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Beseelte Charaktere

Wirkliche Größe offenbart sich bei Andreas Hykade im Kleinen. Der Trickfilmregisseur und Professor an der Filmakademie Ludwigsburg ist ein Meister des reduzierten Strichs.

Wenn einer hinauszieht in die Welt, dann ist ein wenig Beistand nicht verkehrt. Im Fall von Andreas Hykade, Jahrgang 1968, mag die heilige Muttergottes höchstselbst Regie geführt haben, was natürlich eine Mutmaßung ist, die allerdings auf dem belastbaren Umstand fußt, dass in Altötting, wo beide ihre Wurzeln haben, seit je ungewöhnliche Geschichten geschrieben werden und jene von Andreas Hykade ist so eine.

In Deutschlands wichtigstem Wallfahrtsort, gelegen zwischen Inn und Alz, ist der Oberbayer herangewachsen. Ministrant ist er gewesen und als sich einst der Pontifex in Altötting ankündigte, fügte es sich gut, dass für eine kirchliche Inszenierung nach menschlicher Größe gesucht wurde, oder besser gesagt nach einem Ministranten von entsprechendem Wuchs. Hykade hatte das nötige Maß und so kam es, dass Karol Józef Wojtyla, besser bekannt als Johannes Paul II., in Altötting dem halbwüchsigen Andreas über den Kopf streichelte, was natürlich gottsallmächtig prägt.

Es ist ein Kreuz mit der Vergangenheit, weiß Andreas Hykade, den fast 40 Jahre später noch immer mancherlei mit der Gnadenkapelle zu Altötting verbindet. Wie sonst ist es zu erklären, dass er auf der Internetseite der Stuttgarter Film Bilder GmbH, für die er heute neben seinem Amt als Kunstakademie- Professor kreativ ist, gleich im ersten Satz über sich schreibt: „Andreas Hykade, born in Altötting, Bavaria, center of the Holy Mary cult.“

Dass ihn der Marienkult bis in die Gegenwart bewegt, manifestiert sich freilich auch darin, dass die neueste Produktion des renommierten Animationsfilmers in der Kapelle zu Altötting spielt und eine Liebesgeschichte im Dunstkreis der Religion ist. „Mich treibt das autobiografische Erzählen“, sagt der Trickfilmregissseur. Er sitzt an diesem Nachmittag im zweiten Stock des Ludwigsburger Animationsinstituts und zeigt auf ein paar Skizzen, die ihm schon aus der Hand geflossen sind.

Der Gnadenmuttergottes begegnet Hykade mit der Gnade eines Talents, das sich ihm bereits im Kunstunterricht bei seinem Lehrer Alto Hien zart offenbart hat, der ihn nach Kräften förderte. Als Hykade einst ein Kunstwerk über den Bayernkönig Ludwig schuf, interessierte sich der örtliche Kreissparkassendirektor für das Werk. Hykade ließ es sich für 200 Mark abschwatzen und erzählte seinem Lehrer wenig später stolz vom ersten Verkauf eines Kunstwerks. Woraufhin Alto Hien wutschnaubend zum Banker ging und mit 2.000 Mark für seinen Schützling zurück kam. „Da hab ich einiges gelernt über die Kunst und ihren Wert“, sagt Hykade.

Er hatte damals schon ein Faible für animierte Figuren, was auch an Herrn Fred Feuerstein lag, jenem aufbrausenden Steinzeitler, dessen Schlachtruf „Yabba Dabba Doo“ legendär ist. Nicht von ungefähr galt die Zeichentrickserie lange Zeit als erfolgreichste auf dem Markt bis sie von den Simpsons eingeholt wurde. Hykade, eher dem Tätigen als dem Untätigen zuneigend, wollte in diesem Metier mitmischen und hatte bald eine klare Vorstellung von seinem Leben. „Ich wollte Trickfilm machen und dann zu Walt Disney.“

Da an den Kreuzungen des Lebens keine Wegweiser stehen, landete er nach dem Abitur erst einmal in Stuttgart an der Kunstakademie, von dort ging es nach London. „Das war ein heißes Pflaster, was Animationsfilm betrifft“, sagt er im Rückblick. Irgendwann war der Markt überhitzt und der Wunsch groß, eigene Filme zu machen. Der Oberbayer strandete in Ludwigsburg an der Filmakademie, wo er als Student seine ersten Produktionen auf den Weg brachte, welche gleich mit den ersten Preisen bedacht wurden, die einer wie er nicht wie die Monstranz bei der Fronleichnamsprozession vor sich herträgt, sondern still als Ansporn nimmt, „sich die eigene künstlerische Handschrift nicht korrumpieren zu lassen“, wie Hykade das nennt.

