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Frau Faller hält Hof

Sie hat an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart studiert, wurde mit 26 in Essen Professorin. Doch Ursula Cantieni tauschte den sicheren Job gegen ein Leben auf der Bühne.

Der Gehsteig vor dem Haus ist breit und gefegt. Ein paar aufgetakelte Damen mit russischem Akzent und großen Einkaufstüten biegen um die Ecke, während der heilige Bimbam der Stiftskirche, in welcher die Gebeine der Markgrafen ruhen, eindringlich daran erinnern, dass es auch eine Zeit gibt, die man nicht am Handgelenk trägt.

Ein normaler Morgen in der Kurstadt Baden- Baden, welche aufgeräumt ist wie Ursula Cantieni, die ihr Leben stilecht mit einem guten Tee serviert. Sie stellt ihn auf den Steintisch in ihrer Stube, von der man über die Dächer der Stadt bis hinauf in die Schwarzwaldhöhen schauen kann, wo der Herbst sein rostfarbenes Laken gespannt hat.

Ein guter Ort für Ursula Cantieni alias Johanna Faller, der Schwarzwaldbäuerin. Fünf Minuten entfernt ist das Studio, in welchem die eine zur anderen wird. Es sollte eigentlich nur eine Rolle für 24 Monate sein. Jetzt sind es fast 18 Jahre geworden und mehr als 750 Folgen. Die Serie läuft noch immer erfolgreich im SWR Fernsehen und die Landfrau ist mit der Zeit gegangen, hat sich vom Kuhstall zum Hofcatering vorgearbeitet. Kein Wunder, dass Frau Cantieni im richtigen Leben manchmal als Frau Faller angesprochen wird. „Das ist ein spannender Prozess“, sagt sie. „Die Johanna ist älter als ich und mir immer ein bisschen voraus.“

Die Hausherrin nippt an ihrem Tee und schiebt nebenbei die frischen Blumen auf dem Tisch ein Stück zu Seite. In ihnen spiegeln sich die Farben einer Biografie mit Brüchen und Aufbrüchen. Das Grün der Wiesen in der Schweiz. Das Weiß der Gnocchi von Großmutter Irma. Das Rot der Theatervorhänge in Esslingen und Konstanz.

Das Grün ihrer Jugend ist das Grün auf der Alp in Graubünden, wo sie im Sommer manchmal bei der Ernte hilft. Vater Erwin Cantieni, ein musikalischer und künstlerisch begabter Mensch, scheidet früh aus dem Leben, weshalb Ursula am Töchterinstitut ihrer Großeltern Irma und Karl Landolt aufwächst, unweit von Davos, da wo’s schön ist, und so empfindet sie auch ihre frühe Kindheit. Der Großvater entspricht dem Typus des Privatgelehrten und düngt seine Enkelin mit der Aura der Literatur. Thomas Mann, Rainer Maria Rilke. Friedrich Nietzsche. Einige Jahre später lernt ihre Mutter Heribert Schmidt kennen, einen Stuttgarter Arzt, der sie nicht nur von ihrer Migräne und den leidigen Rückenschmerzen kuriert, sondern auch ihr Mann wird. Er praktizierte in Stuttgart und so kommt die kleine „Heidi“, gerade neun geworden, mit der Mutter aus der Schweiz zum Stiefvater nach Stuttgart, wo Ursula Cantieni im Königin-Katharina-Stift die Schulbank drückt und die Theater AG gründet. Es sind nur Mädchen auf der Schule und also nimmt man sich im umgestalteten Zeichensaal „Die tote Tante“ von Curt Goetz vor, weil darin viele weibliche Rollen zu besetzen sind. Zur Not gibt’s ja auch noch die Jungs vom Karlsgymnasium.

Nach dem Abitur studiert sie Ende der sechziger Jahren Sprecherziehung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Eine Phase, in der sie die Kunst aufsaugt wie ein Schwamm das Wasser, in der sie John Crankos Aufführungen verfolgt, oft ins Theater und in die Oper geht. Tagsüber befasst sie sich intensiv mit Dramaturgie und mit Texten. „Das Studium hat mich enorm geprägt“, sagt sie. „Bis heute trage ich Gedichte aus dieser Zeit im Herzen.“

Ursula Cantieni bleibt nach ihrem Abschluss als Sprecherzieherin an der Hochschule, wo sie doziert und den Nachwuchs für die Karriere auf der Bühne schult. Mit 26 wird ihr an der Folkwangschule in Essen in der Abteilung Schauspiel eine Stelle als Professorin angeboten. Ein sicherer Job, ein gutes Gehalt, eine Stellung fürs Leben. So etwas gibt man nicht mehr auf. Oder doch?

