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Ready for Take-off

Mehr als 14 Jahre ist Monika Auweter-Kurtz als Professorin an der Uni Stuttgart gewesen. Jetzt startet sie als Direktorin der neuen Akademie für Luft- und Raumfahrt in Böblingen durch.

Jogi Löw und Nationaltrainer ist eine Kombination, die schon derart lange zusammengehört, dass man den Eindruck hat, es wäre nie anders gewesen. So wie bei Angela Merkel und Kanzlerin, wie bei Claus Kleber und „heute journal“, wie bei Wolfgang Joop und Mode. Wenn sich die Kombination eines Tages auflöst, wird es lange dauern, bis man sich an etwas Neues gewöhnt hat.

Ähnlich verhält es sich bei Monika Auweter- Kurtz und Rakete. So viele Jahre schon befasst sich die Stuttgarterin mit Himmelfahrtkommandos, dass sie nicht nur einen guten Namen in der Raumfahrtbranche hat, sondern auch einen klingenden Beinamen: „Raketen-Moni“. Mittlerweile hat sie sich an diesen Titel gewöhnt. Es gibt durchaus schlechtere.

An diesem Nachmittag sitzt „Raketen-Moni“ vor ihrem Schreibtisch in einem neuen Büro, das sich sinnigerweise auf dem Flugfeld Böblingen/ Sindelfingen befindet. Dort will die langjährige Professorin der Universität Stuttgart im Spätherbst ihrer Karriere noch einmal durchstarten und die German Aerospace Academy dorthin bringen, wo sie hingehört, nämlich nach oben.

Luft- und Raumfahrttechnik ist die Leidenschaft von Monika Auweter-Kurtz seit den beschaulichen Tagen auf dem Heidehof-Mädchengymnasium in Stuttgart. Daran hat sich nichts geändert. „Ich bringe Dinge gerne voran“, sagt sie. Und nach Möglichkeit soll es dabei schnell gehen. An der nötigen Schubkraft fehlt es ihr jedenfalls nicht.

Im September hat die Akademie den Betrieb aufgenommen. Zum Auftakt kamen Schüler, die sich eine Woche lang mit Raketenantrieben befassten. Inzwischen ist das Seminarprogramm angelaufen, das von Satellitennavigation über Raumfahrttechnik bis hin zu Interviewtraining reicht. Der erste Zertifikatslehrgang wird im März abgeschlossen sein und wenn alles gut läuft, können die ersten Studenten an der Akademie schon bald berufsbegleitend ihren Master machen.

Ein bisschen ist der neue Job für die Direktorin Monika Auweter-Kurtz wie säen und ernten. „Es macht mich zufrieden, wenn aus dem, was ich anpacke, etwas Neues entsteht“, sagt die Macherin, die in ihrer Freizeit zu Hause gärtnert. Immer wieder nimmt sie sich in ihrem grünen Winkel eine Ecke vor, die umgepflügt wird. „Irgendwann blüht alles und ich freue mich daran.“

Eigentlich hatte sie beruflich einen anderen Garten beackern wollen, droben in Hamburg. Doch die Böden in der Hansestadt sind anders als in Schwaben und vielleicht ist deshalb die Ernte letztlich ausgeblieben. „Raketen-Moni betätigt den Schleudersitz“, hieß es vor zwei Jahren in den Zeitungen. Damals war sie noch Präsidentin der Hamburger Uni, zuständig für 38.000 Studenten und 800 Professoren. Ihre Mission endete mit dem vorzeitigen Ausstieg. Äußere Verletzungen hat sie keine davon getragen, innere schon. „Eine harte Zeit.“

Wer nach oben will, muss manchmal den Ballast des eigenen Willens abwerfen. Das ist nicht ihre größte Stärke. „Ich bin vielen auf die Füße gestanden“, bekennt Monika Auweter-Kurtz, die sich mit leiser Stimme durch die Szenerie einer bemerkenswerten Biografie bewegt. Höhenflüge und Abstürze inbegriffen. Geboren am 29. Juli 1950, wächst Monika Auweter mit einem vier Jahre jüngeren Bruder in Gablenberg auf. Die Eltern sind Bankkaufleute, was sich auch dahingehend auswirkt, dass ihre Tochter auf dem Heidehof-Gymnasium mit den Zahlen keine Not hat. Nach dem Abitur schwankt sie zwischen Theologie und Mathematik und entscheidet sich am Ende für die Physik. Ihr Studium an der Universität Stuttgart, wo sie in ihrem Fach die einzige Frau ist, finanziert sich Monika Auweter mit Nachhilfe an ihrer alten Schule. Dort herrschte Lehrermangel und weil die Nachwuchspädagogin keine Angst vor großen Herausforderungen zeigt, wird sie im Alter von zwanzig Jahren mit einem halben Lehrauftrag betraut. Dreimal pro Woche unterrichtet sie neben dem Studium eine siebte Klasse in Mathematik. Es ist die Zeit, in der sie die ersten Grenzen verschiebt, die einem gesetzt sind als Frau in einer Gesellschaft, in der Männer allzu selbstverständlich bestimmen, wo es lang geht.

