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Sendung mit der Maus

Olia Lialina, Popstar des Internets, kennt sich aus mit der bewegten Geschichte des Webs. An der Merz Akademie schnorchelt die Professorin aus Moskau in der virtuellen Welt von gestern und morgen.

Sie hat eine Mission. Die alte Welt will sie retten vor dem sicheren Untergang. Das meiste ist schon versunken in den Weiten eines Datenmeers, das jeden Tag gefräßig neue Strände überspült. Geblieben sind nur noch wenige Inseln von früher, über denen Sternenhimmel blinken und Botschaften mit der Aura von vergilbtem Papier: „Willkommen auf meiner Homepage“.

Olia Lialina, Professorin für Interface Design, kennt die verschlungenen Wege in das „volkstümliche Web“, wie sie es nennt. Dort finden sich historische Schätze. Seiten, die noch von den Usern selbst gebaut und designt wurden. „Am Rande der Zukunft“, wie sie das poetisch ausdrückt, „und voller Hoffnung auf leistungsfähigere Computer.“

Seit Jahren füllt die gebürtige Moskauerin ihr Festplattenmuseum mit sehenswerten Amateurseiten, die sie bei ihren Streifzügen aufstöbert. Sie schreibt Artikel über die „Gewohnheiten der ersten Menschen im Internet“, hält Vorträge und Vorlesungen über die Designkultur der ersten Siedler in der virtuellen Welt, sammelt Musikdateien und animierte Bildchen vom grübelnden Kater „Felix the Cat“, ihrem endlos auf- und ablaufenden Lieblingshelden, bis zu nackten Glitzerdamen, die verführerisch mit den Beinen schlenkern. Die Idee dazu kam ihr aus heiterem Himmel – im wahrsten Sinne des Wortes. „Früher haben wir uns aus Spaß immer E-Mails mit unterschiedlichen Sternenhimmeln als Hintergrund geschickt“, erzählt sie. Eines Tages sei ihr dann aufgefallen, dass kaum noch ein Sternenhimmel im Internet zu finden war. Da habe sie plötzlich begriffen, wie stark sich alles verändert hat. Aus einer Spielwiese für Amateure wurde ein hoch entwickelter und stark reglementierter Raum, in dem Sätze wie „Willkommen auf meiner Homepage“ klingen als seien sie aus der Zeit katapultiert worden. Das alte Web sei überrollt worden vom „dot.com-Ehrgeiz“, sagt sie, von professioneller Webdesign-Software und einer Enzyklopädie an Benutzer-Richtlinien.

Dabei ist es Olia Lialina selbst gewesen, die zu keinem geringen Teil dazu beigetragen hat, dass sich die virtuelle Weltkugel immer schneller dreht. Sie, die Internetpionierin und Netzkünstlerin der ersten Stunde, die 1996 mit ihrer ersten Webstory „My Boyfriend Came Back From The War“ schlagartig berühmt wurde, und das vom fernen Russland aus und mit gerade einmal 25 Jahren. Schon damals zählte die Russin, die an der Lomonosov Universität in Moskau Journalismus studiert hatte, zu den bekanntesten Filmkritikerinnen ihres Landes, nebenbei war sie seit 1995 Direktorin des Underground- Filmfestivals „Cine Fantom“. Weil sie den Internetauftritt für den Filmclub selbst gestalten wollte, experimentierte sie damals ein wenig mit der Programmsprache HTML – und schuf dabei eine Internetstory, die weltweit Kultstatus erreicht hat und immer noch zu den meistkopierten Netzkunst- Projekten zählt. Revolutionär war dabei vor allem die von ihr entwickelte Erzähltechnik, bei der sich die Seiten als eine Art Netzfilm per Mausklick in immer neue Bausteine aus Bildern und Dialogfragmenten zerlegen und dabei die Illusion vermitteln, der interaktive Betrachter könne selber bestimmen, wohin die Reise geht.

