Wissenschaft
und
Hochschulen
Übersicht
Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart
 
Studenten-
ansichten
Über uns
Kontakt
 
Naturwissen-
schaften
Wirtschaft
Finanzen
Management
Kunst
Medien
Musik
Technik
IT-Wesen
Architektur
Bauwesen
Pädagogik
Sozialwesen
 
 
die welt verändern. No11 Magazin ansehen »

Kunst, Medien, Musik

Portraits mehr »

exemplarische Studienangebote mehr »

Hochschulen mehr »

Die virtuelle Puppenspielerin

Sonja Kumbarji aus Halle hat an der Filmakademie Baden- Württemberg studiert. Jetzt zieht sie aus, das Publikum mit einer Ware zu verzaubern, die Illusion heißt.

Dieser Film hat sie verändert. Seitdem gibt es ein Davor und ein Danach. Davor war Sonja Kumbarji eine junge Frau, die nicht recht wusste, wohin ihr Weg führen wird. Danach war sie verwandelt und hatte ein Ziel. Der Film hieß „Herr der Ringe“ und sie hat ihn so oft im Kino gesehen, dass sie beinahe zur Frau der Augenringe wurde. Sonja Kumbarji konnte sich nicht sattsehen an dem kultigen Streifen nach dem gleichnamigen Roman von John Ronald Reuel Tolkien, einem Klassiker der Fantasy-Literatur. Am meisten mochte sie Gollum, ein glatzköpfiges Fabelwesen, das seinen Namen von den Schmatzlauten hat, die es von sich gibt. Der Bursche hat sie fasziniert und mehr noch sein Schöpfer. „Gollum ist komplett am Computer entstanden und spielte alle Schauspieler des Films an die Wand.“ Gollum war gestern, heute ist Suzy.

Sonja Kumbarji sitzt in der Ludwigsburger Filmakademie in einem kleinen Büro mit großen Bildschirmen. Seit 2005 ist das hier ihr Zuhause auf Zeit. Fünf Jahre lang hat sie studiert im Institut für Animation. Seit einigen Monaten hat sie ihr Diplom, darf sich Regisseurin nennen. „Suzy“ heißt ihr Abschlussfilm, und er ist noch nicht ganz fertig. Er handelt von einem Mädchen, das ein bisschen wie Johanna Spyris Heidi aussieht und aus Neugier wissen will, wie es sich anfühlt, wenn man tot ist. Angelockt vom romantischen Zauber des Fliegens, klettert das Pixelkind auf einen riesigen Felsen und blickt in den Abgrund. Suzy wirft ihre Puppe voraus. Sie tanzt im freien Fall, und Suzy ist so glücklich, dass sie gleich hinterher möchte, bis die geliebte Puppe brutal an den Felswänden zerschellt und in tausend Stücke gerissen wird. Suzy hat danach keine Lust mehr auf Suizid.

Eine Auseinandersetzung mit Tod und Leben ist das Werk der Absolventin, das von der Faszination des letzten Schritts handelt und von der Illusion, dass sich die Welt dadurch ändert. „Ich möchte dem Zuschauer zeigen, dass der Freitod am Ende doch nur völlige Destruktion ist“, sagt Sonja Kumbarji. „Man lässt immer jemanden zurück.“ Ein künstlerisch- erzählender Animationsfilm ist es geworden. Sie hat ihn mit ihrem Team von der ersten Skizze bis zum letzten Schliff selbst gemacht. Gemeinsam haben sie Suzy in Szene gesetzt, ihr Lachmuskeln ins Gesicht gemalt, sie zum Tanzen gebracht. Unglaublich viel Arbeit steckt im Detail. Es ist nicht leicht, Gefühle zu visualisieren und einen inneren Prozess nach außen sichtbar zu machen. Sonja Kumbarji hat Hunderte kleine Skizzen für ihren Film gemacht, sie immer wieder neu arrangiert, ausgetauscht, verworfen, so lange, bis sie das Gefühl hatte, dass die Bilder im Kopf der Zuschauer weiterlaufen. Sonja Kumbarji hält es mit André Heller: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, in meinem Kopf. Und sind sie nicht in meinem Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ Der Zuschauer glaubt keine Sekunde, dass in Wirklichkeit ein Kind vom Felsen springt, und doch ist er zugleich hingerissen vom Wahrheitsgehalt dessen, was sich vor ihm abspielt. „Ich möchte, dass die Leute etwas fühlen, dass sie vielleicht sonst nicht gefühlt hätten“, sagt die Trickfilmerin, der es in der persönlichen Rückblende selbst ein bisschen wie im Film vorkommt, dass sie in Ludwigsburg auf der Filmakademie gelandet ist.

