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Der gute Herr Schlecht

Karl Schlecht erfand eine Mörtelmaschine und eroberte mit ihr die Welt. Jetzt ist der Ingenieur ein reicher Mann und geht stiften. Zwei Stuttgarter Lehrstühle fördert er ebenso wie die Weltethos-Idee.

Irgendwann hatte er die Nase voll. Sein Rücken schmerzte, die Muskeln brannten. Karl Schlecht schuftete beim Vater, einem Gipser vom alten Schlag. Säcke mit Putz schleppte der Student in den Ferien am Bau nach oben und warf gelegentlich auch den Speis von Hand an die Wand. „Wenn’s da bloß a Maschin’ gäb“, fluchte er wie schon sein Vater vor sich hin.

Manchmal beginnen auf dieser Art Geschichten schwäbischer Tüftler, und wenn es gut geht, steht ihr Name am Ende in einer Reihe mit Erfindern wie Bosch, Leibinger, Stihl oder Kärcher. Bei Karl Schlecht ist es gut gegangen. Nach dem Ingenieurstudium an der Universität Stuttgart konstruierte der Sohn des Gipsermeisters Schlecht aus Bernhausen 1958 als Diplomarbeit eine Verputzmaschine für Vaters Geschäft und nannte sie „P1“. Mit seinem Slogan „Putzmeister verputzt meisterhaft“ wurde sie zum Grundstock seiner globalen Firmengruppe, die auf ihrem Gebiet an der Weltspitze steht.

Mehr als fünfzig Jahre danach sitzt der Hilfsarbeiter von einst in einem schicken Büro der Putzmeister-Firmenzentrale in Aichtal bei Stuttgart und erzählt von einem Mann aus einfachen Verhältnissen, der es weit gebracht hat. 78 Jahre alt ist er jetzt, Millionär, Marktführer, Hobbyphilosoph, Mäzen. Kurz gesagt, ein vorbildlicher Unternehmer. „Karl Schlecht ist ein großer Baden-Württemberger“, sagt Erwin Teufel, der frühere Ministerpräsident, über den Selfmademan, der sich mit innovativen Maschinen ganz nach oben pumpte.

Das Gespräch beginnt vor einer stattlichen Vitrine voller Erinnerungen an ein bewegtes Berufsleben. Auf dem Tisch steht ein Teller mit schwäbischen Butterbrezeln. Trotz aller Weltläufigkeit ist der Patriarch auch kulinarisch eher bodenständig geblieben. Linsen mit Spätzle lässt er sich am liebsten von seiner Frau Brigitte servieren. „Freude ist der Sinn des Lebens“, sagt er. Schlecht kennt auch die andere Seite. Mit drei Schwestern in Bernhausen aufgewachsen, muss der Karl hart anpacken, in Kriegszeiten beim Großvater auf dem Bauernhof wie beim Vater im Gipserbetrieb. Der einzige Sohn darf Abitur machen und studieren.

Mit dem Diplom in der Tasche gründet der Spross im Gerüstschuppen des Vaters seine Firma KS-Maschinenbau. Beim Dorfschmied schweißt er die Rahmen seiner Apparate, der örtliche Elektriker zieht die Kabel und der Chef montiert in der Garage die Pumpeinheit. Im ersten Jahr produziert Schlecht 50 Verputzmaschinen, im nächsten Jahr sind es 100. 1961 baut er sein erstes Produktionswerk und tauft das Unternehmen in „Putzmeister“ um.

Das Baugewerbe brummt, der Mittelständler wächst. Der wissenschaftlich geschulte Ingenieur Karl Schlecht geht den Dingen auf den Grund. Er trifft die richtigen Entscheidungen und macht 1967 auch auf größere Pumpen für Transportbeton. Die raue Masse lässt sich maximal 150 Meter in die Höhe pumpen, heißt es damals in der Branche. Schlechts patentierte „Elefant“-Betonpumpe erbringt den Gegenbeweis. 1977 schafft der Newcomer beim Bau des Frankfurter Fernsehturms 310 Meter und ist nun Meister im Ingenieurbau. Ein Jahr später sind es 380 Meter Höhe beim Gotthard- Tunnel in der Schweiz, 1994 knackt Putzmeister die 500-Meter-Marke beim Kraftwerk Riva del Garda in Italien. Inzwischen liegt der Rekord des ehrgeizigen Schwaben bei 610 Metern. Erzielt am Burj Dubai, dem höchsten Wolkenkratzer im Nahen Osten. Wo im großen Stil gebaut wird, sind die Ingenieure seiner Firma dabei. Tunnel unter dem Ärmelkanal, die Öresund- Brücke zwischen Dänemark und Schweden oder auch die Olympiabauten in Peking. Nach der verheerenden Katastrophe von Fukushima bittet sogar die japanische Regierung bei dem Schwaben offiziell um Hilfe. Putzmeister-Pumpen werden zur Kühlung der havarierten Atomreaktoren angefordert.

