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Sokrates und die Winkeblume

Catrin Misselhorn grübelt gerne über zentrale Fragen des Lebens nach. Das lässt die Philosophie- Professorin der Universität Stuttgart aber nicht lebensfern werden. Ganz im Gegenteil.

Sokrates steht am Fenster und schaut auf den Friedhof. „Philosophieren lernen heißt sterben lernen“, hat der Philosoph einst gesagt. Die Aussicht auf die verwitterten Grabsteine des Stuttgarter Hoppenlau- Friedhofs passt dazu. Neben der Sokratesbüste steht Catrin Misselhorn, 42, Direktorin des Instituts für Philosophie der Universität Stuttgart, und erörtert den Satz des alten Meisters: „Sterben lernen meint, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Aber Stopp, möchte man rufen, bevor sich hier ein Klischee festsetzt: Denn ein paar entscheidende Kleinigkeiten stören das Bild der lebensabgewandten Professorin, die sich im Studierzimmer am Ende eines Systems verwinkelter Gänge tiefschürfenden Gedanken hingibt über das, was die Welt zusammenhält. Kleinigkeiten wie der Umstand, dass Sokrates knallgrün angestrichen ist. Neben ihm steht eine solarbetriebene Winkeblume auf der Fensterbank, deren gelbe Blüte samt grüner Blätter fröhlich auf und ab wippt. An der angrenzenden Wand ein großes, ebenso knallgrünes Sofa, darüber der großformatige Druck eines Werkes von Yves Klein: Abdrücke nackter Frauenkörper auf Leinwand – natürlich im perfekten Blau. Und all das rundet Catrin Misselhorn selbst ab: eine lebensfreudige Professorin mit offenem Blick in die Welt.
Vor zweieinhalb Jahren ist sie dem Ruf nach Stuttgart gefolgt und hat nicht nur Farbe ins philosophische Institut gebracht, sondern auch neue Ideen. An der Wand ihres Büros hängt ein Plakat, das zum „Philosophy Slam“ in einem Stuttgarter Szene-Club einlädt. „Die Bude war brechend voll“, erzählt Catrin Misselhorn begeistert. Ganz im Gegensatz zum klassischen Vortragsformat, mit dem in den Jahren zuvor die Philosophie der Öffentlichkeit nahe gebracht werden sollte. Eine willkommene Herausforderung für die Wissenschaftlerin, die den Slam konzipierte und jeden Willkommen hieß, der philosophische Inhalte in einem Siebenminüter vortragen wollte. Misselhorn selbst übernahm die Moderation. „Mein Bildungstrailer“ nennt sie ihren Einsatz selbstironisch, bei dem sie Fachbegriffe und Zusammenhänge kurz und bündig erklärte.
Catrin Misselhorn liebt es, für ihr Fach zu werben und junge Menschen zu fördern, die sich dafür interessieren. Sie selbst startete einst ihr Studium in der Ungewissheit, ob sie damit jemals ihre Brötchen verdienen könnte. Aber diese Frage schien ihr vorerst zweitrangig. Ihre Eltern, ein Ingenieur und eine Sekretärin, warnten und mahnten und schüttelten die Köpfe. Wieso um Himmels Willen will dieses Kind Philosophie studieren? Aber dieses Kind hatte dringende Fragen zu klären. Wie soll ich mein Leben leben? Welche Werte zählen und warum? „Ich fand das, was ich in meinem sozialen Umfeld hörte, nicht überzeugend, ich wollte nicht nach Konventionen leben.“
Catrin Misselhorn mochte ihr Leben nicht kopieren, sie wollte ihre Einstellungen systematisch überprüfen. Und zwar alle. „Ich wollte mich nur an Dingen orientieren, die ich rational begründen kann“, sagt sie. Ohne es zu wissen war die damalige Schülerin damit ganz nah an Descartes und der alten Philosophie. Als sie das Fach schließlich entdeckte, das ihre Fragen ernst nahm, gab es kein Zurück: Philosophie musste sein.
„Ich kam nach Tübingen und fühlte mich wie der Fisch im Wasser“, erinnert sie sich an ihr erstes Semester: „Mir war gleich klar: das will ich machen, und zwar mein Leben lang.“ Berufswunsch Philosoph – das klingt ähnlich unrealistisch wie Astronaut oder Fußballprofi. Aber die junge Studentin, die endlich ihren bohrenden Fragen nachgehen konnte, hatte bis zur Habilitation keine Zeit, darüber nachzudenken. „Die Philosophie füllte mich aus“, versucht sie das Phänomen heute zu erklären. „Sie besetzt den Geist, und man darf sich nicht allzu viele Sorgen um die Zukunft machen.“ Lange Zeit ging dieser Plan nahtlos auf: Am Ende des Studiums bot ihr der künftige Doktorvater die Promotion an, direkt im Anschluss die Habilitation. Anschließend unterrichtete sie eineinhalb Jahre als Gastprofessorin in Berlin, Tübingen und Zürich und nahm schließlich den Stuttgarter Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und Technikphilosophie an. Diese eineinhalb Jahre kamen ihr lang vor. Zum ersten Mal kamen Zweifel auf. Was ist, wenn der Lebensplan nicht aufgeht?
