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Die Frau fürs große Kino

Nina Haun besetzt die großen Rollen beim Film. Die ehemalige Studentin der Uni Stuttgart ist Casting Director bei der Ufa in Berlin - und Dozentin an der Filmakademie in Ludwigsburg.

Ein schmuddeliger Tag in Babelsberg. Draußen ist es nasskalt. Drinnen zeigen Schauspieler im Viertelstundentakt ihr Können. Kennenlerncasting nennt Nina Haun die Show im Aufnahmestudio der Ufa, das vom Scheinwerferlicht gewärmt wird. Nina Haun kennt das Spiel. Seit zehn Jahren arbeitet sie als Castingdirektorin in Potsdam und Berlin. Mehr als 17.000 Schauspieler hat Deutschlands führende Filmfirma in einer digitalen Datenbank erfasst. Die Besetzungsregisseurin verlässt sich lieber auf den Eindruck, den sie beim Liveauftritt gewinnt. Sie will die Mimen persönlich erleben, sehen, wie sie spielen, herausfinden, wer für welche Rolle infrage kommt, und „ein Gefühl für den Menschen entwickeln“.

Die 41-jährige Casterin ist im schwäbischen Bietigheim aufgewachsen, wo die Enz und die Metter sich kreuzen und manchmal auch Wege, die irgendwohin führen. In ihrem Fall führten sie zunächst in die Landeshauptstadt. Studiert hat sie in den neunziger Jahren Germanistik und Romanistik an der Universität Stuttgart. „Ich hatte tolle Dozenten.“ Noch heute schwärmt Nina Haun von Heinz Schlaffer, von Françoise Joly und ganz besonders von Klaus Hilzinger, der sie letztlich dazu gebracht habe, „das Studium abzuschließen, obwohl wir damals großen Erfolg mit dem Theater in Backnang hatten“.

Dieses Theater hat eine wichtige Zeit ihres Lebens geprägt. Als Studentin lebte sie mit Frieder Nögge zusammen, einem Bühnenkünstler, dessen Atelier-Theater weithin bekannt war. Während des Studiums an der Uni Stuttgart, erzählt Nina Haun, habe sie viel über Dramaturgie gelernt und darüber, „wie man Geschichten erzählt“. Später hat sie an der Filmakademie in Ludwigsburg die Abteilung Filmschauspiel aufgebaut, dort ein Castingbüro eingerichtet und Studentenfilme besetzt. Noch heute arbeitet sie als Dozentin für die Filmakademie, hält Vorlesungen in der Abteilung Produktion, gibt Seminare in Filmschauspiel und Szenischem Film. Auch in der Auswahlkommission der neuen Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg hat sie Sitz und Stimme.

Dass sie in Berlin landete, hat mit dem Produzenten Nico Hofmann zu tun. Das schwäbische Multitalent war dem Chef der Ufa-Tochter Teamworx aufgefallen, er holte sie als Castingdirektorin vom Neckar an die Spree. Eine gute Idee. Nicht von ungefähr tragen mittlerweile große Streifen auch die Handschrift von Nina Haun. „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler. Der zehn Millionen Euro teure Fernsehfilm „Dresden“. Die mit der Goldenen Kamera ausgezeichnete Produktion „Mogadischu“. Das vitale Drama „Vier Minuten“, mit dem Hannah Herzsprung zum Star wurde.

Auch den Wüstenfuchs hat sie gecastet, genauer Ulrich Tukur, der den Generalfeldmarschall Rommel im gleichnamigen Film gegeben hat. In diesen Tagen laufen die Produktionsarbeiten für „Der Medicus“ und für den „Polizeiruf München“. Am 8. März startete ihr neues Kinoprojekt „Die vierte Macht“ mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle.

In der Branche kennt sie mittlerweile fast jeder. 2009 wurde Nina Haun mit dem Deutschen Casting-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr war sie bereits für den Grimme-Preis nominiert. Das kam einer kleinen Sensation gleich. Besetzungsregisseure stehen selten im Rampenlicht, kaum ein Fernsehzuschauer oder Kinogänger kennt ihre Namen.

