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Kartenabreißer wird Kinomacher

Zu Schulzeiten jobbte Jochen Laube im Kino, heute ist er Filmproduzent und zählt zu den Großen seiner Zunft. Gelernt hat er sein Handwerk an der Ludwigsburger Filmakademie.

Wenn Jochen Laube an Brasilien denkt, an das Estádion do Maracana und jenen denkwürdigen Sommerabend, als in dem legendären Fußball- Stadion in Rio de Janeiro das WM-Finale angepfiffen wurde, dann brodeln die Emotionen in ihm. Diese elektrisierende Atmosphäre, die Dramatik des Spiels, das späte Siegtor – all das hat er nicht miterleben können. Dabei war für den Ludwigsburger Filmproduzenten und sein Team eine Loge reserviert worden, von einem gewissen Franz Beckenbauer, über den Laube für die ARD gerade einen Dokumentarfilm dreht. Doch der grantelnde Fußball-Kaiser hatte wegen eines Streits mit der Fifa und deren Präsidenten Josef Blatter seinen Besuch im Stadion kurzfristig abgesagt. „Das war schon ziemlich bitter“, sagt Jochen Laube.

Der 37 Jahre alte Filmproduzent sitzt an diesem Mittag in einem der roten Polstersessel im frisch renovierten Scala, jenem Kino in Ludwigsburg, in dem Jochen Laube zum ersten Mal Filmluft geschnuppert hat, wie er erzählt. Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat er hier zu Schulzeiten als Kartenabreißer gejobbt, dafür durfte er drei Mal im Monat umsonst in Kino. Wenn er heute ins Scala kommt, muss er ohnehin keinen Eintritt mehr bezahlen: Wann immer die Umstände passen, werden die Premieren von Jochen Laubes neuen Filmen in dem alten Kinosaal mit seinem barocken Balkon gefeiert, in dem dann meist zu den 400 Plätzen noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden müssen. Ein ganz besonderer Moment für Jochen Laube, der in Ludwigsburg geboren, hier aufgewachsen und bis heute tief verwurzelt ist.

Kino und VfB. Diese beiden Leidenschaften sind die emotionalen Anker, die den Schüler Jochen Laube schon früh gehalten haben. Das eine wie das andere steht für aufwühlende und bewegende Erlebnisse, deren Wirkung er heute noch spüren kann. Filme wie „Absolute Giganten“ oder „Trainspotting“ hätten ihn mehr geprägt als etwa die Bücher von Hermann Hesse, sagt er. Filmproduzent ist der leidenschaftliche Fußballfan allerdings eher zufällig geworden. „Das fällt keinem 16-Jährigen einfach so von selber ein“, sagt Laube, der lange Zeit eigentlich Lehrer werden und dafür Englisch und Politik studieren wollte. Während seiner Zivildienstzeit, in der er mit langen Rastazöpfen auffiel, sei er dann aber über das Film- und Medienzentrum an eine Assistentenstelle bei einer großen TV-Produktion in Köln gekommen, die aus einem Grund richtungsweisend war, so Laube: „Wenn ich erzählt habe, dass ich aus Ludwigsburg komme, war die Antwort immer: Ach, du bist von der Filmhochschule.“

Derart mit der Nase darauf gestoßen, erzählt Laube, habe er dann tatsächlich angefangen, sich für diese Einrichtung zu interessieren, die weltweit zu den renommiertesten ihrer Art gehört. Von 2000 bis 2005 studierte er schließlich an der Filmakademie Baden-Württemberg Produktion, wobei sich sein Talent früh abzeichnete. Noch während des Studium bekam er für eine Produktion den Caligari- Filmpreis. Und sein Diplomfilm „Urlaub vom Leben“ wurde in der Kategorie Bester Spielfilm für den Studio Hamburg Nachwuchspreis ausgezeichnet. Der Film sei eine leise, realistische Komödie mit überraschenden Wendungen, schrieb die Jury in ihrer Laudatio: „Vor allem der Gesamteindruck der Produktion hat überzeugt. Die ausgezeichnete Besetzung, das Buch, die Ausstattung, der Schnitt vermitteln beim Sehen des Films die Kreativität und Freude des Produzenten bei der Arbeit und den kooperativen Umgang aller Beteiligten an diesem Stoff. Die Entscheidung fiel einstimmig. Wir gratulieren dem Produzenten Jochen Laube“.

