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Reise ohne Wegweiser

Mit 15 war sie Funkenmariechen, mit 35 verlegte sie Bücher, mit 45 wurde sie Professorin an der Dualen Hochschule Baden- Württemberg. Karrieren sind schwer zu planen. Niemand weiß das besser als Bärbel Renner.

Es gibt Geschichten, die mit einer Frage beginnen müssen. Diese ist so eine. Die Frage lautet: Wie führt man ein ausgefülltes Leben?

Georg Christoph Lichtenberg, ein Philosoph vor dem Herrn, der in seinen Sudelbüchern so manchen klugen Rat unter die Leute brachte, wusste zwei Möglichkeiten. Die erste bestehe darin, dass man „die beiden Punkte geboren und gestorben weiter voneinander bringt“ und also den Weg länger macht. Die zweite könne darin liegen, dass man sich in sein biologisches Schicksal fügt und „die beiden Punkte stehen lässt, wo Gott will“, dabei aber den Schritt verlangsamt, was einem gleichfalls den Eindruck vermittle, länger auf Erden zu sein.

Bärbel Renner kennt noch eine dritte Möglichkeit. Sie fügt sich zwar dem biologischen Schicksal, bringt aber möglichst viel Leben zwischen die beiden Punkte. Schaut man sich an, was die Frau so alles treibt, scheint ihr das recht gut zu gelingen. Mutter, Professorin, Verbandsfunktionärin, Jurorin, Dialektpflegerin. Anderen würde es schwindelig werden. Ihr nicht. „Es macht mir nichts aus, viele Dinge gleichzeitig zu machen“, sagt sie.

Ein Vormittag in Stuttgart. Bärbel Renner sitzt an einem unspektakulären Schreibtisch. Ein Computer, eine Flasche Wasser, ein Schild. „Ich muss weg!“ Draußen auf den Gehwegen schlendern Studenten vorbei. Drinnen erzählt eine Erfolgreiche von ihrem ganz persönlichen Pfad, auf dem es keine Wegweiser gab. „Dass ich einmal hier landen würde“, sagt Bärbel Renner, „hätte ich nie gedacht.“

Es ist ein langer Marsch, der vor fünfzig Jahren auf der Ostalb beginnt und über so manche Bodenwelle führt. Bärbel Renner kommt am 1. Januar 1961 in Ellwangen zur Welt. Der Vater arbeitet bei Bosch, die Mutter führt einen Familienbetrieb für Holzwaren. Es gibt dort Weinbergpfähle, Jägerzäune und eine emanzipierte Chefin, die ihren Kindern vorlebt, dass man einiges hinkriegen kann, wenn man sich gut organisiert.

Mit Bruder und Schwester wächst Bärbel Renner in einer katholischen Gegend auf, in der man als Protestantin nicht ganz der Norm entspricht. Auf dem Peutinger Gymnasium lernt sie, dass es A-Klassen und B-Klassen gibt. A bedeutet katholisch. B heißt evangelisch. Eins a ist das „Bärbele“ immerhin als Funkenmariechen und Gardemädchen, allerdings nur vom elften Elften bis zum Aschermittwoch.

Nach dem Abitur studiert sie Germanistik und Geschichte in Tübingen und Wien. Ihr Ziel ist nicht das Lehrerpult, sondern ein literarischer Verlag. Versehen mit der reichen Aussteuer eines scharfen Verstands, heuert Bärbel Renner nach dem Staatsexamen in Niedersachsen als Redakteurin für Gesellschaftswissenschaften an. Wie das ihre Art ist, bringt sie sich leidenschaftlich ein, wenn es darum geht, Publikationen für Geschichte und Politik auf einen Weg zu bringen, der jetzt ihrer ist. „Bei diesem Job habe ich erlebt, welchen Einfluss die jeweilige Landesregierung über offizielle Genehmigungsverfahren auf den Inhalt von Schulbüchern nahm“, sagt sie im Rückblick. „In den Geschichtsbüchern von NRW mussten überall Frauen auf der Bühne erscheinen, in Bayern waren dagegen ausführliche Kapitel über Franz Josef Strauß erwünscht.“

Ihre eigene landsmannschaftliche Herkunft verleugnet die Neue im Verlag nicht. Dies belegt eine Anekdote, die den Vorteil hat, wahr zu sein. Wenn sie mit schwäbischem Zungenschlag mit Autoren aus dem Südwesten telefoniert, kommen nicht selten Kollegen auf dem Flur zum Akustikevent zusammen und horchen vor ihrem Zimmer. „Schnell kommt, die Bärbel telefoniert wieder!“

Zu Hause sprechen alle so, auch Wolfgang Henßler, den sie seit dem ersten Semester in Tübingen kennt. Der Lehrer ist die große Liebe. Seinetwegen entschließt sich die Reisende, beruflich die Rückfahrkarte zu lösen. Auch in Stuttgart werden schließlich gute Bücher gemacht.

