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In Bildern übers Leben nachdenken

Barbara Bader, Professorin an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste, ist überzeugt davon, dass der Bauchladen des Lebens jeden zu seinem Ziel bringt. Manchmal auf Umwegen.

Der Streber meldet sich mit ernster Miene, das schüchterne Mauerblümchen hält den Blick gesenkt, der Angeber schaut dem Betrachter frech in die Augen: „Teacher-Beliefs“ steht über dem Ensemble gezeichneter Portraits im Raum 310B der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Die Bleistiftzeichnungen, die manchem Pädagogen aus dem Herzen sprechen dürften, stammen von angehenden Kunstlehrern. Eine Woche lang haben sich die Lehramtsstudierenden intensiv mit berufsbezogenen Überzeugungen gegenüber den Schülern, dem Lehrersein, dem Fach Bildende Kunst und unterschiedlichen Unterrichtsarten beschäftigt. Aus allen Ecken des Raumes dringt die kreative Auseinandersetzung mit dem Thema. Drahtfiguren symbolisieren das Leben in der Schule und die damit verbundenen Gefühle, Zeichnungen von gutem und schlechtem Unterricht hängen neben einem Comic über einen zynischen Lehrer, auf der Fensterbank liegen Draht- und Klebrollen, dicke Stifte, Gummibänder. Einführung in die Bildungswissenschaften: Ein dichtes Kompaktseminar.
Nachdenklich stehen die Studierenden an diesem Nachmittag inmitten der Essenz einer intensiven Woche. Unter ihnen Barbara Bader, 42, eine zierliche Frau mit lässigem Zopf, die in ihrer frischen Art ganz ohne Professorenallüren eine von ihnen sein könnte. In wenigen Tagen werden die Studierenden das erste Mal im Leben vor Schülern stehen. „Wenn man das vorher in geschütztem Rahmen durchdacht hat, steht man da nicht so allein“, sagt die Professorin für Fachdidaktik und Bildungswissenschaften. Sie kennt die größte Sorge nur zu gut. Wird mein Unterricht ankommen? Mit Anfang 20 hat sie selbst in der Schweiz als Lehrerin gearbeitet. Dort habe es kein Referendariat gegeben. „Man wird nach der Ausbildung ins kalte Wasser geworfen“, sagt sie.
Auf Thermalbad-Temperatur kann auch Barbara Bader das Wasser für ihre Schützlinge nicht erwärmen. Unsicherheiten bleiben – und das ist auch richtig so, findet sie. Jeder müsse seinen eigenen Weg finden. Unterricht sei individuell und situativ und könne eben nicht starr nach Plan verlaufen. Auch wenn die Junglehrer vermutlich erstmal genau in das Muster fallen, das ihre einstigen Lehrer an den Tag gelegt haben. „13 Jahre als Schüler beeinflusst das Lehrerverhalten viel mehr als die Ausbildung“, sagt Barbara Bader. Deshalb sei es wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Intensiv und möglichst praktisch hat sie mit den Studierenden in dieser Woche daran gearbeitet. „Kunststudenten denken häufig eher in Bildern als in Worten“, sagt sie. Deshalb haben sie visualisiert, gezeichnet und Modelle gebaut, um sich die unbewussten subjektiven Theorien ins Bewusstsein zu holen. Denn das ist der erste Schritt, um Vorstellungen darüber abzulegen, wie Lernen an der Schule funktioniert und wie man unterrichtet.
Ein moderner Bildungsbegriff soll obendrein den Druck nehmen. „Bildung und Erziehung sind soziale Interaktion“, erklärt Barbara Bader im Seminar. Die Verantwortung für einen gelungenen Unterricht liege nicht nur beim Lehrer. Wohl aber die Verantwortung, wie er damit umgeht, wenn sich der Plan als ungeeignet erweist. In vielen Lehrerköpfen herrsche das Bild vor, dass nur Planerfüllung guten Unterricht ausmache. Wer Bildung als Interaktion begreife, könne leichter loslassen und flexibel reagieren, wenn Schüler beispielsweise gute Ideen in den Unterricht einbringen. Konkretere Tipps möchte sie nicht geben. „Ich gebe ungern eine Anleitung wie ein Rezept“, sagt sie. Denn gerade das Fach Bildende Kunst betone das Individuelle.
Dieses Individuelle hat schon das kleine Mädchen Barbara interessiert, das in einem Schweizer Bauerndorf groß wurde. Eine kleine Ansammlung bürgerlicher Einfamilienhäuser in der Schweiz der siebziger Jahre. Mitten drin wohnte der Künstler Hansjörg Brunner in seinem Druckeratelier. Ein Tüftler, der sonderbare Maschinen und Pressen entwarf, selten aufräumte und nachts Musik hörte. Die Primarschülerin Barbara stand oft mit großen Augen in seinem Haus. „Es war nie langweilig dort“, erinnert sie sich heute, „und es waren immer Menschen zu Besuch, die anders waren als diejenigen, die ich sonst kannte.“ Künstler eben. Das Ungewöhnliche übte Anziehungskraft auf sie aus. Und auch das erstaunliche Phänomen, dass nach einigen Jahren in jedem Wohnzimmer der bürgerlichen Siedlung ein Werk dieses Künstlers hing.
