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In den Untiefen des Internets

Sie vermag wie keine andere die dunklen Seiten des world wide web zu erhellen: Petra Grimm, Professorin an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Zur Frau Professor wollte man und jetzt steht man am Ende eines langen Flurs vor einem Regal voller Bücher. Sie tragen Titel wie „Gewalt im Web 2.0“ oder „Krieg und Medien“. Vokabeln, in denen sich Abgründe spiegeln, für die es wenig Warnhinweise gibt in den verheißungsvollen Weiten des globalen Datennetzes.

Petra Grimm ante Portas. Die Professorin der Hochschule der Medien in Stuttgart trägt den Sommer in der Garderobe. Sie spricht ruhig und fließend. Ihr Mund verschenkt keine unbedachten Sätze. Die Gelassenheit ist nicht aufgesetzt, sie kommt von innen. Die Frau kennt sich aus mit medialen Abgründen und weiß, wovon sie spricht.

An diesem Nachmittag spricht sie über das Internet, in dem Jugendliche viele positive Erfahrungen machen, aber auch mit Risiken konfrontiert werden. Das passiert öfter als man denkt. In einer Studie, die bis heute Maßstäbe setzt, hat Petra Grimm mit ihrem Team 800 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren befragt. Mehr als jedes fünfte Mädchen ist demnach im Internet schon sexuell belästigt worden. Videos von Prügeleien, Folter oder Hinrichtungen hat jeder fünfte Halbwüchsige schon einmal im Netz gesehen – gezielt oder zufällig. Auch Pornokonsum via Computer gehört zum Alltag und wird von vielen männlichen Jugendlichen als „normal“ eingestuft. Ein Drittel der Teenager geht stets allein ins Internet, zwei Drittel werden auch in der Nutzungsdauer nicht kontrolliert. Und für den Inhalt der besuchten Webseiten interessieren sich 80 Prozent der Eltern gar nicht oder selten.

„Jugendliche müssten darin gestärkt werden, sich selbst schützen zu können“, mahnt Petra Grimm. Sie beschreibt die Abgründe kühl. „Wir überlassen die Sexualerziehung unserer Kinder allzu leichtfertig der Pornoindustrie“, findet sie. Dies halte vor allem Jungs davon ab, spielerisch und neugierig ihre Sexualität zu entdecken. „ Mit dem Skript der Pornografie im Kopf ist es für unerfahrene Jugendliche nicht leicht, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.“

Jemand klopft an die Türe zum Büro von Petra Grimm, die ihren Vortrag für einen Augenblick unterbricht. Ein Kollege lugt herein. „Wir müssen unbedingt einen Kaffee trinken gehen“, sagt er. Die Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft ist gefragt. Ihr Forschungsgebiet beschäftigt nicht nur die Wissenschaft. Das Thema treibt auch Eltern, Politiker und Pädagogen um. Für Medienethik gibt es nur wenige Experten von Format. Sie ist eine davon. Das hat sich so gefügt.

Geboren ist Petra Grimm 1962 in München, aufgewachsen in Augsburg. Mit 11 wurde das Lesen zu ihrer Leidenschaft. Bücher von Sartre und Beauvoir lagen bald auf dem Nachttisch im Kinderzimmer. „Vielleicht gibt es schönere Zeiten“, hat Sartre einmal geschrieben, „aber diese ist unsere.“ Petra Grimm wollte die Zeit genauer besehen, machte Abitur am Maria-Theresia-Gymnasium in Augsburg und studierte danach Germanistik, Kommunikationswissenschaften und Theaterwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Nach den Büchern kamen die Filme, in die sie eintauchte, und nach den Filmen kam das Theater. 1994 promovierte die Bayerin. In ihrer Doktorarbeit ging es um die Erzählforschung. „Eine Einführung in die Praxis der Interpretation am Beispiel des Werbespots.“

Als ihre Doktormutter an die Universität Kiel berufen wurde, folgte sie ihr als wissenschaftliche Assistentin in den Norden, wo Petra Grimm wenig später Dezernentin für Programmaufsicht und Medienforschung bei der Unabhängigen Landesanstalt für Rundfunk und neue Medien wurde. „Da hat sich mir eine ganz neue Welt erschlossen“, sagt sie im Rückblick.