Bärbel Renner übernimmt die Lektoratsleitung des Theiss Verlags. Als der Betrieb umstrukturiert wird, gründet sie ein eigenes Verlagsbüro. „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser“, hat Charly Chaplin einmal gesagt. Es dauert nicht lange, bis die nächste Gabelung vor ihr auftaucht. Der Hampp Verlag bietet ihr eine leitende Position an. Bärbel Renner sagt zu und betreut unter anderem einen Bildband über die 50 besten Köche in Deutschland. Als das Buch vorgestellt wird, gibt es standesgemäß ein kleines Menü. Es umfasst 17 Gänge, was an der topfigürlichen Verlagsmanagerin keine Spuren hinterlassen hat.

Wer sich in solchen Gesellschaften bewegt, kennt sich aus mit Manieren und mit Menschen, die keine haben. Eines Tages entsteht die Idee für ein neues Buch, das zum Bestseller wird: „Vorsicht , Fettnäpfchen!“ Auch sonst fehlt es ihr nicht an Begegnungen der besonderen Art. Bärbel Renner lernt Walter Schultheiß kennen und betreut die Biografie des Schauspielers ebenso wie publizistische Werke des Dübel-Erfinders Artur Fischer. „Heute Stern, morgen schnuppe.“ So geht es oft zu in dieser Branche. Bärbel Renner hält es anders. Mit vielen ihrer Autoren ist sie bis heute verbunden.

Im Jahr 2000 startet die Verlagsfrau ihr eigenes Lebens- und Gesamtwerk: Bärbel Renner heiratet ihren Lebensgefährten und wird Mutter eines Sohnes. In ihrer Elternzeit meldet sich plötzlich und unerwartet die Hochschule der Medien. Ein Professor ist erkrankt. Es geht um eine Vorlesung über die Verlagswirtschaft. Sie sagt zu und spürt in sich das Feuer der Begeisterung. Wieder so eine Kreuzung. Bärbel Renner biegt ab und entscheidet sich mit 42 für eine Promotion als Externe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Gehe zurück auf Start. Ihr Mann ist gesundheitlich angeschlagen, die Einkünfte sind überschaubar. Sie zieht es trotzdem durch und besteht mit „summa“.

Danach ist sie erst einmal arbeitslos. 2006 tut sich eine Chance auf und Bärbel Renner ist fest entschlossen, sie zu nutzen. An der Berufsakademie in Stuttgart wird sie auf eine Professur im Bereich Medien und Kommunikation mit Schwerpunkt Verlagswirtschaft berufen. Eigentlich passt sie da gar nicht recht hin. Als Geisteswissenschaftlerin ist sie bei der Fakultät Wirtschaft angesiedelt, umgeben von lauter Kollegen vom Fach.

Es funktioniert trotzdem. Und wie! Die Novizin lehrt praxisnah, erarbeitet mit ihren Studenten in Projektseminaren Claims, Logos und Marketingkonzepte. Der Nachwuchs darf hier wie im richtigen Leben vor Firmenbossen präsentieren. Derlei ist auch gut für den eigenen Claim. Es dauert nicht lange, bis Bärbel Renner als „Professorin des Jahres“ ausgezeichnet wird. Beim bundesweiten Ranking einer Hochschulzeitschrift, für das 600 Professoren nominiert wurden, belegt sie den zweiten Platz im Bereich Wirtschaftswissenschaften.

Entschieden mehr dem Tätigen zugeneigt als dem Untätigen, kümmert sie sich nebenbei um die Öffentlichkeitsarbeit in einer Zeit, in der acht Berufsakademien zur Dualen Hochschule Baden- Württemberg verschmelzen. 26.000 Studierende und 9.000 Wirtschaftsunternehmen, die mit der Hochschule verbunden sind – da wird’s einer wie ihr garantiert nicht langweilig.

Manchmal kann Bärbel Renner nicht glauben, dass dies immer noch dasselbe Leben ist. Es hat sich viel getan bei ihr. Sie wurde in den Vorstand der Hochschule berufen und erst vor kurzem für eine zweite Amtszeit gewählt. Die Rotarier haben sie geworben und auch in der Jury des Staatsministeriums zur Auswahl der neuen Werbekampagne des Landes hatte sie Sitz und Stimme. Nicht zu vergessen ihr Amt bei der Kommission der Stuttgarter Buchwochen oder im Förderverein Schwäbischer Dialekt. Davon kündet eine kleine Karte auf dem Schreibtisch. „Omms nomgugga, kosch nemme romgugga!“ Hochdeutsch würde man sagen: „Die Zeit rast unwiederbringlich dahin und mit einem Mal kannst du dich nicht mehr regen.“

Bis es soweit ist, bringt die umtriebige Professorin möglichst viel Leben in ihren Alltag. „Was ich mache, das mache ich mit Herzblut“, sagt sie. Ihr Mann unterstützt sie. Er kennt sie nicht anders. Getrieben von fröhlichem Erlebnishunger. Offen für Neues auf der persönlichen Landkarte.

„Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“ Ein Satz von Martin Walser. Manche leben danach. Einen Wegweiser braucht es nicht mehr. Bärbel Renner ist angekommen.