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Härchen in der Nase

Dies ist die Geschichte von Christoph Behling. Serviert wird sie in London. Begegnung mit einem, der an der Kunstakademie studiert hat und heute zu Europas besten Produktdesignern gehört.

Wolken tanzen über dem Hyde Park, in dem sich die Bäume ihrer Majestät ducken unter der lauen Brise. „I love it“, sagt eine junge Mutter, die mit ihrem Sohn auf dem Serpentine Lake in einem emissionsfreien Boot sitzt, das mit seinem futuristischen Solardesign auf den ersten Blick zu den königlichen Gärten Londons passt wie die legendäre Cessna von Michael Rust zum Roten Platz in Moskau.

Es ist ein warmer Tag, dem Sommer näher als dem Herbst. Wie ein Feld in der Brandung steht Christoph Behling, 43, lässige Jeans, strahlend weißes Hemd, auf seinem Solarshuttle, das wie hineinkopiert wirkt in eine historische Szenerie, in welcher sich die Welt von morgen spiegelt. „Ich mag Sachen, die sich bewegen und voller Energie sind“, sagt der Designer, während das Boot Fahrt aufnimmt.

Behling streicht sich durchs Haar. Er hat es gerne, wenn sich der See in die Kulisse eines Schauspiels verwandelt, bei dem er Regie führt. „Die Leute bewegen sich schneller, wenn man sie verführt statt sie zu missionieren“, sagt er. Behling hat keine Lust, den Menschen zu erzählen, wie viel Kohlendioxid sein Ausflugsboot spart und wie sich das aufs Weltklima auswirkt. Er will nicht, dass die Leute seine Produkte mögen müssen. Sie sollen sie mögen wollen. Das ist ein Unterschied, der den Unterschied macht.

Sein erstes Solarboot hat er in Stuttgart entworfen. Das war zu seiner Studienzeit in den neunziger Jahren an der Kunstakademie. Der Magnetismus, der sich aufbaut zwischen Menschen und Produkten, beschäftigte ihn schon damals. Die Beziehung zwischen Objekt und Benutzer reizte ihn gewaltig. Irgendwann ist daraus eine Kernfrage seines Schaffens entstanden. „Was kann ich als Designer tun, damit diese Beziehung so lange wie möglich hält?“

Im Hyde Park hält sie seit 2006. Damals kam das Solarschiff auf den See, was ein kleines Wunder war, weil in den königlichen Parks gemeinhin nichts verändert werden darf, es sei denn einer wie Behling spielt auf seine Art anmutig mit der Zukunft. Sein Boot schluckt keinen Tropfen Sprit, braucht weder größere Wartung noch chemischen Unterbodenschutz. Angetrieben wird es von der Kraft der Sonne, die mehr als ausreicht, um pro Tour zwei Dutzend Ausflügler mit bis zu 15 Stundenkilometern übers Wasser zu bewegen, wobei sich wie von alleine im einen oder anderen Kopf ein Gefühl dafür einnistet, wie nachhaltige Mobilität eines Tages aussehen könnte.

Die Welt genießen, ohne ihr zu schaden, das ist eine faszinierende Vision, in der auch Behling badet, besonders in Momenten, in denen er sich eine Auszeit nimmt auf seinem Schiff, das mit sieben Knoten über den See in Londons grüner Lunge schippert. „Wie kann man der Welt Solarenergie verkaufen und ihr dabei klar machen, welche Magie darin steckt?“ Darauf hat er vor zehn Jahren schon eine Antwort gesucht. Das Resultat war sein erstes Solarboot, das er gemeinsam mit einem schwäbischen Familienunternehmen aus Sulz am Neckar verwirklicht hat. Damals hat er sich mit einem Virus infiziert, der noch immer wirkt. „Solarzellen sind hübscher als jeder Schmetterling“, sagt Behling, „und sie machen Strom aus Nichts.“

Der Kreative aus Germany lehnt sich entspannt über die Edelstahlreling und schaut hinüber zum Ufer. Ein paar Hartgesottene ziehen im Strandbad ihre Bahnen, während nebenan am Gedenkbrunnen der Princess of Wales die Stadtkinder Verstecke spielen. „Wir Designer haben eine unglaubliche Verantwortung“, sinniert Behling. „Unser Job ist es, die Welt nicht ständig mit neuem Schnickschnack zu verschandeln.“ Er kann es sich leisten, die Dinge so zu sehen. Behling ist gut im Geschäft. Er macht nicht nur in Solarbooten, sondern arbeitet für namhafte Firmen wie Nokia, Geberit und die Schweizer Luxusuhrenschmiede TAG Heuer, für die er alle Produkte verantwortet. Zehn Mitarbeiter aus sieben Nationen beschäftigt der Meister in seiner Kreativschmiede in Notting Hill.

