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Lesen gefährdet die Dummheit

Die Literaturprofessorin Sandra Richter zählt in ihrem Fach zu den gefragtesten Persönlichkeiten. Nicht von ungefähr berät die 38-jährige Professorin der Universität Stuttgart die Regierung in Hochschulfragen.

Zur Jahrtausendwende ist Sandra Richter die Idee gekommen, den Mount Everest zu besteigen. Nicht jenen höchsten aller Berge im Himalayagebirge. Sie zog es auf den Mount Everest der Literatur. Als solcher wird Marcel Prousts Jahrhundertroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gerne bezeichnet: ein literarisches Hochgebirge, das nur schwer zu erklimmen ist. Zehn Jahre lang hat Proust an seinem siebenteiligen Romanzyklus geschrieben, in dem ein ganzes Universum entfaltet wird. Nicht ganz so lange hat die Literaturprofessorin der Uni Stuttgart gebraucht, um das eher unhandliche Epos zu durchblättern. Seite um Seite, Kapitel um Kapitel, Buch um Buch.

Im Leben der belesenen Stuttgarterin sucht man unterdessen vergeblich nach verlorener Zeit. Sandra Richter hat politische Wissenschaft studiert, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte, danach in Neuerer Deutscher Literatur promoviert und zum Thema „Poetik und Ästhetik von Novalis bis Rilke“ habilitiert – und das in einem atemberaubenden Tempo. Mit 29 war das „Mädchen vom Land“ bereits eine international gefragte Professorin. „Eine Persönlichkeit“, wir ihr in der Laudatio bei der Verleihung des Heinz-Maier-Leibnitz-Preises im Jahr 2005 attestiert wurde, „die ihre außergewöhnliche Leistung aus geistiger Offenheit und Beweglichkeit gepaart mit hoher Begabung und Originalität kreiert.“

Die solchermaßen Dekorierte selbst beurteilt ihren akademischen Hürdenlauf in Bestzeit, den sie auf allen Etappen mit Topnoten abgeschlossen hat, eher nüchtern. „Wenn man alles selber finanzieren muss, dann macht man eben, so schnell es geht“, sagt Sandra Richter, die seit 2008 als W3-Professorin die Abteilung Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart leitet - und damit Nachfolgerin von Heinz Schlaffer ist. Noch heute kommt der berühmte Professor, der sich mit Aufsehen erregenden Essays wie „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ einen Namen gemacht hat, gelegentlich zu einem Plausch bei ihr vorbei. „Wir spotten dann in bisschen übereinander“, sagt sie.

Aufgewachsen ist Sandra Richter in Fuldatal bei Kassel, dem Tor zum Reinhardswald, wie das Örtchen von den lokalen Marketingstrategen gerne beworben wird. Schon als Kind hat es sie aber mehr in die kleine Stadtbücherei gezogen, immer auf der Suche nach Lesestoff. „Lesen gefährdet die Dummheit“, heißt es manchmal in den Schaufenstern der Buchläden. Sandra Richter hat das wörtlich genommen. Schon vor dem Unterricht verschlang sie so viele Kapitel wie möglich, und auch nach der Schule suchte sie die Abenteuer weniger draußen in der Landschaft als drinnen in ihren Büchern. In späteren Lesestunden, als die Bibliotheken immer größer wurden, hat Sandra Richter sich mit vergessenen Autoren beschäftigt, mit geistesgeschichtlichen Lücken, mit der Morallehre der Hugenotten und mit poetologischen Gedichten. Zuvor hatte sie bereits die intensive Bekanntschaft eines gewissen Theodor W. Adorno gemacht, mit dem sie gewissermaßen aufgewachsen ist und aus dessen Minima Moralia der berühmteste seiner Sätze stammt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Sagt Theodor Adorno. „Ich wollte das nicht einfach so stehen lassen“. Sagt Sandra Richter. Also hat sie der Gedankenlyrik des deutschen Philosophen ein viel beachtetes Buch entgegen gesetzt: „Lob des Optimismus. Geschichte einer Lebenskunst“. Gedacht war das Werk als Versuch, den Optimismus als verantwortungsvolle Kunst des Lebens zu erneuern. „Sandra Richter erklärt in bester Germanistenprosa“, urteilte ein Kritiker darüber, „warum hierzulande das Glas immer nur halb leer ist“.

Ihres dagegen ist immer kurz vor dem Überlaufen. Gespeist von einer Quelle, die nie zu versiegen scheint. Ihr tägliches Pensum ist enorm, trotzdem hat sie sich ihre Leidenschaft für Gedrucktes bewahrt. Wörter, Sätze, Kapitel fliegen an ihr vorbei wie die Landschaften am Zugfenster, aus dem Sandra Richter bei ihren häufigen Fahrten aber nur selten schaut. Ihr Mann, der Anwalt ist und selber gerne liest, amüsiert sich mitunter darüber, so erzählt sie, dass er mit einer Frau verheiratet sei, welche sich auf die Kunst verstehe, Bücher in ihren Kopf zu scannen. Hat sie einmal keines zur Hand, schaltet sie das E-Book ein, ihre Ersatzdroge, wie sie sagt.