Viel Lob, viel Ehre für einen jungen Studenten, auf den dennoch ein ganz anderes Erlebnis den meisten Eindruck gemacht hat, wie er sagt: seine Zeit als Produktionsassistent beim legendären britischen Filmregisseur Peter Greenaway, dessen Name für anspruchsvolles und philosophisches Kino steht. „Er ist einer den wenigen großen Künstler, die jedes einzelne Bild komponieren und sich dafür so viel Zeit nehmen, wie sie brauchen“, sagt Jochen Laube, der vom Set in Luxemburg seinerzeit viel mitgenommen hat für seine Arbeit in Ludwigsburg: „Den Mut, den man braucht, um einen Film in letzter Konsequenz genauso durchzuziehen, wie man es sich vorstellt.“

Selber Filme zu drehen, als Regisseur zu arbeiten, wäre seine Sache indes nicht. „Mir fehlt die Geduld, mich über Jahre mit einem Thema, einer Geschichte, einer Figur auseinanderzusetzen“, betont er. Stattdessen gründete Jochen Laube 2006 die Produktionsfirma Sommerhaus, was durchaus als Anspielung auf seinen Nachnamen zu sehen ist: Laube. Längst ist sein Name ein klangvolles Markenzeichen in der Filmbranche, in der er zu den Großen zählt, die mit Auszeichnungen überhäuft werden. So spielte etwa der Dokumentarfilm „Sonbol – Rallye durch den Gottesstaat“ unter anderem den Adolf-Grimme- Preis ein. Seine Doku „Die Haushaltshilfe“ aus dem Jahr 2009 wurde mit einer Lola bedacht, dem höchst dotierten und bedeutendsten deutschen Kulturpreis. Und für den Film „Kreuzweg“gab es im vergangenen Jahr auf der Berlinale einen Silbernen Bären.

Für ihn sind solche Meriten kein Grund, die Haftung zu verlieren. Jochen Laube ist trotz der vielen Erfolge bodenständig geblieben, was nicht für jeden in der glamourösen Welt der Filmbranche gilt, die sich einmal im Jahr auf der Berlinale feiert. Auch Laube ist schon seit zehn Jahren bei den Filmfestspielen dabei, allerdings nicht wegen des roten Teppichs, wie er sagt. „Filme müssen verkauft und vermarktet werden, die Berlinale ist die Kontaktbörse dafür, wie eine Messe.“ Harte Arbeit also statt rauschender Feste.

Sein Ruhepol ist die Familie, seine Frau und die beiden Kinder, mit denen er nach wie vor in seinem Ludwigsburg wohnt. Apropos Heimat. Seit 15 Jahren steht er bei Heimspielen des VfB in der Cannstatter Kurve, unter seinesgleichen, mitfiebernden Fußballfans, von denen er viele schon lange kennt. Seine Mutter ist auf einem fränkischem Bauernhof aufgewachsen, der Vater war als Jugendlicher aus der damaligen DDR geflüchtet und hat sich hier vom Banklehrling zum Direktor bei Wüstenrot hochgearbeitet. Eher dem Theater und der Oper zugeneigt, hatten beide mit der Filmwelt nichts am Hut. Zwischenzeitlich gehen sie einmal in der Woche ins Kino. „Ich rechne ihnen hoch an, dass sie meinen Weg von Anfang an mitgetragen haben“, sagt Jochen Laube.

Was ihn bei seiner Arbeit fasziniert, ist die Möglichkeit, ein Filmprojekt den gesamten künstlerischen Prozess über begleiten zu können, von der ersten Idee über die Auswahl der Schauspieler, dem eigentlichen Dreh, der Arbeit im Schneideraum bis zur Vermarktung des Films und der Premiere. „Diese Vielfalt macht die Arbeit eines Produzenten zum Traumjob“, sagt Laube, der stets mehrere Filmprojekte in unterschiedlichen Phasen gleichzeitig laufen hat. Wichtiger als der Stoff sind Laube zwischenzeitlich die Menschen, die an einer Produktion beteiligt sind. „Man muss zusammen eine Woche in den Urlaub fahren können, dann passt es“, sagt er. Was herauskommt, wenn es nicht passt, hat er auch schon erlebt: ein furchtbarer Film. „Das habe ich schmerzhaft lernen müssen“, sagt er.

Ideen für seine Projekte begegnet er unentwegt, in Gesprächen, bei der Zeitungslektüre oder im Fernsehen. Aus einer diesen Begegnungen ist nun der aktuelle Film „Wir sind jung, wir sind stark“ entstanden, in dem Laube die Brandnacht im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen verarbeitet, die er seinerzeit als 14-Jähriger im heimischen Wohnzimmer miterlebt hatte. Bei den fremdenfeindlichen Krawallen im Jahr 1992 war unter anderem ein Flüchtlingsheim mit über hundert Vietnamesen angezündet worden, dank Laube sind die massivsten rassistisch motivierten Angriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte erstmals verfilmt worden und seit Anfang des Jahres im Kino als bewegtes und bewegendes Mahnmal zu sehen. „Wir wollten einen Film gegen das Vergessen machen“, sagt Laube, der sich für die Produktion auch mit Betroffenen von damals getroffen hatte.

Mitunter bewirbt Jochen Laube sich auch um eine ausgeschriebene Produktion, wie etwa beim „Baron Münchhausen“, einem Fernsehdreiteiler der ARD mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle, den er für die Ufa Fiction produziert hat. Gedreht wurde unter anderem im Ludwigsburger Schloss und an anderen Schauplätzen in der Barockstadt – mit seiner halben Verwandtschaft als Komparsen, wie er mit einem Schmunzeln sagt: „Ich habe einfach Lust gehabt, diesen Film in meinem Ludwigsburg zu machen.“