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Zwischen Neckar und Nil

Mohammed Ayman Abou El Ezz ist in Eile. Mit 23 hat der Ägypter in Stuttgart seine Doktorarbeit begonnen. Der Maschinenbautechniker will möglichst schnell einen Beitrag leisten, sein Land in eine bessere Zukunft zu führen.

Für ein bisschen Heimat ist immer Platz. Zum Beispiel für den Nil, der mitten durch das Panoramabild fließt, das über dem schwarzen Sofa hängt und das Zentrum von Kairo von seiner prächtigsten Seite zeigt. Oder für die Pyramiden von Gizeh, die in Kleinformat ganz oben auf einem Holzregal thronen. Und natürlich auch für die Sphinx, die draußen im Flur auf einem kleinen Tischchen ruht, das sich Mohammed Ayman Abou El Ezz wie fast alle anderen Möbel auch bei einem schwedischen Einrichtungshaus ausgesucht hat. Nur die samtroten Sitzkissen hat er aus Kuwait mit nach Stuttgart gebracht, genauso wie die orientalische Teekanne, aus der eine Brise Heimweh dampft.

Eine flüchtige Aura von Heimat liegt über der kleinen Dachwohnung am Rande des Vaihinger Industriegebiets, in welcher sich der junge Ägypter eingerichtet hat. Mohammed Ayman Abou El Ezz will nicht auf Dauer bleiben. Man könnte auch sagen, er will möglichst schnell wieder weg. Mit gerade mal 23 Jahren hat er vor knapp 18 Monaten bereits seine Doktorarbeit begonnen, nachdem er zuvor an der Deutschen Universität in Kairo sein Bachelor-Studium in Materialwissenschaften und Maschinenbau im Schnelldurchgang absolviert hat, inklusive Master. Mit dem gleichen Tempo hatte er auch seine wissenschaftliche Abschlussarbeit vorangetrieben, ein Forschungsstück über keramische Spritzgusstechniken und deren Einsatzmöglichkeiten in der Medizintechnik. Geschrieben hat er seine Thesis an der Uni Stuttgart, die neben der Uni Ulm eine der beiden Partnerhochschulen der Universität in Kairo ist und dazu einen Kooperationsvertrag geschlossen hat. „Ich wollte meine Abschlussarbeit unbedingt in Deutschland machen, davon habe ich viele Jahre lang geträumt“, sagt der Student.

Dass er dabei ein vergleichsweise privilegiertes Leben führt, dessen ist sich der Ägypter durchaus bewusst. Bis zu 4.500 Euro pro Semester kostet alleine das Studium an der Deutschen Universität in Kairo, die im Oktober 2003 mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Partnerhochschulen gegründet wurde und bis heute das weltweit größte von Deutschland geförderte Auslandsprojekt im Bildungsbereich ist. 7.500 Studenten sind dort zwischenzeitlich eingeschrieben, viele davon wie Mohammed Ayman an der Fakultät für Ingenieurwesen und Materialwissenschaften. Leisten konnte sich der junge Student die Privatuni dank der finanziellen Unterstützung von Abou El Ezz Senior, seinem Vater, der als Sales Manager auf der ganzen Welt Baumaschinen vertreibt. Doch auch der Sohn hat seinen Teil zur Finanzierung beigetragen, wenn man so will: „Das Studium in Kairo wird um einiges billiger“, sagt er, „wenn man gute Noten hat.“

Und damit kann er wahrlich dienen: Sein Bachelor- Studium hat der Vorzeigestudent mit einem „sehr gut“ abgeschlossen, der Master ist mit einem „exzellent“ dekoriert und seine wissenschaftliche Arbeit am Institut für Fertigungstechnologie keramischer Bauteile der Uni Stuttgart wurde mit einer 1,0 benotet – und dem Prädikat: außergewöhnlich.

Eine Leistung, die auf Empfehlung seines Professors mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung belohnt wurde, die unter anderem im Bereich Begabtenförderung gezielt „Studenten mit Zuwanderungsgeschichte“ unterstützt. Mit dem Geld, das er monatlich für maximal vier Jahre überwiesen bekommt, kann sich der Doktorand die gemütliche Dachwohnung in Uninähe leisten, ohne dass er nebenher als Kellner oder bei einem Pizzaservice jobben müsste. Die Zeit dafür könnte er ohnehin kaum aufbringen. Jeden Tag von morgens um acht bis in die Abendstunden ist er am Institut, um seine Forschungen voranzutreiben. Unterbrechen lässt er sich dabei ungern, höchstens für seine fünf Gebete am Tag, für die der gläubige Muslim meist den dafür eingerichteten Gebetsraum der Uni nutzt. In seltenen Fällen fährt er auch in eine Moschee in Bad Cannstatt.