Sie füllt diese Aufgabe aus, wenngleich sie mehr und mehr spürt, dass ihre wahre Berufung woanders liegt. Sie liebt es, in fremde Rollen zu schlüpfen, weil sie darin verreisen kann. Fast heimlich spricht sie an Theatern vor. Es klappt. Nach vier Jahren als Professorin bricht sie mit der Vergangenheit und heuert fürs halbe Gehalt aber dafür mit doppelter Leidenschaft an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen an. Die Zusage des Intendanten hat sie aufgehoben: „Liebe Frau Professor Cantieni, Sie sind bei uns engagiert.“

Die Umsteigerin darf gleich Charakterrollen wie die Marie in Büchners Woyzeck spielen und genießt die Abende vor Publikum. Nach vier Jahren wechselt sie ans Stadttheater nach Konstanz, wo sie eher zufällig die Einrittskarte fürs Fernsehen löst. Sie steht dort als Bäuerin auf der Bühne im „Polenweiher“, einem Stück, in dem es um den mysteriösen Tod einer jungen Polin geht, die als Arbeiterin im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs auf einem Hof im Schwarzwald gelandet ist, was eine Kette schicksalhafter Ereignisse auslöst. Das Stück hat Tiefgang und wird nicht nur im Theater gespielt, sondern auch verfilmt. Ursula Cantieni ereilt das Glück der Tüchtigen: Sie wird in die Filmbesetzung übernommen. Nico Hofmann führt Regie und Eberhard Feik, bekannt als Thanner aus den Schimanski-Krimis, spielt neben ihr eine der Hauptrollen. Ein Streifen, der aufhorchen lässt.

„Mal sehen, was das Leben noch so bringt“, denkt sich die Schweizerin nach Abschluss der Dreharbeiten. Sie hört in Konstanz auf und arbeitet frei. Engagements an Theatern, eine Tournee in Frankreich, Erfahrungen als Regisseurin, Gastauftritte in der Schweiz und in den Niederlanden, Werbespots im Hörfunk. Irgendwann klingelt das Telefon. Das Schweizer Fernsehen möchte sie für den Bereich Sprachtraining engagieren, sie soll dem Ausbildungsstudio für Redakteure und Moderatoren ein neues Gesicht und eine neue Struktur geben. Ursula Cantieni sagt zu und pendelt zwischen Konstanz und Zürich. Über die Arbeit lernt sie Markus Hubenschmid kennen, Autor und Redakteur beim Südwestrundfunk. Er wird ihr Partner fürs Leben.

Wieder umklammert sie die Aura der Sicherheit, wieder scheint es für immer zu sein und wieder kommt es anders. Statt im Schoß des Schweizer Fernsehens bis zur Pension zu bleiben, folgt sie jetzt dem Ruf vor die Kamera. Er ereilt sie durch einen Anruf. 1994 wird eine neue Fernsehserie aus der Taufe gehoben. „Die Fallers – Eine Schwarzwaldfamilie“. Ursula Cantieni, die Bäuerin aus dem Polenweiher, soll sich vorstellen. Sie tut es und überzeugt.

Für fast achtzig Drehtage pro Jahr ist sie seitdem gebucht. Für jede Folge sind drei vorgesehen. Getrieben von fröhlichem Erlebnishunger spult sie das gewaltige Pensum vor der Kamera herunter und schmunzelt jeden Zweifel weg. Der Job als Bäuerin der Nation macht ihr Spaß wie auch die Rolle als TV-Ratefee bei „Sag’ die Wahrheit“, wo sie seit 2003 schummelnde Kandidaten mit Röntgenblick durchleuchtet und ihr anderes Fernseh-Ego „Johanna“ für ein paar Stunden vergisst.

Draußen rauchen die Schornsteine von Baden- Baden, drinnen dampft der frisch aufgebrühte Tee. Auf dem Balkon im Haus gegenüber werden die letzten Geranien vor der nächtlichen Kälte in Schutz gebracht. Ursula Cantieni lehnt sich entspannt zurück. 65 Jahre alt ist sie jetzt, seit kurzem glückliche Besitzerin auch der deutschen Staatsbürgerschaft und bei alledem gesegnet mit einer guten Portion Gottvertrauen. „Ich empfinde es als großes Geschenk, so lange arbeiten zu dürfen“, sagt die Schauspielerin, die an irdische Drehbücher und auch ein bisschen an überirdische glaubt. „Die da oben können verdammt viel regeln“, sagt sie und gibt ihr ansteckendes Lachen frei.

Der Fotograf will sie zum Abschluss auf dem Sofa ablichten. Sie sitzt da wie immer und sie schaut wie immer. Gerhard Schröder hat sich nie auf einer abwärts laufenden Rolltreppe fotografieren lassen, weil er fürchtete, dass später unter dem Bild in der Zeitung etwas stehen könnte, dass ihm nicht gefällt. Ihr sind solchen Allüren fremd. In einer Stunde wird sie abgeholt. Der nächste Dreh für die Serie. Sie bringt noch schnell ein Kochbuch und signiert es für die Mutter des Fotografen, die keine Folge der Fallers verpasst. „Herzlichst Ursula Cantieni.“