Was Beschäftigte und Gewinn angeht, kennt Schlechts Firmengruppe über Jahrzehnte nur eine Richtung. 2008 feiert er 50 Jahre verlustfreies Firmenwachstum aus eigener Kraft. Dabei übersteigt der Umsatz erstmals die Milliardengrenze. Weltweit arbeiten 4.200 Mitarbeiter für die Firma.

Im operativen Geschäft mischt „KS“, wie ihn die Leute im Haus nennen, seit langem nicht mehr mit. 1998 hat er sein Unternehmen an die gemeinnützige Karl-Schlecht-Stiftung (KSG) übertragen, die 99 Prozent der Putzmeister- Aktien hält. Ein Prozent liegt bei der Karl- Schlecht-Familien Stiftung (KSF). Sie trägt die unternehmerische Verantwortung und hat 90 Prozent der Stimmrechte. Auf diese Weise glaubt der Gründer sein Haus für die Zukunft ausgerichtet zu haben.

Manchmal kommt es anders als man denkt, auch bei einem wie Karl Schlecht. Kurz nach dem Firmenjubiläum schlägt die Wirtschaftskrise in Aichtal voll durch. Die Bauboom-Märkte in Amerika und Spanien brechen fast vollständig zusammen, in der Firmenzentrale laufen bei halbiertem Umsatz Millionenverluste auf. Wäre Putzmeister in der Substanz nicht so gesund, sähe es düster aus. Erstmals in der Firmengeschichte müssen hunderte von Mitarbeitern gehen. Bittere Zeiten auch für den Gründer, wertvolle Menschen teuer gehen zu sehen. In diesem Jahr hat Putzmeister die Talsohle erreicht. „Das Geschäft zieht wieder an“, sagt der Firmengründer, der mittlerweile fünf Enkel hat und als Ruheständler noch fast jeden Morgen ins Büro kommt, um sein Lebenswerk aus der Distanz zu pflegen.

Karl Schlecht verzieht sein Gesicht zu einem Lachen, das lautlos bleibt. Er ist bei seinem Lieblingsthema angelangt, beim Gewissen fürs Ganze. „Dienen, bessern, Werte schaffen“, das ist vielleicht eine seiner wichtigsten Erfindungen. Er vertritt dieses Credo nicht nur nach außen, er lebt auch danach. Seit mehr als zehn Jahren tut Karl Schlecht Gutes mit seinem Vermögen. Er finanziert zwei Lehrstühle, einen für Unternehmertum an der Universität Hohenheim und einen für Windenergie am Institut für Flugzeugbau der Universität Stuttgart. Verschrieben hat er sich auch der Weltethos-Idee um den Tübinger Theologen Hans Küng, die er in Zukunft noch mehr fördern will. Dahinter steckt die Vision eines globalen Umdenkens. Schlecht ist überzeugt, „dass das Bewusstsein der Menschen verschiedenen Glaubens gelenkt werden kann auf die doch gleichen elementaren ethischen Werte ihrer Religionsgründer“. So könne das Zusammenwirken in der Wirtschaft dieser Welt menschlicher werden. Wo Religionen eher trennen, trage die Weltethos-Idee dazu bei, Menschen zu „einen“.

Für solche Gedanken ist auch Platz im eigenen Unternehmen. „Management by love“, predigt der gute Herr Schlecht und verfasst zur Erbauung der Belegschaft persönliche „Gebote“, die er auf seine website stellt. Jedem Firmenangehörigen legt er obendrein ans Herz, den hausinternen Leitfaden mindestens einmal im Jahr zu lesen. In Abhandlungen mit hübschen Titeln wie „Sexy Six – sechs Kriterien für unternehmerisches Denken“ erklärt der Seniorchef seinen Getreuen, wie es sich verhält mit Umsatz und Grundsatz. Das eine ist für ihn ohne das andere nicht denkbar.

Draußen vor den Werkstoren pfeift der Wind über die Felder. Drinnen ruft „KS“ seine Sekretärin. „Könnten Sie bitte noch das Buch bringen?“ Sie weiß schon, was er meint. „Erich Fromm. Die Kunst des Liebens.“ Von diesem Buch, sagt er zum Abschied, habe er immer wieder am meisten darüber gelernt, wie man als Unternehmer gut führen lerne.

Karl Schlecht begleitet seinen Besuch bis zum Aufzug. Wie er so lässig hinüberschlendert, wirkt der Patron ein bisschen wie der alte Frank Sinatra. Fast hört man ihn singen: „I did it my way.”