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Zwischen den Welten

Er hat großes Theater gemacht, Ausstellungen kuratiert, für Rezzo Schlauch geschrieben. Seit 2009 lehrt Professor Felix Ensslin an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste.

Aus seinem Professorenzimmer kann Felix Ensslin zu den Wiesen der Schwäbischen Alb blicken, in der anderen Richtung liegt Stammheim. Auf der Schwäbischen Alb wurde er groß, in Stammheim starb seine Mutter. Es sind die Pole seines Lebens.“ Mit dieser Passage hat vor nicht allzu langer Zeit im „Spiegel“ eine Geschichte über Felix Ensslin begonnen – allein, die Realität hat eine andere Sicht der Dinge. Wer in Ensslins Büro an der Akademie der Bildenden Künste am Stuttgarter Weißenhof aus dem Fenster schaut, sieht auch bei größter Anstrengung weder die Schwäbische Alb noch bis Stammheim, schon gar nicht den Knast. Allenfalls die letzten Schwünge des Remstals mit seinen Weinbergen zeigen sich verschwommen in der Ferne als grüner Pinselstrich.

Umso deutlicher zeigt die Geschichte dafür eines: Es fällt offenbar schwer, Felix Ensslin einfach nur als das zu sehen, was er ist: Kunstprofessor, Regisseur, Philosoph, Mensch. Weil er gleichzeitig auch als Sohn von Gudrun Ensslin geboren wurde, der RAF-Terroristin, bekommt er in Interviews allzu oft Fragen gestellt, die er schon tausend Mal gehört hat. Darauf geantwortet hat er nicht ganz so oft.

Der 45-jährige Wahl-Stuttgarter trägt an diesem Vormittag schwarze Jeans und einen grasgrünen Rollkragenpulli, was nichts zu bedeuten hat, aber womöglich besser zu seiner Biografie passt als die immer gleichen Geschichten über Stammheim, das berüchtigte Gefängnis-Hochhaus und den deutschen Herbst, den berühmten. Acht Jahre lang hat Ensslin für die Grünen gearbeitet, für die Umweltund Ökopartei, die Ende der 90er Jahre erstmals in Deutschland mitregieren konnte. Sein Job war es zunächst, sich als wissenschaftlicher Referent von Antje Vollmer, damals erste grüne Vizepräsidentin des Bundestags, mit gewichtigen Themen wie der deutsch-tschechischen Aussöhnung oder der Frage auseinanderzusetzen, wie die Verwaltung von Grund auf reformiert werden kann. Später wurde er dann Büroleiter und Redenschreiber von Rezzo Schlauch. In beiden Ämtern sei er ziemlich gut gewesen, sagen jene, die ihn aus dieser Zeit kennen.

Vergessen haben sie den „unzeitgemäßen Sprachkünstler“ ohnehin nicht. Bei der Antrittsrede, die Professor Felix Ensslin an einem heißen Sommertag an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart hielt, saß Rezzo Schaluch wie selbstverständlich im Publikum und lauschte den Worten seines früheren Beraters - was nicht nur dem studierten Juristen einiges an Konzentration abverlangt hat. „Ding, Leere, Sublimation“ war der Titel von Ensslins Vortrag, der kein Freund der leichten Kost ist. Der Philosoph in ihm argumentiert lieber wissenschaftlich und abstrakt, als Professor für Kunstvermittlung und Ästhetik gilt sein Interesse vor allem den feinkörnigen Wahrnehmungsstrukturen, der Auseinandersetzung mit der Kunstbetrachtung, dem Zusammenhang zwischen Kunst und Psychoanalyse. „Kunst verursacht immer auch nicht vorhersehbare Wirkungen. Die spannende Frage ist, welche Strukturen diese Reaktion auslösen“, sagt Ensslin, dessen Ziel es ist, die besondere Eignung der Psychoanalyse zum Verständnis des „Eigentümlichen der Kunst, ihrer Rezeption und Produktion“ darzulegen.

Solcherlei Gedanken brauchen länger, bis sie gereift sind. Im Mai 1967 in Berlin geboren, wuchs Ensslin in Undingen auf der Schwäbischen Alb bei Pflegeeltern auf, den Seilers. Sein Pflegevater war Landarzt, die Pflegemutter leitete den Kirchenchor. „Ein bildungsbürgerlicher Haushalt“, sagt Ensslin, dessen Großvater Pfarrer und zugleich passionierter Maler war. An seinen leiblichen Vater, den Schriftsteller Bernward Vesper, kann er sich so wenig erinnern wie an seine Mutter, die er damals bewusst zum ersten Mal auf einem Fahndungsplakat gesehen hat. Nach dem Abitur studierte er in New York Theaterregie und Philosophie, Mitte der 90er Jahre, nachdem seine erste Ehe mit einer Amerikanerin in die Brüche gegangen war, zog es ihn nach Deutschland zurück - in die Politik, ans Theater nach Weimar, an die Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, an der er 2009 die neu geschaffene Theorieprofessur Ästhetik und Kunstvermittlung übernommen hat. Das Reizvolle an dem Lehrstuhl liegt für Ensslin im Wechsel von praktischer zeitgenössischer Kunst und handfester Theorie, einer Synthese, die auch seine Biografie prägt, so der Professor, der sich als Grenzgänger zwischen den Feldern versteht, wie er sagt.

