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In den Hütten von Khayelitsha

Marie Günther studiert an der privaten Macromedia Hochschule in Stuttgart und will Journalistin werden. Südafrika soll in Zukunft eines ihrer Themen werden. Am Kap der guten Hoffnung hat sie prägende Erfahrungen gemacht.

Wo die wuchernden Wellblechhütten von Khayelitsha wie ein Spiegel sind, in den schwarze Kinder grinsen, als hätten sie es nicht besser treffen können; wo in den gechlorten Pools der Villen über dem Stand von Llandudno der Nachwuchs der besseren Gesellschaft planscht, dem es an nichts fehlt außer an der Leichtigkeit; wo das Leben nach einer Prise Salz schmeckt und der weiße Hai in Fish Hoek den Surfern das Fürchten lehrt, dort kann sich ein junger Mensch verlieren in den Schattierungen von Südafrika.

Mehr als 30.000 Deutsche wohnen in Kapstadt, das sind ungefähr so viele wie auf Mallorca. Dazu kommen 100.000 Bundesbürger, die jedes Jahr ein paar Monate in der Gegend leben und Heerscharen von Touristen, die sich am Charme der Fremde weiden und vielleicht am Ende mehr mit nach Hause nehmen als ein paar kitschige Nilpferde. Bei Marie Günther war das so. Drei Monate hat sie in Südafrika verbracht, um die Welt ein bisschen zu verändern. Am Ende war es das Land, das sie verändert hat. „Die Menschen leben dort viel stärker für den Moment“, sagt die 21-jährige Studentin. „Das prägt mich bis heute.“

Ein Wintertag an der südlichen Flanke des Strombergs, eine knappe Autostunde von Stuttgart entfernt. Das Thermometer in Illingen zeigt minus zwölf Grad. In Kapstadt sind es vierzig Grad mehr. Marie Günther macht die Kälte nichts aus. Sie sitzt in ihrem Zimmer unter einem afrikanischen Wandtatoo und wärmt sich an ihrer Erinnerung. Auf dem Schreibtisch steht das Foto eines Geparden. Sie hat ihn gepflegt, während ihrer Zeit am Kap. Nach dem Abitur hatte sie sich die Auszeit genommen und auf einer Farm in Stellenbosch gearbeitet. Dort hat man sich dem Ziel verschrieben, Raubkatzen in einem Land zu schützen, dessen Farmer nichts mehr hassen als hungrige Ureinwohnern auf vier Pfoten, die sich an ihren Schafen vergehen.

Ein neuer Blick auf sich selbst hat diese Exkursion der Reisenden aus Schwaben beschert, die sie auf dem schwarzen Kontinent manchmal fühlte, als hätte man sie hineinkopiert in eine andere Welt. Nach ihrem Dienst auf der Farm ist Marie Günther manchmal hinüber in die Slums von Khayelitsha gefahren, wo das Erbe der Apartheid wohnt. Das Township ist 1950 entstanden, als es Schwarzen noch verboten war, in südafrikanischen Städten zu leben. So lange ist das noch gar nicht her. Khayelitsha war für 40.000 Menschen geplant. Heute wohnen dort mehr 1,5 Millionen, viele haben weder fließendes Wasser noch Strom. Eines Abends saß sie in einer Hütte, die von acht Leuten bewohnt wurde und die Mutter der Kompanie kochte für ihre Familie und für weitere zehn Gäste. Es gab Schafsköpfe. „Die Gastfreundschaft hat mich tief beeindruckt“, sagt Marie Günther. „Im Township habe ich gelernt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als viel Geld zu haben.“

Nach ihrer Zeit in Südafrika erfüllte sich die Arzttochter den nächsten Wunsch. Sie schrieb sich an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Stuttgart ein. Dabei mag ihr bewusst geworden sein, dass man nichts dafür kann, auf welcher Seite man geboren wird. Ihre Eltern konnten ihr ein praxisnahes Studium auf einer privaten Hochschule ermöglichen. Es kostet pro Semester 4.250 Euro. Das ist mehr als ein einfacher Arbeiter in Kapstadt in einem Jahr verdient.