Für Olia Lialina ging die Reise im wirklichen Leben über Helsinki und Trondheim nach Deutschland. Zunächst als Gastdozentin an die Akademie der Bildenden Künste nach München, dann in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart, wo sie 1999 von der Merz Akademie als Professorin für den neuen Schwerpunkt Interaktive Medien im Studiengang Kommunikationsdesign eingestellt wurde. Deutschlands jüngste Professorin ist sie zu dieser Zeit und eine Art Popstar im Internet, für den sich auch die traditionellen Medien interessieren. Der Spiegel zum Beispiel, die Süddeutsche Zeitung und auch die Stuttgarter Medien, die im Herbst 1999 allesamt von einer Russin berichteten, deren sechsjährige Tochter nicht in Deutschland einreisen darf. Die Stuttgarter Ausländerbehörde hatte etwas dagegen, weil die damals 28-Jährige sich zu dieser Zeit von ihrem Mann, einem russischen Filmemacher, scheiden ließ und das Sorgerecht ungeklärt schien. Eine schwere Zeit fernab der Heimat, in der ihr nicht zuletzt ihre Popularität zu Hilfe kam. Die enorme öffentliche Beachtung des Schicksals der „hübschen Professorin aus Moskau“ half, das Verfahren zu beschleunigen und die junge Mutter konnte ihre Tochter Sofia schließlich doch in die Arme schließen. Heute ist Lialina 40 und Stuttgart für sie längst zu einer Heimat geworden, falls es dergleichen für Netz-Künstlerinnen, die eigentlich virtuell ständig für Ausstellungen, Vorträge und Vorlesungen unterwegs sind, überhaupt gibt. Sie lebt im Stuttgarter Osten, ist verheiratet, mit einem ihrer ehemaligen Studenten, mit dem sie auch einen Sohn hat. Innerhalb des siebensemestrigen Bachelor-Studiengangs Gestaltung, Kunst und Medien doziert die Professorin momentan vor allem im Schwerpunktbereich Interface Design, also der Gestaltung von Benutzerschnittstellen zwischen Mensch und Maschine, einer vergleichsweise jungen Disziplin. Dabei bringt sie ihren Studenten an der 1918 gegründeten Bildungseinrichtung nicht nur bei, wie innovatives Design entwickelt wird. Jeweils in einem Semester unternimmt die Russin, die ihre Vorlesungen an der in Stuttgart ansässigen Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien stets auf englisch hält, zudem auch eine Reise in die Geschichte des Webs, lässt sie ihre Studenten mit der Vergangenheit experimentieren und Retro-Webseiten bauen. Ihr Credo lautet: „Wer etwas für die Zukunft entwickeln will, muss wissen, woher etwas kommt und wie es begonnen hat.“

Sie selbst hat seit ihrem preisgekrönten Erstlingswerk etliche weitere viel beachtete „Sendungen mit der Maus“ folgen lassen. Eine virtuelle Adaption des Romans „Der große Gatsby“ von Francis Scott Fitzgerald gehört dazu, das Stück „Anna Karenina goes to Paradise“, das bei ihr zur Zeitreise einer Romanfigur ins moderne Netzzeitalter gerät, die skurrilen Episoden von „Zombie and Mummy“ oder das Projekt „Online Newspaper“ von 2004, bei dem die net.art-Künstlerin Zeitungen wie die FAZ, die New York Post oder das Wallstreet Journal mit animierten Grafiken dekorierte, die sie in den endlosen Weiten des Internets gefunden hatte.

Die Netzkultur werde nur zu einem ganz kleinen Teil von technischen Innovationen geprägt, sagt die Expertin. Es sei nicht ausschlaggebend, wer den Mikroprozessor, die Maus oder das World Wide Web erfunden hat. Entscheidend ist aus ihrer Sicht, „wer diese Ideen wie benutzt“. Alleine durch die Nutzer gewinne die Computertechnologie an kultureller Bedeutung. Vieles, was in den frühen Tagen von normalen Usern geschaffen wurde, gilt heute weithin als Kitsch und kultureller Verfall. Olia Lialina kommt zu einem anderen Urteil. „Die Hingabe eines einzigen Amateurs kann mehr wert sein, als die Arbeit eines Dutzends hochbezahlter Spezialisten“, sagt sie.

Wer so viel weiß, greift schon mal ganz real zur Feder. Vor zwei Jahren hat Olia Lialina das Buch „Digital Folklore“ geschrieben, das zum Standardwerk der Szene geworden ist. Das scheinbare Wirrwarr aus glitzernden Sternenhimmeln, Fotos von süßen Kätzchen, Kochrezepten und Links zu anderen tollen Seiten, geschaffen von Nutzern für Nutzer, sei die „wichtigste, schönste und am meisten missverstandene Sprache der Neuen Medien“, sagt die Hochschulprofessorin, die nicht müde wird, diese Botschaft von der fast versunkenen Welt, die es vor dem endgültigen Untergang zu retten gilt, überall zu verbreiten. In den Weiten des Internets ist sie dabei vielfach auch unter ihrem User-Namen Oljalia bekannt – was auf russisch so viel heißt wie „Oh, là, là“.