein: „Es macht Spaß, Wissen zu vermitteln.“

Mindestens genauso viel Spaß machte es ihm, den eigenen Horizont zu weiten. „Ich möchte immer was dazulernen“, sagt er. Diese Neugier treibt ihn nicht nur beruflich. Beim Wandern, sagt er, „gehe ich immer einen anderen Weg zurück.“ Vielleicht kam er deshalb auch auf diesen Pfad, der eigentlich gar nicht auf seiner persönlichen Landkarte eingezeichnet war. Norbert Schreier war bei BMW inzwischen für die langfristige Unternehmensplanung und wichtige Modelle innerhalb Europas zuständig und hatte nebenbei über „Computergestützte Expertensysteme im Kfz-Service“ promoviert. Zufällig entdeckte er 2002 eine Stellenanzeige der Hochschule in Esslingen. „Die suchen eigentlich mich“, sagte er sich - und wagte den Schritt. Es sollte ein besonderes Jahr für ihn werden. Erst heiratete er, dann ging er frisch vermählt auf Weltreise und schließlich fing Schreier im Oktober in der Neckarstadt als Professor für Betriebswirtschaft, Informationstechniken, Qualitätsmanagement und Marketing in der Fahrzeugtechnik und im Fahrzeugservice an.

An der Fachhochschule gab es eine großes „Hallo“, zumal der Neue aus dem Hause BMW kam und zugleich eine der ersten Stiftungsprofessuren von Daimler übernahm. Er brachte auch das irgendwie zusammen und widmete sich einem einzigartigen Studienschwerpunkt, der neben den fahrzeugtechnischen Lehrgebieten die Bedeutung der Kundenorientierung im gesamten Automobilbereich sowie Methoden und Werkzeuge aus Service, Vertrieb und Marketing vermittelt. „Wir brauchen nicht mehr nur Tüftler im stillen Kämmerlein“, sagt Schreier. „Wir brauchen junge Menschen, die anspruchsvolle Projekte managen können und als Verbindungsingenieure zu den Märkten agieren.“

Dem Geist des Aufbruchs blieb er auch in der neuen Stelle treu, wo der Professor bald schon besondere Pfade anlegte und die Kooperation mit der Tongji-Universität in Shanghai mit Leben füllte, was insofern bemerkenswert ist, als die Kaderschmiede in China 56.000 Studenten zählt, während in Esslingen nur 5.000 eingeschrieben sind. Der Ruf der Schwaben ist trotzdem so gut, dass sich der große Bruder im Reich der Mitte auf die Partnerschaft mit dem kleinen Bruder im Süden Deutschlands einließ und jetzt sogar Doppelabschlüsse an beiden Hochschulen möglich sind.

Gemeinsam ist den Studenten die Faszination der Mobilität. So manche Innovation hat deshalb von der Werkstatt der Hochschule ihren Weg in die Welt gefunden, was einige namhafte Sponsoren des Studiengangs besonders freut, die aus der Automobilbranche kommen. Verwaltet werden die eingehenden Zuschüsse von Professor Schreier, der sie weidlich zu nutzen weiß. „Seit 1997 haben wir mehr als eine Million Euro eingenommen und wieder in die Lehre und Forschung gegeben.“

Wer jeden Tag mit den Autos von Morgen zu tun hat, so denkt man sich, wird sich vermutlich eines High-Tech-Modells aus Stuttgart oder München bedienen und darin zur Arbeit fahren. Irrtum! Norbert Schreier, der mit seiner Frau und den beiden Söhne bodenständig im Eigenheim hinter der Esslinger Burg wohnt, nimmt meistens den Drahtesel zur Hochschule. Er ist halt auf seine Art unkonventionell, der Herr Professor, den es beruflich wie privat immer wieder in neue Regionen zieht, die er noch nicht kennt. Vielleicht hat er deshalb mit 40 das Klavierspielen angefangen, vielleicht liest er deshalb gerade noch einmal alle Bände von Karl May. Und vielleicht hat er aus diesem Grund an der Hochschule in Esslingen noch immer Lust auf Endeckungsreise zu gehen, wobei er zumindest in einem Punkt bereits fündig geworden ist: „Mein Job ist der beste auf der Welt“, sagt er. „Und das Schöne ist: es gibt ihn nur ein Mal.“