Wie wird aus einem komischen Kauz ein anerkannter Künstler? Wie aus Werken Kunst? „Das treibt mich bis heute um“, sagt Barbara Bader, „was ist Mainstream, was ist außerhalb und wo sind die Durchlässigkeiten.“ Solche Vorgänge nennt die Fachsprache „Prozesse der Normalisierung“. Das Interesse dafür, für die Bildung und die Kunst, sind Wege, die sich eng verschlungen durch ihr Leben ziehen. Mit 16 Jahren beschloss die Schülerin Lehrerin zu werden. Wer das damalige Lehrerseminar anstatt der Oberstufe besuchte, konnte in der Schweiz Abitur und Lehrerausbildung in einem absolvieren. Das war verlockend. Schon mit 21 Jahren unterrichtete Barbara Bader eine bunte Mischung an Fächern, wie das in der Grundschule üblich ist. Dabei trieb sie die Kunst plötzlich wieder stärker um. Sie fehlte ihr. Kurzerhand gab sie die Privilegien des Lehrerberufs auf und wechselte erneut die Seiten. Sie wurde wieder Lernende. „Ich war einfach noch nicht fertig“, sagt sie im Rückblick über diesen Schritt.
Fertig sollte sie so schnell nicht sein: Nach dem Studium der Kunstpädagogik in Bern studierte sie Illustration in Prag und machte schließlich in Oxford noch einen Master in Kunstgeschichte. Die anschließende Promotion führte sie zur Konzept- und Medienkunst und zur Frage, wie diese ab den siebziger Jahren ins Museum kam. Denn sie wurde lange nicht als Kunst wahrgenommen. „Künstlerbücher, Videos oder Performancedokumentationen lagen 20 Jahre in den Museumsbibliotheken, bis die Kuratoren merkten: Hups, wir haben da was verpasst“, sagt Barbara Bader in einer Art, die erahnen lässt, wie lebendig Lehrveranstaltungen bei ihr sind. Wie wird etwas in die Kunst einsortiert, das es vorher noch nicht gab? Da war sie wieder, die Normalisierung.
„Und nicht zuletzt ist auch die Schule eine große Normalisierungsmaschinerie“, sagt Barbara Bader. Kein Wunder also, dass ihr Bauchladen an Erfahrungen sie schließlich zurück zu den Wurzeln führte, in die Lehrerausbildung. Bevor sie im Januar 2014 nach Stuttgart wechselte, war sie acht Jahre Leiterin des Studiengangs Vermittlung in Kunst und Design an der Hochschule der Künste Bern. Dann wuchs ihre Sehnsucht nach Inhalten, so landete sie schließlich in ihrem jetzigen Büro auf dem Stuttgarter Killesberg mit dem Zettel „Kunst macht schön“ an der Tür. „Hier an der Akademie wird mir nie langweilig“, sagt sie und strahlt ein bisschen wie das einstige Kind im Künstlerwohnzimmer. Sie liebt die lebendige Atmosphäre an der Kunst-Aka: „Hier sind lauter interessante junge Menschen, die man als Person über ihre Kunst kennen lernen kann.“ Und natürlich auch über ihren ganz persönlichen Bauchladen. Erfahrungen und Überzeugungen, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln, beeinflussen unseren weiteren Weg. Weil das so ist, ließ Barbara Bader ihre Studenten je einen individuellen Bauchladen aus Pappe basteln mit Versatzstücken aus der Kunst, dem Bildungsplan, dem Leben und fotografierte jeden. In zweieinhalb Jahren, im letzten Teil der „Bildungswissenschaften“, soll das erneut Basis für eine Reflektion sein. Wie bin ich gestartet, wo stehe ich jetzt?
An diesem Freitag heißt es Abschied nehmen. Vorerst. Barbara Bader gibt jedem Einzelnen die Hand, wünscht „Viel Glück und Erfolg“ und „bis bald“. Nur zu gerne würde sie enger an ihren Studierenden bleiben, die jetzt für ihr Praxissemester an ein Gymnasium gehen, um zu spüren, wie sie sich als Lehrer machen. Wie viel von dieser Woche hängen geblieben ist. Sehen, welchen „Impact“ ihre Arbeit hat, wie sie sagt: Konnte sie die jungen Leute voranbringen? „Was jemand lernt, ist unsichtbar. Das ist ganz schwierig einzuschätzen“, sagt sie.
Den Erfolg der eigenen Arbeit ganz direkt zu sehen, das fehlt ihr manchmal. Zum Ausgleich verbringt sie an den Wochenenden viel Zeit im Garten ihres Hauses in Bern mit handfesten Dinge. „Wenn ich den ganzen Tag jäte, habe ich abends ein Bild vor Augen, was ich geschafft habe“, sagt sie.
Das Wochenende ruft und mit ihm das Unkraut in Garten. Die Professorin will gerade gehen, als zwei Studenten zurückkommen. Sie stehen vor den Fotos, die sie mit ihrem Bauchladen zeigen. „Dürfen wir die mitnehmen?“ Barbara Bader lächelt. „Ja klar!“