Wissenschaft
und
Hochschulen
Übersicht
Hochschul- und Wissenschaftsregion Stuttgart
 
Studenten-
ansichten
Über uns
Kontakt
 
Naturwissen-
schaften
Wirtschaft
Finanzen
Management
Kunst
Medien
Musik
Technik
IT-Wesen
Architektur
Bauwesen
Pädagogik
Sozialwesen
 
 
die welt verändern. No11 Magazin ansehen »

Kunst, Medien, Musik

Portraits mehr »

exemplarische Studienangebote mehr »

Hochschulen mehr »

Der König der Frösche

Der Produktdesigner Hartmut Esslinger, einst Student der Uni Stuttgart und der Gmünder Hochschule, gilt als Ikone unter den Formgestaltern dieser Welt.

Der gute Fridolin ruht in Frieden hinten im Garten. Wie kaum ein anderer Mitarbeiter hat er viele Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes das Unternehmen von Hartmut Esslinger verkörpert, vorne an der Rezeption der Designagentur, die ihren Sitz seinerzeit im beschaulichen Altensteig im Schwarzwald hatte. Mittlerweile agiert Esslingers Firma Frog Design von Studios in Paolo Alto, Mailand, New York, Austin, San José, San Francisco, Shanghai und München aus – von Fridolin, dem Frosch, ist nur die Erinnerung geblieben.

Frog Design. Der Name ist schon vor Jahrzehnten zur Legende geworden, auf beiden Seiten des Erdballs. Millionenfach verkaufte Duschköpfe sind auf Esslingers Zeichentischen gestaltet worden, futuristische Fernseher, bunte Zahnarztstühle, Kreuzfahrtschiffe, Koffer, Korkenzieher, Stereoanlagen und vor allem ein schneeweißer Computer namens Apple IIC, der in den frühen 80er Jahren nichts anderes als eine Revolution war. Alleine an seinem ersten Verkaufstag am 24. April 1984 sind mehr als 50 000 Exemplare der Flimmerkiste mit den runden Ecken und der damals ungewöhnlichen Farbe verkauft worden. Heute zahlen Liebhaber ein Vermögen für einen Apple der ersten Stunde.

Esslinger selbst, der mit Designpreisen überhäufte Gründer und langjährige Geschäftsführer von Frog Design, schlendert an diesem Tag vergleichsweise unscheinbar die Treppen zum Museum des Stuttgarter Autobauers Mercedes hinauf: Jeans, Turnschuhe, offenes rosa Hemd, darunter ein VfB-Trikot, das der Designstar und bekennende Fußballfan kurz zuvor bei einem Rundgang durch die umgebaute Mercedesarena geschenkt bekommen hat. Der Wahl-Kalifornier ist auf Einladung der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart in seine alte Heimat gekommen, um wieder einmal über sein liebstes Thema zu referieren: den schönen Schein der Dinge. „Wir produzieren viel zu viel Mist und das viel zu billig“, sagt er. „Die Welle von furchtbaren Dingen, mit denen die Märkte weltweit überschwemmt werden, muss gestoppt werden.“

Dieses Anliegen, „Produkte zu entwickeln, die das Leben der Menschen wieder menschlicher machen“, hat den heute 68-jährigen Professor schon angetrieben, als er vor fast vier Jahrzehnten im Schwarzwald sein erstes, eigenes Studio gründete. Zu dieser Zeit studierte er noch Industriedesign an der Fachhochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd und ärgerte sich mitunter über die damals propagierte „Idee der Verschönerung und das Elite- Gequatsche vieler Kollegen“. Zuvor hatte er bereits Elektrotechnik an der Uni Stuttgart studiert. Anfang der 80er Jahre taufte Esslinger sein florierendes Unternehmen auf den heutigen Namen Frog Design, für dessen Bedeutung es nicht nur eine Erklärung gibt. Im Altensteig seiner Jugend seien die Frösche neben den Militärfahrzeugen der Franzosen das einzig Bemerkenswerte gewesen, was ihm in Erinnerung geblieben sei, sagt Esslinger, der seiner schwäbischen Heimat immer verbunden geblieben ist. Außerdem, so erklärt er mit einem verschmitzten Lachen, stehe die Abkürzung Frog für „Federal Republic of Germany“, was ihm seinerzeit wenig Freunde beschert habe. Der Name sei in der Branche lange Zeit als Provokation verstanden worden, nicht einmal seine damaligen Partner hätten ihn akzeptiert.

Gegen den Strom zu schwimmen hat ihm immer schon gehörigen Spaß gemacht, auch wenn man dabei mitunter eine Ladung Wasser schlucken muss, wie Esslinger sagt. „Aber man sieht dabei auch viel mehr“. Eine hartnäckige Frage hat den genialen Formgestalter dabei immer begleitet: Muss dieses Produkt wirklich so aussehen? Stets hat er sich bei der Suche nach der Antwort neue Pfade angelegt, wobei er immer einem Mantra folgte, das nicht nur in der Kreativbranche berühmt geworden ist: Form follows Emotion. „Die Dinge stehen nicht an und für sich“, betont er, „sondern für uns, für Menschen mit einer Geschichte und dem Bedürfnis, sich in Objekten wiederzufinden.“

Die Liste der Kunden, denen in Esslingers Kreativwerkstatt bei der Identitätsfindung geholfen wurde, liest sich wie das Who is Who der Weltkonzerne: Der Fluglinie Lufthansa hat Esslinger den Look verpasst, SAP-Software hat er designt, die berühmten Fernseher von Wega und Sony. Coca Cola zählt zu den Kunden der Frösche, wie sich die Mitarbeiter bis heute nennen, die Deutsche Bank, Kodak, IBM, Yamaha, Dell, Zeiss, Motorola, Nike, Microsoft, Louis Vuitton, Hewlett-Packard, Ford, Disney und zahlreiche andere Unternehmen mit klangvollem Namen.

