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App nach Mekka

An der Hochschule für Technik hat er Informatik studiert, jetzt navigiert er Pilger durch Mekka: Habiburrahman Dastageeri beglückt mit seiner Schwaben- App die arabischen Welt.

Manchmal beginnen große Geschichten mit einem kleinen Irrtum. Diese ist so eine. Am Anfang steht die Reise eines Studenten, der alles richtig machen will und sich gründlich einliest. Als es so weit ist, geht manches schief und er kommt auf einen falschen Pfad, der ihn Jahre später auf den richtigen Weg bringt. Dies ist, kurz gesprochen, die Geschichte von Habiburrahman Dastageeri.

Ein wolkenverhangener Morgen in Stuttgart, einer dieser Tage, an denen das Licht immer gleich bleibt. Herrn Dastageeri stört das nicht. Er ist konzentriert bei der Arbeit. Einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt sitzt er in einem künstlich beleuchteten Zimmer, in dem es nichts gibt, das man als auffällig bezeichnen könnte, abgesehen von einem unscheinbaren Modell der Al-Haram-Moschee, welches über einem verschlissenen Sofa an der Wand hängt.

Mehr als 4.000 Kilometer sind es von Habiburrahman Dastageeris Büro bis zur Geburtsstadt Mohammeds, des Propheten, und doch ist es nicht vermessen zu behaupten, dass man der heiligsten Stadt der Muslime als Außenstehender wohl nirgendwo so nahe kommt wie an diesem Ort schwäbischer Tüchtigkeit. Acht Millionen Menschen pilgern jedes Jahr nach Mekka. Und Herr Dastageeri hat nichts weniger im Sinn, als ihnen ein guter Führer zu sein.

„Ich lebe gerne in Stuttgart“, beginnt der Hausherr zu erzählen, ein hagerer Mensch mit gütigem Gesicht. Hier hat er studiert, hier kam seine Idee von der Mekka-App zum Fliegen. „Die Hochschule für Technik hat mich enorm gepusht“, sagt er. Ohne sie wäre er nicht dort, wo er ist. Herr Dastageeri ist jetzt 32 und ein Unternehmer mit eigener Software, welche das Zeug hat, die Welt zu verändern, jedenfalls die der Muslime, was insofern auch betriebswirtschaftlich von Belang ist, als deren Zahl weltweit auf 1,6 Milliarden geschätzt wird.

Habiburrahman Dastageeri ist das, was man einen bodenständigen Typen nennt. Seine Eltern stammen aus Afghanistan, er selbst ist nie dort gewesen. Er kam in Mainz als Sohn eines Entwicklungshelfers und einer Lehrerin zur Welt. Als er die achte Klasse hinter sich hatte, siedelte die Familie in den Stuttgarter Westen um. Habiburrahman Dastageeri machte in der Landeshauptstadt sein Abitur, betreute als Zivi Schwerstbehinderte und schrieb sich später für ein Informatikstudium ein.

Vielleicht wäre alles anders gekommen ohne diese Pilgerreise im Jahr 2006. Mit seinen Eltern und den beiden Geschwistern flog er nach Mekka. Der Student wähnte sich durch einschlägige Reiseliteratur bestens vorbereitet. Die aber hilft nur bedingt, wenn man umgeben von Zigtausenden bei 50 Grad im Schatten völlig gestresst durch eine Moschee geht. Im Getümmel verfehlte er die vorgegebene Route und verpasste das Trinken aus der heiligen Quelle Zamzam. Diese Panne war zwar für die innere Reinigung nicht weiter von Belang, ließ ihn aber gedanklich nicht mehr los.

Heute, wo fast jeder ein Handy hat, sagte sich Dastageeri nach seiner Rückkehr, könnte ein handliches Navigationsprogramm für den modernen Pilger nicht schaden. Sprach’s, und machte diese Vision zu seiner Masterarbeit an der Hochschule für Technik in Stuttgart. In Professor Volker Coors fand er einen Mitstreiter, ebenso in den Kommilitonen Sinika Bäuerle und Jens Büttner. Zusammen brachte das Team ein Programm auf den Weg, das bisher nicht nur einzigartig ist, sondern auch so vielversprechend, dass die schwäbische Pionierproduktion vom Bundeswirtschaftsministerium finanziell unterstützt wurde. Auch der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid zeigte sich aufgeschlossen und nahm den smarten Erfinder spontan mit auf eine Reise nach Saudi-Arabien.

