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„Was hasch du gelärnt?“

An der Filmakademie in Ludwigsburg hat Tedros Teclebrhan als Schauspieler seinen ersten Schritt ins TV-Geschäft gemacht. Heute hat der schwäbische Afrikaner fast Kultstatus.

Mit dem neuen Smartphone am Ohr stolziert er die Straße entlang geradewegs auf die Kamera eines Fernsehteams, das ihn bittet, sich an einem Integrationstest zu beteiligen. „Klar“, sagt der dunkelhäutige Migrant und bleckt seine schneeweißen Zähne, über denen ein blondierter Schnurrbart hängt, welcher mit dem längsgerillten Muskelshirt aufs Schönste korrespondiert.

Der Passant antwortet nach bestem Wissen und Gewissen, wobei es mit beidem nicht allzu weit her ist. Er integriere sich, indem er Bier mit seinen Nachbarn trinke und seine Frau seit zwei Monaten nicht mehr schlage. Die Hauptstadt von Deutschland ist für ihn Luxemburg und auf die Frage nach dem Bundeskanzler gibt er nach kurzem Zögern durchaus überzeugt zum Besten: „Irgendwas mit Angelo. Angelo Merte.“

So blöd kann kein Mensch sein, denkt man sich, und ist im tiefsten Inneren doch irgendwie verunsichert, ob unter dem weiten Himmel des Herrn nicht womöglich auch solche Schafe grasen. Das fragen sich viele, sehr viele. Binnen weniger Wochen wurde das Video mit mehr als zehn Millionen Klicks auf Youtube zum absoluten Hit. Selten hat ein Clip derart polarisiert: Die einen wollen den strunzdoofen Migranten am liebsten ausweisen, die anderen halten ihn für Oscar-tauglich. Inzwischen hat sich der kultige Streifen in vielen jungen Köpfen eingenistet und fährt in den S-Bahnen quer durch die Republik, wo Schüler diesen seltsamen Typen ehrfürchtig zitieren, als wäre der alte Schiller aus dem Grabe entstiegen und gäbe schwäbelnd zum Besten: „Was labersch du?“

Köln. Belgisches Viertel. In einer Wohnung mit zwei winzigen Zimmern sitzt der Mann aus dem Video und erzählt die Geschichte eines Afrikaners, der auf der Schwäbischen Alb landete und es vom Schulschwänzer und Jugendamtschreck zum Schauspieler brachte, was auch mit einem Casting an der Filmakademie in Ludwigsburg zu tun hat.

Tedros Teclebrhan ist 27 und spielt die Hauptrolle in einem biografischen Film, der seinesgleichen sucht. In der Rückblende fährt die Kamera auf Ametelidet Teclebrhan in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. Die junge Frau hat drei Kinder. Ihr jüngstes heißt Tedros und ist gerade sieben Monate alt, als sie mit ihren Buben vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland flieht. Ihr Mann will nachkommen. Es bleibt ein leeres Versprechen.

Die Mutter strandet mit den Kindern in einem Asylbewerberheim in Karlsruhe und wird von dort nach Mössingen geschickt. Um ihre Familie zu ernähren putzt sie von frühmorgens bis spätabends. Die Söhne sind zu Hause auf sich gestellt. Tedros, den alle Teddy nennen, kommt auf die Hauptschule. „Was hasch du gelärnt?“ provoziert er seine Lehrer. Der Störenfried muss die Schule wechseln. Weil er nicht selten fehlt, steht das Jugendamt auf der Matte. Mit 15 geht er für ein Jahr ins Heim.

Nach der Hauptschule beginnt er eine Lehre als Textilveredler. Es haut nicht hin. Mit 17 lädt ihn seine Tante zu sich nach Kanada ein. Sieben Monate denkt er dort über sich nach. Er will sich wohl fühlen in seiner Haut. Er will seine Mutter, die er über alles liebt, nicht mehr enttäuschen. Er will selbst was tun. Zurück in Mössingen lässt er sich „Tesfa“ auf den Unterarm tätowieren. Tesfa ist eriträisch und bedeutet so viel wie Hoffnung. Tedros Teclebrhan holt den Realschulabschluss nach und leistet anschließend Zivildienst im Jugendhaus. Manchmal geht er mit Freunden ins nahe Tübingen und dreht kleine Videos in der Stadt. Er probiert sich aus auf dieser Bühne. Einmal veräppelt er einen Bauern auf dem Markt, bis der ihm nachrennt. „Verschwind’ Bürschle, oder es setzt was!“

Er hat ein Gespür für Menschen und ihre Macken, die er gerne nachmacht. „Du musst Schauspieler werden“, rät ihm ein Freund. In Stuttgart gibt es eine private Schule, die ihn nehmen würde, aber 340 Euro im Monat kostet. Um seinen Traum zu verwirklichen, schuftet der schwarze Schwabe bei einem Tübinger Weinhändler, fährt edle Tropfen aus und bedient in der Weinstube am Marktplatz. Dabei seziert er die werte Gesellschaft, die am Stammtisch ihren eigenen Humor hat: „Teddy, bringsch mir an Schwarzriesling!“

Teclebrhan schließt die Schauspielschule ab und hält sich mit kleineren Engagements über Wasser. Im Jahr 2009 hört er von der geplanten Serie des Produzenten und Filmakademie-Absolventen Frieder Scheiffele und fährt nach Ludwigsburg. Es geht um die Rolle eines Tankwarts in der schwäbischen Bäckereisoap „Laible und Frisch“. Schauspieler wie Walter Schultheiß, Matthias Dietrich und Dietz-Werner Steck werden an der Produktion mitwirken. Teclebrhan, der Unbekannte, spricht vor.