An ihrem Campus in Stuttgart werden die Studiengänge Medienmanagement, Journalistik sowie Medien- und Kommunikationsdesign angeboten. „Ich bekomme bei diesem Studium viel mit, weil ich ganz nahe an den Professoren bin“, sagt Marie Günther, die manchmal einen Dozenten mit nur zwölf Kommilitonen teilt. Sie weiß um dieses Privileg und ist dankbar dafür. Für etwas Besseres hält sich die Studentin nicht. „Wir haben bei uns keine Aura der Elite.“

Noch drei Semester, dann hat sie den „Bachelor of Arts“. Vielleicht wird sie danach über den größer werdenden Graben zwischen Arm und Reich schreiben und über den seltsamen Befund, dass die einen, die wenig haben, oft zufriedener wirken als die anderen, die sich vermeintlich alles leisten können. „Im Township wirken die Menschen oft so unbeschwert“, sagt sie. „Bei uns sind alle oft nur gestresst.“ Diesem Phänomen will sie auf den Grund gehen. Gut möglich, dass sie nach dem Studium ein Volontariat in einer Zeitungsredaktion macht. Das Schreiben jedenfalls ist seit langem eine ihrer Leidenschaften.

Marie Günther wurde 1990 in Essen geboren. Als sie vier war, zogen ihre Eltern nach Illingen, wo der Vater als Arzt eine Stelle fand. Mit zehn stand für seine Tochter fest, dass sie Journalistin werden will. Sie schrieb gruselige Geschichten und gab zu Hause eine Kinderzeitung heraus. Vergangenheit entsteht erst dadurch, dass man sich auf sie bezieht. Sie wirkt damit in die Gegenwart, auch bei Marie Günther, die sich jetzt im Cannstatter Römerkastell für das berufliche Schreiben rüstet und auf ein Metier vorbereitet, das gewaltig im Umbruch ist.

Früher hatten Journalisten ein Rinnsal an Informationen zu betreuen. Heute schwappt ein breiter Strom durch moderne Newsrooms, in denen Redakteure sitzen, die sich nach Kräften gegen das Absaufen wehren. Die journalistische Arbeit hat sich in relativ kurzer Zeit vollkommen gewandelt, wie ein Blick in die Geschichte offenbart.

Napoleons Tod auf St. Helena am 5. Mai 1821 wurde in der „Londoner Times“ als erster Zeitung zwei Monate später gemeldet. Die Zeitungen in Berlin druckten die „Times“-Meldung weitere zehn Tage später nach. Die Meldung über Mahatma Gandhis Tod lief 1948 schon wenige Minuten nach dem Schuss des Attentäters an allen Orten der Erde ein. Sie gilt als das klassische Beispiel moderner Nachrichtentechnik. Inzwischen ist die Branche dabei, sich selbst zu überholen. Bewaffnet mit Stift, Block, Foto und Filmkamera gehen Redakteure der Moderne auf Termine, um danach als erstes die Kundschaft im weltweiten Datennetz zu bedienen, welches das Printprodukt beständig kanibalisiert.

Der journalistische Nachwuchs hat es nicht leicht in einer solchen Branche, in der die alten Verleger aussterben und die neuen Geschäftsführer oft mehr in Umsätzen als in Grundsätzen denken. Man wird nicht als guter Schreiber geboren. Man muss es auch werden dürfen. Damit sich das besondere Talent ausbilden kann, bedarf es der Zeit, und genau die ist knapp. Im Journalismus ist es ein bisschen wie bei der Artillerie: um zu treffen, braucht man die Möglichkeit, sein Geschütz einzustellen. Man muss also auch mal drüber und mal drunter schießen dürfen. Inzwischen aber ist die Angst vor dem journalistischen Fehlschuss derart groß, dass sich viele nicht mehr trauen, genau zu zielen.

In diesem Umfeld kann nur bestehen, wer gut ausgebildet ist – und noch besser geerdet. Marie Günther, die nebenbei für ein Stadtmagazin arbeitet, weiß das. Im Herbst steht bei ihr ein Praxissemester an. Sie will zu einer deutschsprachigen Zeitung nach Südafrika, Reportagen über das Reich der Wellblechhütten möchte sie schreiben und darüber berichten, wie die Menschen in diesen Vierteln hausen, und ihre Eindrücke spiegeln an der westliche Welt und dabei schildern, wie das eine mit dem anderen korrespondiert. In diesem Thema liegt ein Zauber. Schon von ihrer ersten Reise hat die Studentin einiges mitgenommen. „Es ist völlig absurd, welche Existenzängste uns Deutsche oft plagen“, sagt Marie Günther in ihrem Zimmer, das den Geist der Erinnerung atmet. „In Khayelitsha haben die Leute andere Probleme. Die wissen nicht, ob sie morgen was zu essen haben und verzweifeln trotzdem nicht an ihrem Leben.“