Doch leider dauert es seine Zeit, bis sich gute Ideen durchsetzen. Herr Dastageeri weiß das und lächelt die Zweifel an seinem Schreibtisch weg. Vor ihm liegt ein Buch von Abu Muneer Ismail Davids, einem Australier, der als Spezialist für Pilgerreisen nach Mekka gilt. Auf der zweiten Seite gibt es eine Widmung. „To Brother Habiburrahman, may Allah make your journey easy for you.“ Seit drei Jahren befasst sich Dastageeri fast rund um die Uhr mit der Pilger-App, die jetzt so langsam den Markt erobert. Der Experte aus Australien hat seine Software umfassend geprüft und für gut befunden.

Die Perspektiven sind verheißungsvoll. Eine Reise nach Mekka ist der Höhepunkt im Leben gläubiger Muslime. Wer gesund ist und es sich finanziell erlauben kann, ist nach der gängigen Lehre gehalten, sich auf den Weg zu machen. Die Nachfrage ist riesig. „In einigen Ländern warten Gläubige oft zehn Jahre und länger auf ein Visum“, sagt Dastageeri. Wie bei einer gigantischen Messe treffen sich in Mekka höchst unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Der englische Pilger tickt anders als der iranische. Es gibt die Umrah, die drei Stunden dauert, und es gibt die Hadsch, die sich über sechs Tage erstreckt. Die Pilger müssen eine ganze Reihe von ritualisierten Aufgaben in festgelegter Reihenfolge bewältigen. „Für Hadsch und Umrah gibt es 48 verschiedene Varianten“, sagt Dastageeri. Es komme darauf an, welcher der vier Rechtsschulen man angehört, ob man Mann oder Frau sei, und für welche der drei Hadsch-Arten sich der Gläubige entscheide.

„In der Religion geht es letztlich darum, das Miteinander mit allen Menschen zu verbessern“, erklärt der gläubige Muslim sein Weltbild. In diesem Sinne versteht er auch seine Software. Sie verbessert das Miteinader an einem Wallfahrtsort, für den jedes Jahr mehr als 6,8 Millionen Visa ausgestellt werden. Mitunter kann es passieren, dass einige Schafe aus der großen Herde für einige Tage als vermisst gemeldet werden, weil sie komplett die Orientierung verloren haben. Dagegen hilft der Wahlschwabe mit afghanischen Wurzeln auf seine Art.

Seine App führt die Pilger vom Morgengebet bis zum Nachtpflichtgebet, es bereitet sie vor, klärt sie über Verbote auf und unterzieht sie einem Vorbereitungstest. Vor Ort kann das Programm verirrte Gläubige mittels GPS buchstäblich auf den rechten Weg bringen. Ansonsten ist die Software aus guten Gründen komplett unabhängig vom Internet. Das Funknetz bricht in Mekka regelmäßig zusammen, weil Hunderttausende gleichzeitig mit ihren Lieben zu Hause telefonieren wollen.

Dastageeris App gibt es in Deutsch, Englisch und Türkisch. In Saudi-Arabien ist vor kurzem eine Partnerschaft mit einer Softwarefirma angelaufen und in Malaysia arbeiten zwei Programmierer an einer Version für den lokalen Markt. Dort bereiten sich die Wallfahrer traditionell besonders gründlich auf die Hadsch vor, indem sie in Nachbauten der Moschee aufwendig proben.

In seinem kleinen Stuttgarter Büro zückt der smarte Erfinder sein Smarthone und startet das Programm. Es heißt „Amir“, arabisch für „Führer“. Ein Fingertipp und Amir öffnet sich wie das Felsentor der Schatzkammer bei Ali Baba. Ein Modell der Moschee tritt zum Vorschein und es beginnt der Wissenstest. „Wo befindet sich der grüne Bereich?“ ist eine der Fragen. Im grünen Bereich müssen die Männer etwas schneller laufen. Mit dem Finger lassen sich verschiedene Orte wählen, nur einer davon ist richtig.

Manche Geschäftsleute werden von der Gier getrieben, Habiburrahman Dastageeri treibt die Neugier. Obwohl er in diesen Tagen mit seiner App alle Hände voll zu tun hat und bereits Deutsch, Englisch, Französisch und Afghanisch spricht, lernt er nebenbei arabisch und chinesisch. Als wäre das alles nicht genug, studiert er in der Freizeit auch noch Islamologie. „Meine Eltern haben mich gelehrt, dass es ein Geschenk ist, sich bilden zu dürfen“, sagt er. Zur Entspannung geht es im Herbst nach Mekka. „Das ist wie ein Neustart“, sagt der Softwareingenieur. Bei dieser Gelegenheit will er seine App auf die Probe stellen. Diesmal sollte alles klappen.