Was die Raumfahrt für die frühen siebziger Jahre gewesen ist, war das raketenartig startende Privatfernsehen für die neunziger Jahre. Die werbefinanzierten Konkurrenten der öffentlich-rechtlichen Sender loteten die Grenzen aus, auch über den Wertekonsens hinaus. Arabella Kiesbauer prägte den Nachmittag und sorgte mit intimen Geständnissen ihrer Gäste auf Pro Sieben für ein Millionenpublikum und verstörte zugleich Zuschauer ob „der Tyrannei der Intimität“. Petra Grimm war mittendrin im gesellschaftlichen Diskurs über die Frage, wie weit das Privatfernsehen gehen darf. Lange her. „Unsere Wahrnehmung der Tabus hat sich geändert“, bilanziert die Professorin annähernd zwanzig Jahre danach. „Wir haben uns heute an die Grenzüberschreitung gewöhnt.“

In den neunziger Jahren war das noch anders. Quote verdrängte Qualität. Die Programmaufseherin hatte alle Hände voll zu tun. Nebenbei dozierte sie am Institut für Neuere Literatur und Medien an der Universität in Kiel. 1998 kam der Ruf an die Hochschule der Medien nach Stuttgart, wo sie sich als Professorin für Medien und Kommunikationswissenschaften auf Themen wie Gewalt im Netz, Medienethik und Internetkonsum von Jugendlichen spezialisierte.

Das Internet hat Kommunikation revolutioniert und ist nicht mehr wegzudenken. Das Problem ist nicht das Medium selbst. Das Problem ist die Beschleunigung. „Wir müssen lernen, mit dem Medium selbstbestimmt umzugehen und uns Inseln der Kontemplation und Ruhe zurück erobern“, meint Petra Grimm. Heute surft jedes Kind durch unendliche Weiten, ein Mausklick und der Computer beamt die immer jünger werdende Nutzer-Community in andere Sphären, in verheißungsvolle Chatrooms und in knallbunte Gärten. Jeden Tag sitzen abenteuerlustige Jugendliche zu Hause vor kleinen Raumschiffen namens Computer und heben mit ihnen ab, ohne dass ihnen jemand eine Richtung vorgibt oder den Flugradius begrenzt. Laut Petra Grimms Studie verfügen heute mehr als 91 Prozent der Halbwüchsigen in Deutschland über einen Internetzugang in den eigenen vier Wänden. Mit dem Abenteuer wächst gemeinhin das Risiko. Die Bundesregierung bezeichnet 560.000 Menschen zwischen 14 und 64 Jahren als internetsüchtig.

Petra Grimm macht solche Phänomene sichtbar. Die smarte Wissenschaftlerin arbeitet dabei nicht nach der Maxime: Sag mir, wo der Trend hinläuft, damit ich mich an seine Spitze setze. Sie spürt den Trend überhaupt erst auf und beschreibt ihn mit Zahlen und Fakten. Daraus leitet sie Empfehlungen für die Gesellschaft ab, die in besonderem Maße wirken, weil sie auf einer belastbaren Grundlage fußen. „Wir bräuchten dringend ein eigenes Schulfach namens Medienkunde“, lautet einer ihrer Ratschläge. Bisher spielten sich alle Beteiligten die Bälle zu, ohne dass sie einer fängt. „Die Eltern sagen, das soll die Schule richten. Und die Schule sagt, die Eltern sollen es richten. Und dann sind da noch die Monopolisten, wie Google und Facebook, die den Ball an die Eltern zurückspielen, statt ihrer Verantwortung stärker nachzukommen.“

Insgesamt werde es in Zeiten des Umbruchs für Eltern immer wichtiger, die neuen Leitmedien der Jugendlichen zu thematisieren, mit denen ihre Kinder immer mehr Zeit verbringen. Die durchschnittliche Dauer der täglichen Internetnutzung liegt unter Heranwachsenden bei 124 Minuten an Werktagen und 128 Minuten am Wochenende. Es gehe darum, ihnen technische und ethische Grenzen aufzuzeigen, über Chancen zu sprechen, aber auch über Risiken. Nur so könnten die Heranwachsenden befähigt werden, das Internet auch als sozialen Lebensraum wahrzunehmen, sich vor Cyber- Mobbing und unerwünschten Mails zu schützen.

Zumindest bei ihren Studierenden findet Petra Grimm intensiv Gehör. 18 Stunden pro Woche doziert sie an der Hochschule der Medien, die mittlerweile weit über die Region hinaus bekannt ist und mehr als 4.000 Studenten zählt. Mit einigen von ihnen vergibt die Forscherin seit Jahren den Medienethik-Award. Der Preis, den sie ins Leben gerufen hat, versteht sich als Qualitätssiegel für wertebewusste Medieninhalte. Die studentische Jury sondiert jedes Jahr hunderte von Beiträgen und zeichnet Journalisten und Medienschaffende für ihre Berichterstattung aus. „Der Bedarf an journalistischer Qualität und Werteorientierung ist größer denn je“, sagt die Professorin.

Es klopft an der Türe. Ein Student. Die Forscherin Petra Grimm verwandelt sich in die Dozentin. Der Student fragt nach Lesestoff. Sie hat reichlich davon in ihrem Regal. Gemeinsam tauchen sie ein in die überschaubaren Weiten der Literatur über die unendlichen Weiten des Internets.