Sein Erfolg hat wohl nicht zuletzt mit den Härchen in der Nase zu tun, mit einem seltenen Gefühl für Schwingungen, das sich bei ihm ausgebildet hat auf der langen Reise zu sich selbst. Stuttgart, Tokyo, London. Am Anfang steht Düsseldorf, wo Christoph Behling mit einem sieben Jahre älteren Bruder behütet aufwächst. Der Vater ist Chemiker und pflegt den Dingen mit mathematischer Präzision auf den Grund zu gehen. Die Mutter neigt der Kunst zu und töpfert mit Kindern. Ihr jüngster Sohn ist fasziniert davon, wie aus einem Stück Lehm am Ende ein Produkt wird. Behling will Maler werden und schnuppert als Halbwüchsiger die Aura einer Künstlerkommune. Er fühlt aber auch das Rationale der väterlichen Prägung in sich. Irgendwann landet er beim Design, das für ihn eine Kombination ist zwischen Kunst und Wissenschaft. 1990 beginnt er sein Studium in Stuttgart.

„Die Zeit an der Kunstakademie hat mich geprägt“, sagt er im Rückblick. Der Student lernt vom Industriedesigner Richard Sapper, der seinen Produkten technische Innovation und Formklarheit einhaucht. Als es Behling in Schwaben zu eng wird, heuert er in Tokyo beim Produktdesigner Masayuki Kurokawa an. Dort lernt er eine wichtige Lektion: „Jedes Objekt hat die Möglichkeit belanglos zu sein oder phantatisch.“ Die deutsche Mentalität ist da anders. Kartoffeln gelten als billig, weil es viele davon gibt. Trüffel gelten als wertvoll, weil sie selten sind. In Japan liegt wirkliche Größe auch im Kleinen und also hat selbst die Kartoffel das Potential des Besonderen.

Mit diesem Rüstzeug lässt sich Behling in London nieder. Es zieht ihn hinter eine blaue Türe ins Muti-Kulti-Quartier Notting Hill. Einen Steinwurf von seinem Atelier entfernt schneidert Paul McCartneys Tochter umgeben von indischen Garküchen die neueste Mode und auf den Balkonen im Trellick Tower, einem 31 Stockwerke hohen Betonbunker aus den Sechzigern trocknet die Wäsche auf den Balkonen. In Notting Hill wächst das Neue aus dem Alten. Früher wurde der Trellick Tower von der Regenbogenpresse gerne als Tower of Terror bezeichnet, weil man sich dort nicht hintrauen konnte. Heute schießen die Preise für die gefragten Wohnungen im Turm ins schier Unendliche. Ein guter Platz für einen wie Behling. „London fühlt sich einfach super an“, sagt er.

In seiner Branche hat er sich einen Namen gemacht mit den Devotionalien einer Karriere, zu denen seine Uhren gehören und eben auch die Solarboote, in denen auch die widerstreitenden Pole seiner selbst aufgehen, die Kunst und die Technik. Mittlerweile hat er rund 40 Schiffe gestaltet, sie fahren auf dem Bodensee oder auch auf der Alster. Manche von ihnen produzieren so viel Strom, dass sie nicht nur den ganzen Tag über bewegt werden können, sondern abends auch noch ein bisschen Strom ins öffentliche Netz einspeisen. Sein Konzept ist aufgegangen und hat ihm so manchen Preis eingetragen.

Über dem Hyde Park kräuseln sich ein paar Wolken. Behling streicht sich mit der offenen Hand wie mit einem Kamm durchs Haar. „Mich reizt die Beziehung zwischen Objekt und Benutzer“, sagt er. Ich stelle mir jeden Tag die Frage, was ein Designer tun kann, damit diese Beziehung so lange wie möglich besteht.“ Am Ende müsse das Werk von sich aus den Zauber entfalten. „Wenn meine Produkte dicke Marketingbroschüren brauchen, um sich zu erklären, dann habe ich etwas falsch gemacht.“

Es ist die Psychologie des Gegenstands, die ihn fasziniert. „Ich will keinen Müll machen“, sagt Christoph Behling. „Woran ich glaube, ist Langlebigkeit.“ Diese Philosophie treibt ihn noch mehr, seit seine kleine Tochter auf der Welt ist. Vielleicht hat er sich auch deshalb auf Uhren spezialisiert. In ihnen sieht er nicht nur ein ökologisches, sondern im übertragenen Sinne auch ein zeitloses Produkt, das im besten Fall eines Tages von der einen Generation an die nächste weitergegeben wird.

An den schlichten Dingen des Alltags arbeitet er sich gerne ab. Sein neues Faible gilt ausgerechnet dem Ort, an dem jeder gerne allein ist. Das Klo. „Die Toilette ist für mich ein Underdog“, sagt er. „Jeder braucht sie und jeder ist doch irgendwie genervt von den Klobürsten und der Spülung.“ Ein ideales Thema für sein Ping-Pong-Spiel zwischen Technik und Design. Da gibt’s noch einiges zu gestalten.

Im Londoner Hyde Park setzt ein Schwan zum Flug an. Das Schiff macht am Steg fest. Wieder eine Tour ohne Schadstoffe. Der Designer sieht einem kleinen Jungen nach, der fröhlich von Bord des Solarshuttles geht. „Auch wenn man wie ich längst erwachsen ist, träumt man doch immer die Träume der Zehnjährigen“, sagt Christoph Behling. „Das ist überall so, auf der ganzen Welt.“