1975 schließt sie ihr Studium ab, um sich der Forschung am Institut für Raumfahrtsysteme in Stuttgart zuzuwenden. Sie beschäftigt sich mit Lichtbogenphysik und elektrischen Raumfahrtantrieben, das Thema ihrer Promotion. An der Universität lernt sie den Ingenieur Helmut Kurtz kennen. Er wird ihr Partner fürs Leben. Es sind bewegte Zeiten in der bemannten Raumfahrt. Aufbruchstimung macht sich breit. Die Amerikaner preisen ihr Space Shuttle, in Europa soll ein kleinerer Raumtransporter namens „Hermes“ gebaut werden. Das Problem ist die Hitze. Welches Material hält Temperaturen von 1.600 Grad aus? Die Ingenieurin soll Antworten liefern. Sie bekommt den Auftrag, eine millionenschwere Testanlage für Hitzeschutzmaterialien aufzubauen, in der auch Gesandte von Industriekonzernen gerne gesehen werden, weil sie das nötige Geld mitbringen.

Monika Auweter-Kurtz lässt die Saat keimen wie in ihrem Garten. Nebenbei habilitiert sie an der Fakultät für Luft- und Raumfahrt, meldet Patente an, veröffentlicht ihre Forschungsergebnisse. Die Anfragen häufen sich und auch die Reisen. Sie wird Dekanin, Frauenbeauftragte der baden-württembergischen Universitäten und auch Direktorin der National Space Development Agency of Japan. Ein Leben mit dem Kopf im Himmel und mit den Füßen auf der Erde.

Es ist eine Männerwelt, in der sie sich bewegt. Monika Auweter-Kurtz tut es auf ihre Art. Als sich eine hochschwangere Studentin bei ihr meldet, die sechs Wochen vor dem errechneten Termin auf die Entbindungsstation muss, legt sich die Frauenbeauftragte ins Zeug. Die Studentin berichtet, dass sie wegen der Niederkunft eine Prüfung verpasst, was zur Folge habe, dass auch alle anderen Prüfungen verfallen. „Ich musste feststellen, dass es tatsächlich so war. Formal gesehen wurde Kinderkriegen anders bewertet als eine Krankheit“, sagt Monika Auweter-Kurtz. Sie findet sich damit nicht ab, rebelliert und schaltet das Bildungsministerium ein. Ihr Einspruch bringt am Ende eine Gesetzesänderung in Gang, die vielen Studentinnen hilft. Darüber hinaus setzt sie einen Teilzeitstudiengang für Luft- und Raumfahrttechnologie durch, von dem besonders Frauen profitieren. Der streitbaren Professorin wird dafür später das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Am 1. November 2006 krönt Monika Auweter- Kurtz ihre Karriere und wechselt als Präsidentin an die Universität Hamburg. Mit eisernem Willen stößt sie an der fünftgrößten deutschen Hochschule überfällige Reformen an, verteilt die Gelder um, führt Leistungskriterien für Lehrende ein. Die neue Präsidentin will die Verhältnisse durchrütteln, aber die Verhältnisse wollen nicht durchgerüttelt werden, jedenfalls nicht so schnell. Es endet mit Studentenprotesten vor ihrer Türe, mit politischer Ränke und mit Rücktrittsforderungen von Professoren, denen sie sich im Sommer 2009 beugt. Vergangenheit.

Monika Auweter-Kurtz ist mit ihrer Geschichte in der Gegenwart gelandet. Nach Hamburg hatte sie sich eine Auszeit genommen und danach für sich entschieden: „Ich bin noch nicht reif für den Ruhestand.“ Irgendwann stand Rolf-Jürgen Ahlers vor ihr, der Vorsitzende des Forums für Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg. Er suchte jemanden, der die geplante Akademie für Luft- und Raumfahrt aufbaut. Da hat sie nicht lange gezögert.

Es hat sich gut angelassen, auch wenn es noch ein wenig an Geld fehlt. „Unser Lehrprogramm könnte umfangreicher sein, wenn wir mehr Startkapital hätten“, sagt die Chefin entschlossen. Immerhin kündigen sich internationale Kooperationen an. Das Wirtschaftsministerium in Mexiko hat bei der Akademie ebenso angeklopft wie eine Hochschule aus Indien. „Ich bin sicher, dass sich die Akademie in fünf Jahren selbst tragen wird“, sagt die Frau, die sich und ihrem Fachgebiet treu bleibt. Monika Auweter-Kurtz, genannt Raketen-Moni.