Die Region um die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart erwies sich für den Künstler durchaus als gutes Pflaster. Als Student profitierte er von der Trickfilmförderung und saugte die kreative Atmosphäre einer Community in sich auf, die sich hier in besonderer Weise entfalten kann. „Ludwigsburg ist eine der besten Ausbildungsstätten in Europa“, sagt er. Vor allem das Trickfilmfestival Stuttgart beflügelte seinen Schaffensdrang und kam ihm nicht selten wie ein Jungbrunnen vor. Bis heute ist er regelmäßig zu Gast und bereichert die Veranstaltung mit Filmpräsentationen und Programmpunkten. „Ich bin viel unterwegs gewesen“, sagt Hykade. „Aber so etwas gibt es nirgendwo sonst, weder in Montreal noch in New York.“

Hykade, der keiner für die kriechende Mittelmäßigkeit ist, kultivierte in der schwäbischen Barockstadt seinen unnachahmlichen, reduzierten Strich, mit dem sich das ganze emotionale Spektrum abbilden lässt. Er entwickelte sich zu einem meisterlichen Verführer, der lustvoll offenbart, dass die Dinge oft nicht sind, wie sie scheinen. Das zeigte er auch in einem Animationsvideo, das er im Auftrag der Toten Hosen machte. Der Jägermeister-Clip verhalf der Düsseldorfer Band zum ersten Platz in den Charts – und ihm zu weiteren Meriten.

Wenn ihm der Hut hochgeht, der gleichfalls sein Markenzeichen wurde, vertraut der Künstler seine inneren Eruptionen einem dicken Skizzenbuch an. Freunden und Feinden schickt er am Jahresende die passenden Werke. Als ihm seine Frau eröffnete, dass er Vater wird, griff er umgehend zum Stift. Dies war gleichsam die Geburtsstunde einer Figur, die mittlerweile Generationen von Kindern fasziniert. Die erste Zeichnung vermachte er Thomas Meyer-Hermann, Gründer der Stuttgarter Trickfilmproduktion „Studio Filmbilder“. Gemeinsam mit dem Südwestrundfunk schickten sie Tom auf die Reise, der bis heute im Kinderkanal den deutschen Nachwuchs fasziniert. Inzwischen gibt es 52 Folgen. Jede von ihnen besteht aus rund 5.000 Handzeichnungen, die mit Flash-Software nachgezeichnet und dann per Computer animiert werden.

Auch Tom hat letztlich mit Altötting zu tun, wo Hykade seiner sechs Jahre jüngeren Schwester einst Geschichten von der Erdbeermaus erzählt hat. Die Figur hatte sich in seinem Kopf eingenistet, er hatte sie quasi ständig vor Augen. „Wenn das Unsichtbare stimmt“, sagt er, „ergibt sich das Sichtbare von alleine.“ Nicht von ungefähr hat der kleine Comic-Held eine beeindruckende Karriere hingelegt, vom Geheimtipp im Web zum Pflichtprogramm für Kinder im Fernsehen. Dabei ist Tom alles andere als ein Held: ein schmächtiger Bursche, stoppelhaarig und bebrillt. Wofür ihn die Kinder lieben: Er hat immer Kohldampf – und zwar auf Erdbeermarmeladenbrote mit Honig.

Hykade hat den Charakter der Figur beseelt, der mittlerweile verstorbene Schauspieler Dirk Bach als Synchronsprecher sämtlichen Protagonisten die passende Stimme eingehaucht. Tom trifft in den Geschichten nicht nur seinen Freund, den Müller, sondern auch die Erdbeermaus, das grüne Krokodil, manchmal auch das Glühwürmchen oder den Gurkenkaiser. In jeder Folge erlebt Tom mehr oder weniger verrückte Dinge. Und jede Geschichte hat ihre eigene Botschaft. Die Denkweite liegt in der Strichkürze. „Wenn du die Dinge verknappt darstellst“, sagt Andreas Hykade, „bleibt Raum für den Zuschauer.“

Wer so redet, dem klebt man gerne an den Lippen. Hykade ist seit einigen Jahren selbst Lehrender. In Kassel ließ er den Animationsnachwuchs an seiner Sicht auf die Welt teilhaben, später auch an der Harvard University. Seit 2011 ist er Professor am Animationsinstitut der Ludwigsburger Filmakademie, wo er irgendwie angekommen ist. „Only one thing I did wrong“, erklärt er diesen Umstand mit Bob Dylan. „Stayed in Mississippi a day to long.“

Es ist spät geworden. Andreas Hykade sitzt in seinem Ludwigsburger Büro und schaut auf sein Skizzenbuch. Aktuell ärgert er sich ein bisschen über die Immobilienbranche. Das könnte neben seiner biografisch eingefärbten Story aus Altötting das nächste Projekt werden. Hykade bindet sich einen roten Schal um und setzt den Hut aufs lichte Haupt. Termin beim Makler. Vielleicht schickt er dem Mann am Jahresende eine Zeichnung. „Meine Geschichte auf einem Blatt Papier“, sagt der Künstler und eilt davon.