Zurück im Ufa-Studio. Die Kamera läuft. Im Studio steht ein Nachwuchsschauspieler aus Hannover und soll einen Mann mit Flugangst mimen. Routiniert trägt er seinen gelernten Text vor. „Wunderbar. Sehr schön, das war schon mal etwas beeindruckend“, schwärmt Nina Haun. Das hört sich gut an, ist aber nur eine Floskel. „Jetzt dieselbe Szene bitte in deinem Heimatdialekt.“ Gelegentlich unterbricht sie die Akteure mit kurzen Zwischenrufen wie: „Stell dir vor, nebenan schläft ein Baby.“ Das heißt übersetzt: weniger theatralisch auftreten und leiser sprechen. Zweiter Versuch. Auch ganz gut. Nina Haun will sehen, ob die Schauspieler in der Lage sind, von einem Augenblick zum nächsten in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Eine junge Schauspielerin, die aus Köln angereist ist, erzählt derweil von ihrem Werdegang. Nina Haun unterbricht sie: „Wie hieß dein erstes Haustier?“ Der gewünschte Effekt tritt ein: Der Gesichtsausdruck der Schauspielerin verändert sich, für einen Augenblick hat sie etwas Kindliches. Nach fünfzehn Minuten ist alles im Kasten. Von morgens um zehn bis in die Abendstunden geht das so: ein Schauspieler nach dem anderen. „Welchen Beruf hättest du gewählt, wenn du nicht Schauspieler geworden wärest?“ „Hast du schon in der Schulzeit Theater gespielt?“ „Was machst du in deiner Freizeit?“ Im Eiltempo versucht die Casterin herauszufinden, wen sie da gerade vor der Kamera hat. „Danke. Sehr gut. Super.“ Manche Akteure bekommen kleine Tipps mit auf den Weg. „Mit Kameramännern musst du dich gut stellen.“ Und der Nächste bitte. Mit den populären TV-Castingshows, die zurzeit auf fast allen Kanälen laufen, mit „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany‘s next Topmodel“, hat diese Arbeit nichts zu tun. Nina Haun lädt unterschiedlichste Schauspieler ein, absolute Newcomer, Absolventen von Schauspielschulen, ebenso wie alte Hasen, die lange im Geschäft sind. Nach dem Kennenlerncasting hat sie ein Gefühl dafür, ob jemand vielfältig talentiert oder eher auf bestimmte Rollen festgelegt ist - und ob ein Kandidat „Potenzial für mehr hat“. Ein paar Schauspieler brennen sich wegen eines Charakterzugs oder ungewöhnlicher Fähigkeiten in ihrem Gedächtnis ein, andere „rutschen auf der Kandidatenliste weiter nach hinten“. Nina Haun hat ungezählte Drehbücher gelesen. Mit dem ersten Blick in ein Drehbuch beginne „das Memoryspiel: Wer passt zu wem?“ Bei manchen Projekten hat sie sofort Gesichter vor Augen. „Ich bin eine Kupplerin und ein Trüffelschwein“, sagt sie und grinst.

Selten kommt es vor, dass die Hauptrollen bereits vergeben sind, bevor Nina Haun von der Ufa eingebunden wird. Bei „Die Flucht“ mit Maria Furtwängler war das so. Und bei „Familienkreise“ mit Götz George. Ihr Erstlingswerk im Jahr 2003 war für Nina Haun gleich eine besondere Bewährungsprobe, denn der Regisseur Stefan Krohmer gilt in der Branche als anspruchsvoller Schauspielregisseur, der lange und intensiv castet. Nina Haun schlug die aus Ludwigsburg stammende Katja Gaub für eine tragende Rolle vor, „die kannte damals keiner“. Krohmer war begeistert, der Film wurde ein Erfolg.

Das Gespür für Menschen hat sich auf schwäbischen Bühnen entwickelt. Nina Haun hat bereits während der Schulzeit hinter der Bühne gearbeitet – für die Kleinkunstbühne Glasperlenspiel in Asperg. Als Studentin lernte sie dort den Clown, Bühnenkünstler, Regisseur und Poeten Frieder Nögge kennen, wurde Lebenspartnerin und Muse des Künstlers. 1995 hat sie mit ihm zusammen in Backnang auf dem Stiftshof ein Theater eröffnet, zwei Jahre später folgte eine Schule für Improvisationstheater. Die Vorstellungen waren oft Monate im Voraus ausverkauft. 1999 trennten sich die beiden, ein Jahr später verließ sie auch das Theater. Lange her.

Ihrer schwäbischen Heimat bleibt sie auch als Berlinerin treu. Wegen ihrer Ämter an den Hochschulen und vor allem wegen alter Freunde wie Lisa Scheibe, „eine großartige Chansonette“, deren Karriere am Nögge-Theater begonnen hat. Wenn es die Zeit erlaubt, besucht sie auch ihre Eltern und die Schwester in Bietigheim.

Es ist spät geworden an diesem Tag. Die Luft klebt im überhitzten Studio. Der letzte Schauspieler macht sich auf den Heimweg. „Das war ein guter Tag“, sagt die Casterin. Vielleicht wird einer von denen, die heute vor der Kamera standen, irgendwann auf der Leinwand groß rauskommen.