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Wanderer zwischen den Welten

Er komponiert Theatermusik, spielt in Bands, ist Schauspieler und Dozent für Gesang an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Torsten Knoll mag es gerne überaus vielseitig.

Wer Torsten Knoll in seiner Altbauwohnung in Wiesbaden besucht, der hat es nicht sonderlich schwer, seine Profession zu erraten. Überall stehen und liegen Musikinstrumente, dazwischen wachsen Notenständer und Verstärker aus dem Holzboden, aus den Regalen sprießen CDs und Bücher, an den hohen Wänden hängt Selbstgemaltes. Alles in allem ein kreatives Durcheinander, das für sich spricht. So leben nur Künstler. „Momentan ist es schrecklich unaufgeräumt“, sagt er zur Begrüßung und lädt in die Musikerküche, in der es nach frischem Kaffee und selbstgedrehten Zigaretten riecht.
Torsten Knoll genauer zu beschreiben, ihn und seine Kunst, ist dagegen erheblich schwieriger. Der gebürtige Balinger lässt sich nicht so leicht fassen, schon gar nicht passt er in irgendeine der künstlerischen Schubladen, die zu eng sind für einen wie ihn. Er braucht Raum, möglichst tief und möglichst breit. Jüngst war er wieder einmal als poetischer Chansonnier mit Schiebermütze auf Tournee. Er komponiert Theatermusik, ist Jazzpianist und Balkanband-Akkordeonist, doziert an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, macht mitunter Filmmusik und hat neuerdings und immer mehr auch noch seine Liebe zur Schauspielerei entdeckt. „Der Drang, mich auf eine Bühne zu stellen, ist schon immer mindestens so groß gewesen, wie die Lust an der Musik“, sagt er.
1981 am Rande der Schwäbischen Alb geboren und aufgewachsen, kletterte Torsten Knoll schon als Knirps bei jeder Gelegenheit auf den hölzernen Klavierschemel im Wohnzimmer, von dem eine magische Anziehungskraft auszugehen schien. Abgeschaut hatte er sich das bei seiner Mutter, einer Lehrerin, der Impuls für die Klimperei sei aber nicht das Vorspiel der Mutter, sondern sein ausgeprägter Spieltrieb gewesen, erzählt er: „Ich habe als Kind einfach gerne auf den Tasten herumgedrückt.“
Mit fünf Jahren bekam er seinen ersten klassischen Unterricht. Seine ersten Konzerte gab er mit 14, wo immer er in Balingen eine Schulaula oder einen Musiksaal ausleuchten konnte. Klassisches gehörte allerdings nicht zu seinem Repertoire. Schon damals spielte er ausschließlich selbst komponierte Sachen nach seinem musikalischen Geschmack, der sich seinerzeit vor allem an den deutschen Punkrockbands orientierte. „Die Ärzte waren mein erstes musikalisches Vorbild.“ Wohin die musikalische Reise gehen sollte, war zu dieser Zeit noch ziemlich ungewiss. Unabdingbar klar war dem Halbwüchsigen, dessen Vater Verwaltungsdirektor im Landratsamt war, nur eines, nämlich dass es auf jeden Fall mit Noten zu tun haben musste. Nach reiflicher Überlegung begann er 2004 an der Hochschule für Musik Rheinland-Pfalz in Mainz Jazzklavier und -gesang zu studieren, zu seinen Lehrern gehörte unter anderem der deutsche Jazzmusiker Martin Sasse. „Als Jazzmusiker ist man flexibler in seinen Einsatzmöglichkeiten, hat hinterher mehr Möglichkeiten als im klassischen Bereich“, sagt Knoll, der zuvor noch ein paar Semester Musikwissenschaften studiert hatte, „um meinen theoretischen Hintergrund aufzuarbeiten“.
