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Ein Leben für die Musik

Ihr Name hat einen guten Klang: Steffi Bade-Bräuning, Dirigentin und Leiterin des Esslinger Hochschulorchesters, glaubt an die Kraft der Musik, die einen durchs ganze Leben tragen kann.

Ein Orchester ist eine Ansammlung von Menschen, die sich zum Musizieren treffen. Ein Klangkörper mit fester Sitzordnung, der von Dirigenten geleitet wird. Ein Zusammenspiel vieler verschiedener Instrumente, die mal nach Beethoven und mal nach Bach klingen. All das ist zweifellos zutreffend. Für Steffi Bade-Bräuning ist ein Orchester aber vor allem eines: eine Allegorie auf die Gesellschaft. „Hier kann man alles lernen, was wichtig ist“, sagt die Musiklehrerin, deren erste Profession das Dirigieren geworden ist. Man lernt dabei verlässlich zu sein, pünktlich, anderen gegenüber tolerant. Man lernt auf etwas hinzuarbeiten, an eine große Sache zu glauben, eine Aufführung hinzulegen. Das Orchester als Schule des Lebens. „Es ist ein unglaublich emotionales Erlebnis und man bekommt das Gefühl vermittelt“, sagt sie, „dass jeder gebraucht wird, so wie er ist.“

Die Bläser sitzen an diesem späten Nachmittag in der Aula der Esslinger Hochschule zu weit links auf der Bühne, eine schwungvolle Handbewegung der Dirigentin lässt sie ein Stück nach rechts rutschen. Auf den Notenständern liegt die Carmen Suite von Georges Bizet, Andante moderato. Während sich draußen ein paar Dutzend Studenten nach ihren Vorlesungen an der Nachmittagssonne wärmen, beginnt Carmen drinnen im Saal ihren feurigen Flamenco – der mitunter von der Frau mit dem Taktstock unterbrochen wird. Probenalltag. Die Streicher könnten einen Tick mehr Emotion vertragen, der Einsatz des Pianos muss eleganter ausgestaltet werden, in Takt 24 sind zwei Achtel verrutscht und es fehlt die Klangexplosion zu Beginn des Tons.

Jeden Donnerstag steht Steffi Bade-Bräuning an diesem Ort der Lehre, um mit einem ganz besonderen Musikerensemble zu proben: dem hauseigenen Sinfonieorchester der Hochschule Esslingen, einer vom Aussterben bedrohten Spezies. Kaum eine Bildungseinrichtung im Land leistet sich heutzutage noch den Luxus eines Orchesters wie jenes an der Hochschule Esslingen, wo diese Tradition 1959 begann. „Das ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches“, sagt die 42-jährige Musikerin, die dem Ensemble seit 2009 als Leiterin vorsteht. Ihre Truppe ist bunt gemischt, die Neuntklässlerin sitzt neben dem emeritierten Professor, die Jüngste ist 14, der Älteste 70. Genau das, findet Steffi Bade-Bräuning, macht die Sache so interessant. „Wo sonst würden Menschen, die so verschiedene Lebenswege beschreiten, aufeinander treffen und etwas gemeinsam machen?“ Wo Steffi Bade- Bräuning gerade den Taktstock schwingt, sind solche Verwandlungen garantiert: Der Frau liegt das in den Genen. Wo sie ist, gehen Noten auf Reisen und heizen kalte Säle. Ob Dur ob Moll – Musik ist toll.

Nicht von ungefähr hat sie an der Hochschule Esslingen nebenbei auch einen Chor gegründet und dazu noch die Pep-Band ins Leben gerufen, eine Kombo nach amerikanischen Vorbild mit viel Blech und Percussion. „Das hab’ ich als Austauschschülerin beim Football gesehen“, erzählt sie. Zuvor, im Jahr 2008, hatte sie unter anderem auch das Kinder- und Jugendorchester „Die Telemänner“ gegründet, ein reinrassiges Barockorchester, das seither überall auftritt und Anfang des Jahres sogar ein Gastspiel in New York hatte. Und selbst in Singapur, wo sie unter anderem vier Jahre lang an der dortigen Deutschen Schule den Fachbereich Musik geleitet hat und Kirchenmusikdirektorin in einer deutschsprachigen Gemeinde war, kam kurz nach ihrer Ankunft ein neuer Kammerchor zusammen.