Sonja Kumbarji kommt aus Halle an der Saale. Dort ist sie 1984 geboren. Ihr Vater stammt aus Syrien und hatte als Fernmeldemonteur ein Faible für Computer. Das hat sich auf die Tochter vererbt, die schon früh damit begonnen hat, am Bildschirm mit dem Zeichenstift zu malen. Als sie fünf war, fiel der umfriedete Staat in sich zusammen, aber nach der Wende war für die Familie in Halle nicht viel anders als zuvor. Nachdem sie ihr Abitur hatte, machte Sonja Kumbarji in Halle eine Lehre als gestaltungstechnische Assistentin. Ihre Abschlussarbeit war ein dreidimensionaler Film, der von einer schizophrenen Schnecke mit riesengroßen Augen erzählte. In dieser Zeit trat plötzlich der „Herr der Ringe“ in ihr Leben. „Da hatte es mich gepackt“, erzählt sie. Sonja Kumbarji wollte Trickfilmerin werden, suchte übers weltweite Datennetz nach entsprechenden Hochschulen und stieß auf eine Stadt unweit von Stuttgart, von der sie nie zuvor gehört hatte: Ludwigsburg. Sie bestand die Aufnahmeprüfung und landete im Institut für Animation. Visuelle Effekte, kinetische Wunderwerke: wenn sie ihren biografischen Film heute ansieht, hat es Sonja Kumbarji keine Sekunde bereut, vom Osten in den Süden gezogen zu sein. Sie empfindet es als Glücksfall, in einer lebendigen Stadt gelandet zu sein, die in der Filmakademie ihr kreatives Zentrum hat.

„Die Schule ist das Beste, was mir je passiert ist“, sagt sie. „Sie ist eine der renommiertesten der Welt.“ Jeden Morgen geht Sonja Kumbarji von ihrer Wohnung über den Marktplatz hinüber zur Filmakademie. Hier hat sie ihren Computer, hier ist ihr Platz, hier haucht sie ihren Figuren Leben ein. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann sie im Institut arbeiten, die Rechner sind auf dem neuesten Stand, um technische Virtuosität auf die Leinwand zu zaubern. Wenn sie genug hat von der Trickfilmerei und Sehnsucht nach dem Wirklichen, geht Sonja Kumbarji ins nächste Café, in den Salonwald oder hinunter zum Favoritepark. Einsam kommt sie sich in der Stadt selten vor. Fast an jeder Ecke trifft sie auf Leute der Filmakademie, die in Ludwigsburg zur festen Größe wurde. Jedes Jahr gehen 900 Bewerbungen ein. Die Kreativschmiede ist gefragt. Auf einen Studienplatz kommen acht Bewerber.

„Ludwigsburg ist ein tolle Studentenstadt“, sagt die Animatorin Sonja Kumbarji. Auch deshalb, weil man sich hier voll und ganz auf seinen Job konzentrieren kann – und weil es jedes Jahr im benachbarten Stuttgart das Internationale Trickfilm-Festival gibt. „Für mich ist das eine ganz wichtige Adresse, um Kontakte zu pflegen und mich von der Arbeit der Kollegen inspirieren zu lassen.“ In diesem Jahr durfte die Absolventin ihren noch nicht ganz fertigen Diplomfilm präsentieren. Die Region Stuttgart, sagt die Ostdeutsche, sei ein gutes Pflaster für Trickfilmer. Illusion heißt die Ware, die sie verkaufen wie einst Walt Disney, der einem Imperium seinen Namen gab, welches er auf Zeichentricks errichtete. Das Genre ist mittlerweile erwachsen geworden und spricht längst auch Ältere an. Sonja Kumbarji will das für sich nutzen und künftig als selbstständige Filmemacherin arbeiten. „Rund um Stuttgart gibt es viele Jobs“, sagt sie. „Baden-Württemberg ist fantastisch für Filmemacher, auch wenn die Mieten hier zum Teil ganz schön happig sind.“ Wohin ihre Reise geht, weiß Sonja Kumbarji noch nicht. Nur eines, das weiß die Jungregisseurin genau: Pfiffige Filme will sie machen, Bäume zum Tanzen bringen, Elefanten zum Fliegen und Menschen zum Nachdenken.