Gelernt hat er in Mainz viel, aber längst nicht genug. „Ich hatte einfach das Gefühl, dass noch etwas fehlt, ich noch nicht fertig bin“, sagt er. Also schrieb er sich an der Filmakademie Ludwigsburg ein, Fachrichtung Filmmusik-Komposition. Am liebsten hätte er zwar Theatermusik studiert, weil er zu dieser Zeit bereits an den Mainzer Kammerspielen als Hauskomponist arbeitete. Eine solche Disziplin stand aber nicht zur Wahl. Zum Glück, wie sich hinterher herausstellte. „Filmkomposition ist das vielfältigste und reichhaltigste Studium, das man in diesem Bereich machen kann. Mehr geht nicht“, sagt Knoll, der während seiner Ludwigsburger Zeit für etliche Filme die passende Musik komponiert und dafür sozusagen auf der gesamten Klaviatur gespielt hat, von Popsongs über Klassik und Jazz bis hin zu experimenteller Musik und Songwriting. „Das Studium bildet einen aus, auf Knopfdruck arbeiten zu können“, sagt er. So wichtig wie die Noten sind ihm die Bücher, die ihn mitunter inspirieren, wie etwa die Werke von Franz Kafka und E.T.A. Hoffmann, dem dichtenden und komponierenden Multitalent, der wie er selber nebenbei auch noch gemalt und gezeichnet hat. „Bei allem geht es um den Menschen“, sagt Knoll, der derzeit unter anderem an der vielbeachteten Kafka- Adaption „Amerika“ am Theater Konstanz beteiligt ist und als Komponist und Musikalischer Leiter seinen Teil zum Erfolg des Bühnenstücks beigetragen hat. Welchen Weg er wählt, um die Schauspieler musikalisch zu begleiten, hängt von vielem ab. Von der Art der Inszenierung, vielleicht von den Vorstellungen des Regisseurs, vor allem aber von seinem Gefühl. Torsten Knoll will sich nicht als Dienstleister verstanden wissen, der ein Stück Musik auf Bestellung abliefert. Er braucht die Freiheit, eigene Ideen entwickeln zu können, in den Rhythmus des Stücks einzugreifen. „Es darf keine Denkverbote geben, alles muss möglich sein“, betont Knoll, der lieber fürs Theater komponiert als für den Film, weil er es bevorzugt, mit Menschen zu arbeiten statt mit fertigem Filmmaterial. Je nach Stück und Instrumentierung komponiert er seine Musik mal klassisch auf dem Papier, mal modern auf dem Computer. Klavier, Synthesizer, Melodium, Glockenspiel, Gitarre, Perkussion und ein paar andere Instrumente spielt er dabei selber ein, mitunter auch live hinter oder auf der Bühne.
Was seine künstlerische Zukunft betrifft, hält es Torsten Knoll mit dem englischen Komponisten und Pianisten Benjamin Britten, von dem der Ausspruch stammt: „Lernen ist wie gegen den Strom rudern – wer damit aufhört, treibt zurück.“ Bei Torsten Knoll geht die Fahrt seit jeher rasant flußaufwärts, das Ergebnis seiner vielfältigen Expeditionen ist eine ganz eigene musikalische Sprache, die sich nur schwer beschreiben lässt. „Die besondere Note liegt wohl im detailreichen Verweben unterschiedlicher Stilistiken, die auf den ersten Blick keine Schnittmenge aufweisen. Eine mannigfaltige Melange in immer neuer Zusammensetzung“, hat ein Kritiker einmal geschrieben. Oder, wie es Torsten Knoll selber ausdrückt: „Das Gewicht verlagert sich ständig.“
Derzeit neigt sich die Waage immer mehr in Richtung Schauspielerei, mit der er als Bühnenmusiker fast zwangsläufig in Berührung gekommen ist. Zudem lehrt er seit 2009 als Dozent für Musik und Gesang an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, wo er Schauspielern das Singen beibringt. Sein Debüt in einer Doppelrolle als Musiker und Darsteller hat er vor zwei Jahren an den Mainzer Kammerspielen in dem Stück „Tschick“ gegeben, einer Produktion des Regisseurs Gerrit Meier, dessen Hauskomponist er seit vielen Jahren ist. Er habe in seinem bisherigen Bühnenleben so viel Schauspielarbeit erlebt und sich nach kurzer Bedenkzeit gesagt: „Das probiere ich aus“, erzählt er. Seither hat er in etlichen weiteren Inszenierungen mitgespielt, unter anderem auch in einem Stück der Dramatikerin Sibylle Berg.
Seit vergangenem Jahr ist Torsten Knoll Musikalischer Leiter und Komponist an der „theaterperipherie“ Frankfurt, weshalb er demnächst mit all seinem Inventar in die Bankenmetropole umziehen wird. Auch auf der Frankfurter Bühne, die im Titania ihre Spielstätte hat, ist Knoll bereits in einer Doppelfunktion aufgetreten, nun steht die nächste Premiere an: Im März wird der Liedermacher und Komponist erstmals nur als Schauspieler mit richtig viel Text auf der Bühne zu sehen sein, worauf er sich wahnsinnig freut, wie er sagt: „Ich habe große Lust darauf, spielerisch zu denken, nicht nur musikalisch“, so Knoll. „Durchaus möglich, dass die Schauspielerei künftig mehr Gewicht bekommen wird.“
Ganz verdrängen wird sie die Musik derweil nicht können, zu sehr hat sie sich breit gemacht in der Seele von Torsten Knoll, der sich in seinen Erinnerungen nur mit Klavier vorstellen kann, wenn er an seine Kindheit zurückdenkt. „Wanderlust“ heißt eines der Stücke aus seinem aktuellen Chanson- Programm „Chanson.zeitgemäß“, das er jüngst auf CD eingespielt hat. „Dreh nur weiter alles um, stell einfach alles auf den Kopf. Klopf ruhig immer weiter an die Türen meines kleinen Kämmerleins“, singt er darin mit rauchig-rauer Stimme und viel Poesie. Der Wanderer zwischen den Welten.