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Im Labor der Emotionen

Seit neun Jahren arbeitet Michael Burmester als Professor an der Hochschule der Medien. Informationsdesign ist seine Leidenschaft. Produkte müssen sich an Menschen anpassen, sagt er, nicht umgekehrt.

Es gibt Geschichten, die müssen mit einer Flasche beginnen. Diese ist so eine. Wieso mit einer Flasche? Weil Flasche nicht gleich Flasche ist! Es gibt Einwegflaschen und Mehrwegflaschen, Enghalsflaschen und Weithalsflaschen, Babyflaschen und Bettflaschen, es gibt Flaschen aus Kunststoff und solche aus Fleisch und Blut. Davon kündet ein berühmter Satz des Fußballlehrers Giovanni Trapattoni, welcher einst Thomas Strunz bescheinigte, er habe gespielt „wie Flasche leer“.

Michael Burmester ist kein Fußballer, sondern Wissenschaftler. Als solcher interessiert er sich auch für Flaschen. Burmester arbeitet als Professor für Ergonomie und Usability an der Stuttgarter Hochschule der Medien. Dort betreibt er ein Forschungslabor, in dem es viele Kameras gibt und einen schlichten Tisch mit einer hübschen Wasserflasche aus Glas. Sie steht da und wartet auf Zuspruch.

Burmester setzt sich an den Tisch und erzählt von einem Mann, der seinen eigenen Blick auf die Dinge hat. Eine Flasche ist für ihn nicht nur ein nützliches Gefäß, ein Computer nicht nur ein komplexes Werkzeug, eine Fernbedienung nicht nur ein verlängerter Arm. Burmester definiert Gegenstände weniger über ihre Funktion als vielmehr über die Gebrauchstauglichkeit. Er will wissen, was Menschen empfinden, wenn sie etwas tun und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, für die Dinge, mit denen sie sich umgeben.

Diese Neugier treibt ihn schon länger an, genau genommen seit der Schulzeit. Burmester, Jahrgang 1961 und aufgewachsen in Hamburg, entstammt einer Seefahrerfamilie. Der Großvater schipperte noch als Offizier auf Frachtkähnen über die Meere. Michael Burmester interessierte sich nicht dafür, wie Schiffsmotoren brummen, er interessierte sich dafür, wie Menschen ticken. Das wurde offenkundig, als er auf dem Gymnasium an der Corveystraße einen Aufsatz über Angst schreiben sollte. Zum Erstaunen seiner Lehrer grenzte der Halbwüchsige die reale Angst im Angesicht eines Zähne fletschenden Hundes gegen die unbegründete Angst im Angesicht einer harmlosen Kellerspinne ab.

So einer hat das Zeug zum Seelenkundler. Nach dem Abitur studierte Burmester in Regensburg folgerichtig Psychologie. Bei einem Praktikum befasste er sich mit der Interaktion zwischen Mensch und Technik und war sofort fasziniert. Seitdem ist sein Leben der fortgesetzte Versuch, die Welt zu verbessern – oder doch zumindest die Gebrauchsgegenstände unter ihrem weiten Himmel.

Für Siemens nahm er einen Zahnarztstuhl unter die Lupe, für das Fraunhofer Institut befasste er sich vier Jahre lang mit Computern, Medizintechnik und Hausgeräten. Dem Projekt lag die kühne Idee zugrunde, dass die Software eines Weckers genau nach dem gleichen Bedienmuster funktionieren könnte wie ein Videorekorder. Kann man den einen programmieren, beherrscht man auch den anderen.

„Als ich anfing, kam ich mir manchmal vor wie ein Missionar“, sagt Burmester und schenkt sich ein bisschen Wasser ein. Sein Thema war lange keine Paradedisziplin in der deutschen Wirtschaft. In den Entwicklungsabteilungen erfanden Ingenieure hochkomplexe Geräte, die möglichst viel gleichzeitig konnten. Das nannten sie Innovation. „Erst muss alles funktionieren, dann können wir es später immer noch schön machen“, hieß es.

Burmester predigte dagegen an. Er erzählte den Firmenbossen, dass sich Produkte an den Menschen anpassen müssen und nicht umgekehrt. Seine Argumente konnte er mit dem Hinweis unterlegen, dass es sich lohnt über „usability“ nachzudenken. Auf gebrauchstauglichen Internetseiten verweilen die Menschen länger und kaufen auch mehr. Sowas überzeugt, zumal in Schwaben.

Nach drei Jahren als Missionar, Manager und Berater in der freien Wirtschaft kam Michael Burmester 2002 an die Hochschule der Medien. Dort ist er Prodekan, Lehrender, Forscher. Für ihn ein Traumjob. Mittlerweile hat er mit seinen Kollegen nicht nur Hunderten von Studenten zum Bachelor in Informationsdesign verholfen, sondern im hauseigenen Labor auch so manchem Produkt den letzten Schliff verpasst.