In den Ohren des schwäbischen Produktdesigners wiederum klingt noch heute der Satz, den ihm einst der Rektor der Christophorusschule in Altensteig nach dem Abitur mit auf den Weg ins Berufsleben gegeben hatte: „Esslinger, aus Dir wird mal nichts.“ Irren ist menschlich, weiß der Volksmund, selten hat er damit so recht gehabt, wie in diesem Fall. Untrennbar verbunden mit Esslingers einzigartiger Erfolgsgeschichte ist dabei ein anderer großer Name, der des Apple-Gründers Steve Jobs, der im Oktober 2011 an einer Krebserkrankung gestorben ist. Auf einer Party in Silicon Valley wurde Anfang der 80er Jahre bei einigen Flaschen Bier der Grundstein für die langjährige Zusammenarbeit gelegt, ein Glücksfall, wie Esslinger sagt. „Damals hat niemand geglaubt, dass ein Personal Computer einmal ein Produkt für alle Menschen werden kann“, sagt er. Doch der amerikanische Unternehmer hatte die Vision, statt zehntausend eine Million PCs im Jahr zu verkaufen. Und der schwäbische Gestalter hatte das richtige Händchen, um ein „massenkonsumierbares Produkt“ zu kreieren, wie er sagt. Ganz nebenbei trug er dazu bei, dass Apple zur Kultmarke wurde. „Das ist es“, hatte Jobs damals gerufen, als er Esslingers Entwurf sah – und „eine der folgenreichsten Kooperationen in der Geschichte des Industriedesigns“ per Handschlag besiegelt. Nachzulesen in der Biografie des Apple-Gründers. „Der Trick besteht darin, dass der Designer verstehen muss, wie die Technik in ihrem Inneren funktioniert“, erklärt Esslinger. „Erst dann kann man die Philosophie dieser Technik ausdrücken.“

Vor einigen Jahren hat der Schwarzwälder seine Anteile an der Firma verkauft, zur Ruhe gesetzt hat sich der Ästhet aber bei weitem nicht. Nach wie vor ist er seinem Unternehmen als externer Berater verbunden, zudem kümmert er sich auch um den gestalterischen Nachwuchs. Sechs Jahre lang, bis 2011, hatte er eine Professur für Industrial Design an der Universität für angewandte Kunst in Wien übernommen, fünf Jahre lang dozierte er an der Hochschule Karlsruhe über menschliche Produkte, die einen ein Leben lang begleiten sollen. Seit dem vergangenen Jahr hält er auch in Shanghai Vorlesungen, gleichzeitig veranstaltet er regelmäßig an der Universität in Peking Workshops für Studenten, um sie zu inspirieren für Formen, die der Emotion folgen sollen.

Schon als Kind hat Hartmut Esslinger am liebsten in seiner Fantasie Flugzeuge, Schiffe und Autos konstruiert und auf ein Blatt Papier gezeichnet. „Ich wollte immer schon Designer werden, es gab nie etwas anderes für mich.“ Die Liebe fürs Zeichnen ist ihm bis heute geblieben. „Eine Skizze“, sagt er „ist der Ausdruck des Denkens.“ Der Querdenker, der in den 90er Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, mag Porsche und Jazz, Mozart und Fußball. Früher hat er in einer Band gespielt, heute rockt er auf Klavier und Gitarre nur noch in seinem eigenen Musikzimmer. Sein Haus in Silicon Valley, in dem er mit seiner Frau und seinen Söhnen lebt, hat er ganz im japanischen Stil eingerichtet, dunkler Holzboden, wenige weiße Möbel. Mit Vorliebe sammelt Esslinger „schöne Sachen“, wie er sagt, Schweizer Uhren beispielsweise.

„Richtig schöne Stücke gibt es leider immer seltener“, mault der Experte. Wann immer er bei seinen ständigen Reisen um die ganze Welt seine Mutter besucht, die immer noch im Schwarzwald lebt, schaut er im Stuttgarter Fußballstadion vorbei. Schon seine Eltern hätten Dauerkarten für den VfB gehabt, erzählt Esslinger. Er selbst hat sich eines Tages kurzerhand gleich einen ganzen Klub geleistet, einen amerikanischen Drittligaverein, den er ein paar Jahre lang gemanagt und finanziert hat. „Ich wollte etwas für diesen Sport tun“, sagt er. Natürlich hat er nicht nur die Spielereinkäufe und die Vermarktung des Fußballgeschäfts zur Chefsache erklärt, sondern seinem Klub erstmal ein ordentliches Design verpasst und ein Logo kreiert, eine gelb-rote Fußball-Sonne. Der Name für das Team aus dem kalifornischen San Jose hatte sich derweil wie von selbst gefunden: San Jose Frogs.