Als solcher soll er die junge Disziplin zum Leben bringen, was sich einer wie Ensslin nicht zweimal sagen lässt. „Ein Fach, das sich umfassend mit Kunstphilosophie beschäftigt, ist dringend nötig“, erklärt er. Rund hundert Studenten pro Semester führt der Professor an der renommierten Kunstakademie nun etwa in die Geschichte der Ästhetik ein, in die grundlegenden Gedanken von Platon und Aristoteles, von Adorno, Benjamin, Heidegger und Freud. „Harte philosophische Arbeit“ nennt er seine Überblicksvorlesungen, in denen es auch darum geht, die Facetten der Kunst zu reflektieren. Gleichzeitig sollen seine Studenten aber auch ausreichend Erfahrungen in der praktischen Umsetzung des Reflektierten machen können, weshalb der Kunstprofessor regelmäßig Ausstellungen inszeniert. Jüngst haben Studierende der Akademie unter seiner Leitung in der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit Werke aller Art ausgestellt, in denen sie sich mit der „gesellschaftlichen Realität der Kontrollgesellschaft“ auseinandergesetzt haben, mit jenen Zwängen also, die heutzutage nicht nur die Arbeitswelt oder die Politik im würgenden Klammergriff haben. Zuvor war Ensslin mit seinen Studenten während der Documenta nach Kassel eingeladen worden, wo diese im Kreuzbergpavillon als „Chor der Arbeit“ eine viel beachtete Performance mit Texten zeitgenössischer Theoretiker veranstaltet haben.

Kunst braucht immer einen offenen Raum, um ihr begegnen zu können, sagt Ensslin, der seine Doktorarbeit zum Thema „Die Entbehrung des Absoluten. Eine philosophisch-psychoanalytische Untersuchung zum Subjekt der Nichtigkeit in Martin Luthers Magnificat-Auslegung“ geschrieben und die Dissertation im Juli 2009 an der Universität Potsdam verteidigt hat. Gesamtnote: summa cum laude. „Aber es ist schwierig, dass einer, der durch Gaben des Geistes ausgezeichnet ist, sich nicht überheben soll“, hat der Theologieprofessor und Reformator Luther einst in seinen Schriften notiert. Ein weises Wort, das vortrefflich zu Menschen wie Felix Ensslin passt, in dessen Leben die Arbeit deutlich dominiert, wie er selbst sagt, während der Rest darunter leidet.

Zum Rest zählt auch, was kaum zu vermuten ist, der FC Bayern München, dessen Farben er seit Mitte der 70er Jahre trägt. Ein bekennender Linker als Bayern-Fan? Als Kind habe er die Bayern einmal im Neckarstadion spielen sehen, erzählt er, danach war alles zu spät. „Man kann im Leben alles Mögliche wechseln, aber nicht den Verein.“

Vom Studentenausschuss Asta ist Felix Ensslin 2011 für den Landeslehrpreis nominiert worden, mit dem das Wissenschaftsministerium herausragende Leistungen in der Lehre würdigt. Das zeige ihm, wie er sagt, dass sein Angebot angenommen wird und bei der Studentenschaft gut ankommt. Seit er den Lehrstuhl inne hat, wohnt er mit seiner zweiten Frau im Stuttgarter Heusteigviertel, das ihm mit seinen Theatern, Museen, Läden und Kinos das „Gefühl von Stadt“ gibt.

In Weimar hatte er einst das Angebot abgelehnt, am Nationaltheater Chefdramaturg zu werden, weil er sich nicht fest an das Haus binden wollte und „bei der Theaterarbeit keinen institutionellen Ehrgeiz“ hat. Abgelehnt hat er auch so manche Aufforderungen, sich zur Roten Armee Fraktion zu äußern, nur eine Offerte hat offenbar seine Leidenschaft getroffen: die RAF-Ausstellung „Zur Vorstellung des Terrors“, die im Vorfeld so heftige Kontroversen ausgelöst hatte, dass sogar die öffentliche Förderung zurückgezogen wurde, bevor die Schau 2005 in den Berliner Kunst-Werken dann doch gezeigt werden konnte. Und das mit großem Erfolg.

Die Frage, ob ausgerechnet der Sohn von Gudrun Ensslin der Richtige war, solch eine Ausstellung zu kuratieren, sieht er seither beantwortet. Kein Wort mehr von Psychotherapie. „Es ist dabei nur um die Kunst gegangen, nicht um meine persönliche Betroffenheit“ sagt der Ausstellungsmacher im Rückblick. Sagt Felix Ensslin, der aus seinem Professorenzimmer längst weiter sieht als nach Stammheim und zur Schwäbischen Alb.