Man fühlt sich an einen Überwachungsraum erinnert. Kameras filmen Probanden, die hinter dicken Mauern nichts ahnen. Computer messen Blickachsen und stoppen die Zeit, in der Augen auf einem Punkt verweilen. Wo liegt die visuelle Aufmerksamkeit? In welcher Reihenfolge gehen die Testpersonen vor? Solche Fragen beschäftigen den Wissenschaftler. Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Magnetismus zwischen Produkten und Nutzern. Im besten Fall ziehen sich beide Seiten an. Im schlechten Fall stoßen sie sich ab. Es geht um mehr. Es geht um ein neues Nachdenken über Technik.

Vor der Wasserflasche im Emotionslabor lässt Burmester seine Hände tanzen. Der Mann lebt seinen Job. Er ist jetzt ganz in seinem Element. Burmester doziert über „user experience“, über das „Nutzungserlebnis“. Schaltet jemand zu Hause seinen Anrufbeantworter ein, der ohne Probleme funktioniert, ist das eine Sache. „Wie aber schafft man es, dabei auch noch positive Emotionen zu wecken?“

Der Professor erzählt von einem Kollegen, der ein Kissen für Paare erfunden hat, das Nachrichten aufzeichnet, wenn man sich drauflegt und dabei eine Lasche anhebt. Ist das geschehen, pumpt sich das Kissen auf. Kommt der Partner nach Hause, wird er der Botschaft ansichtig und kann sie abhören. Allerdings erschallt sie nur einmal, was den Moment besonders kostbar macht.

Er selbst hat kein solches Kissen. In Löchgau unweit von Bietigheim hat er sich sein kleines Bullerbü erschaffen. Hier geht der Hamburger gerne joggen oder Rad fahren. Verheiratet ist er mit einer Norwegerin und die beiden Söhne können sich auf dem Land ausleben wie der Vater in seiner Wissenschaft, deren Feuer ihn noch immer wärmt.

Es gibt viel auf der Welt, für das man sich begeistern kann. Michael Burmester begeistert sich für die möglichst natürliche Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Da gibt es einiges zu tun. In diesen Tagen arbeitet er im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts mit Kollegen an einem Roboter, der im Haushalt betagter Zeitgenossen kleinere Arbeiten verrichten kann. Gesellschaftlich ein höchst aktuelles Projekt. Der Anteil derer, die nach Erreichen des jetzt gültigen Renteneintrittsalters die Aussicht auf mindestens zwanzig weitere Jahre haben, hat sich in Deutschland binnen dreier Jahrzehnte praktisch verdoppelt. Die Bevölkerungsforscher gehen davon aus, dass jedes zweite Mädchen, das heute lebt, eine Lebenserwartung von 100 Jahren hat, jeder zweite Junge wird voraussichtlich 95. Da kommt ein surrender Servicemann wie gerufen. Das Besondere am SRS-Roboter ist, dass er im Einsatz lernt und im besten Fall auch aus seinen Fehlern. Er soll Milch aus dem Kühlschrank holen und schwere Gegenstände heben. Gesteuert wird er von den Hausbewohnern über kleine Touch- Bildschirme. Ein Projekt für die nahe Zukunft.

Auf dem Tisch vor Burmester steht noch immer die Wasserflasche. Sie ist fast leer. Neben ihr liegt ein Handy. Flasche ist nicht gleich Flasche und Handy ist nicht gleich Handy. In Deutschland, sagt der Diplom-Psychologe, sollen Mobiltelefone eher leise klingeln, weil man nicht auffallen will. In China dagegen war das früher anders. Ein Mobiltelefon galt als Statussymbol. Je lauter, desto besser. Der Entwickler sollte daher die Zielmärkte kennen und kreativ auf die kulturellen Unterschiede reagieren.

Der Professor macht es vor. Früher standen in seinem Labor an der Wolframstraße für Gäste große Plastikflaschen auf dem Tisch. Sie kamen später meist ungeöffnet zurück in den Kasten, weil sich die Leute nicht trauten, für sich eine ganze Flasche zu nehmen. Jetzt hat Burmester die hübsche Glasflasche eingeführt. Er füllt sie mit Leitungswasser, das aus einem Sprudler kommt. Dann stellt er die Flasche offen auf den Tisch. Jeder kann zugreifen. Seitdem wird viel mehr getrunken. Adalbert Stifter, der große Pädagoge, hätte seine Freude daran gehabt. „Die großen Taten der Menschen sind nicht die, welche lärmen“, hat er einmal gesagt. „Das Große geschieht so schlicht wie das Rieseln des Wassers.“