„Vivace“ steht in der Sprache der Musik für ein lebhaftes, lebendiges Tempo, was ziemlich genau der Art entspricht, wie Steffi Bade-Bräuning durchs Leben geht: Lebhaft und lebendig. Sie muss immer in Bewegung sein, wie sie sagt, was wohl auch mit ihrer Herkunft zu tun hat. Aufgewachsen in Bremerhaven, hat sie dort den Pulsschlag der Seestadt in sich aufgenommen, die Aura, die entsteht, wenn Menschen zur See fahren, wenn Schiffe ablegen und ankommen. „Das hat auf mich abgefärbt“, sagt sie. Und wie. Hier eine Jazzband, dort die Arbeit als Studienrätin, die am Schelztor-Gymnasium Musik und Englisch unterrichtet. Chöre. Kinderopern. Orchester. Bands, CD-Produktionen. Probenarbeiten. Konzertreisen. Aufführungen. Matineen. Dazu spielt sie noch selber Klarinette und Geige. Und in Esslingen, wo die Musikbegeisterte mit ihrem Mann und der anderthalbjährigen Tochter Ella wohnt, organisiert sie seit vielen Jahren das Benefiz-Festival Hits for Kids, bei dem die kleinen Musiker vor einer großen Öffentlichkeit spielen können. Eine wichtige Erfahrung, die für das Leben prägt, sagt Steffi Bade-Bräuning, die findet, dass in Deutschland in dieser Richtung viel zu wenig läuft: „Jede Grundschule müsste ein eigenes Orchester haben.“

Platon hat einmal gesagt, die Musik sei der wichtigste Teil der Erziehung: „Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele und erschüttern sie am gewaltigsten.” Die umtriebige Dirigentin aus Esslingen würde das unterschreiben. Dass es in Deutschland zu wenige Orchester gibt, liege einerseits natürlich am Geld. Anderseits aber an den Menschen, die man braucht, um die Ressourcen dafür zusammenzubringen. Überzeugungstäter eben. „Daran mangelt es vor allem“, sagt Steffi Bade-Bräuning, die ihrem inneren Metronom folgt, seit die Musik von ihr Besitz ergriffen hat. In Deutschland sei man oft zu projektgläubig, gerade bei der musikalischen Bildung habe vieles eine Art Festivalcharakter. „Es ist gut, wenn überhaupt etwas getan wird“, sagt sie. Wirklich wichtig dabei sei aber das Dauerhafte, das durch nichts zu ersetzen ist. Gerade Kinder müssten oft sehr lange warten, bis sie technisch so weit sind, um in einem Orchester spielen zu dürfen. Manche schaffen es gar nie. Für Steffi Bade-Bräuning reicht es dagegen schon, wenn jemand nur eine leere Saite zupfen kann. „Man hat trotzdem das gleiche Gefühl, in einem Orchester zu spielen, und wird dadurch schnell besser. Kinder geben immer alles.“ Gleichzeitig, davon ist sie überzeugt, kommt durch die intellektuelle, motorische und emotionale Auseinandersetzung mit der Musik auch viel zurück. „Wir hätten auf den Schulhöfen und anderswo wohl einiges an Aggressionen weniger, wenn wieder mehr Musik und Sport unterrichtet werden würde.“

Weil das System nicht genug zu leisten vermag, versucht sie selbst, die Ressourcen zu bündeln, musikalische Talente zu fördern, zwischen der Schule und anderen Institutionen der Musik zu vermitteln, die Leidenschaft zu entfachen, die sie noch immer trägt. Mit dem Stuttgarter Dirigenten Helmuth Rilling und dessen Internationaler Bachakademie war sie noch zu Studienzeiten als Alt-Sängerin der Gächinger Kantorei oft auf Konzerttournee, von Spanien über Israel bis Japan. Dieses Gefühl, als Musiker um den Globus zu tingeln, in den Konzertsälen aufzutreten, eine Ahnung davon zu bekommen, was in der Welt der schönen Künste los ist, das will sie ihren Telemännern und anderen Schützlingen vermitteln. Die eigentliche Probenarbeit ist dabei noch der geringste Aufwand. Eine Reise muss vor allem organisiert und finanziert werden, was nur mit enormem persönlichen Engagement funktioniert. „Man macht das, weil es wichtig ist und weil es einfach sein muss“, sagt Steffi Bade-Bräuning, die bei ihrer musikalischen Lebensreise eine zentrale Erfahrung gemacht hat: Nirgendwo auf der Welt ist es ein Problem, genügend Hobbymusiker zu finden, um ein Orchester oder einen Chor zu gründen. „Es gibt immer und überall Menschen, die gerne miteinander musizieren“, sagt die Dirigentin, als wäre es das elfte Gebot. „Man muss sie nur zusammenbringen.“