Solche Sorgen will sie ihren Studenten ersparen. „Das Studium ist besser berufsqualifizierend als sein Ruf“, sagt sie. Sie will junge Menschen ermutigen, die sich für jene Fragen interessieren, die sie selbst einst umtrieben. Aber das Studium sei fordernd. „Es ist kein Laberfach.“ Dafür argumentieren Studenten und Professoren von Anfang an auf Augenhöhe. „Wir begegnen uns als Philosophen.“
Dieser Geist ist auch an diesem Tag zu spüren. Die Professorin steht unter Druck. Es sind nur noch wenige Tage bis zu ihrem Mutterschutz, in wenigen Wochen erwartet sie ihr erstes Kind, und bis dahin ist noch viel an der Uni zu tun. Aber gleichzeitig mit der Ankunft einer jungen Frau, die als künftige Studentin zum Auswahlgespräch kommt, scheint dieser Zeitdruck das Büro zu verlassen. Die Professorin plaudert mit ihr über Subjektivität und das Leben und vermeidet eine Prüfungsatmosphäre.
Sie warnt vor den Mühen des Studiums, von Krisen, die da kommen können. Sie bittet, mit allen Problemen jederzeit zu ihr zu kommen. „Sie werden das schon schaffen, ich bin zuversichtlich“, sagt sie schließlich und gratuliert zur Aufnahme.
„Herzlichen Glückwunsch, aber ausgerechnet Stuttgart?“ So reagierten viele ihrer Kollegen auf den Ruf. Die Uni gilt nicht als eine traditionelle Philosophenhochburg. „Aber das bietet Chancen“, sagt Catrin Misselhorn. Seit sie 2007 als Feodor-Lynen Stipendiatin im Center of Affective Sciences in Genf gemeinsam mit Kollegen aus allen denkbaren Fachrichtungen Emotionen untersucht hat, ist sie ein Fan fächerübergreifender Forschung. Heute arbeitet sie gemeinsam mit Informatikern im Rahmen des Stuttgarter Exzellenzclusters SimTech über soziale Simulationen: Wie ist die Logik einer Gruppe? Wie entwickelt sich kollektives Handeln? Dahinter steckt die Idee, soziale Bewegungen wie den arabischen Frühling erklären und vielleicht sogar eines Tages vorhersagen zu können. Gemeinsam mit Ulmer Informatikern plant Catrin Misselhorn ein Projekt, in dem sie Roboter mit moralischen Fähigkeiten ausstatten will. Ein System, das sich den Werten seiner Nutzer anpassen kann, wäre beispielsweise für Pflegeroboter sinnvoll. Und was hat die Philosophie davon? „Erstmal müssen wir überlegen, wie man moralische Fähigkeiten exakt beschreiben und auf der Softwareebene umsetzen kann“, sagt sie. „Dabei lernen wir etwas darüber, wie sie funktionieren!“ Auch, welche Werte die Betroffenen eigentlich schätzen. Dafür will sie mit älteren Menschen reden, klassische empirische Forschung. Womit ein weiteres Klischee entkräftet wäre: Philosophen sitzen nicht nur im Elfenbeinturm und denken nach. Catrin Misselhorn legt auch Wert auf die experimentelle Philosophie. Und die kommt ohne den Menschen auf der Straße nicht aus.
Aber die Philosophin kennt auch die andere Seite. Die der tiefgründigen Fragen, des Brütens über Büchern. Gibt es die Welt überhaupt? Ist das, was wir sehen, fühlen, riechen real vorhanden oder nur ein Produkt unserer Gehirne, ein Traum, gar die Rechenleistung eines Computers? Hätte sie wie im Science-Fiction-Film Matrix die Wahl, die rote oder die blaue Kapsel zu schlucken und wahlweise weiterhin in einer schönen Scheinwelt zu leben oder in die bittere Realität zu wechseln: sie würde sich für die Desillusionierung entscheiden. „Das wäre hart, aber für uns Philosophen zählt die Wahrheit.“ Das alles klingt, als ob das Leben als Philosoph recht anstrengend ist. Tut Ihnen der Job eigentlich gut, Frau Professor? „Naja, es ist kein Wellness-Urlaub“, sagt Catrin Misselhorn und lacht, „aber es hat Unausweichlichkeit und Befriedigung.“
Nach vielen Jahren hat sie auch auf diese klassische philosophische Frage eine persönliche Antwort gefunden. „Ich denke, es gibt gute Gründe anzunehmen, dass es die äußere Welt gibt.“ Sie ist vorsichtig in ihrer Wortwahl, denn sie weiß um die Gegenargumente. Aber selbst wenn wir nur ein Produkt unserer Gedanken sein sollten und unsere Körper wie in Matrix in einer Art Brutkasten vor sich hin vegetieren: „Im praktischen Leben macht es keinen Unterschied: ein Eis schmeckt trotzdem lecker!“, sagt Catrin Misselhorn. Sie streift ihre Funktionsjacke über und lässt Sokrates neben der Winkeblume stehen. Nichts spricht dagegen, das Leben zu genießen. Selbst wenn es offene Fragen gibt.