„An der Uni geht es schneller, Zeit ist kostbar“, sagt er. Leidenschaftlich arbeitet der Doktorand an seiner Dissertation, in der er sich mit der Entwicklung innovativer keramischer Spritzgussverfahren beschäftigt, mit deren Hilfe einmal Hüftprothesen oder Zahnimplantate noch präziser und wirtschaftlicher gefertigt werden sollen. Eine komplizierte Materie, die dem Mann vom Nil leicht von der Hand zu gehen scheint, wie er sagt. „Ich kann mich gut in technische Vorgänge hineindenken.“ Technik war schon immer seine große Leidenschaft, von der er sich in den vergangenen Tagen und Wochen aber häufiger als gewohnt hat ablenken lassen. Revolution in Tunesien, Freiheitskämpfe in Ägypten, Krieg in Libyen, Ausnahmezustand im Jemen, blutige Demonstrationen in Syrien. Die ganze arabische Welt im Umbruch.

Stundenlang hat der junge Ägypter manchmal auf seinem Laptop in arabischen Zeitungen gelesen, Nachrichtensendungen im Fernsehen geschaut, über Facebook Freunde und Bekannte angeschrieben und immer wieder mit seiner Schwester telefoniert, die in Kairo lebt. Am Anfang haben ihm die Bilder aus seiner Heimat große Angst gemacht, wie er sagt. Zwischenzeitlich, nachdem sich die Lage zumindest in Ägypten wieder spürbar beruhigt hat und seine Landsleute per Volksabstimmung über eine neue Verfassung entscheiden konnten, hat er ein gutes Gefühl. „Wir sind jetzt auf dem richtigen Weg in eine gute Zukunft!“ Darüber, was der gestürzte Präsident Husni Mubarak in den viel zu langen Jahren seiner Amtszeit alles falsch gemacht hat und was vielleicht richtig, will sich Mohammed Ayman keine großen Gedanken mehr machen, wie er betont: „Wir müssen jetzt nach vorne schauen und unser Land voranbringen.“

Auf welchem Weg Ägypten zu einem echten demokratischen Staat geführt werden kann, der allen eine Perspektive bietet, diese Frage hat zuletzt selbst in den langen Kinonächten die Hauptrolle gespielt, zu denen der Doktorand jeden Donnerstag vier, fünf Freunde in seine Wohnung lädt. Üblicherweise werden an diesen Abenden, die zu einem Ritual geworden sind, Hollywood-Blockbuster geschaut, im Wechsel mit ägyptischen Filmen. Dazu wird gemeinsam gekocht, was die arabische Landesküche hergibt – und in deutschen Supermärkten an geeigneten Zutaten organisiert werden kann. Ohnehin bekommt er häufig Besuch in seiner vergleichsweise komfortablen Wohnung von anderen ägyptischen Studenten, die fast alle im Wohnheim leben, und auch von deutschen Freunden. Mit einigen von ihnen schaut sich der Nordafrikaner an den Wochenenden gerne deutsche Städte an. In Berlin waren sie schon, in Hamburg, in München natürlich, aber auch in Erlangen, Tübingen, Ulm, Freiburg und Heidelberg. Am liebsten aber ist er in Frankfurt. Zum einen, weil Frankfurt die erste Stadt überhaupt in Europa war, die er vor Jahren bei einem Messebesuch gesehen hat. Zum anderen fühlt er sich hier auch wegen der vielen architektonisch interessanten Wolkenkratzer und Bankentürme wohl, der prächtigen Skyline aus Glas, Stahl und Beton, die er auch aus Kairo kennt. „Ich liebe diese Stadt“, sagt Abou El Ezz, dessen Nachname übersetzt so viel wie „Vater von Luxus“ bedeutet.

Für ihn selbst hat Luxus keine große Bedeutung. Möglichst viel zu lernen sei ihm wesentlich wichtiger, um so seinen Teil zum Fortschritt in seinem Land beitragen zu können. Wenn er seinen Doktortitel hat, will Mohammed Aymann Abou El Ezz zwei Herren dienen, vielleicht irgendwo ein kleines Unternehmen mit deutsch-arabischen Wurzeln gründen, das gleichermaßen aus dem Nil und dem Neckar gespeist wird. „Ich möchte auf jeden Fall etwas tun, wovon beide Länder etwas haben.“