Neben ihrem Amt an der Universität doziert Sandra Richter für die Wochenzeitung „Die Zeit“ in einer Seminarreihe über deutsche Gegenwartsliteratur und schreibt Essays, um Menschen für Bücher zu begeistern. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung rezensiert die Stuttgarter Literaturprofessorin schon seit vielen Jahren die neuesten Werke auf dem Büchermarkt. Zu Hause stapelt sich daher Literatur aller Art, die gelesen werden will.

Demnächst ist der Räuber Hotzenplotz an der Reihe. Und die schöne Lau. Hans Christian Andersens Prinzessin auf der Erbse, die kleine Meerjungfrau und Peter Rabbit. All die liebenswerten Helden ihrer eigenen Kindheit, deren Abenteuer und Geschichten Sandra Richter nun demnächst ihrer kleinen Tochter vorlesen will, deren Sinne fürdie Magie der Buchstaben bereits geschärft sind. Künftig nur noch Windeln zu wechseln, wäre trotz aller Liebe und Mutterglück aber dennoch nichts für Sandra Richter, weshalb sie sich acht Wochen nach der Geburt der Tochter im September 2010 bereits wieder am Lehrstuhl und bei ihren Studenten zurückgemeldet hat. Zuvor hatte sie bei der Verwaltung der Hochschule angerufen, um über den Zuwachs in der jungen Familie zu informieren. „Glückwunsch“, bekam sie am Telefon zu hören. „Und das, obwohl Sie Professorin sind.“

„Kinder finden im Nichts das Gesamte, die Erwachsenen im Gesamten das Nichts“, schrieb einst der italienische Dichter Giacomo Leopardi. Weshalb sich Sandra Richter durchaus vorstellen könnte, trotz des anspruchsvollen Jobs noch weitere Kinder zu haben. „Wir brauchen die Frauen in der Wissenschaft ebenso wie ihre Kinder, da gibt es noch viel zu tun“, sagt sie. Ganz einfach ist es angesichts von 60-Stunden-Wochen zwar nicht, den Alltag organisiert zu bekommen. „Ich bin in Haushaltssachen erfreulich tatenlos.“ Aber schließlich gibt es eine Kinderkrippe, die chinesische Nanny, die der Tochter gerade Mandarin beibringt, und nicht zuletzt natürlich die Großeltern.

Wenn sie gerade nicht auf ihrem Trampelpfad zwischen Lehrstuhl in der Keplerstraße und der Württembergischen Landesbibliothek unterwegs ist, geht die Musikliebhaberin, die selbst Saxofon spielt, gerne in die Oper. In Stuttgart oder anderswo. Als Literaturprofessorin ist sie auch im Ausland gefragt, hält Vorlesungen und Vorträge. In London beispielsweise, wo sie am King‘s College ihre erste Professur inne hatte, in Paris, Los Angeles, Dublin, Toulouse oder zuletzt an der Harvard University in Cambridge. Ihre nächste Auslandsreise führt die Stuttgarter Professorin nach Philadelphia, wo sie an der University of Pennsylvania eine dreimonatige Gastprofessur angenommen hat.

Seit 2011 ist Sandra Richter zudem Mitglied im Wissenschaftsrat. Als eine von 24 berufenen Wissenschaftlern berät sie dabei die Bundesregierung in Fragen inhaltlicher und struktureller Entwicklung der Hochschulen. Bis zu 40 Termine pro Jahr kommen dabei zusammen, jedes Mal in einer anderen Stadt in Deutschland. Bei allem Ruhm, allen Auszeichnungen und allem Lob hat sie sich einen unverklärten Blick auf die Dinge bewahrt. „Erfolg hat auch mit Frustrationsresistenz und Sturheit zu tun“, sagt sie. „Ohne Begeisterung für die Sache hält man aber nicht durch.“

Bei Goethe fällt ihr das nicht schwer, der trägt in allen Stunden. In diesen Tagen bereitet Sandra Richter nebenbei eine Ausstellung in Frankfurt über den Dichterfürsten und das liebe Geld vor. Und als wäre das alles nicht schon genug, arbeitet sie parallel an einem weiteren Buch, das in der zweiten Jahreshälfte erscheint. Darin geht sie der Geschichte des wirtschaftlichen Wettbewerbs aus literarischer Sicht nach, von der Schlachtordnung im Mittelalter bis zur heutigen Rabattschlacht. Für ihren Befund hat sie sich durch Berge von Büchern gearbeitet. Lesen. Lesen. Lesen. Für eine wie Sandra Richter alles andere als verlorene Zeit.