Frieder Scheiffele kann sich noch gut an jenen Tag erinnern. „Es gibt in Baden-Württemberg sehr viele Bürger mit ausländischen Wurzeln, die perfektes Schwäbisch sprechen. Solche Leute wollten wir unbedingt für die Serie haben. Beim Casting an der Filmakademie fiel uns Tedros Teclebrhan sofort auf. Er spricht schwäbisch wie kein anderer und hat die Herzen des Teams im Sturm erobert.“

Der Afrikaner aus Eritrea bekommt den Job und bringt wenig später bei den Dreharbeiten in Bad Urach nicht nur den Regisseur zum Lachen. Für den jungen Schauspieler ist diese Rolle etwas Besonderes: „Das war für mich der allererste Schritt ins kommerzielle Fernsehen.“ Die Serie wird im dritten Programm ausgestrahlt und fährt herausragende Quoten ein. Fortan häufen sich die Angebote für den jungen Schauspieler.

In „Kommissar Stollberg“ gibt Teclebrhan im ZDF einen Dealer. Bei einem Casting wird er für eine Rolle im Musical „Haispray“ ausgewählt und zieht nach Köln, wo auch seine Brüder leben. Als im Theater der letzte Vorhang fällt und ihm ein bisschen langweilig ist, nimmt er ein Comedy- Demoband auf, das er an eine Produktionsfirma in Köln schickt. „Klasse“, heißt es dort, „aber es fehlt noch was.“ Der Schauspieler stellt das Video ins Netz. Der Erfolg ist überschaubar. Nach vier Monaten hat er nur 5.000 Klicks.

Er will es noch einmal versuchen und arbeitet an einer neuen Figur. Es ist Mai 2011. Die Inspiration kommt aus der Wirklichkeit, aus dem, was er erlebt und aufgesogen hat in diesem Land. Einen Migranten will er spielen, der zu sich selbst steht, obwohl er nicht gebildet ist. Teclebrhan weiß, wie sich das anfühlt, nichts zu wissen. „Ich habe mich früher oft nicht getraut auf Fragen zu antworten, weil andere auf besseren Schulen waren.“

Mit einem befreundeten Kameramann stellt er sich in Köln auf die Venloer Straße und hält der deutschen Integrationspolitik auf seine Art den Spiegel vor. Der Schauspieler speist auch diesen Clip ins Netz ein. Als er am nächsten Morgen den Computer anschaltet, traut er seinen Augen nicht. 10.000 Klicks. Einen Tag später sind es 200.000, nach fünf Tagen eine Million. „Ich konnte es nicht fassen, habe kaum noch geschlafen“, sagt er. Das Überraschende ist: Viele nehmen seine Satire todernst.

Ein paar Monate später sitzt Tedros Teclebrhan in seiner kleinen Wohnung vor einem Glas Wasser und kann es noch immer nicht glauben. „Ich wollte keine Politik machen, bloß Comedy“, sagt er und grinst. Die Nachfrage hält an. Die Marke von elf Millionen Klicks ist längst geknackt. Dafür gibt es ein bisschen Geld vom Internetportal. Reich wird man davon nicht. Aber bekannt.

Es sieht nach Happy End aus in seinem biografischen Film. Die Leute fragen ihn auf der Straße nach Autogrammen und der schwäbische Afrikaner, der vor kurzem noch nicht wusste, wie er seine Miete zahlen soll, kann jetzt unter Angeboten von Filmproduzenten auswählen. Er bastelt an seiner eigenen Comedy-Show und sogar Offerten aus der Werbebranche liegen auf seinem Tisch.

Zu Frieder Scheiffele, dem Produzenten von der Filmakademie, hat er bis heute Kontakt. Leider wurde die Bäckereiserie nach zwölf Folgen vom Südwestrundfunk abgesetzt. Der Wahl-Kölner wäre gerne wieder in seine Heimat gekommen, um dort weiter den schwarzen Tankwart zu geben. „Bei den Dreharbeiten habe ich mich immer so gefühlt, als würde ich nach Hause kommen“, sagt er. Vielleicht führt die Reise eines Tages wieder in den Süden. „Die Filmakademie ist auf der ganzen Welt angesehen“, sagt Teddy, der über Nacht mit einem Video zum Star wurde. „Jeder gute Schauspieler will mit den Leuten in Ludwigsburg arbeiten.“